{"id":6707,"date":"2022-03-04T00:00:39","date_gmt":"2022-03-03T23:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/gerd-kommer.de\/?p=6707"},"modified":"2026-05-27T13:40:42","modified_gmt":"2026-05-27T11:40:42","slug":"russland-ukraine-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/russland-ukraine-krieg\/","title":{"rendered":"Was bedeutet der Russland-Ukraine-Krieg f\u00fcr mein Depot?"},"content":{"rendered":"
Von Alexander Weis<\/a> und Gerd Kommer<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n Am 24. Februar 2022 begann die gewaltt\u00e4tige Phase der Russland-Ukraine-Krise mit dem brutalen russischen Angriff auf sein friedliches Nachbarland. In Anbetracht dieser schweren politischen Krise fragen sich Privatanleger, welche Bedeutung dieses Ereignis f\u00fcr ihr Depot hat.<\/p>\n Eine Vorabbemerkung: Im folgenden Text geht es nicht um die f\u00fcr die ukrainische Bev\u00f6lkerung tragischen Ereignisse, die in diesem Moment die Medien dominieren, sondern ausschlie\u00dflich um die Frage, welche Auswirkungen der Russland-Ukraine-Krieg aus jetziger Sicht auf die F\u00fchrung eines passiven Privatanlegerdepots aus Indexfonds und ETFs hat.<\/p>\n Wir schicken ferner voraus, dass diese \u00dcberlegungen nur f\u00fcr ein Depot gelten, das auf der Grundlage unseres Weltportfolio-Konzeptes angelegt wurde. Dieses Konzept wird in den B\u00fcchern von Gerd Kommer beschrieben. Die f\u00fcnf wichtigsten, aus der Wissenschaft abgeleiteten Grundelemente des Weltportfolio-Konzepts sind:<\/p>\n Zun\u00e4chst einmal einige Renditezahlen zur aktuellen Ist-Situation an den Finanzm\u00e4rkten.<\/p>\n Tabelle: Renditen ausgew\u00e4hlter Asset-Klassen im Kontext des Russland-Ukraine-Kriegs<\/strong><\/span><\/p>\n \u25ba [A] iShares J.P. Morgan USD EM Bond UCITS ETF (WKN A2DN9U). \u25ba [B] Lyxor EuroMTS Highest Rated Macro-Weighted Govt Bond 1-3Y UCITS ETF (WKN LYX0Z6). \u25ba [C] Am 21.02.2022 k\u00fcndigte die russische Regierung die Entsendung von Truppen in die neuen „Volksrepubliken“ in der Ukraine an. Am 24.02. begann die „milit\u00e4rische Sonderoperation“.<\/span><\/p>\n Von einem globalen Aktienmarkt-Crash kann man also in diesem Moment nicht sprechen. Wie sich der Krieg und die vielf\u00e4ltigen, von den westlichen L\u00e4ndern beschlossenen, aber soeben erste angelaufenen Sanktionen gegen Russland, russische Banken und Oligarchen weiter auf die globalen Aktienm\u00e4rkte auswirken werden, kann unm\u00f6glich verl\u00e4sslich prognostiziert werden.<\/p>\n Nun zur entscheidenden Frage: „Was tun?“<\/p>\n Unsere Antwort darauf wird die regelm\u00e4\u00dfigen Leser dieses Blogs nicht \u00fcberraschen. Sie lautet: Nichts. Pr\u00e4ziser formuliert: Festhalten an unserem zentralen Investment-Grundprinzip Buy-and-Hold<\/em>.<\/p>\n Diese Empfehlung st\u00fctzen wir auf die folgenden neun Argumente:<\/p>\n (1) Die „Informationseffizienz“ der M\u00e4rkte f\u00fcr Aktien und Anleihen. Zu jedem gegebenen Zeitpunkt sind alle \u00f6ffentlichen Informationen (dazu geh\u00f6ren auch Erwartungen \u00fcber zuk\u00fcnftige Ereignisse) schon in den Kursen von Wertpapieren eingepreist. In Bezug auf ihren hohen Grad an Informationseffizienz sind B\u00f6rsen einzigartig und unterscheiden sich fundamental von den M\u00e4rkten f\u00fcr normale G\u00fcter und Dienstleistungen. Aufgrund dieser Informationseffizienz betr\u00e4gt an einem gegebenen Zeitpunkt die Wahrscheinlichkeit 50\/50, dass die weitere Entwicklung in der kurzfristigen Zukunft besser oder schlechter wird. Diese enorm praxisrelevante Erkenntnis basiert auf \u00fcber 60 Jahren wissenschaftlicher Finanzmarktforschung.<\/p>\n (2) Der Aktienteil in einem passiven Weltportfolio wie oben beschrieben ist maximal \u00fcber L\u00e4nder, Branchen und W\u00e4hrungen hinweg diversifiziert. Mehr Diversifikation innerhalb des Aktienspektrums ist schlechterdings unm\u00f6glich. (Das Gewicht Russlands innerhalb des Weltaktienmarktes vor Beginn des russischen Aktien-Crashes lag unter 0,5%, die Ukraine war nicht einmal Mitglied des MSCI EM Index.) Hinzu kommt bei den meisten passiven Anlegern eine risikoarme Anleihenkomponente zur Abfederung des Portfolios in negativen Marktphasen. Au\u00dferdem existieren bei den meisten Haushalten noch andere nicht b\u00f6rsennotierte Verm\u00f6genswerte in wesentlicher Gr\u00f6\u00dfenordnung, einschlie\u00dflich beispielsweise Anspr\u00fcche an die gesetzliche Rentenversicherung und\/oder Humankapital.<\/p>\n (3) Dass Kriege, auch gro\u00dfe Kriege, typischerweise zu einem dauerhaften oder auch nur vorr\u00fcbergehenden schweren Aktiencrash f\u00fchren, ist eine These, die sich mit Daten aus den letzten 120 Jahren nicht belegen l\u00e4sst. In der gr\u00f6\u00dften Kriegskatastrophe der Moderne, im Zweiten Weltkrieg, stiegen US-Aktien von September 1939 bis Mai 1945 real um kumulativ \u00fcber 50%. Der globale Aktienmarkt (f\u00fcr den granulare Daten auf Monatsbasis vor 1970 nicht vorliegen) verzeichnete ebenfalls ein Plus. Auch bezogen auf sp\u00e4tere regionale Kriege wie beispielsweise den Koreakrieg (1950-1953), den Vietnamkrieg (1955-1975), die Afghanistankriege (seit 1978), den Irakkrieg 1990\/91 und den Irakkrieg 2003 kann man nicht von schweren, dauerhaften Aktienmarktverlusten sprechen. Gem\u00e4\u00df einer Auflistung auf Wikipedia<\/a> finden derzeit global zahlreiche Kriege und bewaffnete Konflikte statt. Die Zahl der durch Kriege und B\u00fcrgerkriege verursachten Todesopfer seit dem Zweiten Weltkrieg nimmt jedoch trendm\u00e4\u00dfig ab. Auch wenn es nicht mit unserer subjektiven Wahrnehmung \u00fcbereinstimmt: Die Welt ist insgesamt in den letzten 70 Jahren vermutlich „friedlicher“ geworden. [2]<\/strong><\/p>\n (4) Wir haben es zwar nicht nachgerechnet, aber wir vermuten, dass eine „antizyklische Politkrisen-Investmentstrategie“ („APK-Strategie“) nur mit gro\u00dfem Gl\u00fcck zu einer attraktiven Rendite f\u00fchren w\u00fcrde. Mit APK meinen wir in den Aktienmarkt investieren, nachdem<\/em> (a) ein Krieg begonnen hat, in dem eine oder mehrere der f\u00fcnf gr\u00f6\u00dften Streitkr\u00e4fte weltweit involviert sind und<\/em> (b) der globale Aktienmarkt mindestens \u2013 sagen wir \u2013 20% eingebrochen ist. Wir raten von dieser Strategie ausdr\u00fccklich ab, weil sie notwendig impliziert, dass man liquide Mittel vorher f\u00fcr lange Zeit liquide au\u00dferhalb des Aktienmarktes vorh\u00e4lt, um sie erst ab Erf\u00fcllung der beiden Kriterien in Aktien anzulegen. Die Opportunit\u00e4tskosten (entgangenen Gewinne) der APK-Strategie gegen\u00fcber einer Buy-and-Hold-Strategie w\u00fcrden APK statistisch mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit unattraktiv machen (wir publizierten zu einer im weitesten Sinne vergleichbaren Anlagephilosophie im M\u00e4rz 2019 einen Blog-Beitrag mit dem Titel „Timing des Markteinstiegs \u2013 funktioniert es?<\/a>„). Insbesondere ist fraglich, ob es \u00fcberhaupt zu einem 20%-Einbruch kommt. Neben der Frage „wann aussteigen“ w\u00fcrde sich die nicht minder schwierige Frage stellen, wann danach wieder „einsteigen“. Zu versuchen, eine schwere politische Krise am Aktienmarkt durch „Rein-Raus“ zu timen, w\u00fcrde nur dann Sinn machen, wenn es zuverl\u00e4ssig m\u00f6glich w\u00e4re, diese politischen Krisen so verl\u00e4sslich zu umschiffen, dass nach Kosten und Steuern eine h\u00f6here Rendite resultiert als bei Buy-and-Hold. Diesen Beweis hat aus Sicht der Wissenschaft noch niemand erbracht, w\u00e4hrend Evidenz f\u00fcr die Sch\u00e4dlichkeit einer solchen Umschiffungsstrategie reichlich vorliegt.<\/p>\n (5) Dass und wie sich die Asset-Klasse Aktien-Global<\/em> (im Unterschied zu Einzelwerten) auch nach sehr schweren Einbr\u00fcchen in der Vergangenheit immer<\/em> erholt hat, haben wir in unserem Blog-Beitrag<\/a> zum Corona-Crash ab Februar 2020 mit Zahlen f\u00fcr die letzten 120 Jahre gezeigt. Wer so systematisch und weltweit gestreut auf Buy-and-Hold-Basis in Aktien investiert, wird niemals<\/em> einen endg\u00fcltigen Verlust erleiden, sofern er (a) die Zeit und die liquiden Mittel hat, einen wie auch immer tiefen Drawdown im Aktienportfolio auszusitzen und (b) die mentale St\u00e4rke dazu besitzt.<\/p>\n (6) Aktien sind die Asset-Klasse mit den langfristig h\u00f6chsten Renditen \u2013 h\u00f6heren Renditen als Immobilien und h\u00f6heren Renditen als Gold. Aktien sind die ertragreichste aller Asset-Klassen nicht trotz<\/em> der hohen Volatilit\u00e4tsrisiken am Aktienmarkt, sondern wegen<\/em> dieser Risiken. Renditen sind in allererste Linie Risikopr\u00e4mien. Wer diese Risikopr\u00e4mien vereinnahmen will, muss auch das dazugeh\u00f6rige Risiko tragen. Risiko tragen hei\u00dft, dass sich dieses Risiko beim Risikotr\u00e4ger von Zeit zu Zeit materialisieren muss \u2013 <\/em>mindestens in Gestalt von Volatilit\u00e4t nach unten. Wer es nicht tr\u00e4gt, f\u00fcr den wird es sich nat\u00fcrlich nicht materialisieren, aber dann gibt es auch keine Risikopr\u00e4mie in Form einer entsprechend attraktiven Langfristrendite.<\/p>\n (7) Zu glauben, Crash-Risiko g\u00e4be es nur bei Aktien, ist zwar ein verbreiteter, aber auch ein falscher Glaube. Crash-Risiko existiert in jeder<\/em> Asset-Klasse, jedenfalls wenn man sich Daten der letzten 100 Jahren ansieht: Bei Aktien, bei Immobilien, bei Edelmetallen, bei Unternehmensanleihen, bei Rohstoffen, bei Sammlerobjekten und nat\u00fcrlich auch bei Bankeinlagen, wo die individuelle Bankpleite dem Crash in der Aktienklasse entspricht. Historische Beispiele f\u00fcr Crashes bei Immobilien werden hier<\/a> genannt. (Bei Einzelobjekten ist das Risiko hohe Verluste zu erleiden noch gr\u00f6\u00dfer als bei den Asset-Klassen-Daten in diesem Artikel.) Im Gegensatz zu Immobilien und anderen Asset-Klassen k\u00f6nnen Crashes am Aktienmarkt jedoch in Echtzeit beobachtet werden, da Wertpapierkurse im Unterschied zu den Preisen nicht b\u00f6rsennotierter Verm\u00f6gensanlagen min\u00fctlich im Internet beobachtet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n (8) Dass in einer schweren Krise „alle verkaufen“, stimmt ohnehin nicht. Auch in der schwersten Krise wird genauso viel gekauft wie verkauft. Wem das unplausibel erscheint, der sei auf diesen Blog-Beitrag<\/a> verwiesen.<\/p>\n (9) F\u00fcr wen die Schwankungen seines Wertpapierportfolios psychisch zu schmerzvoll sind (was ja keine Schande ist), der sollte Abhilfe nicht in „Rein-Raus“ suchen (das f\u00fchrt statistisch zu einer Unterrendite gegen\u00fcber Buy-and-Hold), sondern in einer entsprechend konservativeren Anpassung seiner „Level-1-Asset-Allokation“. Die Level-1-Asset-Allokation ist die Aufteilung des Portfolios in einen risikobehafteten und einen risikoarmen Teil. Letzterer besteht aus kurzlaufenden High-Quality-Anleihen. Diese sind genauso sicher wie ein Bankguthaben innerhalb der staatlichen Einlagensicherung von 100.000 Euro pro Bank-Kunde-Kombination und deutlich sicherer als Bankguthaben au\u00dferhalb der staatlichen Einlagensicherung.<\/p>\n Wie ist die Frage des Rebalancings im Crash zu beurteilen? (Rebalancing ist die periodische Zur\u00fcckf\u00fchrung eines Depots in seine urspr\u00fcnglich aus guten Gr\u00fcnden gew\u00e4hlte prozentuale Struktur, die den Rendite-Risiko-Charakter des Portfolios bestimmt.)<\/p>\n\n
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