{"id":4407,"date":"2020-07-03T00:00:48","date_gmt":"2020-07-02T22:00:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerd-kommer-invest.de\/?p=4407"},"modified":"2026-05-27T14:38:53","modified_gmt":"2026-05-27T12:38:53","slug":"einmalanlage-vs-phaseninvestment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/einmalanlage-vs-phaseninvestment\/","title":{"rendered":"Einstieg in den Aktienmarkt: Einmalanlage oder Phaseninvestment?"},"content":{"rendered":"
<<< Dieser Blog-Beitrag ist auch als YouTube-Video verf\u00fcgbar. >>><\/a><\/strong><\/span><\/p>\n Von\u00a0Gerd Kommer<\/a> und Alexander Weis<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n Wenn Privatanleger ein Aktieninvestment t\u00e4tigen wollen, stellen sie sich oft Timing-Fragen wie die folgenden:<\/p>\n Im vorliegenden Blog-Beitrag behandeln wir prim\u00e4r die ersten beiden Fragen, gehen aber auch auf die letzte ein.<\/p>\n Unsere Fragestellung lautet also: (a) Soforteinstieg per Einmalanlage (nachfolgend abgek\u00fcrzt “SPE<\/strong>“), (b) Gestreckter Einstieg als “Phaseninvestment“ \u00fcber 12, 24 oder 36 Monate (nachfolgend “GEP<\/strong>“) oder (c) erst einmal keinen bestimmten Einstiegsmodus festlegen und bis auf weiteres warten (“BAW<\/strong>“). Wir analysieren alle drei Alternativen aus elf verschiedenen Blickwinkeln.<\/p>\n <\/p>\n Aus der Sicht der Wissenschaft besteht kein Zweifel, dass der SPE-Ansatz in die Zukunft gerichtet eine h\u00f6here erwartete Rendite hat als der GEP-Ansatz. Diese Feststellung ist statistisch eindeutig; man k\u00f6nnte auch sagen schwarz-wei\u00df. Was steckt hinter dieser Feststellung? Aktien besitzen bei normalen Bewertungsverh\u00e4ltnissen eine etwa siebenmal so hohe Renditeerwartung wie das „Sparbuch“, sprich die „risikofreie“ Anlage (sehr kurzfristige Staatsanleihen hoher Bonit\u00e4t). Zweitens haben Aktien immer eine Renditeerwartung > 0, unabh\u00e4ngig davon, auf welchem Bewertungsniveau sie stehen. Somit verpasst man „jeden Tag“, an dem man nicht investiert ist, Rendite bzw. Ertrag im Sinne des Erwartungswertes. Drittens sind Aktienkurse kurz- und mittelfristig (\u00fcber einen Zeitraum von einem Tag bis rund f\u00fcnf Jahren) nicht verl\u00e4sslich genug prognostizierbar, als dass man mit Kursprognosen nach Kosten und Risiko eine zuverl\u00e4ssige Mehrrendite gegen\u00fcber dem Marktdurchschnitt erzielen k\u00f6nnte. Das gilt zu jedem<\/em> Zeitpunkt; egal, ob die Kurse in den letzten sechs Monaten um 40% gefallen oder in den vergangenen f\u00fcnf Jahren um 200% gestiegen sind. Die kurz- und mittelfristige Nichtprognostizierbarkeit von Aktienkursen (Jacobs\/Weber 2016) ist f\u00fcr viele Anleger mental schwer akzeptierbar, das \u00e4ndert aber nichts an den Fakten. Wenn man die jederzeit positive Renditeerwartung und die Nichtprognostizierbarkeit kombiniert, ist die logische Folgerung: SPE muss im statistischen Mittel rentabler sein als GEP. Historisch-empirischen Daten best\u00e4tigen diese Feststellung \u2013 Zahlen dazu weiter unten.<\/p>\n <\/p>\n Die oben erw\u00e4hnte erwartete Rendite ist ein statistisches Konzept und genau da beginnt das Problem f\u00fcr die menschliche Psyche. Wir wollen das anhand einiger Zahlen erl\u00e4utern und betrachten den globalen Aktienmarkt in den letzten 94,4 Jahren \u2013 soweit reichen, die f\u00fcr uns verf\u00fcgbaren Daten zur\u00fcck (Januar 1926 bis Ende Mai 2020). [1]<\/span><\/strong> Diese 94,4 Jahre entsprechen 1.133 Monaten. Wir stellen uns zwei Privatanleger vor: Anna und Robert. An jedem dieser 1.133 Monate investiert Anna 100.000 Euro (oder Geldeinheiten allgemein) am letzten Werktag des Monats kurz vor B\u00f6rsenschluss nach dem SPE-Ansatz, w\u00e4hrend Robert aus Vorsichtsgr\u00fcnden seine 100.000 Euro \u00fcber 36\u00a0Monate gestreckt in den Markt gibt (GEP-Ansatz). Er investiert also ein Sechsunddrei\u00dfigstel (rund 2.780\u00a0Euro) am „Starttag“, an dem Anna 100.000\u00a0Euro anlegt. Genau einen Monat sp\u00e4ter legt Robert die n\u00e4chsten 2.780\u00a0Euro an und so weiter, bis er 35 Monate nach dem Starttag die letzte Rate investiert hat. Wir wiederholen dieses Versuchs-Set-Up an jedem der 1.133 Monate und haben damit im Prinzip 1.133 Vergleichsf\u00e4lle, f\u00fcr die wir Annas und Roberts Renditen \u00fcber ein Zeitfenster von jeweils 36 Monate berechnen k\u00f6nnen. Am Ende der 36 Monate sind definitionsgem\u00e4\u00df beide voll investiert und haben daher f\u00fcr die Folgezeit die gleichen Renditen, die uns deswegen nicht mehr interessieren. Da in den letzten 35 Monaten bis Mai 2020 keine ganzen Dreijahreszeitr\u00e4ume mehr vorliegen (und GEP damit nicht mehr vollst\u00e4ndig umsetzbar ist), ignorieren wir diese Schlusszeitr\u00e4ume in unserer Auswertung. Damit bleiben 1.098 Vergleichsf\u00e4lle (1.133 minus 35). Nun werten wir aus, wer von den Anna und Robert in den 1.098 vollst\u00e4ndigen Dreijahreszeitr\u00e4umen h\u00e4ufiger vorne liegt. Ergebnis: Anna gewinnt das Rennen in 73% der F\u00e4lle. Sie liegt h\u00e4ufiger vorne und der durchschnittliche reale Verm\u00f6gensendwert nach 36\u00a0Monaten betr\u00e4gt bei ihr rund 126.000 Euro gegen\u00fcber nur ca. 113.000 Euro bei Robert. Das ist im Mittel eine kumulative Mehrrendite von 11,5%.\u00a0[2]<\/span><\/strong> Nat\u00fcrlich befinden sich in den 27% aller F\u00e4lle, die zu Gunsten von Robert verlaufen, auch einige wenige, bei denen Roberts Renditevorteil (genauer gesagt sein relativer Verlustvorteil) hoch ist, aber alles in allem, bleibt die Gesamtschlussfolgerung eindeutig: Der SPE-Ansatz schl\u00e4gt den GEP-Ansatz deutlich.<\/p>\n <\/p>\n Nun ist es jedoch so, dass eine real existierende Privatanlegerin, nennen wir sie Juliane, keine 1.098 Versuche hat, sondern nur einen. Das Gesetz der gro\u00dfen Zahlen wird ihr, anders als Anna, nur begrenzt helfen. Statistisch und rational gesehen m\u00fcsste Juliane zwar auch den SPE-Ansatz verfolgen. Sollte aber ihr einziger Versuch in den 27%-Topf fallen, wird sie das \u2013 wenn sie eine normale Privatanlegerin ist \u2013 vermutlich f\u00fcr einige Zeit gr\u00e4men und reuen. Je nach pers\u00f6nlichem Naturell und konkretem Renditeergebnis wird sie es vielleicht sogar stark schmerzen, denn bekanntlich tun Verluste mehr weh als Gewinne guttun. Etwas abgeschw\u00e4cht gilt das auch f\u00fcr relative<\/i> Verluste, sprich geringere positive Renditen als eine subjektiv gew\u00e4hlte Vergleichsmarke. Weil das so ist, d\u00fcrften die meisten Privatanleger, die kein stark vernunft- und datengesteuerter Homo\u00a0Oeconomicus<\/i> sind, im Sinne ihrer „psychologischen Rationalit\u00e4t“ besser mit der GEP-Methode fahren, also damit, ihren Aktienmarkteinstieg mechanisch \u00fcber 12\u00a0bis 36\u00a0Monate zu strecken.<\/span><\/p>\n <\/p>\n Die in der Finanzbranche und den Finanzmedien oft geh\u00f6rte Aussage, dass sich Renditeunterschiede f\u00fcr bestimmte Betrachtungsperioden umso mehr ann\u00e4hern, je l\u00e4nger die Zeitfenster sind, stimmt so nicht. Anders ausgedr\u00fcckt: Auch bei sehr langen Betrachtungszeitr\u00e4umen von z.\u00a0B. 20 oder 30\u00a0Jahren spielt der konkrete Einstiegszeitpunkt (und Ausstiegszeitpunkt) f\u00fcr den Endverm\u00f6genswert eine nennenswerte Rolle. Die Renditeangleichung im Sinne des Endverm\u00f6genswertes (kumulative Rendite) findet nicht statt. So gesehen existiert keine „Zeitdiversifikation“ und auch kein „die Zeit heilt alle Wunden“. Aktienrisiko nimmt in dieser Betrachtung nicht mit der L\u00e4nge des Anlagehorizontes ab und das Timing des Einstieges ist renditem\u00e4\u00dfig auch bei langen Betrachtungshorizonten bedeutsam. <\/span>Das \u00e4ndert jedoch rein gar nichts an der vorhin getroffenen glasklaren Feststellung, dass die SPE-Methode der GEP-Methode statistisch-empirisch \u00fcberlegen ist und ein ausschlie\u00dflich rational agierender Anleger sie in allen<\/em> Marktsituationen \u00fcber GEP pr\u00e4ferieren w\u00fcrde. (Zeitdiversifikation existiert allerdings in dem Sinne, dass das „Shortfall Risk“ mit der L\u00e4nge des Investmentzeitraums bei Aktien abnimmt. Shortfall Risk ist das Risiko, eine gegebene Mindestrendite nicht zu erreichen.) Au\u00dferdem m\u00fcsste man hier eigentlich erg\u00e4nzen, dass in der real existierenden Welt die allermeisten Privatanleger \u00fcber Zeitr\u00e4ume von 5+ Jahren immer wieder Cash in das Portfolio hineingeben oder aus ihm entnehmen. Wo das der Fall ist, nimmt der Renditeeinfluss des erstmaligen Einstiegszeitpunktes, um den in diesem Text prim\u00e4r geht, in der Tat ab.<\/p>\n <\/p>\n Viele Privatanleger hadern mit dem genauen Timing ihres Markteinstiegszeitpunkts bei Aktien, weil sie Angst haben, in den n\u00e4chsten\u00a012 bis 60\u00a0Monaten eine im Vergleich schlechte Rendite oder sogar einen Verlust einzufahren. F\u00fcr die in ihrem Sorgenfokus stehende Gesamtrendite in einem bestimmten Zeitraum \u2013 seien es nun sechs Monate oder 30\u00a0Jahre \u2013 ist jedoch das Timing des Ausstiegs<\/em>zeitpunktes (oder, allgemeiner, des Berechnungsendpunktes) nicht einen Deut weniger wichtig. Trotzdem hat die Mehrheit der Privatanleger gar kein oder fast kein Problem damit, wann genau sie ihre Aktienanlagen ver\u00e4u\u00dfern, also mit dem Timing ihres Ausstiegs. Diese mentale Asymmetrie ist eines der unendlich vielen Beispiele daf\u00fcr, wie irrational wir in wirtschaftlichen Dingen sein k\u00f6nnen. Im folgenden Gesichtspunkt\u00a06 schildern wir ein weiteres solches Beispiel.<\/p>\n <\/p>\n Privatanleger Oliver t\u00e4tigte vor gut sechs Jahren im April 2014 ein Investment in einen MSCI-World-ETF. Die Anlage ist jetzt 100.000 Euro wert ist. In diesen gut sechs Jahren erzielte Oliver ungef\u00e4hr die historisch langfristige Weltaktienmarktrendite (inflationsbereinigt rund 5,5%\u00a0p. a. vor Steuern und Kosten), mit der er zufrieden ist. Vor wenigen Monaten erbte Oliver von seinem Gro\u00dfonkel weitere 200.000\u00a0Euro. Das Geld ist soeben auf seinem Konto eingegangen und die Erbschaftsteuer bereits gezahlt. Oliver m\u00f6chte an sich sein MSCI-World-Investment um den vollen 200.000\u00a0Euro-Betrag aufstocken, hat aber Angst, in diesem Moment einen ung\u00fcnstigen Zeitpunkt zu erwischen. Die weiteren Auswirkungen der aktuellen Corona-Krise auf den Aktienmarkt erscheinen ihm derzeit (Juni 2020) unklar und bedrohlich. Deswegen will er erst einmal abwarten \u2013 wie lange abwarten und bis zu welchem Ereignis, darauf will er sich nicht festlegen. Damit wird Oliver zu einem exzellenten Beispiel f\u00fcr eine verbreitete Form von Anlegerirrationalit\u00e4t, die an eine moderate Form von Schizophrenie erinnert. W\u00fcrde Oliver logisch und konsistent handeln, m\u00fcsste er entweder die ersten 100.000\u00a0Euro sofort aus dem Markt herausnehmen (seine ETF-Anteile verkaufen) oder aber die neuen 200.000\u00a0Euro sofort im Ganzen investieren. Oliver tut weder das eine, noch das andere. Stattdessen misst er das aus seiner Sicht bestehende Aktienrisiko f\u00fcr die investierten 100.000\u00a0Euro anders als f\u00fcr die noch nicht investierten 200.000\u00a0Euro. Irrational, inkonsistent und zugleich v\u00f6llig normal, weil die Mehrheit aller Privatanleger wohl so vorgeht.<\/p>\n <\/p>\n Wenn die M\u00e4rkte \u00fcber mehrere Jahre merklich nach oben tendiert haben, dann poppt mit der Verl\u00e4sslichkeit der Turmuhr der St.-Peter-Kirche in Z\u00fcrich in der Privatanleger-Community das Thema Crash Timing<\/em> auf. Das ist die Vorstellung, man k\u00f6nne \u00fcberdurchschnittliche Renditen erzielen, indem man mit einem bestimmten Geldbetrag auf einen starken Kurseinbruch wartet und erst dann in den Markt einsteigt. Mit dieser Vorstellung haben sich in den letzten Jahrzehnten viele Wissenschaftler auseinandergesetzt und fast alle kamen zum selben negativen Ergebnis: Crash Timing ist \u00f6konomisch unattraktiv. Wir selbst haben in unserem Blog-Beitrag „Timing des Markteinstiegs \u2013 funktioniert es?“<\/a> vom M\u00e4rz\u00a02019 eine popul\u00e4re Crash-Timing-Strategie f\u00fcr den Zeitraum 1970 bis 2018 simuliert. Unser Ergebnis stimmt mit dem Konsens in der Literatur \u00fcberein. Einer der wichtigsten Denkfehler, den Crash-Timer begehen, ist das \u00dcbersehen der statistisch hohen Opportunit\u00e4tskosten des Nicht-investiert-Seins vor dem Crash.<\/p>\n <\/p>\n Ein mit der Fragestellung SPE versus GEP inhaltlich verwandtes und in gewisser Weise sogar identisches Thema ist der bekannte Cost-Average Effect (CAE)<\/em>, zu deutsch „Durchschnittskosteneffekt“. Er wird oft im Zusammenhang mit Fondssparpl\u00e4nen erw\u00e4hnt. Diesem Effekt zufolge soll das mechanische, regelm\u00e4\u00dfige Investieren eines fixen Geldbetrages, z.\u00a0B.\u00a0200\u00a0Euro pro Monat in Aktien gegen\u00fcber seiner prinzipiellen Alternative „alles sofort anlegen“ einen vorteilhaften Renditeeffekt aufweisen. Sch\u00f6n w\u00e4r’s. Der CAE wurde schon vor \u00fcber 40 Jahren und seitdem in wohl \u00fcber hundert wissenschaftlichen Studien als Fata Morgana, Denk- oder Methodenfehler identifiziert (erstmalig Constantinides\u00a01979). Wir haben vor einiger Zeit Gr\u00fcnde und Auspr\u00e4gung des CAE-Irrtums in unserem Blog-Beitrag „Die Legende vom Cost Averaging Effect<\/a>“ zusammengefasst.<\/p>\n <\/p>\n Die SPE-versus-GEP-Thematik hat bei den meisten Privatanlegern nahezu nichts damit zu tun, wie gut oder schlecht der Aktienmarkt in den davor liegenden vier Wochen, sechs Monaten oder f\u00fcnf Jahren rentiert hat. Gef\u00fchlt ist immer<\/em> der falsche Zeitpunkt f\u00fcr einen Einstieg. Wenn der Aktienmarkt in der j\u00fcngeren Vergangenheit deutlich gestiegen ist, f\u00fcrchten wir uns vor einem \u00fcberbewerteten, absturzgef\u00e4hrdeten Markt. Ist der Markt in der j\u00fcngeren Vergangenheit heftig gefallen, haben wir Angst vor dem Risiko eines noch weiter einbrechenden Marktes. (Daher das abgedroschene B\u00f6rsen-Bonmot „greife nicht in ein fallendes Messer“, das der erfolgreiche Berliner Immobilieninvestor und Multimillion\u00e4r Rainer Zitelmann als den „d\u00fcmmsten aller B\u00f6rsenspr\u00fcche<\/a>“ bezeichnet.) Schwappte der Markt l\u00e4ngere Zeit ohne ganz klare Richtung stark hin und her \u2013 wie z. B. in den letzten f\u00fcnf Monaten \u2013 dann glauben viele, man m\u00fcsse erst warten, bis er sich wieder „beruhigt“ hat. H\u00f6rt man von einem Privatanleger also die Aussage „ich m\u00f6chte meinen Einstieg in den Aktienmarkt erst einmal aussetzen und noch warten \u2013 vor einem halben Jahr h\u00e4tte ich diese Bedenken nicht gehabt und w\u00e4re sofort reingegangen“, dann ist das typischerweise Selbstt\u00e4uschung. Tats\u00e4chlich hat oder h\u00e4tte unserer Zauderer das Einstiegsproblem immer. Egal, wie sich der Markt in der davor liegenden j\u00fcngeren Vergangenheit entwickelt. Seine wirkliche Einstiegsh\u00fcrde ist nicht die aktuelle Verfassung des Marktes, wie er sich vorgaukelt, sondern seine h\u00f6chsteigene Psychologie. Peter Lynch, einer der ganz, ganz wenigen Fondsmanager, die \u00fcber mehr als zehn Jahre eine korrekt gew\u00e4hlte Benchmark deutlich geschlagen haben, sagte in diesem Zusammenhang einmal:\u00a0„Anleger haben mit der Vorbereitung auf oder dem Antizipieren von Marktkorrekturen viel mehr Geld verloren als in den Marktkorrekturen selbst.“<\/span><\/p>\n <\/p>\n Ein Anleger, nennen wir ihn Harry, macht sich ebenfalls gro\u00dfe Sorgen, ob der jetzige Einstiegszeitpunkt nicht besonders risikoreich sei. Harry will jedoch weder die SPE-, noch die GEP-Methode, sondern entscheidet sich stattdessen f\u00fcr BAW (bis auf Weiteres warten ohne zeitliche Einstiegsverpflichtung). Harry empfindet selbst einen gestreckten Einstieg (GEP) \u00fcber zw\u00f6lf oder 36 Monate als noch zu gewagt. Vermutlich ist die BAW-Methode diejenige, die rund 95% aller Deutschen seit jeher praktizieren. Diese Methode hat typischerweise eines von zwei Ergebnissen: Entweder steigt Harry bis zu seinem Lebensende nie ein oder er steigt als „Performance Chaser“ (R\u00fcckspiegelinvestor) ein paar Jahre sp\u00e4ter in der N\u00e4he eines Aktienmarktgipfels ein. Von diesem an gerechnet sind die Renditen in den Jahren und Jahrzehnten danach dann wohl unterdurchschnittlich. Wer gar nie einsteigt, der wird die siebenmal so hohe Langfristrendite des Aktienmarktes gegen\u00fcber dem „Sparbuch“ f\u00fcr den Rest seines Lebens verpassen \u2013 wie die gro\u00dfe Mehrheit aller Haushalte in Deutschland. Wir halten die BAW-Methode \u2013 wenn man sie \u00fcberhaupt „Methode“ nennen will \u2013 f\u00fcr die schlechtest-m\u00f6gliche Wahl \u00fcberhaupt. Um ihre vermutlich armselige Durchschnittsrendite errechnen zu k\u00f6nnen, m\u00fcsste man diese Nicht-Methode erst einmal genauer definieren, was wir uns hier ersparen.<\/p>\n <\/p>\n Zum Schluss: Die Frage des Einstiegszeitpunkts stellt sich in vielen praxisrelevanten F\u00e4llen gar nicht. Die wichtigsten sind die folgenden Konstellationen: (a)\u00a0Das fragliche Geld ist schon in Aktien investiert und soll nun lediglich anders („neu“) investiert werden. Hier ist der Anleger ja in Wirklichkeit bereits im Markt; insofern gibt es gar keinen Einstieg, den man timen m\u00fcsste oder k\u00f6nnte. (b)\u00a0Das fragliche Geld (oder ein relevanter Teilbetrag) soll in Anleiheninvestments flie\u00dfen. Bei kurz- und mittelfristigen High-Quality-Anleihen existiert keine nennenswerte Volatilit\u00e4t, weswegen kurzfristiges Timing hier so oder so vergebene Liebesm\u00fch w\u00e4re (nota bene: das trifft nicht notwendigerweise auf spekulative Low-Quality-Anleihen oder allgemein langfristige Anleihen zu). (c)\u00a0Wer Cash-Liquidit\u00e4t auf einem Bankkonto liegen hat und dabei betragsm\u00e4\u00dfig die staatliche Einlagensicherung von 100.000\u00a0Euro pro Kunde-Bank-Kombination \u00fcberschreitet, sollte als informierter, rationaler Mensch eigentlich nicht nachdenken m\u00fcssen: Das Bankausfallsrisiko<\/u><\/a> f\u00fcr den Betrag oberhalb der 100.000\u00a0Euro ist so hoch, dass das reine Timing-Risiko f\u00fcr den Einstieg in ein global diversifiziertes Aktienportfolio im Vergleich dazu verblasst. (d)\u00a0Die fragliche Aktieninvestmentsumme ist relativ zum Gesamtverm\u00f6gen des Anlegers einschlie\u00dflich seines Humankapitals klein, z.\u00a0B. unter\u00a010%. Hier ist es wohl gleichg\u00fcltig, was der Renditeunterschied zwischen SPE und GEP am Ende ist. Er wird die Tachonadel beim Gesamt<\/em>verm\u00f6gen des Anlegers sowieso kaum bewegen.<\/p>\n <\/p>\n Wer sich in Sachen Finanzen f\u00fcr einen sehr rationalen Homo Oeconomicus h\u00e4lt, wird einen vorhandenen Cash-Betrag zu jedem beliebigen Zeitpunkt so bald und so schnell wie m\u00f6glich in einer Summe in den Aktienmarkt investieren, weil er damit die statistische Ertragserwartung maximiert.<\/p>\n Wer sich der gro\u00dfen Majorit\u00e4t real existierender Homo Sapiens zurechnet, die auch in Gelddingen Emotionen haben, wird in den meisten B\u00f6rsensituationen mental-emotional besser damit fahren, mit einem zu investierenden Cash-Betrag gestreckt und regelbasiert in den Markt einzusteigen, z. B. \u00fcber\u00a0zw\u00f6lf oder 24\u00a0Monate.<\/p>\n Gar nichts zu tun und bis zum „richtigen“ oder bis zu einem „besseren“ Einstiegszeitpunkt zu warten, d\u00fcrfte zu jedem gegebenen Zeitpunkt, die schlechteste und zugleich die am meisten verbreitete Strategie sein.<\/p>\n <\/p>\n [1]<\/strong> Wir haben bei dieser Kalkulation ein wenig gemogelt. \u00dcber diesen langen Zeitraum liegen Monatsrenditen f\u00fcr den globalen<\/em>\u00a0Aktienmarkt (also 20+ L\u00e4nder) nicht durchg\u00e4ngig f\u00fcr die ersten Jahrzehnte vor. Aus Datenverf\u00fcgbarkeitsgr\u00fcnden haben wir daher Monatsrenditen des US-Aktienmarktes f\u00fcr den Zeitraum 1926 bis 1969 verwendet (CRSP 1-10-Index) und f\u00fcr den Zeitraum von 1970 bis Ende Mai 2020 Monatsrenditen des Weltaktienmarkts (MSCI World Standard Index).<\/p>\n [2]<\/strong> Aus Vereinfachungsgr\u00fcnden haben wir bei GEP f\u00fcr den nicht investierten Portfolioteil eine reale Verzinsung von Null angenommen; also f\u00fcr den Teil, der erst im Laufe der 36 Monate nach und nach investiert wird und bis dahin beispielsweise als Sichteinlage auf einem Bankkonto bleibt. Tats\u00e4chlich betrug diese reale Verzinsung in den letzten rund 120 Jahren in den USA durchschnittlich 0,8% p.a., also geringf\u00fcgig \u00fcber Null. Unsere Vorgehensweise d\u00fcrfte jedoch das dargestellte Gesamtergebnis aus zwei Gr\u00fcnden nicht oder nur unwesentlich beeinflussen. Erstens haben wir im Gegenzug nirgendwo Transaktionskosten ber\u00fccksichtigt, die bei GEP mit 36 Einzelinvestments weit h\u00f6her ausfallen w\u00fcrden als bei SPE. Zweitens ist heute die reale Rendite f\u00fcr Sichteinlagen negativ (also noch schlechter als Null). Dieser Zustand k\u00f6nnte noch l\u00e4ngere Zeit anhalten.<\/p>\n <\/p>\n Constantinides, George (1979): „A Note on the Suboptimality of Dollar-Cost Averaging as an Investment Policy“; In: Journal of Financial and Quantitative Analysis; Vol. 14; June 1979; pp. 443\u201350.<\/p>\n Jacobs, Heiko; Weber, Martin (2016): „Random Walk Plus Drift – Was Aktienkurse wirklich sind“; Forschung f\u00fcr die Praxis, Band 28, 2016; Behavioral Finance Group, Universit\u00e4t Mannheim.<\/p>\n Kommer, Gerd (2017): „Die Legende vom Cost Averaging Effect“; Internet-Fundstelle: https:\/\/www.gerd-kommer-invest.de\/legende-vom-cost-averaging-effect\/<\/a><\/p>\n Kommer, Gerd; Schweizer, Jonas (2018): „Das untersch\u00e4tzte Risiko von Bankguthaben“; Internet-Fundstelle: https:\/\/www.gerd-kommer-invest.de\/risiko-von-bankguthaben\/<\/a><\/p>\n Kommer, Gerd; Weis, Alexander (2019): „Timing des Markteinstiegs \u2013 funktioniert es?“; Internet-Fundstelle: https:\/\/www.gerd-kommer-invest.de\/timing-des-markteinstiegs\/<\/a><\/p>\n Sollte man eine gr\u00f6\u00dfere Geldsumme komplett auf einmal in den Aktienmarkt investieren oder besser in mehreren Tranchen \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum verteilt einsteigen?<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4686,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[27,5],"class_list":["post-4407","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ratgeber","tag-market-timing","tag-video"],"yoast_head":"\n\n
Gesichtspunkt 1: Die Statistische Renditeerwartung<\/strong><\/span><\/h2>\n
Gesichtspunkt 2: Empirische Renditedaten<\/strong><\/span><\/h2>\n
Gesichtspunkt 3: Psychologische Faktoren<\/strong><\/span><\/h2>\n
Gesichtspunkt 4: Abwesenheit von „Time Diversification“<\/strong><\/span><\/h2>\n
Gesichtspunkt 5: Der Ausstiegszeitpunkt ist genauso wichtig wie der Einstiegszeitpunkt<\/strong><\/span><\/h2>\n
Gesichtspunkt 6: Konsistenz bei Investmententscheidungen<\/strong><\/span><\/h2>\n
Gesichtspunkt 7: Market-Crash Timing<\/strong><\/span><\/h2>\n
Gesichtspunkt 8: Cost-Averaging Effect<\/strong><\/span><\/h2>\n
Gesichtspunkt 9: Gef\u00fchlt ist nie der richtige Zeitpunkt<\/strong><\/span><\/h2>\n
Gesichtspunkt 10: Warten auf bessere Zeiten<\/strong><\/span><\/h2>\n
Gesichtspunkt 11: Irrelevanz der Frage in vielen praxisrelevanten Anlagesituationen<\/strong><\/span><\/h2>\n
Fazit<\/span><\/h2>\n
Endnoten<\/span><\/h2>\n
Literatur<\/span><\/h2>\n