{"id":20253,"date":"2025-12-16T11:54:47","date_gmt":"2025-12-16T10:54:47","guid":{"rendered":"https:\/\/gerd-kommer.de\/?p=20253"},"modified":"2025-12-17T15:04:36","modified_gmt":"2025-12-17T14:04:36","slug":"finanzprognosen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/finanzprognosen\/","title":{"rendered":"Finanzprognosen \u2013 warum sie Anlegern mehr schaden als nutzen"},"content":{"rendered":"

Von Gerd Kommer<\/a>\u00a0und\u00a0Cornelia Kees<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n

Dass aktives Investment Management bei Kapitalmarktanlagen konsistent schlechtere Langfristrenditen als passives, breit diversifiziertes Buy-and-Hold-Anlegen produziert, muss man inzwischen nicht mehr beweisen. Seit etwa 1960 wurde die \u00dcberlegenheit passiver Strategien in unz\u00e4hligen Studien von Wissenschaftlern immer wieder neu empirisch best\u00e4tigt. Dennoch nachfolgend dazu ein paar Zahlen. Anhand aktueller Daten illustrieren sie das „Aktiv-Investieren-Desaster“ f\u00fcr in der EU vertriebene, aktiv gemanagte Aktienfonds (UCITS-Fonds). [1]<\/span><\/strong><\/p>\n

Tabelle 1: Anteil von in Europa domizilierten, aktiv gemanagten Aktienfonds, die in zwei Zeitr\u00e4umen unter ihrer passiven Index-Benchmark lagen<\/strong><\/span><\/p>\n

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\u25ba Quelle: S&P Dow Jones Indices „SPIVA Europe Scorecard Mid Year 2025“ (Equal Weighted Funds). \u25ba Renditen in Euro. \u25ba Ohne Ber\u00fccksichtigung von Kosten in der Benchmark, aber auch ohne Kosten f\u00fcr etwaige Ausgabeaufschl\u00e4ge der aktiv gemanagten Fonds. \u25ba Originaldaten auf ganze Zahlen gerundet.<\/span><\/p>\n

Tabelle 2: Vergleich der Durchschnittsrenditen der Fonds aus Tabelle 1 mit den Renditen der korrekt ausgew\u00e4hlten passiven Benchmark f\u00fcr den Zeitraum 06\/2015 bis 06\/2025 (10 Jahre)<\/strong><\/span><\/p>\n

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\u25ba Erl\u00e4uterungen siehe Angaben unterhalb Tabelle 1. \u25ba Originaldaten auf eine Nachkommastelle gerundet.<\/span><\/p>\n

In Anbetracht der f\u00fcr aktives Fondsmanagement deprimierenden Ergebnisse in den beiden Tabellen k\u00f6nnte ein Anleger einwenden: „Mag ja sein, aber das interessiert mich nicht, ich investiere einfach in einen Fonds aus der kleinen Minderheit aktiver Fonds, die ihre passive Benchmark schl\u00e4gt.“ Diese naheliegende \u00dcberlegung hilft uns gleichwohl in der Praxis nicht weiter. Grund: Die Minderheit der Outperformer-Fonds, die es f\u00fcr jedes Zeitfenster gibt, l\u00e4sst sich ex ante<\/em> nicht zuverl\u00e4ssig genug identifizieren, und zwar deswegen nicht, weil die Zusammensetzung dieser zumeist kleinen Gruppe von Zeitfenster zu Zeitfenster vermutlich zufallsgetrieben wechselt. Aus Platzgr\u00fcnden zeigen wir in diesem Blog-Beitrag dazu jedoch keine Daten.<\/p>\n

In diesem Blog-Beitrag wollen wir vielmehr die Frage beantworten, warum aktives Investieren so konsistent schlecht abschneidet, wie es hier selektiv anhand aktiv gemanagter UCITS-Fonds in der Anlageklasse Aktien angedeutet wird. [2]<\/span><\/strong><\/p>\n

Seltsamerweise wird die Antwort auf diese Frage in Finanzratgeberb\u00fcchern, Printartikeln der etablierten Medien, YouTube-Videos und anderen Social-Media-Beitr\u00e4gen von Finfluencern selten gegeben. Diese Antwort hat mit der Frage der Prognostizierbarkeit von Finanzmarktgr\u00f6\u00dfen zu tun. Aktives Investieren ist stets prognosebasiertes<\/em> Investieren. <\/p>\n

Aktives Investment-Management scheitert letztlich daran, dass die zugrunde liegenden Prognosen zu h\u00e4ufig falsch sind. <\/p>\n

Das k\u00f6nnen Prognosen sein zu den k\u00fcnftigen Kursen von Wertpapieren, zur H\u00f6he von Dividenden, zu Wertpapierindizes, Zinsen, Devisenkursen, Einbr\u00fcchen am Aktienmarkt, Inflationsraten, Unternehmensgewinnen, zum Vollzug oder dem Ausbleiben von Unternehmensfusionen, zum Verlauf von Restrukturierungsma\u00dfnahmen in Firmen, zu Immobilienpreisen, Edelmetallpreisen, zum Bitcoin-Preis, Wirtschaftswachstumsraten, Arbeitslosenquoten, zur Zahl von Konkursanmeldungen in der Volkswirtschaft, zu regulatorischen Ma\u00dfnahmen, Steuer\u00e4nderungen, wichtigen politischen Entscheidungen \u2013 zu allem, von dem Investment-Manager glauben, dass es die vorw\u00e4rts gerichteten wirtschaftlichen Aussichten eines bestimmten Investment-Assets, bspw. eines b\u00f6rsennotierten Unternehmens, nennenswert beeinflussen wird.<\/p>\n

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Prognosebasiertes Investieren und seine Probleme<\/strong><\/span><\/h2>\n

Nun stellt sich die Frage: Wenn prognosebasiertes Investieren \u2013 wie wir in den Tabellen 1 und 2 gesehen haben \u2013 wirtschaftlich schadet, also schlecht funktioniert, warum werden Prognosen von der Mehrheit aller Privatanleger oder den von ihnen beauftragten Dienstleistern (z. B. Verm\u00f6gensverwalter oder Fondsmanager) dennoch weiterhin erstellt, genutzt und befolgt?<\/p>\n

Wir nennen im Folgenden die sechs wichtigsten kognitiven, sozialen und institutionellen Gr\u00fcnde f\u00fcr diese spezielle Auspr\u00e4gung menschlicher Irrationalit\u00e4t.<\/p>\n

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(1) Die Fehlinterpretation der kleinen Zahl tats\u00e4chlich korrekter Prognosen<\/strong><\/span><\/h2>\n

Unter den Millionen von Wirtschafts- und Finanzprognosen, die jedes Jahr weltweit irgendwo von irgendjemandem abgegeben werden, wird sich im Nachhinein eine geringe Zahl als richtig herausstellen. Diese richtigen Prognosen k\u00f6nnen in den meisten F\u00e4llen leicht und plausibel mit dem Gesetz der gro\u00dfen Zahl, dem Wirken des Zufalls erkl\u00e4rt werden. Es handelt sich also wahrscheinlich um Gl\u00fcckstreffer, aus denen man f\u00fcr die Zukunft nichts ableiten kann, vor allem nicht, dass sie verl\u00e4sslich wiederholbar sind. Und doch werden diese immer wieder als Beleg f\u00fcr Prognosef\u00e4higkeit fehlinterpretiert.<\/p>\n

Wenn 100 Millionen Menschen jeweils zehnmal hintereinander w\u00fcrfeln, dann werden statistisch ein bis zwei Menschen (1,65 um genau zu sein) darunter sein, die zehnmal hintereinander eine Sechs w\u00fcrfeln, obwohl die Wahrscheinlichkeit daf\u00fcr f\u00fcr einen einzelnen Menschen nur 0,0000000165 betr\u00e4gt (das ist weniger wahrscheinlich als sechs Richtige im Lotto). Die Zahl der Menschen, die an den Kapitalm\u00e4rkten investieren \u00fcbersteigt 100 Millionen deutlich, viele treffen mehr als zehn Anlageentscheidungen pro Jahr und die Kapitalm\u00e4rkte existieren schon \u00fcber 100 Jahre. Weil so viele von uns individuell unwahrscheinliche Dinge tun, gilt die nur auf den ersten Blick paradoxe Einsicht von Statistikern: „Das Unwahrscheinliche ist wahrscheinlich.“ [3]<\/span><\/strong><\/p>\n

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(2) Das Nichterkennen von „One Trick Ponys“<\/strong><\/span><\/h2>\n

Wir allen kennen Namen von „Finanzexperten“, die angeblich oder tats\u00e4chlich ein extrem seltenes finanzielles Gro\u00dfereignis, einen „schwarzen Schwan“ vorhergesagt haben, deswegen als „gro\u00dfe Vorherseher“, als Investment-Gurus gelten und zu beweisen scheinen, dass richtige Prognosen systematisch m\u00f6glich seien. Einer dieser Gurus ist Nouriel Roubini, ein VWL-Professor von der New York University (NYU). Er warnte 2006 korrekt und erstaunlich pr\u00e4zise vor einer bevorstehenden gro\u00dfen Finanzkrise. Diese begann tats\u00e4chlich Anfang 2007 mit einem starken Preis-Crash im US-Wohnimmobilienmarkt, der dann einen gro\u00dfen Teil der globalen Bankenbranche und den weltweiten Aktienmarkt mit sich nach unten riss. <\/p>\n

Ist damit der Beweis erbracht, das Roubini wichtige makro\u00f6konomische Trendwenden oder Finanzkatastrophen zuverl\u00e4ssig vorhersagen kann? Nein. Roubini ist in Wirklichkeit das, was der amerikanische Volksmund ein „One Trick Pony“ nennt, ein Pferd, das nur ein einziges Kunstst\u00fcck beherrscht. <\/p>\n

Davon gibt es bei Prognostikern in der Finanzindustrie zwei Sorten. Sorte A: Einer, der eine bestimmte Prognose jahrelang immer neu wiederholt, damit jedoch fortw\u00e4hrend falsch liegt. Dieses Versagen interessiert aber in den Medien niemanden, da nicht eintreffende Prognosen unbekannter Personen nicht berichtenswert sind. Doch dann trifft die ewig gleiche, bisher mehrfach falsche Prognose doch noch ein und wird nun als gro\u00dfe Sensation von den Medien aufgegriffen und buchst\u00e4blich weltweit verbreitet. Schlagzeile: „Er\/sie wusste es vorher, aber niemand h\u00f6rte auf ihn!“ Dar\u00fcber, dass hier eine richtige Prognose auf viele falsche folgt, erf\u00e4hrt die \u00d6ffentlichkeit nichts. Die wenigen, die den Scam nachpr\u00fcfen und aufdecken, beachtet keiner.<\/p>\n

Daneben existiert Sorte 2 des One Trick Ponys. Hier \u00e4u\u00dfert der Akteur tats\u00e4chlich erstmalig eine Vorhersage eines als sehr unwahrscheinlich erachteten, wichtigen Ereignisses und trifft damit prompt ins Schwarze. Unser Guru erf\u00e4hrt nun einem Tsunami medialer Aufmerksamkeit. Die Medien betteln ihn um neue Prognosen an, die er in der Folgezeit auch abgibt, weil er seinen jetzt vorhandenen Marketing-Wert erkannt hat. Die neuen Prognosen bewahrheiten sich nun nicht mehr. Doch bis das einigerma\u00dfen klar genug erkennbar ist, vergehen Jahre. <\/p>\n

Das ist die Roubini-One-Trick-Pony-Variante. Seine Liste von Fehlprognosen von Ende 2008 bis heute ist zu lang, um hier ausgebreitet zu werden. <\/p>\n

Doch gleichwie: In beiden One-Trick-Pony-F\u00e4llen hoffieren die Medien und die Anleger-Community den „Guru“ f\u00fcr einige Jahre, obwohl dieser in Wahrheit einfach nur ein Fall von „mehr Gl\u00fcck als Verstand“ war. In dem Ma\u00dfe wie sich dann \u00fcber l\u00e4ngere Zeit hinweg zeigt, dass der Guru keine korrekten Weissagungen mehr liefern kann, verlieren die Medien das Interesse an ihm. Auf der Suche nach einem neuen unverbrauchten Guru zieht der Medientross jetzt weiter.<\/p>\n

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(3) Die Unwilligkeit der Medien und vieler Anleger, „manipulative Prognosen“ zu erkennen<\/strong><\/span><\/h2>\n

Manipulative Prognosen („MPs“) sind solche, die wie „ehrliche“ oder „echte“ Prognosen aussehen, aber keine sind. Ehrliche, echte Prognosen sind so formuliert, dass sowohl ihr Eintreffen als auch ihr Nichteintreffen unzweideutig erkannt werden kann. F\u00fcr MPs gilt das nicht. Bei MPs kann nur das Eintreffen klar bestimmt werden, nicht jedoch das Nichteintreffen. Sie erf\u00fcllen das wissenschaftstheoretische Falsifikationskriterium<\/em> nicht. [4]<\/span><\/strong><\/p>\n

Die fehlende Falsifizierbarkeit (die theoretische bzw. grunds\u00e4tzliche Widerlegbarkeit) resultiert bei MPs in den meisten F\u00e4llen aus dem bewussten Weglassen einer klaren Zeitangabe durch den Autor der Vorhersage. Ein simples Beispiel f\u00fcr eine solche MP: „Es wird regnen.“ Dass diese Prognose nur entweder (a) noch nicht eingetroffen oder (b) eingetroffen (also wahr) sein kann aber (c) niemals nicht eingetroffen (also falsch) sein kann, ist offensichtlich. Wenn sich eine solche MP irgendwann als wahr herausstellt, sagt das \u00fcber die Kompetenz des Autors der Prognose absolut und uneingeschr\u00e4nkt nichts aus. Eine belastbare Aussage \u00fcber die Kompetenz w\u00fcrde eine falsifizierbare Prognose voraussetzen.<\/p>\n

MPs sind logisch sinnlos und als Grundlage einer Investmentstrategie statistisch \u00fcberwiegend sch\u00e4dlich. Trotzdem werden die eingetroffenen MPs zu Gunsten des Prognostikers oft als Kompetenzbeleg interpretiert. <\/p>\n

Sieben MP-Beispiele aus der Investmentwelt:
\n(a) „Der S&P 500 Index wird weiter stark steigen.“
\n(b) „F\u00fcr die Aktie der Deutschen Bank sehen wir ein Kursziel von 41 Euro.“
\n(c) „Der Bitcoin-Preis wird mittel- oder langfristig wieder zur\u00fcckkommen.“
\n(d) „Die Samsung-Aktie ist unterbewertet und ein Strong Buy.“
\n(e) „Der US-Aktienmarkt steuert auf eine heftige Korrektur zu.“
\n(f) „Die Eurozone wird auseinanderbrechen.“
\n(g) „E-Autos werden sich durchsetzen.“ <\/p>\n

In allen diesen F\u00e4llen fehlt eine verifizierbare Zeitangabe. Da sie fehlt, k\u00f6nnen die Prognosen zwar eintreffen (wahr werden), aber niemals nicht eintreffen (falsch werden). Bei (c), (d), (e), (f) und (g) wird zudem das prognostizierte Ereignis nur uneindeutig beschrieben. Hier hat der Prognostiker raffiniert neben der unspezifischen Zeitraum-\/Zeitpunktangabe noch ein zweites Nicht-Falsifizierbarkeits-Hintert\u00fcrchen f\u00fcr sich offengelassen. Das ist doppelt schlau und doppelt zynisch.<\/p>\n

F\u00fcr die Vermarktung von MPs beim Publikum gilt die folgende Grundregel: Tritt die Vorhersage korrekt ein, wird der Prognoseautor spektakul\u00e4re Vorausschau und Kompetenz f\u00fcr sich reklamieren und lukrativ vermarkten. Tritt sie nicht ein, besitzt er jedenfalls in den ersten rund f\u00fcnf Jahren nach Abgabe der Prognose eine beinahe unschlagbare Ausrede. Danach erinnert sich sowieso niemand mehr daran. Die Angelsachsen nennen so etwas „One Way Bet“ \u2013 eine Wette, die man nur gewinnen kann. <\/p>\n

Eine andere MP-Variante sind „flexible“ oder „vage“ Prognosen. Sie k\u00f6nnen eine Zeitangabe enthalten, sind aber trotzdem nicht falsifizierbar. Beispiel: „Bis Ende dieses Jahres sehen wir bei der Tesla-Aktie ein Korrekturpotenzial von 20%.“ Hier ist zwar ein Zeitraum angegeben, aber die Bezeichnung „Potenzial“ ist so vage, dass man dennoch nur von einer MP sprechen kann. Au\u00dferdem ist die Prognose sogar dann wahr, wenn Tesla bis Jahresende zuerst 50% steigt und dann 20% f\u00e4llt, also per Saldo zugelegt hat. <\/p>\n

Wenn eine solche flexible oder vage Prognose nach Ablauf des angegebenen Zeitraums nicht eingetroffen ist, wird der Fehlprognoseautor \u2013 in den seltenen F\u00e4llen, dass sich jemand an die Prognose erinnert \u2013 die Schutzbehauptung vorbringen, er habe lediglich von einem „Potenzial“ gesprochen, das von spezifischen, aber nun nicht eingetroffenen Nebenbedingungen oder Annahmen abhing. Sollte er per Zufall Recht gehabt haben, wird alle Vagheit und alles Eintreffen von angeblichen Nebenbedingungen vergessen sein.<\/p>\n

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(4) Das clevere Vermarkten der kleinen Zahl richtiger Vorhersagen<\/strong><\/span><\/h2>\n

Praktisch alle Prognostiker sind „Vielschw\u00e4tzer“, die im Laufe der Jahre Hunderte direkte und indirekte, explizite und implizite Prognosen abgeben. Vielschw\u00e4tzer werden aufgrund der schieren Menge ihres Geschw\u00e4tzes zwangsl\u00e4ufig irgendwann etwas von sich geben, das sich sp\u00e4ter als beeindruckend richtige Prognose erweisen wird. Man k\u00f6nnte hier vom „prognostischen Vielschw\u00e4tzergesetz“ sprechen. Weil die Vielschw\u00e4tzer aber unredlich sind, vermarkten sie ihre wenigen richtigen Prognosen laut und intensiv, lassen jedoch ihre viel zahlreicheren falschen Prognosen unter den Tisch fallen. Das ist zwar ein billiger und leicht zu durchschauender Taschenspielertrick, aber die Medien und die \u00d6ffentlichkeit fallen \u00fcberwiegend trotzdem auf ihn herein. Nicht wenige besonders zynische Medien wirken bei dieser Manipulation sogar komplizenhaft mit.<\/p>\n

Ein ma\u00dfgeblicher Grund, warum die Vielschw\u00e4tzer unter Finanzprognostikern mit ihrem Trick so leicht davonkommen, liegt in „Brandolini’s Law“, auch „Bullshit-Asymmetrie-Prinzip“ genannt: „Die Menge an Energie, die f\u00fcr die Widerlegung von Bullshit notwendig ist, \u00fcbersteigt die Menge, die zu seiner Erzeugung erforderlich war, um Gr\u00f6\u00dfenordnungen“. [5]<\/span><\/strong> Der Aufwand eines Dritten f\u00fcr einen sauberen Nachweis, dass es sich um einen Vielsch\u00e4tzer-Prognostiker handelt, der in Summe viel mehr falsche als richtige Prognosen ablieferte, ist h\u00f6her als der Aufwand, den der Vielschw\u00e4tzer beim in die Welt setzen seines Nonsens hatte. Hinzukommt, dass mit so einem Nachweis f\u00fcr denjenigen, der ihn erbringt, kommerziell wenig gewonnen ist. (Hier<\/u><\/a> ein Beispiel f\u00fcr einen aufwendigen Nachweis zu vier solchen Vielschw\u00e4tzern, den wir selbst einmal unternommen haben.)<\/p>\n

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(5) Die absurde Welt der „revidierten Prognosen“ akzeptieren<\/strong><\/span><\/h2>\n

In der so genannten „seri\u00f6sen Finanzbranche“, vor allem im Bankensektor, werden beispielsweise Aktienkursprognosen oder Prognosen makro\u00f6konomischer Gr\u00f6\u00dfen wie Zinsen oder Inflationsraten, die sich als falsch herausstellen, routinem\u00e4\u00dfig „revidiert“, also durch neue Vorhersagen ersetzt. Das klingt professionell, ist aber das Gegenteil. Eine Prognose trifft entweder ein, dann war sie korrekt, oder sie tut es nicht, dann war sie falsch. Eine „revidierte Prognose“ ist eine neue Prognose, die typischerweise auf eine falsche folgt. Der Taschenspielertrick „revidierte Prognosen“ st\u00f6rt dennoch niemanden in der Financial Community. Vielmehr ist er ritueller Kernbestandteil dessen, was Investment-Banken zu ihren Anlageempfehlungen tagein tagaus in die \u00d6ffentlichkeit kommunizieren und die Medien bereitwillig nachplappern, wodurch diesen ein professionelles Flair verliehen wird. Warum? Weil die Medien \u2013 besonders im Wirtschaftsresort \u2013 st\u00e4ndig neuen Content brauchen. „Revidierte Prognosen“ liefern dieses Financial Junk Food f\u00fcr eine Informationsmaschinerie, die 24\/7 „auf Sendung“ sein muss.<\/p>\n

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(6) Auf den Finanzsektor naiv die Gesetze und Regeln anderer Fachgebiete anwenden<\/strong><\/span><\/h2>\n

Bei vielen Menschen geh\u00f6rt es zu ihrer \u00f6konomischen Weltanschauung, zur nie hinterfragten wirtschaftlichen Grund\u00fcberzeugung, dass der Fachwissensvorsprung, den Finanzfachleute vor Nichtfinanzfachleuten haben, die F\u00e4higkeit miteinschlie\u00dft, k\u00fcnftige Entwicklungen wichtiger Finanzmarktgr\u00f6\u00dfen vorhersagen zu k\u00f6nnen. So wie ein Arzt einen zuk\u00fcnftigen Krankheitsverlauf oftmals richtig und genau vorhersagen kann oder ein Ingenieur den Zeitpunkt des Versagens einer Maschine oder das Brechen eines Bauteils oft pr\u00e4zise vorhersagt. <\/p>\n

Ja, auf vielen Gebieten des Lebens besteht Prognosef\u00e4higkeit, aber eben nicht auf dem Finanzmarkt, jedenfalls nicht, was systematisch ausbeutbare<\/em> Prognosen anbelangt. „Systematisch ausbeutbar“ bedeutet hier, dass die Umsetzung dieser Prognosen im Rahmen einer aktiven Anlagestrategie nach Kosten, Steuern und Risiko eine verl\u00e4sslich bessere Performance produziert als ein fachlich korrekt vergleichbares prognosefreies Investment auf Buy-and-Hold-Basis mit breit diversifizierten kosteng\u00fcnstigen Indexfonds\/ETFs.<\/p>\n

Wenn die Existenz von „Prognostizierbarkeit auf Finanzm\u00e4rkten“ bei einer Person Teil des \u00f6konomischen Weltbildes ist, bewirkt zumeist auch die pers\u00f6nliche Erfahrung mit Prognosefehlern, sogar schmerzhaften Prognosefehlern keine Meinungs\u00e4nderung. F\u00fchrt prognosebasiertes Investieren bei diesen Anlegern zu Sch\u00e4den, schlussfolgern sie in der Regel nicht, dass prognosebasiertes Investieren schlecht sei, sondern dass es bessere Prognosen brauche, entweder bessere Prognosen von ihnen selbst oder von einem von ihnen genutzten Finanzdienstleister. In wieder anderen F\u00e4llen werden die Sch\u00e4den nicht einmal erkannt. <\/p>\n

Angesichts all dessen stellt sich nat\u00fcrlich die Frage, warum \u00f6konomisch zuverl\u00e4ssig ausbeutbare Vorhersagen im Finanzbereich per Saldo notwendigerweise scheitern m\u00fcssen.<\/p>\n

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Drei strukturelle Ursachen f\u00fcr das mehrheitliche Scheitern von Finanzprognosen<\/strong><\/span><\/h2>\n

Ursache 1<\/strong>: Die Informationseffizienz der Kapitalm\u00e4rkte, die im Rahmen der Efficient Market Hypothesis<\/em> untersucht und belegt wird. Diese Informationseffizient besagt, dass neue, kursbeeinflussende Informationen bei b\u00f6rsennotierten Wertpapieren sehr schnell im Preis reflektiert (eingepreist) sind, schneller als die allermeisten Anleger oder Analysten auf sie reagieren k\u00f6nnen. Auf Basis dieser „eskomptierten“ \u00f6ffentlichen Informationen lassen sich daher keine Preisprognosen treffen, mit denen man nach Ber\u00fccksichtigung von Kosten, Steuern und Risiko den Markt zuverl\u00e4ssig schlagen kann. Die zunehmende Verbreitung k\u00fcnstlicher Intelligenz wird die bereits sehr hohe Informationseffizienz der Kapitalm\u00e4rkte noch weiter erh\u00f6hen. Dazu haben wir einem eigenen Blog-Beitrag<\/u><\/a> geschrieben.<\/p>\n

Ursache 2<\/strong>: M\u00e4rkte sind „komplexe, dynamische, nicht lineare, nicht station\u00e4re Systeme“. Selbst kleine Ver\u00e4nderungen in den Ausgangsbedingungen eines solchen Systems bewirken oft extreme Unterschiede bei den finalen Ergebnissen, sogenannte Schmetterlingseffekte. [6]<\/span><\/strong> Solche „komplexen adaptiven Systeme“ sind nicht das Gleiche wie „komplizierte Systeme“. Ein Gaskraftwerk ist ein kompliziertes, aber kein komplexes System. Das Verhalten komplizierter Systeme ist leichter prognostizierbar als das komplexer Systeme. Wir k\u00f6nnen zwar viel \u00fcber die allgemeinen Eigenschaften eines komplexen Systems sagen, aber keine spezifischen, verl\u00e4sslichen und wirtschaftlich ausbeutbaren Vorhersagen \u00fcber sein Verhalten in einem klar definierten Zeitraum treffen. <\/p>\n

Ursache 3<\/strong>: Prognosen in sozialen Systemen, also auch M\u00e4rkten, sind umso selbstreferenzieller<\/em> (zirkul\u00e4rer), je mehr Menschen sie \u2013 z. B. auf Basis positiver vergangener Erfahrungen \u2013 f\u00fcr zutreffend halten. Die Vorhersage wirkt dann auf den Vorhersagegegenstand zur\u00fcck und entzieht der Vorhersage damit ihre Ausgangsbasis, reduziert also ihre Treffgenauigkeit. Kurz gesagt: Je mehr Menschen einer Prognose Glauben schenken, desto eher verliert diese ihre G\u00fcltigkeit. Systeme, die in diesem Sinne keiner menschlichen Intervention ausgesetzt sind, etwa ein Vulkan, ein Bienenschwarm, eine Maschine oder ein krankes menschliches Organ unterliegen der Self-Referenciality<\/em> von sozialen Systemen nicht und erf\u00fcllen daher eher die grunds\u00e4tzliche Voraussetzung f\u00fcr Prognostizierbarkeit. Benjamin Graham, der ber\u00fchmte Mentor von Warren Buffett, formulierte das so: „A moment’s thought will show that there is no such thing as a scientific prediction of economic events under human control. The very ‚dependability‘ of such a prediction will cause human actions which will invalidate it.“ [7]<\/span><\/strong> Weil das so ist, wird auch der Einsatz von k\u00fcnstlicher Intelligenz keine grunds\u00e4tzliche Verbesserung in Sachen Prognosef\u00e4higkeit bewirken. KI wird eher zum Gegenteil beitragen, weil durch ihre allm\u00e4hliche Verbreitung und weitere Verbesserung immer mehr Menschen, immer schneller immer besser \u00fcber einen gegebenen Sachverhalt informiert sein werden. Dadurch erh\u00f6ht sie die Selbstreferenzialit\u00e4t und die Informationseffizienz von Finanzm\u00e4rkten weiter.<\/p>\n

Die empirische Evidenz daf\u00fcr, dass die Befolgung von Finanzprognosen auf lange Sicht zu vermeidbaren Renditesch\u00e4den f\u00fchrt, zu absoluten Verlusten oder Opportunit\u00e4tskosten (entgangenen Gewinnen) relativ zu vergleichbaren Buy-and-Hold-Anlegen, ist regelrecht \u00fcberw\u00e4ltigend. Die rationale Schlussfolgerung daraus: Praktiziere prognosefreies, passives Investieren als die finanziell attraktivere und jedermann zug\u00e4ngliche Alternative.<\/p>\n

Die Zukunft in sozialen Systemen ist jenseits nutzloser „offener“, hier „manipulativ“ genannter Prognosen nicht zuverl\u00e4ssig prognostizierbar. Sie ist es deswegen nicht, weil einer echten Prognostizierbarkeit strukturelle<\/em> Hindernisse im Wege stehen, die auch nicht durch letztlich kindische „Prognose-Reparatur-Strategien“ wie die folgenden \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen: <\/p>\n