{"id":15827,"date":"2025-08-01T00:00:44","date_gmt":"2025-07-31T22:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/gerd-kommer.de\/?p=15827"},"modified":"2025-08-20T14:03:30","modified_gmt":"2025-08-20T12:03:30","slug":"wie-banken-kunden-abziehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/wie-banken-kunden-abziehen\/","title":{"rendered":"Wie Banken Kunden abziehen \u2013 eine Fallstudie"},"content":{"rendered":"

Von Alexander Weis<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n

Die Geschichte beginnt mit einem Menschen, den ich nie kennengelernt habe \u2013 mit der Gro\u00dfmutter meiner Verlobten. Nennen wir die Gro\u00dfmutter f\u00fcr die Zwecke dieser Schilderung Dagmar. Dagmar verstarb im Jahr 2021 im Alter von 83 Jahren. Sie war Witwe, hatte eine Tochter, wir nennen sie Britta, die Mutter meiner Partnerin. Dagmar lebte in einer Kleinstadt im Ruhrgebiet. Dagmar war so, wie man sich eine \u00e4ltere Dame aus dieser Generation oft vorstellt: Diszipliniert und zur\u00fcckhaltend. Sie hatte ein langes Leben hinter sich und zusammen mit ihrem 2010 verstorbenen Mann durch Flei\u00df, Disziplin und Sparsamkeit ein stattliches Verm\u00f6gen aufgebaut. Der liquide Teil davon, einige hunderttausende Euro, lag \u2013 „ganz selbstverst\u00e4ndlich“ \u2013 seit Jahrzehnten bei „ihrer“ Sparkasse.<\/p>\n

Nach ihrem Tod erbte Britta, die Tochter, Dagmars Depot. Darin: Wertpapiere, Fonds, Beteiligungen. F\u00fcr jemanden, der sich mit Finanzprodukten und Verm\u00f6gensanlagen nicht besch\u00e4ftigt \u2013 und zu diesen Menschen geh\u00f6rte Britta \u2013 sah dieses Depot erst einmal beeindruckend aus: Wertvoll, komplex und kompetent.<\/p>\n

Meine Verlobte, Brittas Tochter, bat mich, Finanzberater bei Gerd Kommer, mir das Ganze einmal anzuschauen. Und was ich sah, war so typisch, dass es fast schon lehrbuchartig war: Eine Investmentstruktur, die nicht f\u00fcr die Kundin gebaut wurde, sondern f\u00fcr die Bank. Ein merkw\u00fcrdig strukturiertes Portfolio aus aktiv gemanagten Fonds mit hohen Geb\u00fchren und niedriger Performance, geschlossenen Beteiligungen, Hochzinsanleihen, Mischprodukten mit „ambitionierten“ Namen \u2013 das Ganze eingerahmt von einem Verm\u00f6gens\u00adverwaltungs\u00admandat, das j\u00e4hrlich Geb\u00fchren in schmerzhafter H\u00f6he absch\u00f6pfte, ohne erkennbaren Mehrwert in Gestalt einer vern\u00fcnftigen Rendite-Risiko-Kombination zu liefern. Es war keine Verm\u00f6gensverwaltung, keine Finanzberatung, sondern eine Form des schleichenden Verm\u00f6gensabbaus oder anders formuliert der schleichende Transfer von Dagmars Geld an die Sparkasse \u2013 das Ganze getarnt als „Betreuung“.<\/p>\n

Und wie es der Zufall wollte, wurde das Desaster nicht nur durch das Depot selbst sichtbar, sondern auch durch die Reaktion des zust\u00e4ndigen Sparkassen-Mitarbeiters auf einige harmlose Nachfragen, die im Rahmen eines Erbganges ganz normal sind. Diese Reaktion aktivierte eine rote Lampe bei meiner Verlobten.<\/p>\n

Als wir anfragten, welche Geb\u00fchren das Depot in der Vergangenheit produziert hatte, kippte der zun\u00e4chst freundliche Tonfall des Sparkassenberaters schnell in ruppige Gereiztheit. Statt Zahlen kamen von ihm nun Floskeln, statt Transparenz eine Mischung aus Rechtfertigung, Beschwichtigung und Leugnung.<\/p>\n

Was also als einfache Bitte nach selbstverst\u00e4ndlichen Informationen begann, wurde zu einer Fallstudie \u00fcber Abzocke alter Menschen durch eine \u00f6ffentlich-rechtliche Bank, \u00fcber Bank-„Beratung“, \u00fcber Machtverh\u00e4ltnisse zwischen kleinen Kunden und einer gro\u00dfen Institution, \u00fcber Geb\u00fchrenmodelle und \u00fcber ein Gesch\u00e4ftsmodell, das davon lebt, dass Kunden schlechte Renditen und hohe Geb\u00fchren einfach hinnehmen und brav erdulden.<\/p>\n

In diesem Beitrag erz\u00e4hle ich diese Geschichte. Zuerst schauen wir uns das Depot an, danach die Geb\u00fchren und dann die Kommunikation. Und schlie\u00dflich, wie wir das Trauerspiel beendeten und durch eine nachhaltige L\u00f6sung ersetzten.<\/p>\n

 <\/p>\n

Das Depot<\/span><\/h2>\n

Sieht aus wie Struktur, ist aber nur Vertrieb<\/span><\/h3>\n

Bevor wir in die Details der einzelnen Depotpositionen einsteigen, zun\u00e4chst ein \u00dcberblick \u00fcber die Ausgangslage. Ich schicke voraus: Eine dokumentierte Abstimmung auf konkrete Zielgr\u00f6\u00dfen zu erwarteter Rendite, Risiko und Liquidit\u00e4t legte uns der Kundenbetreuer nicht vor.<\/p>\n

Das Depot bestand aus vier aktiv verwalteten Fonds, einem offenen Immobilienfonds, einem geschlossenen Immobilienfonds und einer Unternehmensanleihe (siehe Tabelle weiter unten). Die Zusammensetzung deutete insgesamt auf einen \u00fcber Jahre planlos gewachsenen Bestand hin, bei dem Neuzug\u00e4nge und Halteentscheidungen, die Gesamtstruktur, ganz offensichtlich nicht auf Basis eines konsistenten f\u00fcr die spezifischen Verh\u00e4ltnisse der Depotinhaberin passenden Anlageplans getroffen wurden.<\/p>\n

In den uns vom „Berater“ vorgelegten Unterlagen und Reports fehlen sinnhafte Angaben zur langfristigen Wertentwicklung des Gesamtportfolios, z. B. seit der Depoter\u00f6ffnung oder wenigstens in den letzten f\u00fcnf oder zehn Jahren. Soweit wir das auf der Basis der vom Berater vorgelegten unsystematischen und d\u00fcnnen Informationen beurteilen k\u00f6nnen, lag die Rendite deutlich unter einer passiven ETF-Benchmark auf Buy-and-Hold-Basis. Gleichzeitig lagen die laufenden Kosten in einem Bereich, der f\u00fcr Privatanlegerportfolios \u00fcberdurchschnittlich hoch ist.<\/p>\n

Das bereitgestellte Reporting beschr\u00e4nkte sich auf statische Depot\u00fcbersichten und Einzelwertnachweise. Es fehlen aggregierte Auswertungen zu Performance (Rendite und Risiko), Schwankungsbreite oder Portfoliostruktur, ebenso Hinweise auf Rebalancing, Umschichtungen oder strategische Anpassungen.<\/p>\n

Im Zuge der Analyse kam es zu einem recht umfassenden E-Mail-Austausch mit dem Berater. Wir stellten Fragen zu Kosten und zur Zusammensetzung des Depots. Die Antworten waren ausweichend und formalistisch und wurden mit jeder neuen Email immer noch patziger. Eine offene Diskussion \u00fcber Struktur oder Zweck des Portfolios fand nicht statt.<\/p>\n

Da der Berater keine umfassenden, systematischen Unterlagen lieferte und in Dagmars Nachlass solche Unterlagen auch nicht gefunden wurden, muss sich unsere nachfolgende Analyse fast ausschlie\u00dflich auf den aktuellen Depotstand sowie die zugeh\u00f6rige Depot\u00fcbersicht f\u00fcr den Zeitraum zwischen der Depot\u00fcbertragung auf Britta im Rahmen der Testamentsvollstreckung, dem 08.09.2021, und heute, Ende Juli 2025, beschr\u00e4nken. Aber selbst dieser knapp vier Jahre lange Zeitraum spricht B\u00e4nde. Aus dem Depotauszug ging auch hervor, dass seit dem Depot\u00fcbertrag in 2021 bis heute weder Umschichtungen noch Produkttausche oder Rebalancing erfolgt sind, d. h. das Depot wurde von der Sparkasse nicht weiter verwaltet, sondern unber\u00fchrt belassen.<\/p>\n

Die folgenden Bewertungen beziehen sich aus diesen Gr\u00fcnden ausschlie\u00dflich auf aktuelle Parameter wie laufende Kosten, Liquidit\u00e4t oder die Rolle einzelner Positionen im Gesamtgef\u00fcge. Auch wenn die Analyse sich auf einen begrenzten Zeitraum von knapp vier Jahren st\u00fctzt, k\u00f6nnen wir davon ausgehen, dass die identifizierten strukturellen Schw\u00e4chen \u2013 insbesondere im Hinblick auf Diversifikation, Kosteneffizienz und Portfolioarchitektur \u2013 wohl auch schon vor Beginn des Analysezeitraums bestanden.<\/p>\n

Die folgende Tabelle fasst den Aufbau des Depots zusammen:<\/p>\n

Tabelle: Sparkassen-Depot von Britta per 21.07.2025<\/strong><\/span><\/p>\n

\"\"<\/p>\n

Renditedaten: comdirect.de \/\/\/ Alle Angaben zu Renditen und Kosten ohne die separate, zus\u00e4tzliche Mandatsgeb\u00fchr (siehe laufender Text weiter unten). \/\/\/ Renditen inklusive etwaiger Aussch\u00fcttungen (Total Returns) ab Depot\u00fcbertrag am 08.09.2021 nach Erbfall der verstorbenen Gro\u00dfmutter bis 21.07.2025 (~3,9 Jahre); lediglich Rendite der Position „Holland 70“ mangels Datenverf\u00fcgbarkeit seit Zeichnung. \/\/\/ [A] Aktuelle Gewichtung im Gesamtportfolio per 21.07.2025 \/\/\/ [B] Kumulative Rendite seit Depot\u00fcbertrag nach Erbfall (08.09.2021) bis heute (21.07.2025) \/\/\/ [C] Der Fonds ist in Abwicklung\/Liquidation, daher keine Angabe zu laufenden Kosten verf\u00fcgbar; im Allgemeinen liegen die laufenden Kosten von geschlossenen Immobilienfonds oberhalb von 5% p. a. des investierten Eigenkapitals. \/\/\/ [D] Passive Benchmark 1 (Aktien): SPDR MSCI All Country World Investable Market UCITS ETF \/\/\/ [E] Passive Benchmark 2 (Aktien und Anleihen): Vanguard LifeStrategy 60% Equity UCITS ETF \/\/\/ Alle Angaben nach bestem Wissen und Gewissen, aber ohne Gew\u00e4hr.<\/em><\/span><\/p>\n

Diese \u00dcbersicht deutet an, was viele gemanagte Bankdepots ausmacht: Diversifikation auf dem Papier, unerkl\u00e4rbare Komplexit\u00e4t oder fehlende Transparenz und hochpreisige Finanzprodukte. Eine durchdachte auf die spezifischen Verh\u00e4ltnisse, Lebensumst\u00e4nde und Anlageziele des Depotinhabers abgestimmte Struktur scheint zu fehlen.<\/p>\n

Die gr\u00f6\u00dften Einzelpositionen und eine kurze Renditeeinsch\u00e4tzung im \u00dcberblick:<\/p>\n

    \n
  • Flossbach von Storch Multiple Opportunities:<\/strong> Ein aktienlastiger aktiv gemanagter Mischfonds. Kumulative Rendite des Fonds im Betrachtungszeitraum (3,9 Jahre): 5,9% gegen\u00fcber der Rendite einer passiven ETF-Benchmark mit \u00e4hnlicher Aktienquote, dem Vanguard LifeStrategy 80% Equity UCITS ETF (WKN: A2P7TF) von 24,9%. Laufende j\u00e4hrliche Kosten des Flossbach-Fonds: 1,61% vs. 0,25% bei der Benchmark.<\/li>\n
  • Aegon Global Diversified Income:<\/strong> Ebenfalls ein Mischfonds, jedoch etwas weniger aktienlastig als der Flossbach-Fonds. Kumulative Rendite im Betrachtungszeitraum 12,1% gegen\u00fcber der Rendite einer passiven ETF-Benchmark, dem Vanguard LifeStrategy 60% Equity UCITS ETF (siehe Tabelle) von 14,9%. Laufende j\u00e4hrliche Kosten des Aegon-Fonds: 0,74% vs. 0,25% bei der Benchmark.<\/li>\n
  • Weltzins-Invest:<\/strong> Ein weltweiter Anleihenfonds mit mittlerer Duration, der in Fremdw\u00e4hrungsanleihen von Schwellenl\u00e4nderstaaten investiert. Kumulative Rendite im Betrachtungszeitraum: 5,2% gegen\u00fcber der Rendite einer passiven ETF-Benchmark, dem L&G Emerging Markets Government Bond (USD) 0-5 Year UCITS ETF (WKN: A2QFQ5) von 9,8%. Laufende j\u00e4hrliche Kosten des Weltzins-Fonds: 1,28% vs. 0,25% bei der Benchmark.<\/li>\n
  • DWS Euro High Yield Corporates:<\/strong> Ein Anleihenfonds, der in Unternehmen aus der Eurozone mit niedriger Bonit\u00e4t investiert. Kumulative Rendite im Betrachtungszeitraum 8,4% gegen\u00fcber der Rendite einer passiven ETF-Benchmark, dem iShares EUR High Yield Corporate Bond UCITS ETF EUR (WKN: A2DUCZ) von 9,9%. Laufende j\u00e4hrliche Kosten des DWS-Fonds: 1,24% vs. 0,50% bei der Benchmark.<\/li>\n
  • E.ON-Unternehmensanleihe:<\/strong> Als Einzelposition mit einem relativ gro\u00dfem Depotanteil von 18% stellt diese Anleihe einen merkw\u00fcrdigen Risikofremdk\u00f6rper im Depot dar. Die Rendite von -24,6% spricht f\u00fcr sich. Was diese Anleihe im Depot einer \u00fcber 80-j\u00e4hrigen Witwe soll, das wissen nur die G\u00f6tter.<\/li>\n
  • KanAm Grundinvest:<\/strong> Ein offener Immobilienfonds, der nach den Turbulenzen der Finanzkrise und im Zuge der Eurokrise 2011 ins Straucheln geriet. Seitdem befindet er sich in Abwicklung. \u00dcberraschenderweise erzielte der Fonds im Betrachtungszeitraum eine kumulierte Rendite von 27,8% \u2013 deutlich besser als sein passives Pendant, der iShares European Property Yield ETF (WKN: A0HGV5), der im selben Zeitraum 18,7\u202f% an Wert verlor. Ob das eine tempor\u00e4re Erholung oder ein sp\u00e4tes Aufb\u00e4umen war, l\u00e4sst sich schwer sagen. Warum der Fonds mit weniger als 1% Gewichtung \u00fcberhaupt ins Portfolio aufgenommen wurde, bleibt allerdings offen \u2013 strategisch sinnvoll war diese Mini-Position wohl kaum.<\/li>\n
  • Paribus Holland 70:<\/strong> Ein geschlossener Immobilienfonds, der sich ebenfalls wegen gro\u00dfer Verluste seit Jahren in Abwicklung befindet. Eine R\u00fcckgabe der Anteile ist nicht m\u00f6glich. Auf dem Zweitmarkt wird der Fonds mit einem 77% Abschlag gegen\u00fcber dem letzten berichteten Anteilswert gehandelt. Ein derart hochkomplexes, strukturell illiquides Finanzprodukt \u2013 eine Unternehmensbeteiligung \u2013 einer alten Dame ins Portfolio zu legen, erscheint regelrecht fahrl\u00e4ssig.<\/li>\n<\/ul>\n

    Die relative Unterperformance des Depots l\u00e4ge in einer \u00e4hnlichen Gr\u00f6\u00dfenordnung, wenn man nicht die letzten 3,9 Jahre betrachtet h\u00e4tte (dem Zeitraum, ab dem das Depot auf Dagmars Tochter Britta \u00fcbergegangen war) wie in der Tabelle, sondern den l\u00e4ngeren Zeitraum von f\u00fcnf Jahren. Noch weiter zur\u00fcckgerechnet haben wir nicht, da mangels Informationen von der Sparkasse nicht klar war, ob es in der Zeit vor Dagmars Tod wesentlich Portfolio\u00e4nderungen gab.<\/p>\n

    Auff\u00e4llig an dem Depot ist, dass es sich mit Ausnahme der E.ON-Unternehmensanleihe (die aus Risikogr\u00fcnden ein problematischer Depotbestandteil ist) durchg\u00e4ngig um Hochkostenprodukte handelte. Sie wurden nicht ins Depot gekauft, weil sie zueinander passen, sondern weil sie der Depotbank hohe Provisionen bringen. Dass dabei offenbar weder Ausgabeaufschl\u00e4ge noch \u00fcberm\u00e4\u00dfiges Trading berechnet wurden, ist ein kleiner Trost \u2013 \u00e4ndert aber nichts am Grundproblem: Die Produktauswahl war nicht unabh\u00e4ngig.<\/p>\n

    Die naheliegende L\u00f6sung w\u00e4re ein Verg\u00fctungssystem, das vollst\u00e4ndig unabh\u00e4ngig ist von konkreten Produktauswahlen \u2013 und damit frei von Vertriebsinteressen und sch\u00e4dlichen Interessenkonflikten. In diesem Fall aber war die Produktauswahl nur die halbe Geschichte. Denn zus\u00e4tzlich zur internen Kostenbelastung der Fonds kam eine weitere Geb\u00fchrenschicht obendrauf \u2013 die Mandatsverg\u00fctung der Bank.<\/p>\n

     <\/p>\n

    Die Geb\u00fchren<\/span><\/h2>\n

    „Es fallen keine Kosten an“ \u2013 sagte der „Berater“, und meinte: „keine Kosten au\u00dfer denen, die ich Ihnen verschweige“<\/h3>\n

    Neben den internen Kosten der Fonds \u2013 die im gewichteten Mittel bereits bei rund einem Prozent lagen \u2013 kam in Dagmars Depot eine zweite Geb\u00fchrenschicht hinzu: Die Mandatsgeb\u00fchr. Eine Verwaltungsgeb\u00fchr, die direkt an die Bank flie\u00dft, f\u00fcr eine angeblich fortlaufende Betreuung des Depots. Laut Preisverzeichnis zwischen 0,7% und 1,5% pro Jahr bezogen auf das Depotvolumen \u2013 wohlgemerkt zus\u00e4tzlich zu den laufenden Kosten (TER) der Fonds.<\/p>\n

    Unsere Frage dazu an den Sparkassen-Berater war schlicht: „Welche laufenden Kosten entstehen durch das Depotmandat?“<\/p>\n

    Seine Antwort lautete:<\/p>\n

    „Es fallen keine Depotgeb\u00fchren an und die H\u00e4lfte der Mandatsgeb\u00fchren werden steuerlich angerechnet. Bis auf den Flossbach von Storch werden alle Positionen mit 0,7% berechnet (siehe auch Aufstellung als PDF). Das ist eine Sonderkondition im Rahmen der Betreuung des gesamten Familienverbundes.“<\/em><\/p>\n

    Klingt f\u00fcrsorglich \u2013 fast wie ein Treuebonus. Doch zwischen den Zeilen fehlt Entscheidendes. Die gr\u00f6\u00dfte Position im Depot, der Flossbach von Storch Multiple Opportunities, wird laut Modell mit 1,5% Mandatsgeb\u00fchr pro Jahr bepreist \u2013 zus\u00e4tzlich zur ohnehin hohen TER des Fonds von 1,61%. Diese Zahl taucht im E-Mail-Text nicht auf, sondern nur im angeh\u00e4ngten PDF. Wer den Anhang nicht \u00f6ffnet, bekommt den Eindruck: „0,7% f\u00fcr alles“. Wer ihn \u00f6ffnet, sieht: Mehr als ein Drittel des Depots wird doppelt so stark belastet wie behauptet.<\/p>\n

    Die erw\u00e4hnte „steuerliche Anrechnung“ bedeutet lediglich, dass die tats\u00e4chliche Geb\u00fchr durch steuerliche Anrechnung um ein Viertel niedriger ist als die ausgewiesene Geb\u00fchr. Drei Viertel der Geb\u00fchr verbleiben dennoch beim Anleger.<\/p>\n

    Diese selektive Transparenz ist kein Versehen. Sie ist Methode. Und sie folgt einem bekannten Muster: Zuerst vereinfachen, dann verharmlosen, dann verschweigen.<\/p>\n

    \u00c4hnlich bei den Ausgabeaufschl\u00e4gen, die der Bankberater liebevoll als „Agio“ bezeichnet, vermutlich weil das weniger negativ klingt. F\u00fcr mehrere Fonds wurden bei Kauf zus\u00e4tzliche Geb\u00fchren erhoben, die anschlie\u00dfend vollst\u00e4ndig r\u00fcckverg\u00fctet wurden. Das klingt wie ein fairer Deal \u2013 und wurde vom Berater auch so kommuniziert:<\/p>\n

    „Die Ausgabeaufschl\u00e4ge wurden der Kundin vollst\u00e4ndig wieder gutgeschrieben, sodass ihr daraus keine Kosten entstanden sind.“<\/em><\/p>\n

    Das klingt gro\u00dfz\u00fcgig. In Wahrheit ist es ein rhetorischer Trick: Eine unn\u00f6tige und hohe Geb\u00fchr wird erhoben, um sie anschlie\u00dfend als Serviceleistung wieder zu erlassen. Man k\u00f6nnte auch sagen: Man stellt dem Kunden ein Bein und hilft ihm danach wieder auf.<\/p>\n

    Gekr\u00f6nt wurde das Ganze durch folgende Passage:<\/p>\n

    „W\u00fcrde man dann noch mit einbeziehen, dass keine Depotgeb\u00fchren berechnet werden, die H\u00e4lfte der gezahlten Mandatsgeb\u00fchren als Steuerfreibetrag angerechnet werden und auch s\u00e4mtliche eigenen Transaktionskosten nicht berechnet werden, sind wir mit diesem Modell sogar im Plus. Also wir sprechen \u00fcber keine Geb\u00fchren.“<\/em><\/p>\n

    Ein bemerkenswerter Satz. Die Bank erhebt Produktkosten von durchschnittlich rund 1%, dazu Mandatsgeb\u00fchren zwischen 0,7% und 1,5% (je nach Produkt) \u2013 und behauptet dann, die Kundin bezahle „keine Geb\u00fchren“, sondern die Bank lege Geld drauf.<\/p>\n

    Besonders bitter wird es, wenn man nachfragt, was f\u00fcr all diese Geb\u00fchren eigentlich geleistet wurde. Das Depot wurde seit Jahren nicht angepasst. Keine Umschichtung. Kein Rebalancing. Keine erkennbare Steuerung. Nur eine Rendite, die jedenfalls im Betrachtungszeitraum deutlich unter der einer passiven Benchmark lag.<\/p>\n

     <\/p>\n

    Der Berater<\/span><\/h2>\n

    Kommunikation als Abwehr- und Verschleierungstaktik<\/h3>\n

    Produkte k\u00f6nnen teuer sein. Geb\u00fchren k\u00f6nnen verschleiert werden. Aber am Ende ist es der Ton, der entscheidet, ob man es mit einem Dienstleister zu tun hat \u2013 oder mit einem System, das keine Fragen duldet. In diesem Fall war Letzteres deutlich zu sp\u00fcren.<\/p>\n

    Wir hatten h\u00f6flich nachgefragt: Nach den laufenden Kosten, nach der Struktur des Mandats, nach den Hintergr\u00fcnden der Depotzusammensetzung. Die Antworten halfen nicht wirklich weiter bei der Beurteilung, ob die Sparkasse das legitime Ziel ihrer Kundin erf\u00fcllt hatte: Eine Rendite-Risiko-Kombination zu erzielen, die mindestens auf dem gleichen Level lag wie die einer passiven ETF-Benchmark auf Buy-and-Hold-Basis.<\/p>\n

    Deutlich wurde die abwehrende, trotzige Haltung des Beraters, als er seine „Nichtkommunikation“ und die armselige Portfolioperformance mit dem Hinweis verteidigte, dass er die Kunden „ja schon seit Jahrzehnten betreut“ habe. In Wirklichkeit ist die L\u00e4nge der Kundenbeziehung gerade in einem solchen Fall nat\u00fcrlich keinerlei Qualit\u00e4tskriterium. Noch deutlicher wurde das im n\u00e4chsten Satz \u2013 einer Art Schwur auf die eigene Unfehlbarkeit:<\/p>\n

    „Es ist uns seit Jahrzehnten eine Verpflichtung f\u00fcr den gesamten Familienverbund, die Sicherheit der Kapitalanlagen, eine Wertentwicklung und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zu gew\u00e4hrleisten und dazu geh\u00f6rt auch, dass sich ein jeder darauf verlassen kann, dass wir die bestm\u00f6gliche Variante, auch in Hinblick auf die Beratung und der damit verbundenen Kosten sicherstellen.“<\/em><\/p>\n

    Voller Pathos, voller Selbstgewissheit \u2013 aber inhaltlich leer. Was ist „die bestm\u00f6gliche Variante“? Wer entscheidet, was „vertrauensvoll“ bedeutet? Und was bleibt von „Wertentwicklung“, wenn das Depot miserabel rentiert hat?<\/p>\n

    In Wahrheit geht es nicht um Beratung, sondern um Deutungshoheit. Kritik wird nicht beantwortet, sondern moralisch umrahmt. Und als wir schlie\u00dflich nach konkreten Zahlen, nach Dokumenten und nach Klartext fragten, kam der Versuch, das Gespr\u00e4ch abzuw\u00fcrgen:<\/p>\n

    „Ich hoffe, dass wir das leidige Thema mit dieser Mail final beantworten k\u00f6nnen.“<\/em><\/p>\n

    „Leidiges Thema“ \u2013 so spricht man nicht \u00fcber Transparenz, sondern \u00fcber St\u00f6rung. Es ist ein Framing, das aus einer berechtigten Frage ein Problem macht. Nicht die Geb\u00fchren sind das Problem \u2013 sondern die Tatsache, dass jemand sie wissen will. Und das Wort „final“ ist kein sachlicher Schlusspunkt. Es ist ein rhetorischer Deckel.<\/p>\n

    Man versteht an dieser Stelle endg\u00fcltig, dass es nicht nur um Kosten geht, sondern um Angst und Kontrolle. Nicht um Zahlen, sondern um die Macht \u00fcber deren Interpretation. Es geht nicht um Service, sondern um Deutungshoheit. Und es geht darum, wer die Regeln macht \u2013 und wer sie stillschweigend zu akzeptieren hat.<\/p>\n

     <\/p>\n

    Die L\u00f6sung<\/span><\/h2>\n

    Raus aus der hochpreisigen Intransparenz<\/h3>\n

    Da weder die Kommunikation noch die Portfoliostruktur oder -performance stimmten, entschieden wir uns gemeinsam innerhalb der Familie, alle Positionen zu ver\u00e4u\u00dfern und diesem Trauerspiel ein Ende zu setzen.<\/p>\n

    Den Erl\u00f6s haben wir in ein einfaches, global diversifiziertes Portfolio 60\/40-Portfolio aus Aktien- und Anleihen-ETFs investiert. Konkret: F\u00fcr den Aktienteil w\u00e4hlten wir den L&G Gerd Kommer Multifactor Equity UCITS ETF (WKN: WELT0A), f\u00fcr den Anleihenteil den iShares EUR Ultrashort Bond UCITS ETF (WKN: A3DJQJ) aus kurzlaufenden Unternehmensanleihen hoher Bonit\u00e4t und ohne W\u00e4hrungsrisiko.<\/p>\n

     <\/p>\n

    Outro<\/span><\/h2>\n

    Das uns\u00e4gliche Depot von Dagmar war nicht der Fehler ihres individuellen Beraters, sondern das beinahe zwangsl\u00e4ufige Resultat eines Gesch\u00e4ftsmodells von Banken mit einem jahrzehntealten Verg\u00fctungssystem, in das Interessenkonflikte strukturell einbetoniert sind. Solange Banken und Berater durch Produktprovisionen, hauseigene Produkte, Margenziele und Provisionen gesteuert werden, wird das Ergebnis f\u00fcr ihre Kunden auf lange Sicht sehr wahrscheinlich so aussehen, wie Dagmars Depot: Hochpreisig, intransparent und mit lausigen Renditen.<\/p>\n

    Wer sich dem entziehen will, hat zwei M\u00f6glichkeiten: Im Do-it-yourself-Modus ohne „Berater“ oder Verm\u00f6gensverwalter investieren oder einen Dienstleister w\u00e4hlen, der konsequent auf Provisionen, hauseigene Produkte, Ausgabeaufschl\u00e4ge und Ertr\u00e4ge aus unn\u00f6tigem Hin-und-Her in Form von Trading verzichtet. Alles andere w\u00e4ren Scheinl\u00f6sungen.<\/p>\n

    Besonders bitter erscheint der Fall von Dagmar auch deshalb, weil es sich bei der Bank um eine Sparkasse handelte. Ein Institut in \u00f6ffentlicher Tr\u00e4gerschaft. Zwar haben Sparkassen keinen Gemeinwohlauftrag, aber es ist bei Ihnen aus offensichtlichen Gr\u00fcnden noch weniger einzusehen, wenn sie ihre Kunden \u00fcber den Tisch ziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

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