{"id":1548,"date":"2018-09-21T00:00:54","date_gmt":"2018-09-20T22:00:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerd-kommer-invest.de\/?p=1548"},"modified":"2026-05-27T14:14:14","modified_gmt":"2026-05-27T12:14:14","slug":"fragwuerdigkeit-von-einzelaktieninvestments","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/fragwuerdigkeit-von-einzelaktieninvestments\/","title":{"rendered":"Die Fragw\u00fcrdigkeit von Einzelaktieninvestments"},"content":{"rendered":"
Von Alexander Weis<\/a>\u00a0und\u00a0Gerd Kommer<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n Dieser Beitrag wurde im August 2024 aktualisiert.<\/em><\/p>\n Noch immer glauben viele b\u00f6rseninteressierte Privatanleger, darunter besonders h\u00e4ufig junge m\u00e4nnliche Anleger und solche, die aus beruflichen Gr\u00fcnden kaufm\u00e4nnisches Wissen haben, die beste Art und Weise, in Aktien zu investieren, sei die Route \u00fcber Einzelwerte, also \u00fcber Stock Picking. Aus unserer Sicht ist das aus den f\u00fcnf nachfolgend dargestellten Gr\u00fcnden ein Fehlschluss. Nur zwei eher schwache Argumente sprechen f\u00fcr Investieren in Einzelwerte.<\/p>\n <\/p>\n Einzelaktieninvestments bedeuten mehr Risiko bei lediglich gleicher statistischer Renditeerwartung \u2013 ein objektiv schlechterer Deal. Das ist keine Behauptung von uns, sondern eine Erkenntnis aus der Wissenschaft, f\u00fcr die Harry Markowitz und William Sharpe jeweils einen Wirtschaftsnobelpreis erhielten und die w\u00e4hrend der vergangenen 60 Jahre in einer nicht mehr z\u00e4hlbaren Menge von empirischen Studien best\u00e4tigt wurde. <\/p>\n In Einzelaktien zu investieren bedeutet, sich rund doppelt so hohen laufenden Schwankungen (Volatilit\u00e4t) auszusetzen wie bei einem global diversifizierten Aktienportfolio \u2013 ohne statistische Aussicht f\u00fcr dieses erh\u00f6hte Risiko mit einer hinreichenden Zusatzrendite kompensiert zu werden. Zweitens besteht bei einem Einzelwert stets ein Totalverlustrisiko, mit einem breit diversifizierten ETF-Aktienportfolio aus Tausenden von individuellen Aktien hingegen nicht. Drittens gibt es bei einem starken Einbruch eines Einzelwertes nie eine 100%-Gewissheit, ob dieser Einzelwert wieder „zur\u00fcckkommt“. Bei einem global diversifizierten Aktienportfolio wei\u00df man das jedoch sicher. Unsicherheit besteht lediglich dar\u00fcber, wie lange die vollst\u00e4ndige Erholung dauert. [1]<\/span><\/strong> <\/p>\n Die \u00fcberraschend kurze statistische Lebenserwartung von b\u00f6rsennotierten und nicht b\u00f6rsennotierten Unternehmen haben wir hier<\/a><\/u> analysiert.<\/p>\n Investieren in Einzelwerte bedeutet statistisch ganz einfach mehr Risiko ohne mehr Chance. Wie erstaunlich risikoreich selbst Apple, die f\u00fcr viele „beste Aktie der Welt“, seit ihrem B\u00f6rsengang 1980 war, zeigen wir hier<\/a><\/u>.<\/p>\n <\/p>\n Einzelwertinvestments bedeuten mehr Zeit- und Arbeitsaufwand. Diesen gr\u00f6\u00dferen Zeitaufwand k\u00f6nnte der Anleger ertragreicher auf anderen Gebieten investieren. Das kann innerhalb der Finanzm\u00e4rkte sein, aber dort auf den richtigen Baustellen, die die Tachonadel bei Rendite und Risiko zuverl\u00e4ssiger in die richtige Richtung bewegen als Spekulationen mit Einzelwerten, z. B. die Asset-Allokation zwischen risikoreichen und risikoarmen Anlageklassen. Ertragreicher Zeit investieren kann aber auch auf anderen Gebieten des Lebens geschehen \u2013 Lebenspartner, Familie, Freunde, Hobbys, gemeinn\u00fctzige Bet\u00e4tigungen, Beruf oder berufliche Weiterbildung, sprich „Humankapital“. (Hier<\/a><\/u> ein Video von uns zum Thema Humankapitalinvestment.)<\/p>\n <\/p>\n Einzelwertinvestments bedeuten mehr operatives Risiko \u2013 ein Risiko, das in der Privatanleger-Community und in den Finanzmedien konsistent vernachl\u00e4ssigt und \u00fcbergangen wird, obwohl operatives Risiko in jedem Gro\u00dfunternehmen ein „Riesenthema“ innerhalb der Risikomanagement-Funktion ist. <\/p>\n Beim operativen Risiko (OpRisk) geht es nicht um Investmentrisiko im engeren Sinne, also der Gefahr kurz- oder langfristiger Wertverluste einer Anlage, das sich aus ihr selbst oder dem Markt ergibt. OpRisk bedeutet vielmehr die M\u00f6glichkeit von Verlusten, die sich aus der eigenen praktischen Durchf\u00fchrung, aus der pers\u00f6nlichen Umsetzung, der Implementierung eines bestimmten Investments bzw. einer bestimmten Anlagestrategie ergibt, die bei korrekter Umsetzung nicht entstanden w\u00e4ren. <\/p>\n Ein anschauliches Beispiel f\u00fcr OpRisk ist das „Fat-Finger-Problem“, also allgemein formuliert das Risiko, sich bei der Eingabe einer Order (Kauf, Verkauf) f\u00fcr ein Kapitalmarktinvestment zu vertippen oder sonst wie zu irren, wenn dieser Tippfehler oder sonstige Fehler zu einem Nachteil f\u00fchrt \u2013 ein unmittelbarer Verlust oder Opportunit\u00e4tskosten in Form eines entgangenen Gewinns.<\/p>\n <\/p>\n Es ist ein nicht ausrottbares, nie mit harten Fakten belegbares Ammenm\u00e4rchen, dass Einzelwerte in einer „Megakrise“ wie z. B. einem Dritten Weltkrieg infrastrukturell oder rechtlich sicherer seien als ETFs, die in diese Einzelwerte investieren. W\u00fcrde w\u00e4hrend einer solchen Krise eine B\u00f6rse aufgrund staatlicher Vorgaben l\u00e4ngerfristig schlie\u00dfen m\u00fcssen, wie z. B. die deutsche B\u00f6rse w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs, w\u00fcrde das selbstverst\u00e4ndlich Einzelwerte genauso betreffen wie ETFs. (Die US-B\u00f6rsen und viele andere nationale B\u00f6rsen au\u00dferhalb Europas waren auch w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs offen.) B\u00f6rsenschlie\u00dfungen w\u00fcrden im \u00dcbrigen die M\u00f6glichkeit au\u00dferb\u00f6rslicher Verk\u00e4ufe nicht ausschlie\u00dfen (Over-the-Counter-Handel). Generell werden Einzelwerte in der gleichen internationalen Infrastruktur von Banken, B\u00f6rsen und spezialisierten Wertpapierdienstleistungsunternehmen verwahrt und gehandelt wie ETFs und andere Investmentfonds. Bricht diese Architektur (diese Systeme) zusammen, betrifft das Einzelwerte nat\u00fcrlich in gleicher Weise. Andere Verm\u00f6genswerte wie Immobilien, Lebensversicherungen, nicht b\u00f6rsennotierte Unternehmensbeteiligungen w\u00e4ren in einer solchen Krisensituation vermutlich sogar weit heftiger von marktbedingten und\/oder rechtlichen Verkaufshindernissen beeintr\u00e4chtigt. Ein verwandtes Pro-Einzelwert-Argument lautet, dass die rechtliche Struktur von Investmentfonds im Allgemeinen und ETFs im Speziellen in einer schweren Krise vielleicht nicht sicher sei und man sich aus dieser Risikosicht mit Einzelwerten besserst\u00fcnde \u2013 ebenfalls ein Irrtum, siehe Argument 12 in diesem Blog-Beitrag<\/a><\/u>. <\/p>\n <\/p>\n Viele investieren deswegen in Einzelwerte (praktizieren Stockpicking), weil sie glauben, auf diese Art langfristig eine h\u00f6here Rendite als durch breit gestreutes Buy-and-Hold-Anlegen (passives Investieren) zu erzielen. Wie fragw\u00fcrdig dieser Glaube aus der Sicht der Wissenschaft ist, hat Kommer in seinen Investmentb\u00fcchern vielfach gezeigt, z. B. in diesem<\/a><\/u>. <\/p>\n Allerdings existiert selbst f\u00fcr denjenigen, den die wissenschaftliche Forschung zur Unattraktivit\u00e4t von Stock Picking nicht \u00fcberzeugt, ein \u00fcberlegener Weg die Renditeerwartung eines Aktienportfolios zu erh\u00f6hen als mit Stock Picking. Dieser rationale Weg besteht in der Nutzung des Kredithebels, neudeutsch in Leveraging<\/em>, also durch Hinzuf\u00fcgung eines kreditfinanzierten Teils zum eigenen Investment, neudeutsch in der Erh\u00f6hung des Aktien-„Exposures“ durch Kredithebeln.<\/p>\n Hier ein praktisches Beispiel: Philipp besitzt einen global diversifizierten Aktien-ETF im Wert von 100.000 Euro. Es ist ein „100\/0“-Aktienportfolio, er hat keine risikomindernden zinstragenden Anlagen in seinem Portfolio. Wenn der globale Aktienmarkt im relevanten Zeitfenster um 10% steigt, verdient Philipp 10%. [2]<\/span><\/strong> Das ist Philipp jedoch nicht genug. Er nimmt einen Kredit \u00fcber 40.000 Euro auf und kauft daf\u00fcr zus\u00e4tzliche ETF-Anteile. Jetzt ist er mit 140.000 Euro investiert. Wieder steigt der Aktienmarkt um 10%, also 14.000 Euro. Bezogen auf sein Eigenkapitalinvestment (EK) sind das 14.000 \u00f7 100.000 = 14% (exklusive Steuern, Zinsen und Kosten). Im Alternativszenario sinkt der Aktienmarkt um 10%. F\u00fcr Philipp bedeutet das einen EK-Verlust von 14%.<\/p>\n Kredithebeln erh\u00f6ht (hebelt) also die Upside und die Downside, genauso wie das f\u00fcr Einzelwertinvestieren der Fall ist. Aus der Sicht der Wissenschaft ist Leverage jedoch der kl\u00fcgere Weg, siehe z. B. hier<\/a><\/u>. Wir sehen das ebenso. Die Vor- und Nachteile von Leveraging eines diversifizierten Aktienportfolios haben wir in einem eigenen Blog-Beitrag detailliert untersucht (hier<\/a><\/u>) und betrachten moderaten Leverage als eine dem konzentrierten Investieren in Einzelwerte \u00fcberlegene L\u00f6sung.<\/p>\n <\/p>\n Ein weiterer, oft \u00fcbersehener Spezialnachteil von Einzelwertanlagen bei Aktien liegt im Bereich der Quellensteuern auf Dividenden. Beschr\u00e4nkt man sich als steuerlich in Deutschland ans\u00e4ssiger Privatanleger jedoch auf Fonds-Investments, einschlie\u00dflich Indexfonds-Investments, entf\u00e4llt dieses in der Regel arbeitsaufwendige, \u00e4rgerliche Thema komplett. Haupts\u00e4chlich, weil f\u00fcr UCITS-Fonds im deutschen Abgeltungsteuerrecht die sogenannte steuerliche Teilfreistellung gilt, die die ausl\u00e4ndische Quellensteuerbelastung pauschal ausgleicht, sodass eine manuelle R\u00fcckholung und\/oder Anrechnung in der Einkommensteuererkl\u00e4rung nicht mehr erforderlich ist. [3]<\/span><\/strong><\/p>\n Wir glauben, dass nur zwei Argumente f\u00fcr das Anlegen mit Einzelwerten sprechen. Das erste ist eher schw\u00e4chlich, das zweite nur ein rein subjektives, emotionales Argument.<\/p>\n <\/p>\n (a) Ja, mit einem Depot aus Einzelwerten ist es denkbar, die langfristigen „All-in-Kosten“ eines Depots geringf\u00fcgig unter den niedrigen Level zu dr\u00fccken, der mit breit diversifizierten ETFs auf Buy-and-Hold-Basis entst\u00fcnde. Daf\u00fcr m\u00fcssen allerdings drei Voraussetzungen erf\u00fcllt sein, die in der real existierenden Praxis der meisten Einzelwertanleger eben gerade nicht gegeben sind: In dem Depot d\u00fcrfen relativ zu seiner Gr\u00f6\u00dfe nicht zu viele Einzelwerte und nur wenige „exotische Titel“ enthalten sein, bspw. die Aktie eines kleinen kanadischen Platinbergbauunternehmens. Ferner darf pro Jahr nur begrenztes Trading (Kaufen, Verkaufen) stattfinden. <\/p>\n <\/p>\n (b) Direktanlagen in einzelne Aktien oder Anleihen machen manchen Anlegern einfach mehr Spa\u00df. F\u00fcr diese Anleger sind Kapitalmarktinvestments allgemein und Aktienanlagen im Speziellen nicht nur ein notwendiges \u00dcbel im Rahmen der langfristigen Verm\u00f6gensbildung und Altersvorsorge, sondern eine spannende, aufregende Freizeitbesch\u00e4ftigung, die \u2013 anders als z. B. Wandern, Kartenspielen oder ein Aquarium, aber \u00e4hnlich wie Lottospielen \u2013 nebenbei auch noch das Tr\u00e4umen von „finanzieller Freiheit“ oder schnellem Reichtum erm\u00f6glicht. (Zum Gummibegriff der „finanziellen Freiheit“, den jeder, wirklich jeder, anders versteht und definiert und viele Buchautoren oder YouTuber offensichtlich manipulativ interpretieren, haben wir einen Blog-Beitrag geschrieben \u2013 hier<\/a><\/u>).<\/p>\n <\/p>\n Die \u00f6konomische Vernunft spricht bei normalen Privatanlegern gegen Einzelwertanlegen:<\/p>\n Der einzige objektive Vorteil von Investieren in einzelne Aktien ist der m\u00f6gliche Entertainment-Faktor (Spa\u00df), den das f\u00fcr einzelne Anleger bringen kann. Dar\u00fcber hinaus hat Einzelwertanlegen aus unserer Sicht eigentlich nur Nachteile: Es bedeutet relativ zu einem global diversifizierten ETF-Aktienportfolio mehr Risiko ohne statistische Hoffnung auf entsprechende Mehrrendite, mehr Arbeit- und Zeitaufwand sowie quellensteuerliche Nachteile. Niedrigere Kosten als ein ETF-Anleger wird ein Einzelwertanleger nur erzielen, wenn er sich auf eine kleine Zahl von Einzelwerten beschr\u00e4nkt und<\/em> wenig tradet. <\/p>\n <\/p>\n [1]<\/strong> Der Weltaktienmarkt ist ein strukturell resilienter Organismus, ein einzelnes Unternehmen hingegen ein strukturell fragiler Organismus.<\/p>\n [2]<\/strong> Etwaige Steuern und Kosten ignorieren wir der Einfachheit halber.<\/p>\n [3]<\/strong> Diese Aussage gilt nicht f\u00fcr die Konstellation einer so gen. verm\u00f6gensverwaltenden GmbH mit Sitz in Deutschland. Bei diesen ist die quellensteuerliche Abw\u00e4gung zwischen Einzelaktien und ETFs anders.<\/p>\n Die meisten Privatanleger sind im Falle von Aktienanlagen mit Fonds besser bedient als mit Anlagen in Einzelwerte.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":2151,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[87,27,28,26],"class_list":["post-1548","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktives-investieren","tag-aktualisiert","tag-market-timing","tag-overconfidence-bias","tag-stock-picking"],"yoast_head":"\n(1) Einzelwertanlagen und Risiko<\/strong><\/span><\/h2>\n
(2) Der Zeitaufwand bei Einzelwertinvestieren<\/strong><\/span><\/h2>\n
(3) Operatives Risiko und Einzelwertanlagen<\/strong><\/span><\/h2>\n
(4) Sind Einzelwerte „strukturell“ sicherer als ETFs?<\/strong><\/span><\/h2>\n
(5) Leveraging ist smarter als Einzelwertinvestieren<\/strong><\/span><\/h2>\n
(6) Quellensteuern und Investieren in Einzelaktien<\/strong><\/span><\/h2>\n
Geringere Kosten bei Einzelwertanlagen?<\/strong><\/span><\/h2>\n
Der Entertainment-Wert von Einzelaktien<\/strong><\/span><\/h2>\n
Fazit<\/strong><\/span><\/h2>\n
Endnoten<\/strong><\/span><\/h2>\n