{"id":12650,"date":"2025-01-09T20:01:11","date_gmt":"2025-01-09T19:01:11","guid":{"rendered":"https:\/\/gerd-kommer.de\/?p=12650"},"modified":"2026-05-27T14:33:33","modified_gmt":"2026-05-27T12:33:33","slug":"buy-the-dip","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/buy-the-dip\/","title":{"rendered":"„Buy the Dip“ \u2013 Wie gut funktioniert diese Anlagestrategie?"},"content":{"rendered":"

Von Gerd Kommer<\/a>\u00a0und\u00a0Jakob Riemensperger<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n

Vor sechs Monaten, Anfang August 2024, sackte der globale Aktienmarkt innerhalb von nur drei Tagen um erstaunliche acht Prozent ab, der japanische Aktienmarkt, von dem der Abw\u00e4rtsdruck ausgegangen war, sogar um 17%. [1]<\/span><\/strong> Nicht wenige Marktteilnehmer erwarteten damals den Beginn eines l\u00e4ngerfristigen Aktienmarktabschwungs oder gar eines Crashs.<\/p>\n

Das Handelsblatt hingegen \u2013 aus unserer Sicht l\u00f6blich \u2013 publizierte w\u00e4hrend des Abschwungs am 7. August 2024 einen Artikel mit der \u00dcberschrift „Die Kurskorrektur bietet vor allem eines \u2013 Kaufgelegenheiten“ (Link hier<\/u><\/a>). Die Zeitung tat also nicht das, was sonst in solchen Situationen in den Medien und im Internet oft getan wird, n\u00e4mlich „jetzt-schnell-raus-aus-dem-Markt-Aktivismus“ und Panik verbreiten. (Ab dem 8. August begann sich der globale Aktienmarkt wieder peu \u00e0 peu zu erholen und stand am Jahresende 2024 um etwa 17% \u00fcber dem Tiefststand vom 7. August 2024.)<\/p>\n

Auf deutliche Kursr\u00fcckg\u00e4nge im Aktienmarkt mit Nachk\u00e4ufen zu reagieren, wie es das Handelsblatt damals empfahl, ist ein Kernelement des „antizyklischen Investierens“. Antizyklisches Investieren existiert in vielen Spielarten. Eine englischsprachige Bezeichnung, die seit einiger Zeit auch im deutschsprachigen Raum zunehmend gel\u00e4ufiger wird, lautet „Buy the Dip“ [2]<\/span><\/strong>. Andere Begrifflichkeiten und Schlagw\u00f6rter f\u00fcr antizyklische Strategien sind: „Kontrarisch investieren“ (Contrarian Investing), „Kaufen, wenn die Kanonen donnern“, „R\u00fccksetzer in Chancen umwandeln“, „Marktkorrekturen zum Nachkaufen nutzen“, „Kaufen, wenn Blut in den Stra\u00dfen flie\u00dft“, [3]<\/span><\/strong> „Schn\u00e4ppchenzeit im Aktienmarkt nutzen“, „den Ausverkauf als Gelegenheit sehen“ und „gegen den Trend investieren“.<\/p>\n

In diesem Blog-Beitrag wollen wir zeigen, dass und warum antizyklisches Investieren in Gestalt von Buy the Dip („BTD“) schlechter funktioniert als viele glauben. <\/p>\n

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Die Struktur und der Prozess von Buy the Dip<\/strong><\/span><\/h2>\n

In seiner einfachsten Form hei\u00dft BTD, dass das Gesamtportfolio des Anlegers anf\u00e4nglich aus einem Aktieninvestment von z. B. 75% des Gesamtdepots und einer Investitionsreserve („IR“) von beispielsweise 25% besteht. [4]<\/span><\/strong> Die IR wird in „Cash“ gehalten, also einer risikoarmen, liquiden Anlage, beispielsweise einem verzinslichen Tagesgeld oder einem Geldmarktfonds-Investment (mehr zu Geldmarktfonds hier<\/u><\/a>). Nachdem es zu einem deutlichen Downturn (Kurseinbruch) im Aktienmarkt gekommen ist, verwendet der Anleger die IR zum Nachinvestieren (daher „Buy the Dip“) in den Aktienmarkt und hat nun ein 100% Aktienportfolio. <\/p>\n

Wiederum vereinfachend existieren nur zwei grunds\u00e4tzliche BTD-Formen: (a) Die regelbasierte Variante und (b) die „opportunistische“ oder „taktische“ Variante ohne feste Regeln. Unter Do-it-Yourself-Privatanlegern d\u00fcrfte Letztere st\u00e4rker verbreitet sein. Hier entscheidet der Anleger rein situationsbedingt und subjektiv, wann und wieviel er im Downturn nachinvestiert. <\/p>\n

Bei der regelbasierten Variante hingegen existiert ein festes quantitatives Kriterium (ein Algorithmus), der vorgibt, wann und in welchem Umfang im Downturn das Nachinvestieren geschieht. <\/p>\n

Wir analysieren in diesem Blog-Beitrag eine regelbasierte BTD-Variante. Dabei soll das Grundinvestment eine diversifizierte Anlage in einen globalen Aktienindex-ETF sein \u2013 das sprichw\u00f6rtliche „Investment in die Welt AG“. Neben der Form des Grundinvestments m\u00fcssen bei regelbasiertem BTD noch die folgenden zwei Parameter festgelegt werden:<\/p>\n

(a) \tDas ausl\u00f6sende Trading-Signal f\u00fcr den Nachkauf. Das k\u00f6nnte beispielsweise ein 15%-Einbruch im betreffenden Aktienindex sein. Wir nennen das die „Drawdown-Grenze“ („DG“). [5]<\/span><\/strong><\/p>\n

(b) \tDer Prozentsatz des Gesamtportfolios, der anf\u00e4nglich f\u00fcr die IR reserviert wird, und der spezifische Anlagetyp, in dem die IR gehalten werden soll. Im Standardfall besteht die IR, wie erw\u00e4hnt, aus einem risikoarmen verzinslichen Geldmarkt-Investment.<\/p>\n

Ist die BTD-Strategie st\u00e4rker ausdifferenziert, m\u00fcsste ferner noch (c) das Trading-Signal f\u00fcr den teilweisen „Wiederausstieg“ aus dem Aktienmarkt zur Neubildung der IR festgelegt werden, wenn sich der Markt dem Anschein nach wieder nachhaltig erholt. F\u00fcr eine grunds\u00e4tzliche Analyse der Performance einer BTD-Strategie braucht es allerdings eine solche \u201eWiederausstiegsformel\u201c nicht wie wir weiter unten erl\u00e4utern werden.<\/p>\n

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Die Investmentlogik hinter Buy the Dip<\/strong><\/span><\/h2>\n

Hinter der BTD-Strategie steht, salopp formuliert, die „Schn\u00e4ppchentheorie des Aktienmarktes“. Das ist die (grunds\u00e4tzlich richtige) Vorstellung, dass Aktien unter sonst gleichen Umst\u00e4nden nach einem deutlichen Kursr\u00fcckgang eine relativ zu dem Zeitpunkt unmittelbar vor dem Kursr\u00fcckgang erh\u00f6hte erwartete Rendite<\/em> aufweisen, also eine statistisch besonders attraktive Rendite in der Zukunft. Dahinter steckt die ebenfalls korrekte Annahme, dass ein Kursr\u00fcckgang in der Mehrzahl der F\u00e4lle st\u00e4rker ist als die parallele Verschlechterung des fundamentalen<\/em> Aktienwertes, der sich aus den realwirtschaftlichen Aussichten des Unternehmens ableitet.<\/p>\n

Etwas akademischer k\u00f6nnte man die BTD-Schn\u00e4ppchentheorie auch so umschreiben: Die so genannten Kapitalkosten der Unternehmen steigen in einer Marktkrise. Die Kapitalkosten von Unternehmen sind die Renditen ihrer Kapitalgeber (der Anleger). Kapitalkosten teilen sich auf in Fremdkapitalkosten (der Zinssatz bei Krediten oder Anleihen) und Eigenkapitalkosten. Bei Fremdkapital leuchtet der Mechanismus der erh\u00f6hten Kapitalkosten den meisten Anlegern unmittelbar ein, [6]<\/span><\/strong> bei Eigenkapital ist der Kapitalkostenanstieg dagegen weniger allgemein bekannt. <\/p>\n

Er vollzieht sich so: Je tiefer der Aktienkurs eines Unternehmens ist, desto mehr neue Aktien muss es emittieren, um sich einen gegebenen Betrag frischen Eigenkapitals zu beschaffen und umso mehr werden die Altaktion\u00e4re „verw\u00e4ssert“, sprich umso mehr „Anspruchsrechte auf zuk\u00fcnftige Unternehmensertr\u00e4ge“ (Aktien) m\u00fcssen die Altaktion\u00e4re prozentual im Rahmen einer Neuemission von Aktien an die Neuaktion\u00e4re abgeben. Ein fallender Aktienkurs macht die Eigenkapitalfinanzierung somit teurer.<\/p>\n

Ein smarter Anleger, so die BTD-\u00dcberlegung, investiert verst\u00e4rkt dann in Aktien, sprich erh\u00f6ht seine Aktienquote, nachdem die Kapitalkosten der Unternehmen (die Eigenkapitalkosten) in einem Markteinbruch gestiegen sind. <\/p>\n

Empirisch l\u00e4sst sich die „Schn\u00e4ppchentheorie“ gut best\u00e4tigen. Das geschieht in einfacher Form in Tabelle 1. Sie zeigt die inflationsbereinigten (realen) Renditen des globalen Aktienmarktes in den zur\u00fcckliegenden f\u00fcnfeinhalb Jahrzehnten seit Anfang 1970 f\u00fcr drei verschiedene Folgezeitr\u00e4ume nach einem Markteinbruch von real 25% oder mehr. Der Berechnung in Tabelle 1 liegt der MSCI World Index in Euro zugrunde. Er produzierte \u00fcber diese 55 Jahre eine inflationsbereinigte (reale) Durchschnittsrendite von 5,6% p.a.<\/p>\n

Tabelle 1: Illustration der statistisch erh\u00f6hten Renditen nach einem 25%-Kurseinbruch im globalen Aktienmarkt (MSCI World Index) \u2013 Zeitraum 1970 bis 2024 (55 Jahre)<\/strong><\/span><\/p>\n

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\u25ba In DM bzw. Euro, inflationsbereinigt, ohne Kosten und Steuern. \u25ba Gezeigt werden Total Returns inkl. Dividenden. \u25ba Daten: MSCI.<\/span><\/p>\n

Regelbasiertes (algorithmisches) Rebalancing ist \u2013 genauso wie Buy the Dip \u2013 antizyklisches Investieren nach dem Grundsatz „Verkaufe, was besonders gut gelaufen ist und kaufe, was besonders schlecht gelaufen ist“ oder „Sell High, Buy Low“.<\/p>\n

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Unser Buy the Dip Backtest<\/strong><\/span><\/h2>\n

Um die historische Performance von BTD wirklich aussagekr\u00e4ftig zu testen, haben wir folgenden Backtest [8]<\/span><\/strong> vorgenommen: Unser Basisinvestment ist wieder der MSCI World Aktienindex. Wir betrachten die nominalen Tagesrenditen des Index in Euro und evaluieren mehrere simple BTD-Algorithmen f\u00fcr 14 verschiedene (\u00fcberlappende) Zeitr\u00e4ume von 2007 bis zur Gegenwart. Kosten und Steuern ignorieren wir der Einfachheit halber.<\/p>\n

Tabelle 2 fasst den Renditeeffekt aus den Kombinationen f\u00fcr zwei unterschiedliche Drawdown-Grenzen und drei verschiedenen Investitionsreserven zusammen. Die Tabelle gibt die durchschnittliche Mehrrendite von SAI B&H gegen\u00fcber BTD in 14 \u00fcberlappenden Auswertungsperioden an. Die erste, l\u00e4ngste Auswertungsperiode dauert von 2007 bis 2024 (18 Jahre), die letzte, k\u00fcrzeste von 2020 bis 2024 (5 Jahre).<\/p>\n

In Bezug auf die IR betrug die nominale Geldmarktrendite in Deutschland in der historischen Periode von 2007 bis 2024 durchschnittlich etwa 0,8% p.a. vor Steuer (gemessen an einem typischen Geldmarktfonds-ETF). Da dieser Wert nur moderat \u00fcber null liegt, haben wir die Rendite der IR in unserem Backtest der Einfachheit halber mit null angesetzt \u2013 eine Annahme, die sich im Backtest leicht zu Ungunsten von BTD auswirkt. Zu bedenken ist dabei allerdings, dass wir im Gegenzug weder Kosten f\u00fcr den Arbeitsaufwand der Durchf\u00fchrung der aktiven BTD-Strategie noch die bei BTD – wenn es nicht innerhalb eines UCITS-Fondsmantels (Investmentfonds) durchgef\u00fchrt wird – erh\u00f6hte Steuerbelastung abgezogen haben. [9]<\/span><\/strong><\/p>\n

Tabelle 2: Durchschnittliche Mehrrendite der Sofort-All-In Buy-and-Hold-Strategie gegen\u00fcber unterschiedlichen Buy the Dip-Strategien in 15 verschiedenen Zeitfenstern von 2007 bis 2024<\/strong><\/span><\/p>\n

\"\"<\/p>\n

\u25ba Investitionsreserve = Anf\u00e4nglicher prozentualer Anteil am Gesamtportfolio. \u25ba Renditen in Euro, ohne Kosten und Steuern. \u25ba Zugrundeliegendes Basisinvestment MSCI World-Index. \u25ba Weitere Erl\u00e4uterungen siehe laufender Text. \u25ba Daten: MSCI, Statistisches Bundesamt.<\/span><\/p>\n

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Wie sieht die Risikoseite aus?<\/strong><\/span><\/h2>\n

In Tabelle 2 sind wir aus Platz- und Vereinfachungsgr\u00fcnden nicht auf das Risiko eingegangen. In Bezug auf die beiden Risikokennzahlen Volatilit\u00e4t (Standardabweichung der Tages- oder Monatsrenditen) und Maximum Drawdown (maximaler kumulativer Verlust) produziert die jeweilige BTD-Variante Vorteile, prim\u00e4r, weil im Mittel weniger als 100% des Gesamtinvestments in der risikoreichen Anlageklasse Aktien investiert ist. Der Risikovorteil ist aber in den meisten IR-DG-Kombinationen \u00fcber die 15 Auswertungsperioden hinweg weniger gro\u00df als man intuitiv annehmen w\u00fcrde. Ein Beispiel: F\u00fcr die 18-Jahresperiode mit einer Investitionsreserve von 20% und einer Drawdown-Grenze von minus 20% war die Volatilit\u00e4t f\u00fcr BTD und SAI B&H beinahe identisch. Auch beim Maximalen Drawdown gab es keinen gro\u00dfen BTD-Vorteil (minus 49% f\u00fcr BTD versus minus 53% bei SAI B&H). <\/p>\n

Warum haben wir bei unserem Backtest keine Wiederausstiegsegel formuliert und gerechnet, obwohl diese normalerweise Teil einer algorithmischen BTD-Strategie w\u00e4re? Zwei Gr\u00fcnde: (a) Dadurch, dass wir 15 Zeitfenster kalkulierten, die jeweils ein Jahr sp\u00e4ter beginnen und die alle bis zur Gegenwart reichen, haben wir uns indirekt einer BTD-Strategie mit Wiederausstiegsregel angen\u00e4hert. (b) Das Weglassen einer Wiederaustiegsregel hat unseren Rechenaufwand deutlich begrenzt und die Darstellung der Ergebnisse in diesem Text vereinfacht.<\/p>\n

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Was w\u00e4re, wenn man einen l\u00e4ngeren Zeitraum auswertete?<\/strong><\/span><\/h2>\n

Letztlich h\u00e4ngen die spezifischen Ergebnisse eines empirischen Vergleiches von BTD mit SAI B&H betr\u00e4chtlich davon ab, welche konkrete historische Periode man auswertet. Das gilt insbesondere f\u00fcr Zeitfenster von weniger als etwa 30 Jahren.<\/p>\n

Ein deutlich l\u00e4ngeres historisches Zeitfenster haben wir in unserem thematisch verwandten Blog-Beitrag „Warten auf einen g\u00fcnstigeren Aktienmarkt \u2013 Funktioniert das?“ vom M\u00e4rz 2019 analysiert \u2013 siehe hier<\/u><\/a>. Darin untersuchten wir eine andere BTD-Strategie (die wir damals salopp „Crash-Timing“ nannten) f\u00fcr den l\u00e4ngeren Zeitraum von 1970 bis 2018 (49 Jahre) auf der Basis von Monatsrenditen des MSCI World Index. Die Renditeergebnisse fielen f\u00fcr BTD \u00e4hnlich aus wie diejenigen in der hier dargestellten k\u00fcrzeren und konzeptionell etwas anderen Berechnung auf der Basis von Tagesrenditen.<\/p>\n

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Warum die Buy the Dip Renditeergebnisse entt\u00e4uschen<\/strong><\/span><\/h2>\n

Jede BTD-Evaluierung \u2013 sofern sie nicht irref\u00fchrend sein soll \u2013 muss die Opportunit\u00e4tskosten des Haltens einer gering verzinslichen IR relativ zu einer SAI B&H-Strategie ber\u00fccksichtigen (Opportunit\u00e4tskosten = entgangene Rendite\/entgangener Nutzen). Die Opportunit\u00e4tskosten der IR sind im statistischen Mittel h\u00f6her als der Vorteil aus der erh\u00f6hten Rendite des Dip-Investments nach Ausl\u00f6sung des Kaufsignals. Anders formuliert: Aufgrund der Informationseffizienz des Aktienmarktes steigen die erwarteten Renditen nach einem starken Downturn im Mittel nicht stark genug, um die zuvor verschenkte Rendite aus der IR ausreichend auszugleichen. Oder noch anders ausgedr\u00fcckt: Der globale Aktienmarkt hat auf lange Sicht eine zu starke Aufw\u00e4rtstendenz und eine zu hohe Rendite relativ zu risikoarmen Cash-Anlagen. Hinzukommt, dass Aktienmarkteinbr\u00fcche alles in allem nicht heftig genug und\/oder nicht gleichm\u00e4\u00dfig genug entlang der Zeitachse verteilt sind, als dass BTD nachhaltige Mehrrenditen erzeugen k\u00f6nnte.<\/p>\n

Es stimmt zwar, dass die Kapitalkosten des durchschnittlichen Unternehmens statistisch nach einem Markteinbruch steigen und sich damit die Aktienrenditen danach tendenziell erh\u00f6hen, aber das ist dennoch kein hinreichender Grund f\u00fcr das Funktionieren von BTD. In dieser „verk\u00fcrzten“ Kapitalkostentheorie fehlt n\u00e4mlich die Feststellung, dass die Eigenkapitalkosten von Unternehmen (und damit die Renditen der Aktienanleger) statistisch zumeist auch vor der Krise (vor dem Einbruch) h\u00f6her sind als die Rendite von verzinslichen Geldmarktanlagen, der typischen und angemessenen Anlageform f\u00fcr die IR. Aus der richtigen Feststellung „die Kapitalkosten eines Unternehmens steigen im Abschwung“ kann man lediglich korrekt schlussfolgern, dass es statistisch renditesch\u00e4dlich ist, Investments im Abschwung zu verkaufen. Es ist also ein Argument f\u00fcr Buy-and-Hold, nicht f\u00fcr Market Timing.<\/p>\n

Nat\u00fcrlich ist es m\u00f6glich, f\u00fcr eine gegebene historische Periode in den Daten durch so genanntes Overfitting<\/em> eine spezifische Kombination von IR und DG ausfindig zu machen, die in der Vergangenheit eine nennenswerte Outperformance produzierte. Diese Art von „Data Mining“ oder „Data Snooping“ hilft uns aber nicht, eine auch in der Zukunft ertragreiche BTD-Strategie zu identifizieren und repr\u00e4sentiert eine ethisch zweifelhafte Vorgehensweise. [10]<\/span><\/strong><\/p>\n

Overfitting ist der wichtigste Grund, warum in nicht-wissenschaftlichen Publikationen immer wieder BTD-Backtests gezeigt werden, die scheinbar attraktive Renditen produzieren. <\/p>\n

Ein zweiter, banalerer Grund f\u00fcr die vielen „BTD-Wunder“ in Ratgeberb\u00fcchern, Printartikeln und bei Finfluencern besteht darin, dass dabei nur die Renditen ohne<\/em> IR nach<\/em> dem Dip gezeigt werden \u2013 so wie in Tabelle 1 dieses Blog-Beitrags. <\/p>\n

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M\u00fcsste man die hier getestete BTD-Strategie nicht eher mit z. B. einer 80\/20-Asset-Allokation (Aktien\/Geldmarkt) benchmarken?<\/strong><\/span><\/h2>\n

Ja, und nein. Nach unserer Wahrnehmung besteht das prim\u00e4re Ziel der meisten BTD-Anleger darin, die Rendite einer entsprechenden SAI B&H-Alternative zu \u00fcbertreffen, also eine passive 100%-Aktienstrategie zu schlagen. Das prim\u00e4re Ziel von BTD-Anlegern besteht u. E. dagegen \u00fcberwiegend nicht darin, eine deutliche Risikoreduktion gegen\u00fcber einem 100%-Aktieninvestment bei zugleich geringerer Rendite zu erzielen. <\/p>\n

So oder so erlaubt die Betrachtung von Rendite und<\/em> Risiko auch bei einem Vergleich von BTD mit SAI B&H eine umfassende, objektive Einsch\u00e4tzung.<\/p>\n

Die Ergebnisse unseres Backtests in diesem Blog-Beitrag und in unserem Blog-Beitrag vom M\u00e4rz 2019 deuten nicht darauf hin, dass der Renditenachteil von BTD relativ zu SAI B&H durch einen ausreichend gro\u00dfen Risikovorteil kompensiert wird. Die gleiche Schlussfolgerung ergibt sich nach unserem Eindruck auch aus einer Auswertung wissenschaftlicher Untersuchungen, die wir zu BTD und vergleichbaren kontrarischen Market Timing-Ans\u00e4tzen gefunden haben.<\/p>\n

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Was sagt die wissenschaftliche Literatur zu Buy the Dip?<\/strong><\/span><\/h2>\n

Wir haben zwei neuere akademische Studien gefunden, die mit unterschiedlichen Daten-Sets und unterschiedlichen methodischen Ans\u00e4tzen spezifische BTD-Strategien evaluieren: Park 2022 (hier<\/u><\/a>) und Bonini u.a. (2024) (hier<\/u><\/a>). Beide kommen zu dem Ergebnis, dass BTD von entsprechenden Sofort-All-In Buy-and-Hold-Strategien jedenfalls in Bezug auf das Anlageziel Gesamtrendite bzw. Endverm\u00f6gensmaximierung geschlagen wird. Ja, BTD hat gegen\u00fcber SAI B&H einen Risikovorteil, aber dieser scheint eher begrenzt. <\/p>\n

Auch f\u00fcr andere antizyklische Market Timing-Strategien, die sich nicht explizit „Buy the Dip“ nennen, erscheinen die Ergebnisse in der wissenschaftlichen Literatur alles in allem nicht besser. Einige solche Studien nennen wir am Ende dieses Blog-Beitrages.<\/p>\n

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Wie sieht es mit einer nicht regelgebundenen, rein opportunistischen BTD-Strategie aus?<\/strong><\/span><\/h2>\n

Letztlich d\u00fcrften die meisten aktiv gemanagten Mischfonds zumindest zeitweilig opportunistisches (taktisches) BTD-Market Timing im Sinne des Zieles f\u00fcr aktives Anlegen Buy Low, Sell High<\/em> betreiben. Das trifft vermutlich auch auf den gr\u00f6\u00dften und bekanntesten deutschen Mischfonds, den Flossbach von Storch Multiple Opportunities<\/em> (WKN A0M430) zu. Seine Anleihenquote (Investitionsreserve) liegt zumeist unter 20% und kann in der „Schn\u00e4ppchenzeit“ (w\u00e4hrend eines Dips) bis auf null gehen. \u00dcber die zehn Jahre von Januar 2015 bis Dezember 2024 lieferte der FvS-Fonds eine Rendite von 5,4% p.a. gegen\u00fcber der Rendite eines MSCI World ETFs von 10,7% p.a. <\/p>\n

Das geringere Volatilit\u00e4tsrisiko des FvS-Fonds glich seine Minderrendite in diesem Zehnjahreszeitraum nicht aus, was sich darin zeigt, dass die risikogewichtete Rendite<\/em> in Gestalt der so genannten Sharpe Ratio f\u00fcr den MSCI World ETF 1,8-mal so hoch war wie die des FvS-Fonds. <\/p>\n

Der durchschnittliche in Deutschland vertriebene Mischfonds („FWW Sektordurchschnitt Mischfonds flexibel Welt“) [11]<\/span><\/strong> rentierte im gleichen Zeitraum noch schlechter als der FvS-Fonds.<\/p>\n

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Wie performt BTD, wenn man es mit Einzelwerten im Rahmen von Stock Picking praktiziert?<\/strong><\/span><\/h2>\n

Diese Frage k\u00f6nnen wir mit unserem Backtest naturgem\u00e4\u00df nicht beantworten. Allerdings kann man auch hier argumentieren, dass die meisten aktiv gemanagten Aktienfonds wie auch aktiv gemanagten Do-it-Yourself-Privatanlegerdepots in jeweils verschiedener Art und Weise BTD praktizieren. Aus der Wissenschaft wissen wir, dass die gro\u00dfe Mehrzahl dieser Portfolios ihre passive Alternative unterperformt und die kleine Minderzahl von Outperformern in die Zukunft gerichtet nicht verl\u00e4sslich prognostizierbar ist, da sie vermutlich \u00fcberwiegend durch Zufall (Gl\u00fcck) entstand.<\/p>\n

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Was, wenn man die Investitionsreserve nicht in Cash, sondern in einer vermeintlich oder tats\u00e4chlich h\u00f6her rentierlichen Anlageform h\u00e4lt?<\/strong><\/span><\/h2>\n

Diese Anlagestrategie haben wir mit unserer Analyse ebenfalls nicht erfasst. Aus unserer Sicht liegt in diesem Fall keine Buy the Dip-Strategie vor, so wie BTD typischerweise verstanden wird, sondern eine andere Form von Market Timing, n\u00e4mlich zwischen zwei oder mehr risikoreichen Anlageklassen hin- und herzuwechseln, um eine attraktive Rendite-Risikokombination zu erzielen. Der Unterschied zu „echtem“ BTD besteht darin, dass keine „risikofreie“ Anlage zum Einsatz kommt und daher auch das Opportunit\u00e4tskostenargument hier nicht im gleichen Sinne entscheidend ist. <\/p>\n

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Fazit<\/strong><\/span><\/h2>\n

Buy the Dip-Investieren hat mit Sofort-All-In Buy-and-Hold-Investieren (SAI B&H) das aus essenzieller \u00f6konomischer Logik und aus der Auswertung langer Datenreihen abgeleitete korrekte Prinzip des antizyklischen Investierens gemein. <\/p>\n

Uns erscheint SAI B&H dennoch \u00fcberlegen. Zwar steigt die statistische Renditeerwartung von Aktien nach einem Kursr\u00fcckgang in der Tat, dieser Anstieg gleicht die Minderrendite der f\u00fcr BTD notwendigen Investitionsreserve, die Opportunit\u00e4tskosten der IR nicht ausreichend aus.<\/p>\n

Die Argumentation, dass BTD-Strategien ein geringeres Risiko aufweisen als vergleichbare SAI B&H-Strategien relativiert den Renditenachteil u. E. nur partiell, wie wir hier zu zeigen versucht haben.<\/p>\n

Der Hauptgrund f\u00fcr das zu gute Image von BTD in der Privatanleger-Community d\u00fcrfte darin liegen, dass viele seiner Anh\u00e4nger lediglich die Renditen des Nachinvestments (nach dem Dip) messen, nicht aber die Renditen des Gesamtportfolios einschlie\u00dflich Investitionsreserve vor dem Dip. <\/p>\n

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Endnoten<\/strong><\/span><\/h2>\n

[1]<\/strong> Angaben in Euro. Die vermeintlichen Ursachen waren unerwartete Erh\u00f6hungen der kurzfristigen Leitzinsen durch die japanische Zentralbank bei einer gleichzeitigen Abwertung des Yens.<\/p>\n

[2]<\/strong> „Dip“ = als englisches Substantiv „Abfallen“, „Eintauchen“, „Senkung“.<\/p>\n

[3]<\/strong> Im englischen Original „Buy when there is blood in the streets“.<\/p>\n

[4]<\/strong> Die IR wird im englischen Finanzjargon oft auch salopp als „Dry Powder“ (trockenes Schie\u00dfpulver) bezeichnet.<\/p>\n

[5]<\/strong> Dabei ist wichtig, dass dieser Einbruchs- oder Bewertungsindikator in Echtzeit t\u00e4glich beobachtbar ist. Beispielsweise w\u00e4re die Verwendung eines Markt-KGVs (Kursgewinnverh\u00e4ltnis) als Bewertungsindikator insofern problematisch als tagesaktuelle KGV-Daten zumindest f\u00fcr Privatanleger nicht verf\u00fcgbar sind.<\/p>\n

[6]<\/strong> Ein erh\u00f6hter Zinssatz, den das Unternehmen f\u00fcr neu aufgenommenes Fremdkapital bezahlen muss.<\/p>\n

[7]<\/strong> „Sofort All In Buy and Hold“ bedeutet hier „von Anfang an das gesamte Portfolio in einer Summe in Aktien investieren und danach Buy-and-Hold betreiben“.<\/p>\n

[8]<\/strong> „Backtest“: Eine Renditeberechnung auf der Basis historischer Marktdaten.<\/p>\n

[9]<\/strong> Warum aktiv Investieren bei Aktien h\u00f6here Steuerbelastungen als Buy-and-Hold bewirkt, zeigen wir in unserem Blog-Beitrag „Steuern sparen durch Buy-and-Hold“<\/u><\/a> vom Oktober 2021.<\/p>\n

[10]<\/strong> Overfitting\/Data Mining hei\u00dft aus Unwissen oder aus B\u00f6sgl\u00e4ubigkeit per Computer ein rein zuf\u00e4lliges Muster in historischen Daten zu suchen, das die eigene These st\u00fctzt, obwohl dieses Muster in anderen historischen oder zuk\u00fcnftigen Daten wahrscheinlich nicht vorhanden ist. <\/p>\n

[11]<\/strong> Siehe www.fondsweb.de<\/u><\/a>.<\/p>\n

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Literatur<\/strong><\/span><\/h2>\n

AQR (ohne Autor) (2018) „It Was the Worst of Times: Diversification During a Century of Drawdowns“; Alternative Thinking, 3Q18 \u2013 26 Sept. 2018; Internet-Fundstelle hier<\/u><\/a><\/p>\n

Bonini, Stefano\/Thomas Shohfi\/Majeed Simaan (2024): „Buy the Dip?“; In: European Financial Management; Volume 30; Issue 4; September 2024; Internet-Fundstelle hier<\/u><\/a><\/p>\n

Dahle, James (2020): „What is Dry Powder?“; The White Coat Investor; 19 Oct. 2020; Internet-Fundstelle hier<\/u><\/a><\/p>\n

Estrada, Javier (2015): „Multiples, Forecasting, and Asset Allocation“; in: Journal of Applied Corporate Finance; Summer 2015; Vol. 27, Issue 3<\/p>\n

Felix, Ben (2023): „Cash is a terrible long-term investment, even at 5% interest“; YouTube-Video; Internet-Fundstelle hier<\/u><\/a><\/p>\n

Ilmanen, Antti (2016): „A Historical Perspective on Time-Varying Expected Returns“; In: Financial Market History. Reflections on the Past for Investors Today; [Buch] Edited by David Cambers and Elroy Dimson; CFA Institute Research Foundation<\/p>\n

Kommer, Gerd\/Maximilian Bartosch (2022): „Downside Hedging \u2013 der heilige Gral des Investierens?“; Blog-Beitrag; Juli 2022; Internet-Fundstelle hier<\/u><\/a><\/p>\n

Kommer, Gerd (2017): „Die Legende vom Cost Averaging Effect“; Blog-Beitrag; Juli 2017; Internet-Fundstelle hier<\/u><\/a><\/p>\n

Laarits, Toomas (2023): „Discounting Market Timing Strategies“; 05 Dez. 2023; SSRN, Internet-Fundstelle hier<\/u><\/a><\/p>\n

Park, Sangkyun (2022): „Stock Market Reaction to Recession and Buying the Dips“; In: The Journal of Investing ; Vol. 31; No. 5; August 2022; Internet-Fundstelle hier<\/u><\/a><\/p>\n

Sindreu, Jon (2024): „Stocks Are Crashing \u2013 That\u2019s a Great Reason to Sit Tight“; Wallstreet Journal, 05 Aug. 2024; Internet-Fundstelle hier<\/u><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

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Die Zahlen in Tabelle 1 belegen die Vorteilhaftigkeit einer BTD-Strategie relativ zu naheliegenden Alternativen jedoch nicht<\/em> \u2013 obwohl man das auf die Schnelle irrt\u00fcmlich schlussfolgern k\u00f6nnte. Warum sie es nicht belegen, zeigen wir nachfolgend. Naheliegende Alternativen w\u00e4ren z. B. eine „Sofort-All-In Buy-and-Hold-Strategie“ (SAI B&H) [7]<\/span><\/strong> mit einer fixen 100% Aktien-Allokation oder eventuell gemischte Asset-Allokationen von 90\/10 oder 80\/20 auf einer Buy-and-Hold-Basis erg\u00e4nzt um regelbasiertes Rebalancing (zu Rebalancing siehe hier<\/u><\/a> und hier<\/u><\/a>).<\/p>\n