{"id":1138,"date":"2017-08-05T00:00:05","date_gmt":"2017-08-04T22:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerd-kommer-invest.de\/?p=1138"},"modified":"2025-09-05T13:45:58","modified_gmt":"2025-09-05T11:45:58","slug":"daemonisierung-von-etfs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/daemonisierung-von-etfs\/","title":{"rendered":"Die absurde D\u00e4monisierung von ETFs"},"content":{"rendered":"

Von Dr. Gerd Kommer<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n

(Dieser Beitrag vom August 2017 wurde im Januar 2024 aktualisiert.)<\/p>\n

Seit etwa 2015 ist in den Medien immer h\u00e4ufiger zu lesen, der Marktanteil von Indexfonds und ETFs sei „inzwischen gef\u00e4hrlich hoch“ oder k\u00f6nne, wenn er weiterwachse, zu einem „systemischen Risiko“ f\u00fchren. Neben der Behauptung eines gef\u00e4hrlich hohen Marktanteils werden noch eine Reihe anderer Anti-ETF-Argumente angef\u00fchrt. Die drei nachfolgenden Zitate bringen solche Kritik beispielhaft zum Ausdruck:<\/p>\n

„ETFs bergen enorme Gefahren und sind in vielen F\u00e4llen sogar eine Mogelpackung“ (Rainer Laborenz, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Azemos Verm\u00f6gensmanagement GmbH, Offenburg, in einem Artikel auf dem Finanzportal Fondsprofessionell am 28.7.2017).<\/span><\/p>\n

„Indexing ist eine massive Bedrohung f\u00fcr die Stabilit\u00e4t des Finanzsystems“ (Saker Nusseibeh, Vorstandsvorsitzender der britischen Fondsgesellschaft Hermes Investment Management in der Financial Times vom 26.9.2016)<\/span><\/p>\n

„Der stille Weg in die Knechtschaft: Warum passives Investieren schlimmer ist als Marxismus“ (Titel eines Research-Memos zu Indexfonds der amerikanischen Stock Broker-Firma Sanford Bernstein im August 2016)<\/span><\/p>\n

In diesem Blog-Beitrag gehe ich auf die 19 h\u00e4ufigsten Anti-ETF-Argumente ein. Bevor ich das tue, will ich noch kurz erl\u00e4utern, woraus sich die Kritik an ETFs speist.<\/p>\n

Ob Sie ETFs verteufeln oder nicht, dieser ETF kann in jedes Depot: Der L&G Gerd Kommer Multifactor Equity UCITS ETF.<\/em>\u00a0Mehr erfahren ><\/a><\/p>\n

Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Kritik an ETFs kommt von Vertretern der traditionellen Finanzbranche. Deren Geb\u00fchreneinnahmen werden durch die zunehmende Verbreitung preisg\u00fcnstiger ETFs und klassischer Indexfonds bedroht. Weil das so ist, werden ETFs von Bank-„Beratern“ bis zum heutigen Tag in ihren Beratungsgespr\u00e4chen oft regelrecht totgeschwiegen oder \u2013 wenn das nicht geht \u2013 mit teilweise haarstr\u00e4ubenden Argumenten wie sie in den Eingangszitaten zum Ausdruck kommen schlecht geredet. Alle diese Argumente behandele ich in diesem Blog-Beitrag.<\/p>\n

ETFs sind auch f\u00fcr die traditionellen Medien, f\u00fcr Finanzportale im Internet und f\u00fcr Finanzblogger suboptimal, weil man \u00fcber ETFs auf lange Sicht viel weniger schreiben und publizieren kann als \u00fcber traditionelle, also komplexe und hochpreisige Finanzprodukte, die sich wegen angeblich immer neuer Rahmenbedingungen an den Finanzm\u00e4rkten st\u00e4ndig ver\u00e4ndern. Um diese Komplexit\u00e4t und diesen wilden Wandel herum kann man als Medienmensch wunderbar „spannende“ Stories verfassen, die sich alle drei Monate neu und etwas anders wieder erz\u00e4hlen lassen. So werden Auflage und Klicks und damit Werbeeinkommen erzeugt. Ein Beispiel sind Stories \u00fcber sagenhaft erfolgreiche oder sagenhaft unerfolgreiche Investmentfondsmanager. F\u00fcr diese Art von nutzlosem „Infotainment“ und sch\u00e4dlicher „Finanzpornographie“ eignen sich ETFs gar nicht oder nur in geringem Ma\u00dfe. Was sich f\u00fcr das eigene Medium nicht eignet, das wird gerne kritisiert.<\/p>\n

Au\u00dferdem erscheinen viele Aspekte von passivem Investieren mit ETFs Privatanlegern kontraintuitiv, widersprechen also der Intuition oder dem gesunden Menschenverstand. Kritik an ETFs, auch falsche Kritik, f\u00e4llt angesichts dessen bei vielen Privatanlegern auf fruchtbaren Boden.<\/p>\n

So viel zum Kontext der ETF-Kritik. Hier nun die h\u00e4ufigsten Anti-ETF- und Anti-Indexing-Argumente in aller K\u00fcrze \u2013 jeweils mit einer Einsch\u00e4tzung meinerseits.<\/p>\n

\u25ba Argument 1: Der Marktanteil von Indexing ist mit \u00fcber 25% schon gef\u00e4hrlich hoch und er steigt offenbar weiter.<\/span><\/strong> Die Fakten: Der globale Marktanteil von passivem Investieren<\/em> \u2013 darum geht es hier letztlich \u2013 betr\u00e4gt nicht 25%, sondern bewegt sich aktuell wohl eher bei 2% bis 5%. Die falschen Zahlen resultieren aus konzeptionellen Fehlern und \u2013 damit zusammenh\u00e4ngend \u2013 der Nutzung falscher Datengrundlagen. In einem Blog-Beitrag von Januar 2022<\/a><\/u> leiten wir diese Zahlen her.<\/p>\n

\u25ba\u00a0Argument 2: Wenn alle passiv investieren, wird es nicht mehr funktionieren. Deshalb ist passiv investieren fragw\u00fcrdig.<\/strong><\/span> Die Fakten: Ja, die Vorteile von passiv Investieren setzen in der Tat voraus, dass nicht alle Marktteilnehmer passiv anlegen. Genau dasselbe gilt allerdings f\u00fcr jede<\/em> der unendlich zahlreichen aktiven Anlagestrategien, die weltweit existieren. Und bei diesen hat ja auch niemand Angst, dass die Strategien durch zu gro\u00dfe Nachahmung unwirksam gemacht werden k\u00f6nnten. Aber ganz abgesehen von diesem simplen, praxisorientierten Argument, wiegt ein anderes noch schwerwiegender: Die allermeisten Aktivit\u00e4ten von Menschen \u2013 mit der Ausnahme von Atmen und rein geistigen Aktivit\u00e4ten wie denken \u2013 funktionieren \u00fcberhaupt nicht oder jedenfalls sehr viel schlechter, wenn alle Menschen diese Aktivit\u00e4ten gleichzeitig aus\u00fcben. Das ist entsetzlich banal und niemand hatte in den letzten dreitausend Jahren ein Problem damit. Pr\u00fcfen Sie mein Argument dennoch f\u00fcr einige Sekunden: Stellen Sie sich f\u00fcr einen einen Moment eine beliebige, nicht rein geistige T\u00e4tigkeit, vor, die Sie an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit aus\u00fcben. Dann fragen Sie sich, was passieren w\u00fcrden, wenn alle<\/em> Menschen in Ihrer Stadt, in Ihrer Region, in ihrem Staat oder auf dieser Erde das Gleiche tun w\u00fcrden. Fragen Sie sich dann, warum das bisher nie geschehen ist und auch nie geschehen wird. Das Argument „es funktioniert nur, wenn es nicht alle machen“ ist also doppelt absurd. Empirisch tritt die Konstellation nicht auf und theoretisch trifft es auf fast alles, was Menschen tun k\u00f6nnen zu. Warum dieser schr\u00e4ge Sachverhalt trotzdem laufend thematisiert wird, dar\u00fcber k\u00f6nnte ein BWL-Student eine lohnenswerte Diplomarbeit schreiben. Doch wie dem auch sei: Wenn der korrekt berechnete globale Marktanteil von passivem Investieren von derzeit wohl rund 2% bis 5% auf \u00fcber 80% gestiegen ist, dann kann sich jeder passive Anleger auf der Basis der dann vorliegenden Fakten immer noch \u00fcberlegen, ob er von diesem Punkt an ins aktive Lager wechselt. Wir nehmen an, dass dieser Punkt in den n\u00e4chsten 25 Jahren und wohl auch in den n\u00e4chsten 100 Jahren nicht erreicht werden wird.<\/p>\n

\u25ba Argument 3: Die zunehmende Verbreitung von passiv investieren und Indexing hat zur Konzentration im amerikanischen oder globalen Aktienmarkt beigetragen. Einige wenige Mega-Large-Cap-Firmen (z. B. die zehn gr\u00f6\u00dften Einzelwerte wie Apple und Microsoft) nehmen ein immer gr\u00f6\u00dferes Gewicht im Gesamtmarkt ein und dominieren den Aktienmarkt. Das ist ungesund und gef\u00e4hrlich. <\/span><\/strong>Die Fakten: Diese oft geh\u00f6rte Behauptung ist Unsinn. Die Konzentration im US-Aktienmarkt (und wahrscheinlich auch in anderen nationalen Aktienm\u00e4rkten) war zu verschiedenen Zeitpunkten in den 1950er Jahren, den 1960er Jahren, den 1970er Jahren \u2013 also lange vor der Erfindung und Verbreitung von Indexfonds \u2013 h\u00f6her als heute. Das amerikanische Telekommunikationsunternehmen AT&T besa\u00df im Jahr 1960 ein Gewicht von 13% im amerikanischen S&P 500 Index, Apple in 2023 dagegen nur 6 bis 7% (das war der Maximalwert einer Einzelaktie in den zur\u00fcckliegenden gut 25 Jahren f\u00fcr den S&P 500). Die Nonsens-These von der „nie dagewesenen Konzentration“ oder „Kopflastigkeit“ in den Aktienm\u00e4rkten, die angeblich von Indexing ausgel\u00f6st wurde, basiert auf letztlich manipulativem Ausblenden historischer Daten und Sachverhalte, die l\u00e4nger als ungef\u00e4hr 20 Jahre in der Vergangenheit liegen.<\/p>\n

\u25ba Argument 4: Passive Anleger sind Trittbrettfahrer der aktiven Anleger.<\/strong><\/span> Die Fakten: Ja, das sind sie, genauso wie die K\u00e4ufer von Gebrauchtwagen Trittbrettfahrer des Neuwagenmarkts sind. Es existieren Tausende von M\u00e4rkten, auf die das bizarre Trittbrettfahrerargument anwendbar w\u00e4re. So betrachet sind die Mehrzahl aller M\u00e4rkte und damit Marktteilnehmer Trittbrettfahrer eines anderen Marktes oder anderer Marktteilnehmer. Gem\u00e4\u00df dieser Logik ist eBay ein einziger Trittbrettfahrermarkt, der gesamte Arbeitsmarkt ein Trittbrettfahrer des staatlichen Schulwesens und der thail\u00e4ndische Touristikmarkt ein Trittbrettfahrer des Verkehrsflugzeugmarkts.<\/p>\n

\u25ba\u00a0Argument 5: Aktiv gemanagte Fonds k\u00f6nnen im Crash das Geld sicher anlegen und Verluste d\u00e4mpfen, ein ETF muss dem Index hilflos nach unten folgen.<\/span><\/strong> Die Fakten: Ja, aktive gemanagte Fonds k\u00f6nnen hierauf reagieren und ihre Strategie anpassen, was ein Indexfonds nicht kann. Im Ergebnis ist die Performance aktiv gemangter Fonds selbst in Krisenphasen dennoch schlechter. Passives Investieren produziert langfristig statistisch h\u00f6here Renditen als aktives Investieren, und das schlie\u00dft die Abw\u00e4rtsbewegungen des Marktes ausdr\u00fccklich mit ein. An dieser Stelle nur ein einziges Zahlen-Faktoid: Das Jahr 2008 war in den USA das schlechteste Aktienjahr nach 1932. Der S&P 500-Index (und damit auch ein S&P 500-ETF) verlor in diesen 12 Monaten 37% (in USD), der durchschnittliche Aktienfonds knapp 39%.<\/p>\n

\u25ba\u00a0Argument 6: Indexing beeintr\u00e4chtigt das angemessene Funktionieren der Kapitalallokationsfunktion der Finanzm\u00e4rkte.<\/span><\/strong> Wenn es zu viel Indexing gibt, kommt diese volkswirtschaftlich essenzielle Funktion zum Erliegen.<\/strong><\/span> Die Fakten: Das Traden (Handeln) von Aktien und Anleihen zwischen B\u00f6rsenteilnehmern ist f\u00fcr die Emittenten von Aktien und Anleihen (Unternehmen und Staaten) Cash-Flow- und Gewinn-neutral \u2013 beeinflusst also beides nicht. Die Bedeutung der Kapitalallokationsfunktion der Finanzm\u00e4rkte wird deswegen weit \u00fcbersch\u00e4tzt. Tats\u00e4chlich ist es die Realwirtschaft<\/em>, die Unternehmen durch den Kauf von Produkten Kapital zuf\u00fchrt und durch Nicht-Kauf (indirekt) entzieht, sprich, Konsumenten und die Eink\u00e4ufer in Unternehmen sind f\u00fcr eine effiziente Kapitalallokation verantwortlich. Es ist die Realwirtschaft, nicht Fondsmanager, die Apple Inc. zum wertvollsten Unternehmen der Welt gemacht hat und Nokia, den fr\u00fcheren Marktf\u00fchrer bei Mobiltelefonen, ins wirtschaftliche Nirwana trieb. \u00dcberdies werden ETFs \u00fcberwiegend von aktiven Anlegern im Rahmen von Market Timing genutzt, um ihr Kapital in die Asset-Klassen zu lenken, die vermeintlich kurz- und mittelfristig die besten Ertragsaussichten haben. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Informationseffizienz der Kapitalm\u00e4rkte durch ETFs in den vergangenen Jahren sehr wahrscheinlich nicht reduziert wurde.<\/p>\n

\u25ba\u00a0Argument 7: Indexfonds\/ETFs tragen zur Erh\u00f6hung des Risikos an den Kapitalm\u00e4rkten bei.<\/strong><\/span> Die Fakten: Mit Zahlen l\u00e4sst sich dieses Argument jedenfalls nicht belegen. In den zehn Jahren ab 2009 (seit sich das Marktanteilswachstum von Indexfonds deutlich beschleunigt hat) bis Ende 2021 sank das messbare Risiko in Gestalt der Volatilit\u00e4t an den globalen Kapitalm\u00e4rkten (Aktien und Anleihen) in der Tendenz und war im sehr langfristigen historischen Vergleich unterdurchschnittlich. Die deutliche Erh\u00f6hung dieser Volatilit\u00e4t ab Anfang 2022 war \u2013 dar\u00fcber d\u00fcrfte kein Zweifel bestehen \u2013 auf den Russland-Ukraine-Krieg zur\u00fcckzuf\u00fchren, nicht auf den ganz langsam steigenden, weltweit ohnehin noch moderaten Marktanteil von passivem Investieren.<\/p>\n

\u25ba Argument 8: Indexfonds\/ETFs haben die \u279d Korrelationen<\/a> zwischen einzelnen Aktien erh\u00f6ht und den Nutzen von Diversifikation gesenkt.<\/strong><\/span> Die Fakten: Die Wissenschaft ist sich uneins \u00fcber dieses sehr schwer eindeutig zu \u00fcberpr\u00fcfende Argument. Ein gro\u00dfer Teil der in den letzten 20 Jahren beobachteten Erh\u00f6hung dieser Korrelationen geht wohl auf andere Ursachen zur\u00fcck als auf Indexfonds\/ETFs, sprich auf ganz allgemeine Entwicklungen wie die wachsende Integration der globalen Kapitalm\u00e4rkte (Globalisierung).<\/p>\n

\u25ba\u00a0Argument 9: „Es gibt eine Blase bei Indizes und ETFs“.<\/strong><\/span> Diese Formulierung ist ein w\u00f6rtliches Zitat, das ich aus einem Diskussionsforum eines Finanzportals entnommen habe. Obwohl die Aussage letztlich logik- und faktenfrei ist, f\u00fchre ich sie an, weil man ihr immer wieder begegnet. In Bezug auf den darin enthaltenen Begriff „Indizes“ k\u00f6nnte man diese Aussage vergleichen mit dem sinnfreien Statement: „Es gibt eine gef\u00e4hrliche Blase bei Schuhkartons.“ ETFs sind einfach nur eine schlanke, d\u00fcnne H\u00fclle oder Verpackung f\u00fcr den Inhalt, auf den es eigentlich ankommt: Aktien oder Anleihen. Warum soll es bei einer H\u00fclle eine Bewertungsblase geben? Die H\u00fclle ist ein blo\u00dfes Anh\u00e4ngsel des Inhalts und dieser ist ausschlaggebend. ETFs erschaffen keine neuen Aktien oder Anleihen, ver\u00e4ndern sie auch nicht, sondern sind ganz banal ein simpler, transparenter „Beh\u00e4lter“ f\u00fcr diese Wertpapiere. Wenn man von \u00dcberbewertung sprechen m\u00f6chte, dann kann sich diese sachlogisch korrekt nur auf den Inhalt, also Aktien oder Anleihen beziehen, nicht auf die d\u00fcnne H\u00fclle drum herum. So wie beim Schuhkarton: Der Karton erschafft keine Schuhe und ver\u00e4ndert sie auch nicht und hat einen mikroskopischen Anteil am Preis der Schuhe. Schuhkartons werden produziert und gekauft, weil sie Schuhe enthalten, nicht um ihrer selbst willen. G\u00e4be es keine Kartons, w\u00fcrde man f\u00fcr Schuhk\u00e4ufe ein anderes Beh\u00e4ltnis verwenden, z. B. T\u00fcten oder sie ohne Beh\u00e4ltnis verkaufen. All das gilt in fast identischer Weise auch f\u00fcr ETFs als Beh\u00e4ltnis f\u00fcr Aktien und Anleihen.<\/p>\n

\u25ba\u00a0Argument 10: Die drei gr\u00f6\u00dften Indexfondsanbieter \u2013 BlackRock, Vanguard und State Street \u2013 halten bei einzelnen Unternehmen bis zu 25% der Aktienstimmrechte. Das ist gef\u00e4hrlich viel Marktmacht.<\/span><\/strong> Die Fakten: Hier werden willk\u00fcrlich die Beteiligungsquoten rechtlich und wirtschaftlich getrennter, miteinander scharf konkurrierender Wettbewerber aufaddiert. Die aufsummierte Zahl als entscheidende Gr\u00f6\u00dfe f\u00fcr kartellrechtliche Einw\u00e4nde zu betrachten, ist absurd, genauso absurd wie die Marktanteile von Volkswagen, Toyota und Tesla aufzuaddieren und diese addierte Summe als monopolistische Gefahr am Automobilmarkt zu bezeichnen.<\/p>\n

\u25ba\u00a0Argument 11: Ein Zusammenbruch der genannten drei gr\u00f6\u00dften Indexfondsanbieter w\u00fcrde die globale Finanzarchitektur in Gefahr bringen.<\/span><\/strong> Die Fakten: Hinter diesem Argument steckt die Unkenntnis des fundamentalen Unterschieds zwischen Gro\u00dfbanken, deren Zusammenbruch tats\u00e4chlich Systemrelevanz haben kann, und dem ganz anderen Gesch\u00e4ftsmodell von Fondsgesellschaften. Selbst ein 90-prozentiger B\u00f6rsen-Crash w\u00fcrde das Verm\u00f6gen der Fondsgesellschaften nicht sch\u00e4digen, weil diese Verluste gar nicht ihr eigenes Verm\u00f6gen, sondern das der Anleger betr\u00e4fen. Lediglich die Einnahmen der Fondsgesellschaften aus Aktienfonds w\u00fcrden schrumpfen (deutlich weniger die aus Anleihenfonds). Das beispielsweise von BlackRock verwaltete Verm\u00f6gen in ishares-ETFs (BlackRock-ETFs) steht selbstverst\u00e4ndlich nicht in der Bilanz von BlackRock, weil es BlackRock ja gar nicht geh\u00f6rt.<\/p>\n

\u25ba\u00a0Argument 12: In einer Megakrise oder schweren Systemkrise sind Investments in Einzelwertpapiere technisch sicherer als Investments in ETFs. Ein Direktanleger in Einzelwertpapieren w\u00fcrde schneller und sicherer an sein Eigentum gelangen als bei das bei ETFs (verpackten Investments) der Fall w\u00e4re.<\/span><\/strong> Die Fakten: (a) Generell ist dieses Anti-ETF-Argument eine rein theoretische Spekulation ohne Beleg durch empirisch-historische Daten. Nehmen wir einmal an, mit „Megakrise“ oder „schwerer Systemkrise“ seien Ereignisse wie ein Dritter Weltkrieg, ein gro\u00dfer Krieg in Westeuropa, ein gr\u00f6\u00dferer B\u00fcrgerkrieg auf westeurop\u00e4ischem oder nordamerikanischem Territorium oder ein chaotischer Zusammenbruch der Eurozone gemeint. Da es derartige Krisen in der f\u00fcr diese Frage relevanten Vergangenheit nicht gab, kann man aus der Historie nur sehr eingeschr\u00e4nkt Hinweise ableiten. Dennoch hilft ein Blick in die Geschichte. Das Finanzprodukt „Investmentfonds“ (Publikumsfonds) existiert in den USA seit \u00fcber 90 Jahren und in Europa seit gut 60 Jahren. Investmentfonds haben in diesen neun Jahrzehnten nahezu jeden erdenklichen Stresstest erlebt und stets funktionierend \u00fcberstanden, darunter die Megakrise des Zweiten Weltkriegs und mehrere schwere Markt- und B\u00f6rsenkrisen (\u00d6lkrisen-Crash ab 1973, Dotcom-Crash ab 2000, gro\u00dfe Finanzkrise ab 2007, Corona-Crash ab Februar 2020 und den Russland-Ukraine-Krieg ab Februar 2022). Indexfonds als Variante von Investmentfonds existieren seit rund 50 Jahren, ETFs als Variante von Indexfonds seit 30 Jahren \u2013 von neuartigen, ungetesteten Anlageformen kann hier also nicht die Rede sein. In diesen 50 bzw. 30 Jahren hat nach meinem besten Wissen und Gewissen weltweit noch nie ein Privatanleger einen Schaden aus der rechtlichen und marktinfrastrukturellen Struktur von Indexfonds- oder ETFs erlitten, was man f\u00fcr viele anderen Anlageprodukte leider nicht sagen kann, z. B. offene Immobilienfonds<\/a>.<\/p>\n

(b)\u00a0Sollte in einer Megakrise eine B\u00f6rsenschlie\u00dfung erfolgen, was in den meisten westlichen L\u00e4ndern w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs f\u00fcr mehrere Jahre der Fall war, w\u00fcrde das unterschiedslos jede<\/em> Art von b\u00f6rsennotiertem Investment betreffen \u2013 nat\u00fcrlich auch Einzelwertpapiere. Abgesehen davon, dass in einer solchen Situation vermutlich auch viele nicht-b\u00f6rsennotierten Assets und Asset-Klassen v\u00f6llig illiquide (unverk\u00e4uflich) werden w\u00fcrden, z. B. nicht b\u00f6rsennotierte Unternehmensbeteiligungen, Immobilien, Lebensversicherungen und Sammlerobjekte. Das ist schon allein deswegen anzunehmen, weil das globale Bankenwesen und Zahlungsverkehrssystem in einer derartigen Krise nicht mehr uneingeschr\u00e4nkt funktionieren w\u00fcrde.<\/p>\n

(c)\u00a0ETFs sind eines der weltweit am sch\u00e4rfsten und engsten regulierten Finanzprodukte, sch\u00e4rfer reguliert als kapitalbildende Lebens- und Rentenversicherungen, Zertifikate, offene Immobilienfonds, geschlossene Fonds und vieles andere, einschlie\u00dflich des Betriebs von Bankschlie\u00dff\u00e4chern und einschlie\u00dflich nicht-b\u00f6rsennotierter Unternehmensbeteiligungen. Wer die rechtliche Struktur von ETFs als problematisch sieht, der sollte konsequenterweise in keine der genannten Anlagen investieren, da ihre rechtlichen oder „marktinfrastrukturellen“ Gestaltungen risikoreicher sind als die eines normalen Aktien- oder Anleihen-ETFs.<\/p>\n

(d) Das globale ETF-Volumen (ohne konventionelle Indexfonds) machte Ende 2023 rund 8.000 Milliarden USD aus. Ein gro\u00dfer Teil davon wird direkt von Privatanlegern und von staatlichen oder privaten Pensionsfonds gehalten. Weil die Summe so gro\u00df ist und weil so viele Privatanleger (also W\u00e4hler) betroffen sind, ist davon auszugehen, dass die verschiedenen Regierungen auch in einer schweren Krise alles tun werden, diesen Markt hinreichend funktionsf\u00e4hig zu halten.<\/p>\n

(e) Die manchmal ge\u00e4u\u00dferte These, dass der Eigentumsnachweis bei ETF-Anteilen in oder nach einer Megakrise oder in einem einzelnen rechtlichen Streitfall (au\u00dferhalb einer Megakrise) schwerer zu f\u00fchren sei als bei Einzelwertpapieren (Aktien, Anleihen) erscheint wenig plausibel, wenn man sich vergegenw\u00e4rtigt, dass ETF-Anteile und Einzelwertpapiere mit den gleichen technischen Systemen gehandelt und verwaltet werden. Sollte eine B\u00f6rse vom Staat geschlossen werden, sind davon Einzelwertpapiere und andere Finanzprodukte genauso betroffen wie ETFs. Und was in einem ETF zu einem gegebenen Zeitpunkt enthalten ist, ist glasklar, weil es ein \u00f6ffentlicher Index vorgibt.<\/p>\n

\u25ba Argument 13: ETFs sind liquider als manche Wertpapiere, in die sie investieren. In einer Marktkrise mit austrocknender Liquidit\u00e4t kann das nicht gutgehen.<\/span> <\/strong>Die Fakten: Dass Fondsanteile in manchen F\u00e4llen liquider sind als die Assets, in die der betreffende Fonds investiert, ist kein ETF-spezifischer Sachverhalt. Er gilt f\u00fcr viele Typen kollektiver Investmentvehikel, z. B. f\u00fcr offene und geschlossene Immobilienfonds, Hedge-Fonds<\/a><\/u>, Private Equity-Fonds<\/a><\/u>, so genannte ABS-Investments und viele Fonds von institutionellen Anlegern. Bei ETFs trifft diese Kritik nur auf kleine Nischensegmente mit Minimarktanteilen zu, wie z. B. Hochzinsanleihen-ETFs, und kaum auf ETFs, die in normale Aktien, Staatsanleihen und Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating<\/em> investieren. \u00dcberdies w\u00e4re die Position eines Direktanlegers in diesen illiquiden Wertpapieren w\u00e4hrend einer schweren Marktkrise mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit die gleiche wie die eines entsprechenden ETF-Anlegers. Die in normalen B\u00f6rsenphasen (\u00fcber 90% der Zeit) h\u00f6here Liquidit\u00e4t bestimmter ETFs, die solche illiquiden Wertpapiere beinhalten, relativ zur Liquidit\u00e4t der individuellen Wertpapiere selbst, muss als Vorteil f\u00fcr die Anleger interpretiert werden, der 90% der Zeit besteht, aber eben nicht immer.<\/p>\n

\u25ba\u00a0Argument 14: Die Struktur mancher ETF-Typen ist risikoreich f\u00fcr die Anleger.<\/strong><\/span> Die Fakten: Gemeint sind Swap-ETFs, sogenannte gehebelte ETFs (Leveraged ETFs<\/a><\/u>) und Short ETFs. Die Fakten: Der globale Marktanteil von Swap-ETFs liegt bei rund 3% mit sinkender Tendenz. Die Marktanteile von Leveraged ETFs und Short ETFs sind noch deutlich kleiner. Niemand muss diese Spezial-ETFs kaufen, und normale Privatanleger tun es ja ganz offensichtlich auch selten. Systemrisiken k\u00f6nnen aus diesen Nischenprodukten schon aufgrund ihres geringen Investmentvolumens nicht erwachsen.<\/p>\n

\u25ba\u00a0Argument 15: Wertpapierleihe bei ETFs ist ein obskures, risikoreiches Seitengesch\u00e4ft von ETFs und kann schwer beurteilbare Risiken mit sich bringen.<\/strong> <\/span>Die Fakten: Wertpapierleihe<\/a> darf unterschiedslos von allen<\/em> Investmentfonds \u2013 aktiven und passiven \u2013 praktiziert werden, und eben nicht nur von ETFs, also auch von aktiv gemanagten Investmentfonds, Hedgefonds, Sovereign-Wealth-Fonds, Pensions-Fonds und anderen institutionellen Fonds. Wertpapierleihe existiert seit \u00fcber 50 Jahren und hat bei Investmentfonds (aufsichtsrechtlich „UCITS-Fonds“ oder ihrem US-Pendant „Mutual Funds“) bisher noch nie \u2013 auch nicht in den zwei gro\u00dfen B\u00f6rsenkrisen nach dem Jahr 2000 \u2013 nennenswerte Sch\u00e4den f\u00fcr Privatanleger verursacht (mir ist \u00fcberhaupt kein Schadensfall bekannt). Aus meiner Sicht sind ETFs, die Wertpapierleihe betreiben, vorzuziehen, weil sie \u00fcber die Wertpapierleihe einen kleinen Zusatzertrag erzielen, der in einem vern\u00fcnftigen Verh\u00e4ltnis zu dem dabei eingegangenen Minirisiko steht.<\/p>\n

\u25ba\u00a0Argument 16: „Mit ETF-Investieren erzielt man nur die Marktrendite (nur die jeweilige Asset-Klassen-Rendite).“<\/strong><\/span> Die Fakten: Dieses Argument ist technisch und formal gesehen richtig. Trotzdem besteht f\u00fcr einen passiven ETF-Anleger statistisch eine ca. 90-prozentige Wahrscheinlichkeit, vergleichbare aktive Anleger \u00fcber einen Zeitraum von f\u00fcnf Jahren aufw\u00e4rts renditem\u00e4\u00dfig zu schlagen. Andersherum formuliert besteht f\u00fcr den aktiven Anleger statistisch eine 90-prozentige Wahrscheinlichkeit unterhalb der Marktrendite zu liegen, sein Outperformance-Ziel also zu verfehlen. Der US-Finanzjournalist Tyler Mathisen schrieb einmal dazu: „It’s the paradox of index investing today: Gunning for average is your best shot to finish above average.“ [Es ist das Paradox von Kapitalanlagen in Indexfonds: Auf den Durchschnitt zu zielen ist die beste Chance \u00fcber dem Durchschnitt zu enden.]<\/em><\/p>\n

\u25ba\u00a0Argument 17: Ein ETF investiert automatisch auch in die schlechten Aktien. Diesen Nachteil habe ich bei aktiv gemanagten Fonds oder beim Stock Picking nicht.<\/strong><\/span> Die Fakten: Dieser Einwand \u00e4ndert nichts daran, dass die Mehrzahl aller aktiv gemanagten Fonds und Do-it-Yourself-Portfolios schlechter rentiert als entsprechende ETFs und die Minderzahl, die besser rentiert, nicht prognostizierbar ist. So sieht es jedenfalls die Wissenschaft. Der Grund: Offensichtlich gelingt es diesen aktiv gemanagten Portfolios nicht hinreichend zuverl\u00e4ssig die schlechten Aktien (diejenigen, die in einem spezifischen Zeitfenster besonders unattraktive Renditen haben) zu vermeiden und\/oder die besonders rentablen Aktien mit ausreichend hoher Treffsicherheit im Portfolio zu haben.<\/p>\n

\u25ba\u00a0Argument 18: Ein MSCI World ETF ist „kopflastig“ \u2013 (siehe auch Argument 3). Die USA als Region macht \u00fcber 60% aus und die gr\u00f6\u00dften zehn Einzelpositionen \u00fcber 15%. Das ist schlechte Diversifikation.<\/strong> <\/span>Die Fakten: Ja, das stimmt, aber wer sich daran auf Depotebene st\u00f6rt, der kann das leicht \u00fcber die Nutzung anderer oder zus\u00e4tzlicher ETFs nach eigenem Gusto korrigieren und ich halte das f\u00fcr keine schlechte Idee. Allerdings hat die USA-Kopflastigkeit dem MSCI-World Index z. B. in den 20 Jahren bis heute (31.10.2022) renditem\u00e4\u00dfig geholfen. Ein geringeres USA-Gewicht h\u00e4tte die Rendite in diesem Zeitraum verschlechtert.<\/p>\n

\u25ba\u00a0Argument 19: „In ETFs auf Buy-and-Hold-Basis zu investieren ist langweilig und unsexy.“<\/strong><\/span> Die Fakten: Sofern ein Anleger die Geldanlage prim\u00e4r durch die Brille des Unterhaltungswertes und der damit vielleicht erzielbaren Bragging Rights<\/em> [das „Recht“ mit etwas anzugeben]<\/em> betrachtet, dann wird er an ETFs auf Buy-and-Hold-Basis in der Tat keinen Gefallen finden. Dieser Anlegertypus betrachtet B\u00f6rseninvestments als „Wettstreit“, als „Kampf“ gegen den Markt und gegen andere Anleger, in dem er sich siegreich behaupten m\u00f6chte. Passives ETF-Investieren, so wie in diesem Buch empfohlen, bedeutet das Gegenteil, n\u00e4mlich mit<\/em> dem Markt zu investieren, nicht gegen ihn. Passive ETFs sind Flow<\/em>, nicht Kampf. Mein Kompromissvorschlag an einen Anleger, der ETFs f\u00fcr zu langweilig h\u00e4lt: Investieren Sie 90% Ihres liquiden Verm\u00f6gens \u00fcber ETFs auf Buy-and-Hold-Basis propagiert wird, und 10% sozusagen in ein kleines Zockerdepot, mit dem Sie Ihren sportlichen Finanzehrgeiz ausleben.<\/p>\n

 <\/p>\n

Fazit<\/strong><\/span><\/h2>\n

Der gr\u00f6\u00dfte Teil der ETF-Kritik ist einseitig oder falsch und kommt von Personen mit einem Interessenkonflikt, oder Journalisten, die mit Angstmache Auflagen und Klickraten steigern wollen. Immerhin: In einigen technischen Spezialaspekten hat diese Kritik im Laufe der Jahre dazu beigetragen, ETFs noch sicherer und noch transparenter zu machen.<\/p>\n

ETFs haben in den vergangenen 30 Jahren drei denkbar harte, oben genannte Stresstests problemlos \u00fcberstanden. In diesen 30 Jahren gab es au\u00dferdem noch viele, viele kleinere, speziellere oder lokale Krisen am Kapitalmarkt. Aus der rechtlichen Struktur von ETFs hat meines Wissens bis zum heutigen Tag kein Privatanleger weltweit je einen Schaden erlitten. Kein Finanzprodukt hat in den vergangenen 50 Jahren global einen gr\u00f6\u00dferen Nutzen f\u00fcr Kleinanleger generiert als Indexfonds einschlie\u00dflich ihrer ETF-Variante.<\/p>\n

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