{"id":11304,"date":"2024-07-10T16:44:29","date_gmt":"2024-07-10T14:44:29","guid":{"rendered":"https:\/\/gerd-kommer.de\/?p=11304"},"modified":"2026-05-27T17:17:11","modified_gmt":"2026-05-27T15:17:11","slug":"us-aktienmarkt-renditen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/us-aktienmarkt-renditen\/","title":{"rendered":"Ist der US-Aktienmarkt wirklich der beste der Welt?"},"content":{"rendered":"
Von Gerd Kommer<\/a>\u00a0und\u00a0Daniel Kanzler<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n Die nie endende Suche der Anlegergemeinschaft nach ausbeutbaren Regelm\u00e4\u00dfigkeiten und Mustern im Aktienmarkt hat in j\u00fcngerer Zeit ein neues vermeintliches Grundmuster zu Tage gef\u00f6rdert: Die These, der zufolge der US-Aktienmarkt strukturell oder systematisch h\u00f6here Renditen erzeuge als die Aktienmarktregion „Welt ohne USA“. Man k\u00f6nnte diese „Theorie“ handlich mit dem aus der Geschichtswissenschaft entlehnten Begriff „US-Exceptionalism“ [1]<\/span><\/strong> betiteln.<\/p>\n In diesem Blog-Beitrag werden wir anhand empirischer, theoretischer und sachlogischer Argumente zeigen, dass die auf den US-Aktienmarkt bezogene US-Exceptionalism-These wahrscheinlich falsch ist und Privatanleger, die ihre Anlagestrategie zu stark an ihr ausrichten, in den n\u00e4chsten Jahren eine Entt\u00e4uschung erleben k\u00f6nnten.<\/p>\n Zun\u00e4chst zur Frage, woher die aktienmarktm\u00e4\u00dfige US-Exceptionalism-These kommt.<\/p>\n Irgendwann in den letzten Jahren hat eine hinreichend gro\u00dfe Zahl von Wirtschaftsjournalisten, Finfluencern und Anlegern bemerkt, dass der US-Aktienmarkt seit etwa April 2008 [2]<\/span><\/strong> eine bis zur Gegenwart merklich h\u00f6here Rendite ablieferte als die aggregierte Rendite der \u00fcbrigen knapp 50\u00a0L\u00e4nder mit relevanten Aktienm\u00e4rkten \u2013 die Region „Welt ohne USA“\/“World ex USA“. Logischerweise lag die US-Marktrendite damit in diesem Zeitraum auch \u00fcber der des Weltaktienmarktes.<\/p>\n Diese Feststellung wurde sodann mit einer zweiten kombiniert: In der unter fortgeschrittenen Aktienmarktexperten inzwischen recht bekannten historischen Kapitalmarktdatenbank der drei britischen Finanzprofessoren Dimson, Marsh und Staunton, die bis ins Jahr 1900 zur\u00fcckreicht, zeigt der US-Aktienmarkt \u00fcber die Gesamtperiode von 124 Jahren (Anfang 1900 bis Ende 2023) ebenfalls eine h\u00f6here Rendite als die Region Welt ex USA<\/em> in Gestalt der 20 weiteren westlichen L\u00e4nder, f\u00fcr die die verf\u00fcgbaren Daten so weit zur\u00fcckgehen. [3]<\/span><\/strong> Tabelle\u00a01 illustriert den Sachverhalt.<\/p>\n Tabelle 1: Vergleich der inflationsbereinigten Aktienmarktrenditen in drei Regionen: USA, Welt ex USA und Welt \u2013 reale Renditen in USD<\/strong><\/span><\/p>\n \u25ba Ohne Kosten und Steuern. \u25ba [A] „MSCI EAFE + EM“ ist der MSCI-Index, der alle Industriel\u00e4nder ausgenommen USA und Kanada sowie alle Emerging Markets umfasst. EAFE steht f\u00fcr „Europe, Asia, Far East“, EM steht f\u00fcr „Emerging Markets“ (jeweils nach MSCI-Definition). ACWI steht f\u00fcr All Country World Index (Industriel\u00e4nder und Schwellenl\u00e4nder). \u25ba Zugrundeliegende Originaldaten: Dimson\/Marsh\/Staunton (DMS) f\u00fcr den 124-Jahres-Zeitraum, MSCI und Dimensional Fund Advisors f\u00fcr den k\u00fcrzeren Zeitraum.<\/span><\/p>\n F\u00fcr den k\u00fcrzeren Zeitraum in der untersten Zeile in Tabelle\u00a01 k\u00f6nnte man mit mehr oder weniger gleichen relativen Renditeunterschieden zwischen den drei Regionen auch alternativ die letzten f\u00fcnf oder die letzten zehn Jahre verwenden, nicht hingegen \u2013 und das ist wichtig \u2013 Zeitr\u00e4ume, die deutlich weiter als 16\u00a0Jahre zur\u00fcckgehen. Dazu weiter unten mehr.<\/p>\n <\/p>\n Als Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Renditeunterschiede in Tabelle\u00a01 zwischen den Regionen USA und Welt ex USA werden \u00fcblicherweise die folgenden drei Gr\u00fcnde angef\u00fchrt:\u00a0<\/em><\/p>\n (a) \u00a0\u00a0\u00a0 Die USA sind eine „dynamischere“ Volkswirtschaft als der Rest der Welt.<\/em>\u00a0<\/em><\/p>\n (b) \u00a0\u00a0\u00a0 Der Tech-Sektor (High-Tech-Sektor) hat im US-Aktienmarkt ein h\u00f6heres Gewicht als im Rest der Welt. Tech-Aktien sind einfach rentabler als die \u00fcbrigen Sektoren\/Branchen.<\/em>\u00a0<\/em><\/p>\n (c) \u00a0\u00a0\u00a0 Da der US-Aktienmarkt in den letzten eineinhalb Jahrzehnten wie auch sehr langfristig h\u00f6here Renditen erzeugte als der Rest der Welt, ist das ein struktureller Faktor, der sich wohl auch in der langfristigen Zukunft fortsetzen wird.<\/em><\/p>\n Beginnen wir mit Grund (a), der angeblich besonders „dynamischen“ US-Volkswirtschaft. Mutma\u00dflich ist unter dynamisch hier „schneller wachsend“ oder „innovativer“ zu verstehen. Wir adressieren nachfolgend beide Bedeutungen.<\/p>\n Die Daten in Tabelle\u00a02 zeigen f\u00fcr die letzten 20\u00a0Jahre, dass das Wirtschaftswachstum in den USA nicht h\u00f6her war als das aggregierte Wachstum aller \u00fcbrigen ca. 195\u00a0L\u00e4nder der Erde. [4]<\/span><\/strong> Die gerne als „sklerotisch“ bezeichnete Region Europa schlug die USA beim Wirtschaftswachstum in den zur\u00fcckliegenden zwei Jahrzehnten. [5]<\/span><\/strong> \u00dcber die letzten 50\u00a0Jahre hatten die USA nur einen kleinen, wohl eher vernachl\u00e4ssigbaren Vorsprung vor dem Rest der Welt.<\/p>\n Die gr\u00f6\u00dfte hier gezeigte einzelne Weltregion „East Asia & Pacific“ (dazu geh\u00f6ren bspw. China, Indien, Indonesien, Vietnam, Japan und Australien, Hongkong, Singapur) w\u00e4chst seit den 1970er-Jahren konsistent schneller als die USA.<\/p>\n Tabelle 2: Vergleich des realen Wirtschaftswachstums f\u00fcr zwei Zeitr\u00e4ume zwischen den USA und verschiedenen Weltregionen \u2013 inflationsbereinigtes BIP-Wachstum pro Kopf (real GDP growth per capita in USD)<\/strong><\/span><\/p>\n \u25ba [A] Alle L\u00e4nder der Erde (Developed Countries, Developing Countries). \u25ba BIP = Bruttoinlandsprodukt, GDP = Gross Domestic Product. \u25ba Zugrundeliegende Originaldaten: Weltbank (World Bank). \u25ba H\u00e4tte man f\u00fcr diese Auswertung nicht das Wachstum des BIPs pro Kopf, sondern das Wachstum des absoluten BIPs verwendet, h\u00e4tte ein nur unwesentlich anderes Ergebnis resultiert. Grunds\u00e4tzlich halten wir das Pro-Kopf-Wachstum in diesem Kontext f\u00fcr aussagekr\u00e4ftiger.<\/span><\/p>\n Doch die Zahlen in Tabelle\u00a02 sind nicht das einzige Argument, das die These von der „dynamischen“ US-Volkswirtschaft als wesentliche Ursache f\u00fcr die vermeintlich besonders hohen US-Aktienmarktrenditen in Frage stellt. Ein anderes ebenso wichtiges Argument ist grunds\u00e4tzlicher Natur.<\/p>\n <\/p>\n Es gibt f\u00fcr Zeitr\u00e4ume von einem Jahr bis vermutlich 30\u00a0Jahren keinen statistischen Zusammenhang zwischen nationalem Wirtschaftswachstum und nationalen Aktienmarktrenditen und noch weniger einen, den Anleger vorw\u00e4rtsgerichtet zu ihrem Nutzen ausbeuten k\u00f6nnen. [6]<\/span><\/strong> Dieses Faktum ist von Wissenschaftlern mehrfach und wohl endg\u00fcltig bewiesen worden.<\/p>\n Jeder, der im \u00f6ffentlichen Raum als „Experte“ auftritt und explizit oder implizit argumentiert, man m\u00fcsse verst\u00e4rkt in die Aktienm\u00e4rkte von L\u00e4ndern oder Regionen mit hohem Wirtschaftswachstum investieren, outet sich damit als jemand, der die wissenschaftlich belegten Fakten nicht kennt oder der sie aus unlauteren Motiven (z. B. Interessenkonflikten) bewusst ignoriert. Noch l\u00e4cherlicher ist das von „Experten“ laufend durchgef\u00fchrte Herstellen von Zusammenh\u00e4ngen zwischen nationalen Aktienmarktrenditen in der kurzfristigen oder mittelfristigen Zukunft und den erwarteten Wachstumsraten von Land A versus Land\u00a0B f\u00fcr die folgenden ein oder zwei Jahre. [7]<\/span><\/strong><\/p>\n Wir haben den fehlenden Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Aktienmarktrenditen mehrfach dokumentiert, z. B. hier<\/u><\/a> und hier<\/u><\/a> und hier<\/u><\/a> und dabei auch die gut bekannten und sehr klaren Gr\u00fcnde f\u00fcr die Abwesenheit eines Zusammenhangs dargelegt.<\/p>\n <\/p>\n Gelegentlich wird in Medienartikeln mit dem Begriff „dynamische Volkswirtschaft“, statt „h\u00f6heres Wirtschaftswachstum“ auch gemeint, dass die USA eine gr\u00f6\u00dfere oder innovativere Startup-Szene h\u00e4tten, als Europa oder andere Weltregionen oder dass es in den USA mehr B\u00f6rseng\u00e4nge g\u00e4be als in Europa. Das soll zu den guten Renditen des US-Aktienmarktes beitragen. Auch mit dieser Logik ist es nicht weit her.<\/p>\n Startups und die mit ihnen einhergehenden Venture Capital-Investments (Wagniskapital) haben mit den Renditen b\u00f6rsennotierter Unternehmen wenig bis nichts zu tun. Die meisten Startups \u00fcberleben ihre ersten zehn Jahre sowieso nicht. Von der Minderheit, die \u00fcberlebt, wird wiederum die gro\u00dfe Mehrheit mangels ausreichenden Wachstums oder wegen anderer Ursachen kein B\u00f6rsen-Listing erreichen. Der winzige Teil aller Startups, der irgendwann einmal an die B\u00f6rse geht, tut das typischerweise erst ein Jahrzehnt oder noch sp\u00e4ter nach der Unternehmensgr\u00fcndung. Von „Startup“ kann man dann beim B\u00f6rsengang nicht mehr sprechen. Und zu guter Letzt: „IPO-Aktien“ (Aktien, die in den letzten 24 Monaten ihren erstmaligen B\u00f6rsengang hatten) produzieren in diesem Zeitraum statistisch unterdurchschnittliche Renditen. Sie ziehen den Gesamtaktienmarkt eher runter, als rauf (siehe hier<\/u><\/a>).<\/p>\n Man kann im Sinne des ersten Zwischenfazits den Sachverhalt so zusammenfassen: (a) Die US-Volkswirtschaft w\u00e4chst nicht systematisch schneller als die Volkswirtschaften anderer gro\u00dfer Regionen oder L\u00e4nder. (b) Es existiert kein f\u00fcr Anleger hinreichend verl\u00e4sslich ausbeutbarer Zusammenhang zwischen nationalem Wirtschaftswachstum und nationalen Aktienmarktrenditen. (c) Vom gro\u00dfen Startup- und Venture-Capital-Markt in den USA geht kein irgendwie ins Gewicht fallender Einfluss auf die Rendite des US-Aktienmarktes aus.<\/p>\n <\/p>\n Nun zu Grund (b) f\u00fcr die (vermeintlich) h\u00f6heren Renditen des US-Aktienmarktes: Der h\u00f6here Anteil des Tech-Sektors im US-Aktienmarkt.<\/p>\n In der Tat besitzt der US-Aktienmarkt einen gr\u00f6\u00dferen Tech-Anteil. Das best\u00e4tigt Tabelle\u00a03. (Hierbei wird der jeweilige Aktienmarkt von MSCI und auch anderen Datenanbietern in zw\u00f6lf „Sektoren“ aufgegliedert. Diese Sektoren k\u00f6nnte man als „Gro\u00dfbranchen“ bezeichnen (bei anderen Datenanbieter sind es z. T. nur elf oder zehn Sektoren).<\/p>\n Tabelle 3: Anteil des Tech-Sektors (Information Technology) am US-Aktienmarkt und an den Aktienm\u00e4rkten von zwei anderen Weltregionen (Stand 30.06.2024)<\/strong><\/span><\/p>\n \u25ba [A] „MSCI EAFE + EM“ ist der MSCI-Index, der alle Industriel\u00e4nder ausgenommen USA und Kanada sowie alle Emerging Markets umfasst. EAFE steht f\u00fcr „Europe, Asia, Far East“, EM steht f\u00fcr „Emerging Markets“ (jeweils nach MSCI-Definition). [B] ACWI steht f\u00fcr All Country World Index, ein MSCI-Index, der alle 23 Developed Markets und alle 26 Emerging Markets abbildet (jeweils nach MSCI-Definition). \u25ba Quelle: Fact Sheets der jeweiligen MSCI-Indizes zum 30.06.2024.<\/span><\/p>\n Zwar macht der Tech-Sektor an den US-B\u00f6rsen wie aus Tabelle\u00a03 hervorgeht tats\u00e4chlich einen deutlich gr\u00f6\u00dferen Anteil als jeder der anderen Sektoren aus, doch belegt das nicht, dass der US-Aktienmarkt deswegen langfristig und systematisch rentabler ist oder sein muss als der Rest der Welt. Das tut es deshalb nicht, weil keine verl\u00e4ssliche Evidenz daf\u00fcr existiert, dass Tech-Aktien \u00e0\u00a0la\u00a0longue<\/em> eine attraktivere absolute Rendite oder risikogewichtete Rendite (Sharpe Ratio) produzieren als der Gesamtmarkt oder der in einem gegebenen langen Zeitfenster beste andere Sektor. Das geht aus Tabelle\u00a04 hervor.<\/p>\n Tabelle 4: Rendite und Risiko von zwei Sektoren und dem gesamten US-Aktienmarkt \u2013 in USD, nominal von 1983 bis 2023 (41 Jahre)<\/strong><\/span><\/p>\n \u25ba Ohne Kosten und Steuern. \u25ba Der Gesamtmarkt wird in der zugrundeliegenden Datenbank in zehn Sektoren aufgeteilt. Die unterschiedliche Sektordefinition von MSCI mit zw\u00f6lf Sektoren w\u00fcrde zu keinem nennenswerten Unterschied f\u00fchren. \u25ba Volatilit\u00e4t: annualisierte Volatilit\u00e4t der Standardabweichung der Monatsrenditen. \u25ba Risikogewichtete Rendite: Vereinfachte Sharpe Ratio hier definiert als: Arithmetischer \u00d8 der Monatsrenditen \u00f7 Standardabweichung der Monatsrenditen. \u25ba Zugrundeliegende Originaldaten: Ken French Data Library.<\/span><\/p>\n <\/p>\n F\u00fcr die Berechnungen in Tabelle 4 haben wir das Jahr 1983 deswegen als Startzeitpunkt gew\u00e4hlt, weil es als das Geburtsjahr des Internets angegeben wird. Einige „Tech-Experten“ glauben, dass die Entstehung des Internets einen volkswirtschaftlichen „Strukturbruch“ bei der Verteilung der Sektor-Renditen im Aktienmarkt verursacht habe. Beides k\u00f6nnte ein Irrtum sein, worauf wir jedoch aus Platzgr\u00fcnden nicht weiter eingehen. Gleichwohl nutzen wir hier Januar 1983 als Startzeitpunkt, um diesem Argument zu begegnen. W\u00e4ren wir in unseren Berechnungen noch weiter zur\u00fcckgegangen (z. B. bis 1970 oder 1960) w\u00fcrde sich das in Tabelle\u00a04 gezeigte Bild verfestigen: Langfristig bewegt sich die Rendite des Tech-Sektors nahe an der des Gesamtmarktes \u2013 bei zugleich h\u00f6herer Volatilit\u00e4t. Somit ergibt sich f\u00fcr den Tech-Sektor eine, jedenfalls in Isolation betrachtet, schlechte risikogewichtete Rendite.<\/p>\n Manche glauben, dass k\u00fcnstliche Intelligenz (KI) dem Tech-Sektor in Zukunft einen bisher nicht vorhandenen „Rendite-Booster“ geben wird. Dass und warum eine solche Vorstellung unrealistisch ist, haben wir in unserem k\u00fcrzlichen Blog-Beitrag dargestellt (siehe hier<\/u><\/a>).<\/p>\n Die hohen Tech-Renditen in den letzten rund 15\u00a0Jahren haben zu einer aktuell sehr hohen Bewertung des Tech-Sektors gef\u00fchrt. Ende Juni 2024 betrug das KGV [8]<\/span><\/strong> des MSCI World Information Technology Index 41. Ein normales, „faires“ KGV d\u00fcrfte bei 16 bis 18 liegen. Das entsprechende KGV des breiteren Gesamtmarktindex MSCI World betrug dagegen „weniger alarmierende“ 22.<\/p>\n Die hohe Tech-Bewertung r\u00fchrt daher, dass die Kurse von Tech-Aktien in den letzten Jahren weit st\u00e4rker gestiegen sind als die bisherigen Gewinne der Tech-Unternehmen. Der herrschenden Meinung in der akademischen Aktienmarktforschung zufolge sind Renditen von Anlageklassen \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume hinweg eine Funktion ihres Bewertungsniveaus am Beginn des Zeitraums. Das l\u00e4sst nichts Gutes f\u00fcr den Tech-Sektor hoffen.<\/p>\n Wer sich einen schnellen \u00dcberblick dar\u00fcber verschaffen m\u00f6chte, was die Wissenschaft zu den angeblich strukturell h\u00f6heren Langfristrenditen von Tech-Aktien sagt, dem empfehlen wir den Aufsatz von Bessembinder (2020 \u2013 hier<\/u><\/a>). Bessembinder kann keine Belege f\u00fcr eine systematische Outperformance von Tech-Aktien erkennen.<\/p>\n Unser zweites Zwischenfazit lautet daher so: (1) Ja, US-Tech-Aktien lieferten zwar in den letzten ca. 15\u00a0Jahren weitaus h\u00f6here Renditen als die der anderen Sektoren, wenn man aber weiter in die Vergangenheit zur\u00fcck geht, dann n\u00e4hern sich Tech-Renditen derjenigen des Gesamtmarktes an. Der langfristig rentabelste Sektor seit 1970 (der fr\u00fchestm\u00f6gliche Zeitpunkt, ab dem Daten f\u00fcr alle zehn oder zw\u00f6lf Sektoren vorliegen [9]<\/span><\/strong>) ist nicht Tech, sondern Health Care. (2) Der Tech-Sektor hat immer wieder \u00fcber Zeitr\u00e4ume von zehn Jahren und mehr den Gesamtmarkt unter-performt \u2013 wie alle anderen Sektoren auch. Ab Anfang 2000 gab es einen Zeitraum von \u00fcber zehn Jahren, in denen der Tech-Sektor desastr\u00f6se Renditen ablieferte (Tabelle 4). Au\u00dferdem ist der Tech-Sektor besonders volatil. Seine zeitweilig hohen Renditen sind somit kein Free Lunch. (3) Die akademische Forschung hat u.W. keinen Beleg f\u00fcr strukturell h\u00f6here Tech-Renditen geliefert. (4) Die hohen Renditen in der j\u00fcngeren Vergangenheit f\u00fchrten zu hohen Bewertungen und k\u00f6nnten damit unterdurchschnittliche Tech-Renditen in der Zukunft bewirken \u2013 genauso wie ab Ende 1999.<\/p>\n <\/p>\n Zum Schluss wollen wir eine ganz grunds\u00e4tzliche, „h\u00e4retische“ Frage stellen und beantworten. Stimmt es \u00fcberhaupt, dass US-Aktienrenditen sehr langfristig h\u00f6her waren als die des Rests der Welt? Die herrschende Meinung und die Daten in Tabelle\u00a01 scheinen das zu besagen. Aus unserer Sicht sind auch dabei Zweifel anzumelden. Warum wir das so sehen, deutet Tabelle\u00a05 an.<\/p>\n Tabelle 5: Vergleich der inflationsbereinigten (realen) Aktienmarktrenditen der USA und der Region „Welt ex USA“ von 1900 bis 2023 \u2013 Renditen in USD<\/strong><\/span><\/p>\n \u25ba Ohne Kosten und Steuern. \u25ba [A] Das sind die L\u00e4nder Australien und Neuseeland \u2013 zwei Staaten, die, geografisch, „weit weg“ vom Ersten und Zweiten Weltkrieg lagen (siehe Argumentation laufender Text). \u25ba [B] Das sind die L\u00e4nder Japan, Deutschland, Niederlande, Schweden, D\u00e4nemark und Irland. \u25ba Zugrundeliegende Originaldaten: Dimson\/Marsh\/Staunton.<\/span><\/p>\n Tabelle\u00a05 l\u00e4sst erkennen, dass der gr\u00f6\u00dfte Teil des Renditevorsprungs der USA \u00fcber den Gesamtzeitraum von 124 Jahren in die ersten 50 Jahre f\u00e4llt, also in die Phase, in der zwei Weltkriege das Arbeitskr\u00e4ftereservoir, die Infrastruktur, die Kapitalm\u00e4rkte und die W\u00e4hrungssysteme von Europa und Japan in hohem Ma\u00dfe zerst\u00f6rten, [10]<\/span><\/strong> w\u00e4hrend die USA volkswirtschaftlich und kapitalmarktm\u00e4\u00dfig von den beiden Weltkriegen wenig beeintr\u00e4chtigt wurde oder m\u00f6glicherweise von ihnen profitierte \u2013 relativ oder sogar absolut.<\/p>\n Anders formuliert: \u00dcber vier F\u00fcnftel der Outperformance des US-Marktes im Gesamtzeitraum von 124\u00a0Jahren ereignete sind in den ersten 50\u00a0Jahren in einer historisch einmaligen Periode, weniger als ein F\u00fcnftel der Outperformance in den f\u00fcr die Zukunft wohl repr\u00e4sentativeren 74 Jahren ohne „einseitige“ Weltkriegseffekte zum Nachteil von Europa und Japan und zum Vorteil der USA. Dass in den n\u00e4chsten 20\u00a0oder 50\u00a0Jahren noch einmal ein oder zwei Weltkriege geschehen, die sich nur zu Lasten der Nicht-US-Volkswirtschaften\/Kapitalm\u00e4rkte und zu Gunsten der USA auswirken, halten wir f\u00fcr eine wenig \u00fcberzeugende Annahme.<\/p>\n Wer unserer Denkweise folgt, sollte bei der historischen Berechnung der Outperformance des US-Aktienmarktes nur die Zeit ab ca. 1950 ber\u00fccksichtigen, weil die Zeit davor im hier relevanten Sinne mutma\u00dflich keine Bedeutung f\u00fcr die Zukunft hat. Tut man das, schrumpft der historische US-Renditevorteil um \u00fcber 80%.<\/p>\n Im \u00dcbrigen waren die USA von 1950 bis heute, unter 21 L\u00e4ndern nur der siebt-rentabelste Aktienmarkt (siehe Erl\u00e4uterungen unterhalb Tabelle\u00a05). Aus diesem Blickwinkel ist die US-Outperformance versus der Region Welt ex USA<\/em> bis zu einem gewissen Grad ein k\u00fcnstliches Daten-Artefakt, das aus der seit einigen Jahren zwar \u00fcblichen, aber keineswegs fragezeichenfreien oder gar selbstverst\u00e4ndlichen Aufsplittung des Weltaktienmarktes in nur zwei Gro\u00dfregionen resultiert.<\/p>\n Wenn man nun noch bedenkt, dass der US-Aktienmarkt am Ende dieser 124 Jahre (Dez. 2023) und auch heute (per 30.06.2024) eine um rund 70% h\u00f6here Bewertung im Sinne des KGV aufwies als die Region Welt ex USA, [11]<\/span><\/strong> dann wird u. E. klar, dass die These der strukturell h\u00f6heren Renditen des US-Aktienmarktes auf wackeligen Beinen steht.<\/p>\n Wen unsere Analyse und Interpretation der langfristigen historischen Daten nicht \u00fcberzeugt, den laden wir ein, sich die kleine M\u00fche zu machen, nach Ver\u00f6ffentlichungen von an Universit\u00e4ten besch\u00e4ftigten Wissenschaftlern zu suchen, die die These von den strukturell h\u00f6heren US-Aktienmarktrenditen, die US-Exceptionalism-These in Bezug auf Aktien, st\u00fctzen. Wir haben keinen solchen Aufsatz finden k\u00f6nnen. Zwei Aufs\u00e4tze, die<\/em> wir gefunden haben, sind van Binsbergen u.a. (2023 \u2013 hier<\/u><\/a>) sowie Anarkulova u.a. (2024 \u2013 hier<\/u><\/a>), die die US-Exceptionalism-These tendenziell zur\u00fcckweisen.<\/p>\n <\/p>\n In diesem Blog-Beitrag haben wir Zahlen und Argumente vorgestellt, die u. E. belegen, dass der US-Aktienmarkt zwar \u00fcber mehrere Jahre hinweg (wie jeder nationale Aktienmarkt), aber nicht systematisch<\/em> rentabler ist als andere relevante Aktienm\u00e4rkte. Dass derzeit so viele Marktteilnehmer an die US-Exceptionalism-These glauben, hat mit einer Reihe von Denkfehlern, Irrt\u00fcmern und Mythen zu tun, die von den Medien, von der Finanzbranche, von Ratgeberbuchautoren und von Finfluencern immer wieder neu verbreitet werden, weil ihnen das direkt oder indirekt nutzt. Zusammengefasst sind das die folgenden:<\/p>\n Insgesamt ist die These vom US-Aktien-Exceptionalism das Ergebnis einer selektiven, verk\u00fcrzten und oft einfach falschen Auswertung und Interpretation von Daten oder anderen \u00f6konomischen Sachverhalten.<\/p>\n Privatanleger, die ihre Anlagestrategie vorw\u00e4rtsgerichtet stark an der Erwartung strukturell h\u00f6herer US-Aktienmarktrenditen in der Zukunft ausrichten, k\u00f6nnten aufgrund der im Vergleich hohen Bewertungen von US-Aktien und US-Tech-Aktien in den n\u00e4chsten Jahren eine unerfreuliche \u00dcberraschung erleben. Hierbei ist zu bedenken, dass in den Aktienportfolios vieler Anleger der US-Aktienteil zwei Drittel oder mehr einnimmt. Wir halten das aus den hier dargelegten Gr\u00fcnden f\u00fcr eine zu hohe Gewichtung.<\/p>\n <\/p>\n [1]<\/strong> „Ausnahmefall“ oder „Singularit\u00e4t“ der USA.<\/p>\n [2]<\/strong> Der Zeitpunkt April 2008 lag rechnerisch im ersten Drittel des Aktienmarkt-Crashes der Gro\u00dfen Finanzkrise, die aus makro\u00f6konomischer Sicht etwa von Anfang 2008 bis Ende 2011 dauerte.<\/p>\n [3]<\/strong> Die j\u00e4hrliche Aktualisierung der Dimson-Marsh-Staunton-Daten ist auch unter dem Namen „UBS Global Investment Returns Yearbook“ bekannt (bis vor Kurzem „Credit Suisse Global Investment Returns Yearbook“).<\/p>\n [4]<\/strong> \u00dcbrigens bei einer weitaus h\u00f6heren Staatsverschuldung der USA relativ zum Durchschnitt der \u00fcbrigen rund 195 Staaten. Die Quote „Staatsschulden zu BIP“ ist mit ca. 125% f\u00fcr die USA inzwischen so hoch, dass die Spielr\u00e4ume zur weiteren Erh\u00f6hung ausgereizt erscheinen.<\/p>\n [5]<\/strong> Die Region „Europe & Central Asia“ schlie\u00dft neben Gesamteuropa auch die T\u00fcrkei, Russland und mehrere ehemalige Sowjet-Republiken mit ein. Aufgrund ihrer kleinen Volkswirtschaften fallen letztere hier aber nicht ins Gewicht.<\/p>\n [6]<\/strong> Um eine entsprechende Aussage f\u00fcr l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume, also ca. 30 Jahre, statistisch \u00fcberpr\u00fcfen zu k\u00f6nnen, sind die vorhandenen Datenreihen zu kurz.<\/p>\n [7]<\/strong> Ein j\u00fcngeres Beispiel f\u00fcr solche Artikel ist Christiane von Hardenberg: „Der MSCI-World ist zu amerikalastig? Gut so!“, FAZ-Online, vom 25.06.2024.<\/p>\n [8]<\/strong> KGV = Kurs-Gewinn-Verh\u00e4ltnis (eine Bewertungskennzahl), englisch Price Earnings Ratio.<\/p>\n [9]<\/strong> Je nach verwendeter Datenbank sind es 10 oder 12 Sektoren.<\/p>\n [10]<\/strong> Im Falle Japan gilt das nur f\u00fcr den Zweiten Weltkrieg.<\/p>\n [11]<\/strong> Gemessen an den KGVs des MSCI USA Index und des MSCI EAFE+EM-Index. Gemessen an der alternativen Bewertungskennzahl Preis-Buchwert-Verh\u00e4ltnis ist die H\u00f6herbewertung der USA sogar noch extremer.<\/p>\n [12]<\/strong> „Recency“ = K\u00fcrzlichkeit, „Bias“ = Voreingenomenheit, Verzerrung, Tendenz.<\/p>\n <\/p>\n Anarkulova, Aizhan u.a. (2024): „Long Horizon Losses in Stocks, Bonds, and Bills“; 11.01.2024; Internet-Fundstelle: SSRN \u2013 hier<\/a><\/p>\n Bessembinder, Hendrik (2020): „Extreme Stock Market Performers, Part II: Do Technology Stocks Dominate?“ July 2020; Internet-Fundstelle: SSRN \u2013 hier<\/a><\/p>\n Kommer, Gerd\/Schweizer, Jonas (2023): „Hilft Wirtschaftswissen beim Investieren?“; Blog-Beitrag; 03.03.2023; Internet-Fundstelle: hier<\/a><\/p>\n van Binsbergen, Jules u. a. (2023): „Is The United States A Lucky Survivor: A Hierarchical Bayesian Approach“; 09.10.2023; Internet-Fundstelle: SSRN \u2013 hier<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":" In diesem Beitrag beantworten wir die Frage, ob der US-Aktienmarkt strukturell rentabler ist als andere nationale Aktienm\u00e4rkte. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":11313,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[19,83],"class_list":["post-11304","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nicht-kategorisiert","tag-aktienmarkt","tag-usa"],"yoast_head":"\n
<\/p>\nStandarderkl\u00e4rungen f\u00fcr den vermeintlichen USA-Renditevorteil<\/strong><\/span><\/h2>\n
<\/p>\nKein Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Aktienmarktrenditen<\/strong><\/span><\/h2>\n
Startups in der „dynamischen“ US-Wirtschaft<\/strong><\/span><\/h2>\n
Pushen Tech-Aktien den US-Aktienmarkt?<\/strong><\/span><\/h2>\n
<\/p>\n
<\/p>\nBrachte das Internet einen Strukturbruch in den Daten?<\/strong><\/span><\/h2>\n
Sind US-Aktienrenditen historisch \u00fcberhaupt nennenswert h\u00f6her gewesen als die der anderen L\u00e4nder?<\/strong><\/span><\/h2>\n
<\/p>\nFazit<\/strong><\/span><\/h2>\n
\n
Endnoten<\/strong><\/span><\/h2>\n
Literatur<\/strong><\/span><\/h2>\n