{"id":10936,"date":"2024-05-10T00:00:16","date_gmt":"2024-05-09T22:00:16","guid":{"rendered":"https:\/\/gerd-kommer.de\/?p=10936"},"modified":"2025-09-05T11:53:14","modified_gmt":"2025-09-05T09:53:14","slug":"goldstandard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/goldstandard\/","title":{"rendered":"Der Goldstandard: Ein Motor f\u00fcr mehr Wirtschafts­wachstum?"},"content":{"rendered":"

Von Gerd Kommer<\/a>\u00a0und\u00a0Felix Gro\u00dfmann<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n

In den f\u00fcnf Jahren seit 2018 lieferte Gold attraktive Renditen. Dieser Umstand und die bei vielen Gold-Anh\u00e4ngern verbreitete Skepsis gegen\u00fcber konventionellen „FIAT-Money-W\u00e4hrungen“ [1]<\/span><\/strong> f\u00fchrt zu der gar nicht selten geh\u00f6rten Behauptung, dass unter dem historischen Goldstandard (der in den 1920er Jahren endete) die zentralen volkswirtschaft\u00adlichen Gr\u00f6\u00dfen besser ausgesehen h\u00e4tten als unter den heutigen „Papiergeldw\u00e4hrungen“. Auf die vielleicht wichtigste aller volkswirtschaftlichen Leistungs\u00adkennzahlen, das langfristige Wirtschaftswachstum, trifft die These von der Vorteilhaftigkeit des Goldstandards jedenfalls nicht zu. Eher im Gegenteil: Der Goldstandard scheint das damalige Wirtschaftswachstum gebremst zu haben. Um das zu zeigen, unternehmen wir einen kleinen Ausflug in die globale W\u00e4hrungshistorie.<\/p>\n

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Eine kurze Geschichte der W\u00e4hrungssysteme<\/strong><\/span><\/h2>\n

Die industrielle Revolution begann vor etwa 250 Jahren um 1770. Mit ihr startete ein im Vergleich zu den vorhergehenden 2.000 Jahren unglaublicher Anstieg des globalen Wirtschaftswachstums, der Haus\u00adhalts\u00adeinkommen und der Lebenserwartung des durchschnittlichen Erdenb\u00fcrgers.<\/p>\n

Im Jahr 1717, noch rund 50 Jahre vor dem Einsetzen der industriellen Revolution, f\u00fchrte Gro\u00dfbritannien (GB) als erstes Land de facto einen nationalen Goldstandard ein. 1821 erfolgte die Einf\u00fchrung auch de jure. [2]<\/span><\/strong> Gleichwohl war die W\u00e4hrung in der Mehrzahl der westlichen Staaten bis etwa 1872 silberbasiert. Der Hauptgrund f\u00fcr die Dominanz von Silber als Edelmetalldeckung f\u00fcr nationale W\u00e4hrungen vor den 1870er Jahren: Damals (wie heute) existierte wesentlich mehr gesch\u00fcrftes Silber als Gold auf der Erde. Die Entscheidungs\u00adtr\u00e4ger glaubten deswegen (und vielleicht zu Recht), dass man mit Silber eher als mit Gold eine wirtschaftlich ungewollte, deflation\u00e4r wirkende Verknappung von M\u00fcnzen im Land vermeiden konnte.<\/p>\n

1872 entschied sich das soeben gegr\u00fcndete Deutsche Reich f\u00fcr den Umstieg von einer silberbasierten auf eine gold\u00adbasierte W\u00e4hrung. Dieser Wechsel einer gro\u00dfen, stark wachsenden Wirtschaftsmacht, die kurz zuvor den deutsch-franz\u00f6sischen Krieg gewonnen hatte, [3]<\/span><\/strong> motivierte in den Jahren danach viele andere Staaten von einem silberbasierten auf einen goldbasierten W\u00e4hrungsstandard umzusteigen. Grund war der „Netzwerkeffekt“ \u2013 es war leichter, mit anderen Nationen Handel zu treiben, wenn man den gleichen W\u00e4hrungsstandard wie diese nutzte und damit das Wechselkursrisiko f\u00fcr alle Beteiligten ausschaltete.<\/p>\n

So entstand das, was wir heute den „klassischen Goldstandard“ nennen. Seine Existenzzeit wird im Allgemeinen mit 1873 bis 1914 angegeben. „Klassischer Goldstandard“ bedeutet, dass der Staat in einem Gesetz einen festen Kurs zwischen der nationalen W\u00e4hrung (dem gesetzlichen Zahlungsmittel) und einer Unze Gold festsetzte und dass der Besitzer eines „Geldzertifikats“ (z. B. eines Geldscheins) das Recht besa\u00df, dieses bei einer Bank zum gesetzlichen Kurs gegen physisches Gold einzutauschen, also Gold zu kaufen. Dieses physische Gold geh\u00f6rte dem betreffenden Staat selbst oder seiner Zentralbank, die ihrerseits de jure oder de facto ein staatliches Anh\u00e4ngsel war. [4]<\/span><\/strong> Allerdings w\u00e4re es ein Irrtum zu glauben, dass alle Staaten unter dem klassischen Goldstandard die umlaufende Papiergeldmenge zu 100% mit Goldreserven gedeckt h\u00e4tten. Die tats\u00e4chliche Reserve\u00adquote lag oft deutlich tiefer und sank in manchen Staaten im Zeitablauf.<\/p>\n

Auch vor dem klassischen Goldstandard waren W\u00e4hrungen edelmetallgedeckt (\u00fcberwiegend durch Silber), aber das rechtliche, politische und infrastrukturelle Setup war weniger standardisiert und weniger einheitlich. Echte Zentralbanken im heutigen Sinne dieses Begriffes gab es in den meisten L\u00e4ndern noch nicht, ein gesetzlich fixierter Edelmetalltauschkurs fehlte und neben dem Zentralstaat existierten in einem Land oder einer Region oft noch andere Emittenten edelmetallgedeckter W\u00e4hrungen.<\/p>\n

Wichtig in diesem Zusammenhang: Ab Anfang des 19. Jahrhunderts zirkulierten W\u00e4hrungen zunehmend nicht mehr in Gestalt von M\u00fcnzen, sondern \u2013 da \u00f6konomisch effizienter und bequemer \u2013 in Gestalt von Papierscheinen und in Form von Wechseln<\/em> [5]<\/span><\/strong> sowie Anleihen.<\/p>\n

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges stiegen die gro\u00dfen Volkswirtschaften aus dem zuvor weltweit dominierenden klassischen Goldstandard aus, indem sie das Recht aufhoben, beim Staat die nationale W\u00e4hrung zum gesetzlich fixierten Kurs in Gold umzutauschen. Diese zun\u00e4chst nur als vorl\u00e4ufig gedachte Suspendierung<\/em> stellte sich sp\u00e4ter aber in fast allen F\u00e4llen als endg\u00fcltig heraus. Als letzte gro\u00dfe Volkswirtschaft beendeten die USA 1933 die Gold-Konvertibilit\u00e4t. Die Ausl\u00f6ser f\u00fcr das Ende des klassischen Gold\u00adstandards zwischen 1914 und 1933 (je nach Land) waren die Haushaltsdefizite und Schulden aus dem Ersten Weltkrieg und \u2013 f\u00fcr die USA \u2013 die Great Depression<\/em> von 1929 bis 1937.<\/p>\n

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Warum starb der klassische Goldstandard zwischen 1914 und 1933?<\/strong><\/span><\/h2>\n

Ein edelmetallgedecktes W\u00e4hrungssystem (EM-System) macht es einem Land letztlich unm\u00f6glich, in einer Krisensituation, die staatlichen Ausgaben schnell und stark zu erh\u00f6hen, weil der Staat in einem EM-W\u00e4hrungssystem die Geldmenge aus offensichtlichen Gr\u00fcnden nicht kostenlos vergr\u00f6\u00dfern kann, denn er m\u00fcsste ja f\u00fcr jeden neu gedruckten Geldschein neues zus\u00e4tzliches Edelmetall erwerben. Diese teure H\u00fcrde besteht in einem Papiergeld- bzw. FIAT-Geldsystem nicht. <\/p>\n

Im Ersten Welt\u00adkrieg wollten oder mussten viele L\u00e4nder jedoch schnell ihre Ausgaben merklich ausdehnen. F\u00fcr die USA war zwar der Erste Weltkrieg noch kein gro\u00dfes Staatsausgabenproblem, aber das Land (Pr\u00e4sident Roosevelt) wollte 1933 ein gigantisches staatliches Infrastrukturprogramm finanzieren, den „New Deal“. Dessen Ziel war die Bek\u00e4mpfung der ab 1929 in die H\u00f6he geschnellten Arbeits\u00adlosigkeit und der daraus resultierenden bitteren Armut.<\/p>\n

Wiederum w\u00e4re es ein Irrtum anzunehmen, dass die Aufhebung eines EM-Standards ab 1914 (ob mit Deckung durch Silber, Gold, Gold-Silber oder eine andere Metallkombination) ein neues Ph\u00e4nomen war. Durch die ganze Geschichte EM-gedeckter W\u00e4hrungen seit Einf\u00fchrung von Papiergeldscheinen hindurch erfolgten immer wieder vor\u00fcbergehende Aufhebungen der offiziellen EM-Deckung einer W\u00e4hrung und es war am Anfang stets unklar, wie lange die jeweilige Suspendierung dauern w\u00fcrde. Oft war der Ausl\u00f6ser ein Krieg oder B\u00fcrgerkrieg, so beispielsweise die Aufhebung der Gold- und Silberkonvertibilit\u00e4t des US-Dollars von 1861 bis 1879 aus Anlass des amerikanischen B\u00fcrgerkriegs (1861 bis 1865). Nach Ende dieser Suspendierung war die nationale W\u00e4hrung (die Geldscheine) in Gold in der Regel weniger wert, da die umlaufende Geldmenge zwischenzeitlich st\u00e4rker vergr\u00f6\u00dfert worden war als der volkswirtschaftliche Output und\/oder die staatlichen Goldvorr\u00e4te, die zur Deckung dienten \u2013 eine Form von Inflation unter dem Goldstandard. Vor dem Hintergrund der W\u00e4hrungsgeschichte in vielen L\u00e4ndern muss man die immer wiederkehrenden kurzzeitigen Aufhebungen oder Aussetzungen von EM-Standards geradezu als strukturelles Merkmal EM-gedeckter W\u00e4hrungsstandards betrachten.<\/p>\n

Eine andere vielleicht noch \u00e4ltere „Plage“ EM-gedeckter W\u00e4hrungen \u00fcber 2.000 Jahre W\u00e4hrungsgeschichte hinweg war die manipulative Reduktion, die Streckung des Edelmetallgehaltes von M\u00fcnzen (engl. Debasement<\/em>) durch die hoheitliche Institution, die die W\u00e4hrung ausgab oder durch private Gangster. Debasement f\u00fchrt naturgem\u00e4\u00df ebenfalls zum Geldwertverlust, zur Inflation.<\/p>\n

Die Reservequote (Golddeckungsquote) wurde im klassischen Goldstandard und davor im Silberstand immer wieder ge\u00e4ndert und die Quote war in der \u00d6ffentlichkeit oft nicht exakt bekannt, weil der Staat das nicht wollte. Ein Beispiel hierf\u00fcr war die nicht offengelegte Golddeckungsquote in den USA w\u00e4hrend des Bretton-Woods-Systems von 1944 bis 1971 (dazu weiter unten mehr). <\/p>\n

Gelegentlich begegnet man in nicht-wissenschaftlichen Publikationen zum Goldstandard der Behauptung, unter diesem k\u00f6nne es keine Konsumg\u00fcter\u00adinflation geben. In Gro\u00dfbritannien betrug die Inflation von 1732 bis 1931 (200 Jahre bis zum Ende des EM-Standards in GB) 0,41% p.a. Die Inflation war im Schnitt zwar niedrig, lag aber doch klar \u00fcber null. Ursache: Die o. g. staatlichen und privaten Manipulationen sowie die banale Tatsache, dass die globale Gold\u00adf\u00f6rderung wie auch die Goldreserven eines Staates im Zeitablauf nicht ausreichend parallel zur Menge der umlaufenden G\u00fcter und Dienst\u00adleistungen wuchsen.<\/p>\n

Zugleich kam es in EM-gedeckten W\u00e4hrungen immer wieder zu f\u00fcr das Wirtschaftswachstum und die Haushaltseinkommen sch\u00e4dlicher Deflation. Der ber\u00fchmteste Fall war die Zeit von 1927 bis 1933 von kumulativ fast 40% in den USA.<\/p>\n

Eine seltsam wenig bekanntes \u00dcbel von Edelmetallstandards besteht darin, dass die Schwankung der Inflationsrate von Jahr zu Jahr h\u00f6her ist als unter einem FIAT-Money-Standard bei einer zugleich niedrigeren durchschnittlichen Inflationsrate. Schwankende, unstete Inflation hat unzweifelhaft ebenfalls negative Auswirkungen auf das Wirtschaften von Unternehmen und Haushalten, also die Volkswirtschaft. Eine hole Volatilit\u00e4t der Inflationsrate d\u00fcrfte das reale Trendwachstum der Wirtschaft negative beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n

Alles in allem litten edelmetallgedeckte W\u00e4hrungen an „drei notorischen Plagen“: (1) In Notzeiten konnte der Staat die Geldmenge nicht kurzfristig ausdehnen. Dadurch wurden Krisen und ihre sch\u00e4dliche Auswirkung auf die Arbeitslosigkeit und Haushaltseinkommen tiefer und l\u00e4nger als sie sein mussten. In dem Ma\u00dfe wie Regierungen das ab dem 1. Weltkrieg erkannten setzten sie den EM-Standard in Krisenphasen aus. (2) EM-gedeckte W\u00e4hrungen f\u00fchren phasenweise zu starker Deflation, obwohl sie im Durchschnitt eine Inflationsrate nahe bei null produzieren. Deflation hat klar negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum und verschlimmert Tiefe und Dauer von Wirtschaftskrisen. (3) Die j\u00e4hrliche Inflation \u2013 obwohl im Durchschnitt niedrig \u2013 schwankte unter dem Goldstandard st\u00e4rker als in einem FIAT-Money-Standard. <\/p>\n

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Die kuriose Zwischenphase des Bretton-Woods-Systems<\/strong><\/span><\/h2>\n

Als sich der Zweite Weltkrieg seinem Ende n\u00e4herte und sich der Beginn einer „neuen Weltordnung“ andeutete, unternahmen 44 westlichen L\u00e4nder im Jahr 1944 einen \u2013 wie wir heute wissen \u2013 letzten Versuch, den klassischen Goldstandard zu retten. Diese internationale Vereinbarung wurde sp\u00e4ter „Bretton-Woods-System“ genannt, nach dem amerikanischen St\u00e4dtchen, in dem die Politikerkonferenz zur Unterzeichnung der Vereinbarung stattfand. In diesem System gab es nur noch ein Land dessen W\u00e4hrung eine feste Goldrelation hatte (und somit nur ein Land, das entsprechende Goldvorr\u00e4te halten musste) \u2013 die USA. Alle anderen Bretton-Woods-Mitgliedsstaaten mussten lediglich den Wechselkurs ihrer W\u00e4hrung zum US-Dollar in einem relativ engen Korridor halten. Verpflichtungen f\u00fcr eine bestimmte Goldreservequote seitens der USA gab es nicht.<\/p>\n

Ob man das BW-System wirklich als „internationalen Goldstandard“ bezeichnen konnte, sei dahingestellt \u2013 vielleicht eher als „verw\u00e4sserten Goldstandard“. Auf jeden Fall brach das System 1971 nach relativ kurzen 27 Jahren zusammen, als die USA unter Pr\u00e4sident Nixon die Goldbindung des US-Dollar einseitig und ohne Konsultation mit den anderen Mitgliedsstaaten aussetzten. R\u00fcckblickend kann man sagen, dass das Bretton-Woods-System an unheilbaren Geburtsfehlern litt, die im Wikipedia-Artikel dazu beschrieben werden (hier<\/a>). Sein Scheitern sollte daher nicht verwundern. Konkreter Ausl\u00f6ser f\u00fcr seine Aufhebung war die in den Jahren zuvor erfolgte starke Ausdehnung der amerikanischen Staatsausgaben und Staatsschulden, nicht zuletzt in Zusammenhang mit dem sich ab etwa 1965 intensivierenden Vietnamkrieg. Die USA hatten die zunehmende Dollargeldmenge nicht mit ausreichend Goldk\u00e4ufen gegenfinanziert, weil das zu teuer gewesen w\u00e4re.<\/p>\n

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Die Ungeeignetheit des Goldstandards im 21. Jahrhundert<\/strong><\/span><\/h2>\n

Generell l\u00e4sst sich aus der W\u00e4hrungs\u00adgeschichte der zur\u00fcckliegenden gut 200 Jahre folgern, dass der Gold\u00adstandard oder ein anderer EM-Standard f\u00fcr ein Land \u2013 ob Demokratie oder Diktatur \u2013 im 21. Jahrhundert schon allein deswegen dysfunktional w\u00e4re, weil er es diesem Land unm\u00f6glich machen w\u00fcrde, in einer schweren Krise die Geldmenge zur Stabilisierung der Volks\u00adwirtschaft rasch auszudehnen \u2013 beispielsweise, wenn das Land von einem fremden Aggressor angegriffen wird und seine R\u00fcstungs\u00adausgaben deswegen in kurzer Zeit stark erh\u00f6hen muss. Gleiches gilt nat\u00fcrlich f\u00fcr andere Arten exogen verursachter Krisen, ob Natur\u00adkatastrophen, Pandemien oder schwere wirtschaftliche Rezessionen.<\/p>\n

Einige Gold-Fans vertreten die kuriose These, dass es unter einem Goldstandard weniger Kriege g\u00e4be. Das erscheint weit hergeholt. Dass der Goldstandard einen Aggressor von der Initiierung eines Angriffskrieges gegen einen kleinen, schwachen Gegner abhalten w\u00fcrde, ist aus offensichtlichen Gr\u00fcnden absurd. Bei einem gro\u00dfen Gegner (und daher potenziell h\u00f6herem kriegsbedingten Finanzierungsbedarf auf Seiten des Aggressors) w\u00fcrde der Goldstandard von diesem einfach bis auf Weiteres ausgesetzt werden. Daf\u00fcr liefert die Geschichte genug Beispiele.<\/p>\n

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Wirtschafts\u00adwachstum unter dem Goldstandard und FIAT-Money-Standard<\/strong><\/span><\/h2>\n

Wir wissen also nun, dass in den Jahrhunderten bis in die 1920er Jahre weltweit mit nur seltenen Einschr\u00e4nkungen und\/oder kurzen Unterbrechungen edelmetallgedeckte W\u00e4hrungssystem bestanden. Danach folgte \u00fcberall die Abl\u00f6sung durch FIAT-Money-Systeme. Eine relativ kurze, aber nur partielle Ausnahme war die Bretton-Woods-Phase, in der nur ein Land, die USA, eine goldgedeckte W\u00e4hrung besa\u00df (wenngleich ohne festgelegte Deckungsquote) und eine Minderheit der restlichen ca. 195 Staaten der Welt versuchte, den W\u00e4hrungskurs ihrer nationalen W\u00e4hrung zum Dollar einigerma\u00dfen konstant zu halten.<\/p>\n

Ein anderer von vielen Gold-Fans im Internet direkt und indirekt, explizit und implizit verbreiteter Mythos besteht darin, dass das Wirtschaftswachstum unter dem Goldstandard h\u00f6her gewesen sei als unter FIAT-Money-Standard. Dass das nicht stimmt, illustrieren wir in der folgenden Tabelle anhand der beiden L\u00e4nder Gro\u00dfbritannien und USA.<\/p>\n

Tabelle 1: Entwicklung des realen Wirtschafts\u00adwachstums pro Kopf\u00a0in Gro\u00dfbritannien und den USA ab 1845<\/strong><\/span><\/p>\n\n\n\n\n\n\n
<\/td>\nZeitraum<\/td>\nGro\u00dfbritannien<\/td>\nUSA<\/td>\n<\/tr>\n
Periode 1: Edelmetallgedeckte W\u00e4hrung<\/td>\n1845 bis 1933:
\n88 Jahre<\/td>\n
0,7% p.a.<\/td>\n0,9% p.a.<\/td>\n<\/tr>\n
Periode 2: FIAT-Money-W\u00e4hrung<\/td>\n1933 bis 2021:
\n88 Jahre<\/td>\n
1,7% p.a.<\/td>\n2,3% p.a.<\/td>\n<\/tr>\n
Periode 2 ohne die Bretton-Woods-Jahre<\/td>\n61 Jahre<\/td>\n1,8% p.a.<\/td>\n2,7% p.a.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n

\u25ba Inflationsbereinigte Zunahme des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf. \u25ba Daten: www.ourworlddata.org<\/span><\/p>\n

Die Tabelle zeigt, dass das Wirtschaftswachstum dieser beiden Staaten in der FIAT-Money-Periode (Periode 2) substanziell h\u00f6her war als in der Edelmetall-Periode (Periode 1). Der Vorsprung von Periode 2 wird noch verst\u00e4rkt, wenn man aus ihr die 27 Jahre dauernde Bretton-Woods Phase (ein verw\u00e4sserter Goldstandard) herausrechnet.<\/p>\n

Warum haben wir 1845 als Beginn dieses Wachstumsvergleiches gew\u00e4hlt? Prim\u00e4r deswegen, weil wir zwei gleich lange Perioden auswerten wollten. H\u00e4tte man f\u00fcr Periode 1 die alternativen Zeitr\u00e4ume 1821 bis 1933 oder 1879 bis 1933 gew\u00e4hlt (1821 war das Startdatum f\u00fcr den klassischen Goldstandard in GB, 1879 in den USA), w\u00fcrde sich an den grunds\u00e4tzlichen Zahlenverh\u00e4ltnissen in der Tabelle und der oben formulierten Schlussfolgerung jedoch nichts \u00e4ndern.<\/p>\n

Wie sah dieser Sachverhalt in anderen L\u00e4ndern aus? Zur \u00dcberpr\u00fcfung der Verallgemeinerungsf\u00e4higkeit unserer Zwei-Staaten-Beobachtung in Tabelle 1 haben wir zus\u00e4tzlich eine fast identische Berechnung f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe von 18 L\u00e4ndern (ohne USA und GB) durchgef\u00fchrt, f\u00fcr die ausreichendes Datenmaterial vorlag, wenngleich Daten, die weniger granular und vermutlich von geringerer Qualit\u00e4t sind. [6]<\/span><\/strong> Das Hauptergebnis der Berechnung f\u00fcr die gr\u00f6\u00dfere Gruppe war identisch: Das BIP-Wachstum pro Kopf in Periode 2 \u00fcberstieg dasjenige in Periode 1 merklich.<\/p>\n

Ein Grund, warum in Geschichtsb\u00fcchern und vielen Praktikerpublikationen das Wirtschaftswachstum im 18. und 19. Jahrhundert relativ zum Wirtschaftswachstum im 20. und 21. Jahrhundert „zu hoch“ dargestellt wird, besteht in dem verbreiteten Fehler, das Wachstum der ganzen Volkswirtschaft anstellte des Wachstums pro Kopf zu betrachten. Das Wachstum einer Volkswirtschaft wird auf lange Sicht von keinem einzelnen Faktor so stark beeinflusst, wie vom Bev\u00f6lkerungs\u00adwachstum. Da sich das Bev\u00f6lkerungswachstum in den westlichen L\u00e4ndern im 20. und 21. Jahrhundert f\u00fcr unseren Planeten erfreulicherweise stark abschw\u00e4chte und \u00fcber verschiedene L\u00e4nder hinweg schon immer stark differierte, [7]<\/span><\/strong> ist ein objektiver, fairer Wachstumsvergleich zwischen zwei l\u00e4ngeren Zeitr\u00e4umen oder zwischen zwei L\u00e4ndern jedoch nur auf Pro-Kopf-Basis m\u00f6glich. Au\u00dferdem dr\u00fccken Pro-Kopf-Zahlen generell besser als gesamt\u00adwirtschaftliche Zahlen aus, wie sich das Wohl eines Durchschnitts\u00adb\u00fcrgers ver\u00e4ndert.<\/p>\n

Kann man aus den Zahlen in Tabelle 1 zwingend<\/em> ableiten, dass der Umstieg vom Goldstandard auf den FIAT-Money-Standard zwischen 1914 und 1933 direkt urs\u00e4chlich war f\u00fcr die anschlie\u00dfende Erh\u00f6hung des Wirtschaftswachstums? Nat\u00fcrlich nicht. Daf\u00fcr ist die Weltwirtschaft zu komplex und daf\u00fcr wirken neben der Geldpolitik zu viele andere Faktoren gleichzeitig auf das Wirtschaftswachstum ein. Trotzdem ist die Gegen\u00fcberstellung in Tabelle 1 aus unserer Sicht ein starker Indikator daf\u00fcr, dass der Goldstandard das Wirtschaftswachstum bremst und eine FIAT-Money-Standard diesen Nachteil nicht unbedingt hat.<\/p>\n

In diesem Zusammenhang muss noch erw\u00e4hnt werden, dass die gr\u00f6\u00dfte wirtschaftliche und politische Katastrophe der zur\u00fcckliegenden 200 Jahre \u2013 der Zweite Weltkrieg \u2013 datenm\u00e4\u00dfig in Periode 2 fiel und dass die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts, jedenfalls gemessen an bahnbrechenden Erfindungen, nach 1950 relativ zu den 100 Jahren davor, eher abnahm. [8]<\/span><\/strong> Periode 2 hatte also keine offensichtlichen, das Wirtschafts\u00adwachstum f\u00f6rdernden „unfairen Vorteile“.<\/p>\n

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Fazit<\/strong><\/span><\/h2>\n

Edelmetallgedeckte W\u00e4hrungen waren bis ins erste Viertel des 20. Jahrhundert die weltweite Norm, die tausend oder mehr Jahre bestanden hatte. Von dieser Norm hatte es nur lokale oder kurz andauernde Ausnahmen gegeben. Um etwa 1870 l\u00f6ste Gold das zuvor dominierende Silber als wichtigstes Edelmetall f\u00fcr W\u00e4hrungsdeckungszwecke ab \u2013 der „klassische Goldstandard“ setzte ein. In den 19 Jahren von 1914 bis 1933 wurde der Goldstandard im Gefolge des Ersten Weltkrieges und der 1929 beginnenden Weltwirtschaftskrise Land f\u00fcr Land beendet. Eine vorr\u00fcbergehende „Mini-R\u00fcckkehr“ erlebte der Goldstandard von 1944 bis 1971 in Gestalt des Bretton-Woods-Systems.<\/p>\n

Lie\u00dfe sich beweisen, dass der Goldstandard oder ein anderer Edelmetallstandard das langfristige Wirtschaftswachstum vorteilhaft beeinflusste, w\u00e4re das ein bedenkenswertes Pro-Goldstandard-Argument. Unsere Betrachtung legt jedoch nahe, dass ein solcher Beweis bereits auf der obersten und einfachsten, hier gezeigten Analyseebene scheitert.<\/p>\n

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Goldstandard in der irgendwie \u00fcberschaubaren Zukunft wieder in einer gr\u00f6\u00dferen Volkswirtschaft eingef\u00fchrt werden wird, bewegt sich im mikroskopischen Bereich. Er w\u00e4re f\u00fcr die Weltwirtschaft nicht hilfreich, sondern vermutlich sch\u00e4dlich. Das d\u00fcrfte einer der Gr\u00fcnde, wenn auch nicht der alleinige daf\u00fcr sein, dass nirgendwo eine Mehrheit f\u00fcr die Wiedereinf\u00fchrung eines Goldstandards erkennbar ist \u2013 nicht unter Politikern, nicht unter an Universit\u00e4ten angestellten \u00d6konomen, nicht unter Mitarbeitern von Aufsichtsbeh\u00f6rden im Finanzbereich und am allerwenigsten unter den Entscheidungstr\u00e4gern von Zentralbanken. Wahrscheinlich auch nicht in den Bev\u00f6lkerungen westlicher L\u00e4nder.<\/p>\n

Gold ist seit \u00fcber 90 Jahren keine W\u00e4hrung mehr und wird es wohl auch nie mehr werden. Gold ist heute eine reine Verm\u00f6gensanlage, mit der Besonderheit, dass Gold \u2013 anders als Aktien, Anleihen und Immobilien \u2013 keine Cash-Flows erzeugt und es daher keinen aus seinen Ertr\u00e4gen ableitbaren fundamentalen oder intrinsischen Wert\/Preis hat. Anders als normale Rohstoffe hat Gold auch keinen nennenswerten gewerblichen Nutzen. [9]<\/span><\/strong> Seine 6.000 Jahre w\u00e4hrende Geschichte und Tradition als Investitionsobjekt und W\u00e4hrungsgrundlage erscheinen jedoch als ein ausreichend \u00fcberzeugender Grund es als Verm\u00f6gensanlage nicht generell zu ignorieren.<\/p>\n

Seit sich der Goldpreis frei nach Angebot und Nachfrage auf dem Weltmarkt bildet und Gold im Wesentlichen von jedermann frei erwerbbar ist \u2013 seit 1975 \u2013 liegt seine reale Rendite deutlich unter derjenigen von Aktien bei zugleich h\u00f6herer Volatilit\u00e4t. [10]<\/span><\/strong> Trotzdem kann das Edelmetall aufgrund seiner niedrigen Korrelation mit Aktien, Anleihen und Immobilien als moderate Beimischung f\u00fcr \u00fcberzeugte Anleger eine Rolle in einem diversifizierten Portfolio einnehmen. Ausf\u00fchrlich gehen wir auf Gold als Investment in diesem Blogartikel<\/a> ein.<\/p>\n

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Endnoten<\/strong><\/span><\/h2>\n

[1]<\/strong> FIAT = Lateinisch f\u00fcr „es m\u00f6ge werden“. Bei einer normalen FIAT-W\u00e4hrung (auch „Paper Money“ genannt) gibt es \u2013 anders als beim hier beschriebenen „klassischen Goldstandard“ \u2013 keinen Anspruch gegen den Staat auf jederzeitigen Umtausch einer Geldeinheit (eines „Geldscheins“) gegen eine bestimmte Menge Gold.<\/p>\n

[2]<\/strong> Hier ist die Unterscheidung zwischen de facto und de jure bedeutsam. Die de facto-Einf\u00fchrung des Goldstandards 1717 in GB beruhte auf einem kuriosen Fehler des gro\u00dfen Isaac Newton, der damals den gesetzlichen Gold-Silber-Kurs in Gro\u00dfbritannien falsch fixierte w\u00e4hrend de jure noch ein Gold-Silberstandard bestand. Newton war zu diesem Zeitpunkt „Master of the Mint“ (dt. M\u00fcnzmeister), ein Amt, das man heute grob mit einer Mischung aus Finanzminister und Zentralbankchef gleichsetzen k\u00f6nnte.<\/p>\n

[3]<\/strong> Frankreich war der Angreifer.<\/p>\n

[4]<\/strong> Auch wenn die Eigent\u00fcmer der Zentralbank zur damaligen Zeit in manchen L\u00e4ndern noch private Banken waren, lag die faktische Eigent\u00fcmerrolle beim Staat. Diese wurde durch Gesetze, Aufsichtsbeh\u00f6rde und ein Ernennungsrecht der Gesch\u00e4ftsleiter sichergestellt.<\/p>\n

[5]<\/strong> Wechsel sind nicht-b\u00f6rsengehandelte, kurzfristige Schuldscheine eines Unternehmens, die so strukturiert sind, dass man sie bei einer Bank einfach und schnell in Bargeld eintauschen kann. Bis in die 1970-Jahre waren Wechsel eine weltweit stark verbreite Form der kurzfristigen Fremdkapitalfinanzierung f\u00fcr Unternehmen.<\/p>\n

[6]<\/strong> Diese 18 L\u00e4nder sind: Australien, \u00d6sterreich, Belgien, Kanada, Chile, Deutschland, D\u00e4nemark, Spanien, Finnland, Frankreich, Italien, Japan, Niederlande, Norwegen, Peru, Schweden, Uruguay<\/p>\n

[7] <\/strong>In vielen westlichen Staaten schrumpft die Bev\u00f6lkerung inzwischen. Demographen gehen davon aus, dass auch die Weltbev\u00f6lkerung vor Ende des 21. Jahrhunderts zu sinken beginnen wird.<\/p>\n

[8] <\/strong>Siehe Artikel „Timeline of historic inventions“ in der englischen Wikipedia.<\/p>\n

[9] <\/strong>Wenn man Schmuck als nur quasi gewerblichen Nutzen ignoriert.<\/p>\n

[10] <\/strong>In allen gro\u00dfen westlichen L\u00e4ndern und in allen sozialistischen L\u00e4ndern gab es im 20. Jahrhundert jahrzehntelange Verbote privaten Goldbesitzes: In Deutschland von 1923 bis 1955, in den USA von 1933 bis 1975, in zahlreichen L\u00e4ndern auch noch nach 1975. Bei Missachtung drohten zumeist drakonische Strafen.<\/p>\n

 <\/p>\n

Literatur<\/strong><\/span><\/h2>\n

McWilliams, David (2024): „Money \u2013 A Story of Humanity“; Simon & Schuster; 2024; 400 pages<\/p>\n

Meissner, Christopher (2002): „A New World Order: Explaining the Emergence of the Classical Gold Standard“; October 2002; in: The Journal of Economic History; Vol. 61; Issue 2; 2002<\/p>\n

Eichengreen, Barry (2019): „Globalizing Capital. A History of the International Monetary System“; 3rd Edition, Princeton University Press, 2019, 298 pages<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

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