{"id":7051,"date":"2022-06-03T00:00:14","date_gmt":"2022-06-02T22:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/gerd-kommer.de\/?p=7051"},"modified":"2026-05-27T17:19:09","modified_gmt":"2026-05-27T15:19:09","slug":"anleihen-und-zinsaenderungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/anleihen-und-zinsaenderungen\/","title":{"rendered":"Anleihen und Zins\u00e4nderungen \u2013\u00a0ein Fallbeispiel"},"content":{"rendered":"

Von Alexander Weis<\/a>\u00a0und\u00a0Daniel Kanzler<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n

Noch vor gut einem Jahr wollte es niemand glauben, doch jetzt ist es passiert: Die Zinsen sind deutlich gestiegen. In absoluter Betrachtung sind die Zinsen aus historischer Perspektive zwar immer noch niedrig, aber relativ zum Tiefpunkt Mitte 2021 sind sie in den meisten L\u00e4ndern fast dramatisch nach oben geschnellt. So sind sie in Deutschland um etwas \u00fcber einen Prozentpunkt gestiegen und in den USA sogar noch deutlicher. [1]<\/span><\/strong><\/p>\n

Steigende Zinsen wirken sich kurzfristig tendenziell negativ auf die meisten Anlageklassen aus, ganz besonders negativ allerdings auf mittel- und langfristige Anleihen.<\/p>\n

F\u00fcr Privatanleger, die einen Teil Ihres Portfolios in Anleihen investiert haben \u2013\u00a0darunter fallen Einzelanleihen, Anleihen-ETFs und aktiv gemanagte Rentenfonds \u2013 wirft das die Frage auf, welche Implikationen steigende Zinsen speziell auf ihre Anleihen haben und wie sie damit umgehen sollen. In diesem Beitrag beantworten wir diese Fragen am Beispiel konkreter Anleihen-ETFs.<\/p>\n

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Anleihen und Zinsen \u2013\u00a0ein Auffrischer<\/strong><\/span><\/h2>\n

Zu Beginn ein kurzer Refresher \u00fcber Anleihen-Theorie und Bond-Mathematik: Das Risiko von Anleihen l\u00e4sst sich zerlegen in W\u00e4hrungs-, Bonit\u00e4ts- und Laufzeitrisiko. Da wir uns dem Effekt von Zins\u00e4nderungen widmen m\u00f6chten, haben wir ETFs gew\u00e4hlt, deren zugrunde liegende Indizes kein W\u00e4hrungs- und das geringstm\u00f6gliche Bonit\u00e4tsrisiko aufweisen, sodass das Laufzeitrisiko \u2013\u00a0das bezeichnend oft auch Zins\u00e4nderungsrisiko genannt wird \u2013\u00a0ausschlaggebend f\u00fcr die erwartete Rendite der betrachteten Produkte ist.<\/p>\n

Wichtig ist in diesem Zusammenhang zun\u00e4chst zu verstehen, dass zwischen der Ver\u00e4nderung des allgemeinen Zinsniveaus und Anleihenrenditen ein negativer Zusammenhang besteht. Unter sonst gleichen Umst\u00e4nden gilt n\u00e4mlich: Wenn Zinsen fallen, steigen die Kurse von Anleihen und wenn Zinsen steigen, dann fallen die Kurse. Wer diesen f\u00fcr Anleihen-Anleger fundamentalen und in seiner Wichtigkeit kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzenden Mechanismus noch besser verstehen m\u00f6chte, dem empfehlen wir unseren Blog-Beitrag „Das Zins\u00e4nderungsrisiko bei Anleihen<\/a>“ vom Dezember 2019.<\/p>\n

Ferner sollte man sich als Anleger in zinstragenden Anlagen dar\u00fcber im Klaren sein, dass es nicht „den“ Zins gibt, sondern man eigentlich immer dazusagen m\u00fcsste, von welchem Zins oder welchem Zinsmarkt man spricht, wenn von Zins- bzw. Marktzins\u00e4nderungen die Rede ist. Ein Anstieg der Zinsen einj\u00e4hriger deutscher Staatsanleihen um einen Prozentpunkt bedeutet nicht zwangsl\u00e4ufig den gleichen Anstieg zehnj\u00e4hriger deutscher Staatsanleihen \u2013\u00a0man spricht von Ver\u00e4nderungen der sogenannten Zinsstrukturkurve (englisch „Yield Curve“).<\/p>\n

\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den Zinsen verschiedener L\u00e4nder oder W\u00e4hrungsr\u00e4ume: Steigt beispielsweise das Zinsniveau in Gro\u00dfbritannien, muss es hierzulande nicht unbedingt ebenfalls zu einem Zinsanstieg kommen, wenngleich Zinsver\u00e4nderungen in offenen Volkswirtschaften wie den USA aufgrund von wirtschaftlichen Verflechtungen mit mehr oder weniger gro\u00dfer Zeitverz\u00f6gerung tendenziell mit \u00e4hnlichen \u00c4nderungen in anderen offenen Volkswirtschaften einhergehen.<\/p>\n

Auch die Marktzinss\u00e4tze f\u00fcr Anleihen-Emittenten unterschiedlicher Bonit\u00e4t (Beispiel: Deutsche Unternehmen mit mittlerem Bonit\u00e4ts-Rating gegen\u00fcber dem kreditw\u00fcrdigeren deutschen Staat) sind innerhalb einer W\u00e4hrung und bei identischer Restlaufzeit naturgem\u00e4\u00df nicht identisch. Wer sich f\u00fcr die \u00f6konomischen Hintergr\u00fcnde dazu interessiert, kann das hier<\/a> und hier<\/a> nachlesen.<\/p>\n

Um unser folgendes Fallbeispiel m\u00f6glichst einfach zu halten und leicht nachvollziehbar zu machen, unterstellen wir vereinfachend, dass unser „Marktzins“ dem Zinssatz f\u00fcr zehnj\u00e4hrige deutsche Staatsanleihen entspricht. Wie eingangs erw\u00e4hnt, betrug der nominale Marktzins nach dieser Definition Ende April 2021 rund \u20130,2% p. a. und Ende April 2022 lag er bei etwa +0,8% p. a. \u2013 ein Anstieg um einen Prozentpunkt. (Das trifft sich insofern gut, als man aus didaktischer Perspektive mit einer Ver\u00e4nderung von genau einem Prozentpunkt angenehm leicht rechnen kann.)<\/p>\n

Dahinter steckt das \u00f6konomische Konzept der Modified Duration<\/em>, mit der man den erwarteten Einfluss von Zins\u00e4nderungen auf Anleihenkurse unter sonst gleichen Umst\u00e4nden („ceteris paribus“) misst. Die Modified Duration (kurz oft auch einfach nur Duration genannt) gibt an, wie stark der Kurs einer Anleihe sinkt, wenn der entsprechende Marktzins um einen Prozentpunkt steigt und umgekehrt: Steigen die Marktzinsen um Z%, f\u00e4llt der Marktkurs einer Anleihe um Z\u00a0\u00d7 D%, wobei Z dem Zinsanstieg in Prozentpunkten und D der Duration der Anleihe (bzw. des Anleihen-Portfolios) entspricht. Ein Beispiel: Die Zinsen steigen „von heute auf morgen“ um einen halben Prozentpunkt von 1,0% auf 1,5% und die Duration einer Anleihe betr\u00e4gt 5 Jahre. In einem solchen Fall wird der Kurs der Anleihe um ungef\u00e4hr 0,5% \u00d7 5 = 2,5% fallen. W\u00e4ren die Zinsen hingegen von 1,0% auf 0,0% gefallen, h\u00e4tte der Kurs unserer fiktiven Anleihe um 5,0% zugelegt.<\/p>\n

Bei Anleihen mit niedrigen Kuponzahlungen\u00a0entspricht die Duration in etwa der Restlaufzeit in Jahren; bei Anleihenportfolios mit hohen Kuponzahlungen liegt die Duration deutlich unter der durchschnittlichen Restlaufzeit der betreffenden Anleihen. Die Duration eines ETFs l\u00e4sst sich meistens im Fact Sheet der Fondsgesellschaft nachlesen.<\/p>\n

So viel zur \u2013 leider etwas trockenen \u2013\u00a0Theorie. Jetzt aber geht’s zur\u00fcck in die Praxis.<\/p>\n

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ETFs in unserem Vergleich<\/strong><\/span><\/h2>\n

Wir beschr\u00e4nken uns in unserer nachfolgenden Minifallstudie auf die folgenden drei ETFs (bzw. Indizes, die von diesen ETFs abgebildet werden):<\/p>\n