{"id":6914,"date":"2022-04-13T00:00:00","date_gmt":"2022-04-12T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/gerd-kommer.de\/?p=6914"},"modified":"2025-09-05T13:23:09","modified_gmt":"2025-09-05T11:23:09","slug":"kapitalverzehr-vermeiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/kapitalverzehr-vermeiden\/","title":{"rendered":"Kapitalverzehr vermeiden: Kein erstrebenswertes Anlegerziel"},"content":{"rendered":"

Von Gerd Kommer<\/a> und\u00a0Maximilian Bartosch<\/a>\u00a0<\/em><\/p>\n

Dieser Beitrag vom April 2022 wurde im April 2024 aktualisiert.<\/em><\/p>\n

In diesem Blog-Beitrag geht es um das Anlageziel „Kapitalverzehr (oder Substanzverzehr) vermeiden“. Eine andere Bezeichnung f\u00fcr dieses Anlageziel ist „Kapitalerhalt sicherstellen“. Oft \u00e4u\u00dfern dieses Ziel Privathaushalte, die auf den Ruhestand zusteuern oder bereits im Ruhestand sind und Entnahmen aus ihrem Wertpapierdepot vornehmen, beispielsweise um damit eine Rentenl\u00fccke zu schlie\u00dfen. Die Anlagestrategie soll dann so gestaltet sein, dass es bei einer gegebenen Entnahmeh\u00f6he pro Monat oder pro Jahr im Prinzip nie dazu kommt, dass das Kapital unter den Startbetrag sinkt.<\/p>\n

In diesem Beitrag werden wir zeigen, warum und in welcher Weise das Ziel Kapitalverzehr zu vermeiden (nachfolgend der K\u00fcrze halber „KVV“) zahlreiche innere Widerspr\u00fcche in sich birgt und in der Praxis nicht zuverl\u00e4ssig erzielbar ist \u2013 jedenfalls dann nicht, wenn man finanz\u00f6konomische Ma\u00dfst\u00e4be korrekt ansetzt.<\/p>\n

Wir werden die erstaunlich zahlreichen inneren Widerspr\u00fcche von KVV anhand von Minifallstudien um das Jungrentnerehepaar Klara und Kurt ausf\u00fchren. Es kommen sechs Argumente zur Sprache.<\/p>\n

Klara und Kurt, beide 65, besitzen gemeinsam ein Wertpapierdepot im Wert von einer Million Euro. Die Eheleute haben beide soeben ihre Berufst\u00e4tigkeit beendet und planen ihre Lebenshaltungskosten einschlie\u00dflich Miete f\u00fcr ihre Dreizimmerwohnung in einem sch\u00f6nen Altbau in der Hamburger Innenstadt von nun an aus Renten- und Pensionseink\u00fcnften, den Einnahmen aus einem vermieteten Studioapartment sowie ihrem Wertpapierdepot zu finanzieren. In Bezug auf das Wertpapierdepot w\u00fcnscht das Ehepaar ihrem einzigen Kind, Tochter Katharina, sp\u00e4ter einmal den jetzigen Depotwert von einer Million Euro ungeschm\u00e4lert zu vererben, sprich Kapitalverzehr zu vermeiden.<\/p>\n

Mit einer App im Internet haben Klara und Kurt ihre jeweiligen Restlebenserwartungen mit etwa 25 Jahren berechnet. Statistisch kann Klara davon ausgehen ungef\u00e4hr 90 Jahre alt zu werden, Kurt 88 Jahre.<\/p>\n

Um ihren gewohnten Lebensstandard zu halten, wollen die beiden monatlich 3.000 Euro oder j\u00e4hrlich 36.000 Euro aus dem Depot entnehmen. Das kommt einer Entnahmequote von 3,6% per annum gleich (= 36.000 Euro \u00f7 1.000.000 Euro). Die 36.000 Euro sollen im Zeitablauf mit der Inflation steigen, so dass der gewohnte Lebensstandard des Ehepaars langfristig gewahrt bleibt.<\/p>\n

Noch ein technischer Hinweis, bevor wir in die Argumentation einsteigen: Aus einer rein \u00f6konomischen, rein rationalen Betrachtung sind „Auszahlungen“ (Zinsen, Dividenden, Fondsaussch\u00fcttungen, Mieteinnahmen), die nicht sofort reinvestiert werden, ganz genauso „Entnahmen“ wie es Anteilsverk\u00e4ufe sind (Verk\u00e4ufe von Wertpapieren oder Fondsanteilen). Wer solche Aussch\u00fcttungen sofort reinvestiert, statt sie zu verbrauchen, w\u00fcrde selbstverst\u00e4ndlich bei einem h\u00f6heren Verm\u00f6gensendwert ankommen \u2013 egal wie lange die Betrachtungsperiode ist.<\/p>\n

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Argument 1 \u2013 Kapitalverzehr vermeiden in der Standardform dieses Konzepts ist \u00f6konomische Selbstt\u00e4uschung<\/strong><\/span><\/h2>\n

Angenommen, die durchschnittliche j\u00e4hrliche Inflation in den n\u00e4chsten 25 Jahren betr\u00e4gt 2,5%, so wie in Deutschland im Mittel seit 1970. Dann wird die eine Million Euro, die Klara und Kurt „unverzehrt“ in 25 Jahren an Katharina weitergeben wollen, nur noch eine Kaufkraft von heute 540.000 Euro haben. Mit anderen Worten: Bei \u00f6konomisch korrekter Betrachtung kann hier von „Kapitelverzehr vermeiden“ keine Rede sein. Angenommen alles l\u00e4uft so, wie das Ehepaar es sich vorstellt, dann wird es in 25 Jahren fast die H\u00e4lfte der Kaufkraft des heutigen Depotvolumens aufbrauchen. Nat\u00fcrlich verbergen oder verdr\u00e4ngen Klara und Kurt nicht aus Arglist, dass ihr Ziel, ihrem Kind eine Million Euro zu hinterlassen, \u00f6konomisch betrachtet, meilenweit von „echtem KVV“ entfernt ist. Das \u00e4ndert allerdings nichts an den Fakten: Eine \u00f6konomisch korrekte KVV-Perspektive m\u00fcsste auf inflationsbereinigten (realen), nicht auf nominalen Zahlen basieren.<\/p>\n

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Argument 2 \u2013 Kapitalverzehr findet in einem auf Verm\u00f6gensmehrung ausgerichteten Portfolio mit substanzieller Wahrscheinlichkeit sogar dann statt, wenn keine Entnahmen erfolgen<\/strong><\/span><\/h2>\n

Nachdem sich Klara und Kurt \u00fcber Argument\u00a01 Gedanken gemacht haben, akzeptieren die beiden, dass, wenn sie ihrer Tochter in 25 Jahren nominal eine Million Euro hinterlassen, in Wirklichkeit Kapitalverzehr von 46% erfolgt (460.000 Euro auf real 540.000 Euro). Doch sei’s drum. Die beiden wissen, dass ihre Tochter sie deswegen nicht weniger lieben wird.<\/p>\n

Mithilfe einer so genannten Monte-Carlo-Simulation<\/a> l\u00e4sst sich die statistische Wahrscheinlichkeit daf\u00fcr berechnen, dass bei einer Entnahmequote von real 3,6% p.a. bei Ber\u00fccksichtigung von Steuern und Kosten und einem Zeithorizont von 25 Jahren an dessen Ende noch ca. eine Million Euro nominal oder 540.000 Euro real vorhanden sind.<\/p>\n

F\u00fcr ein relativ „aggressives“ (risikoreiches) 70\/30-Aktien-Anleihen-Portfolio, das in Eigenregie, ohne Beraterkosten, verwaltet wird, liegt diese Wahrscheinlichkeit bei etwa 55% (sofern die Klara & Kurt das Portfolio korrekt verwalten). In der anderen knappen H\u00e4lfte der F\u00e4lle wird das KVV-Ziel von Klara und Kurt nach 25 Jahren nicht erreicht. Es kommt zum Kapitalverzehr in Bezug auf das Zielendverm\u00f6gen, sogar gegen\u00fcber dem ohnehin schon reduzierten Ziel real 540.000 Euro (statt real einer Million Euro) an ihre Tochter zu vererben.<\/p>\n

Das Ehepaar gibt sich jedoch mit der 55%-Wahrscheinlichkeit zufrieden. Bei einem konservativeren Portfolio mit weniger Aktienanteil w\u00e4re die so definierte Erfolgschance noch niedriger. Bei einem aggressiveren (aktienlastigeren) Portfolio w\u00e4re zwar die besagte Erfolgschance h\u00f6her, aber auch die Volatilit\u00e4t (die Kursschwankungen) des Depots st\u00e4rker.<\/p>\n

Aktienvolatilit\u00e4t hat eine unangenehme Eigenschaft: In der besonders ung\u00fcnstigen Zone der statistischen Wahrscheinlichkeitsverteilung f\u00fcr die Portfoliowerte im Zeitablauf f\u00fchrt sie zu starkem anf\u00e4nglichen Kapitalverzehr. Ein Zahlenbeispiel aus unserer oben angestellten Monte-Carlo-Simulation: In den schlechtesten 10% der F\u00e4lle schrumpft das Kapital bereits im ersten Jahr um 200.000 Euro oder mehr (einschlie\u00dflich der 36.000 Euro Entnahme). Auch der vorr\u00fcbergehende Verzicht auf Entnahmen w\u00fcrde diesen grunds\u00e4tzlichen Sachverhalt nur ganz begrenzt abmildern.<\/p>\n

Solche marktbedingten Einbu\u00dfen gleich zu Beginn k\u00f6nnen in jedem aktienlastigen, renditeorientierten Depot geschehen, auch wenn es von Warren\u00a0Buffett<\/a>, Ray\u00a0Dalio<\/a>, Jim Simons oder Flossbach\u00a0von\u00a0Storch<\/a> gemanagt wird. Und wer in seinem Depot stark auf Technologie-Aktien setzt, bei dem ist die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr Kapitalverzehr unter sonst gleichen Umst\u00e4nden besonders hoch.<\/p>\n

Als erstes Zwischenfazit k\u00f6nnen wir festhalten: In Bezug auf die verschiedenen Auspr\u00e4gungen von Kapitalverzehr sollte man unterscheiden zwischen: <\/p>\n