{"id":6635,"date":"2022-02-04T00:00:00","date_gmt":"2022-02-03T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/gerd-kommer.de\/?p=6635"},"modified":"2026-05-27T15:04:48","modified_gmt":"2026-05-27T13:04:48","slug":"equilibrium-accounting","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/equilibrium-accounting\/","title":{"rendered":"„Equilibrium Accounting“ \u2013 ein smartes Denkkonzept f\u00fcr Anleger"},"content":{"rendered":"
Von Gerd Kommer<\/a> und\u00a0Maximilian Bartosch<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n Dieser Beitrag wurde im Februar 2026 aktualisiert.<\/em><\/p>\n 2021 war ein fantastisches Aktienjahr. Der MSCI World produzierte eine Jahresrendite von 33%, der DAX eine von 16% (beide Angaben in Euro). Damit erleben wir seit fast 14 Jahren \u00fcberdurchschnittliche Aktienmarktgewinne. Auch deutsche Immobilien rentierten 2021 und in den Jahren seit 2010 weit \u00fcber ihrem historischen Mittelwert. Lediglich die Renditen von Gold waren 2021 und auch \u00fcber die zehn Jahre davor an\u00e4misch.<\/p>\n Wenn es an wichtigen Investmentm\u00e4rkten so lange auf so breiter Front nach oben geht, vergisst mancher Anleger, wie es sich anf\u00fchlt, wenn die M\u00e4rkte heftig und \u00fcber lange Zeit anhaltend „nach S\u00fcden“ driften. Die dann entstehende unangenehme Gef\u00fchlslage resultiert nat\u00fcrlich prim\u00e4r aus den roten Zahlen im eigenen Depotauszug. Sie wird aber von einem bestimmten Typus negativer Schlagzeilen in den traditionellen Medien und im Internet noch verst\u00e4rkt. Mit diesem speziellen Schlagzeilentypus befassen wir uns im vorliegenden Blog-Beitrag.<\/p>\n <\/p>\n Gemeint sind Formulierungen und \u00dcberschriften wie die folgenden:<\/p>\n Wenn wir in einer beginnenden oder schon l\u00e4nger andauernden Marktkrise solchen Formulierungen und Aussagen in den Medien oder im Internet begegnen und wir mit unseren eigenen Investments zumindest ein bisschen davon betroffen sind, dann k\u00f6nnen derartige Statements einen regelrechten Angsttsunami in uns ausl\u00f6sen. Vielleicht werden wir unser Investment deswegen sogar verkaufen oder reduzieren.<\/p>\n Das Problem der oben aufgelisteten Artikel\u00fcberschriften und Aussagen besteht nun darin, dass sie ausnahmslos und komplett falsch sind. Jede einzelne dieser Aussagen stellt eine sachlogische Unm\u00f6glichkeit dar.\u00a0<\/span><\/p>\n Bevor wir erl\u00e4utern, warum sie komplett falsch sind, bitten wir Sie, die Schlagzeilen noch einmal zu \u00fcberfliegen und sich zu \u00fcberlegen, was der gemeinsame Fehler in allen Aussagen sein k\u00f6nnte.<\/p>\n <\/p>\n Die Antwort auf unsere Quizfrage l\u00e4sst sich gut an einem Beispiel veranschaulichen. Wir nehmen dazu exemplarisch die dritte Schlagzeile zu Gold. F\u00fcr jeden Verk\u00e4ufer, der aus Gold „fl\u00fcchtet“, muss es einen K\u00e4ufer geben, der in Gold „fl\u00fcchtet“. Jeder Verkauf ist zugleich ein Kauf und ein Ausverkauf im Sinne von die meisten oder alle verkaufen ist bei Wertpapieren sachlogisch unm\u00f6glich. Weil das so ist, ist die Schlagzeile falsch und irref\u00fchrend. Eine allgemeine „Flucht aus Gold“ ist unm\u00f6glich. Jedes Wertpapier, jeder Verm\u00f6genswert (Asset) muss zu jedem Zeitpunkt von jemandem gehalten werden. Das nennt man in der wissenschaftlichen Finanz\u00f6konomie „Equilibrium Accounting“ (Gleichgewichtsbuchhaltung).<\/p>\n <\/p>\n Equilibrium Accounting ist ein ebenso simples wie m\u00e4chtiges Konzept in der finanz\u00f6konomischen Sachlogik, mit dessen Hilfe man viele investmentpornographische Aussagen in den Finanzmedien als den sensationalistischen, falschen und bei Befolgung sch\u00e4dlichen Nonsens entlarven kann, der sie viel zu oft sind.<\/p>\n Equilibrium Accounting impliziert zwei einfache, aber fundamentale Feststellungen:\u00a0<\/span><\/p>\n (1) K\u00e4ufe und Verk\u00e4ufe in den Kapitalm\u00e4rkten und Immobilienm\u00e4rkten halten sich in jedem relevanten Zeitraum genau die Waage Die beiden eigentlich simplen und trotzdem oft \u00fcbersehenen Sachverhalte haben eminent praxisrelevante Implikationen:\u00a0<\/span><\/p>\n Selbst, wenn die B\u00f6rse im Mega-Crash nach unten taumelt, sind genauso viele K\u00e4ufer wie Verk\u00e4ufer da. Ein „R\u00fcckzug der Anleger“ (das hei\u00dft des Marktes) aus einem Wertpapier oder einer Anlageklasse, eine „Flucht“ oder „Umschichtung von niedriger Qualit\u00e4t in hohe Qualit\u00e4t“ oder ein „Ausverkauf“ \u2013 all das kann es weder auf der Ebene des Marktes (auf der Ebene einer Anlageklasse), noch auf der Ebene eines einzelnen Wertpapiers geben.\u00a0<\/span><\/p>\n Eine Medienschlagzeile \u00e0 la „Stampede raus aus Aktien und rein in Anleihen“ ist deswegen sowohl in Bezug auf Aktien als auch in Bezug auf Anleihen ganz einfach Quatsch. Auf jeden aus Aktien heraus st\u00fcrmenden Anleger kommt ein in Aktien hineinst\u00fcrmender Anleger und bei Anleihen ist es genauso.\u00a0<\/span><\/p>\n Ein anderes Beispiel aus dem Handelsblatt vom 24.01.2022. Dort hei\u00dft es „Risk off \u2013 also raus aus dem Risiko \u2013 lautete das Motto der Anleger in der vergangenen Woche. Sie trennten sich verst\u00e4rkt von Aktien und den besonders im Wert schwankenden Kryptow\u00e4hrungen.“ Sorry, lieber Handelsblatt-Journalist, Du schreibst Mumpitz \u2013 sehr wahrscheinlich, um Klickraten zu generieren. Anleger trennten sich vergangene Woche nicht verst\u00e4rkt von Aktien oder Kryptow\u00e4hrungen.<\/p>\n Noch einmal: Jedes Wertpapier muss jederzeit einen Eigent\u00fcmer haben. Ein einzelner Anleger kann „fl\u00fcchten“, also verkaufen, aber nicht „die Anleger“ oder „der Markt“, obwohl genau das in den betreffenden Meldungen ausgedr\u00fcckt wird.<\/p>\n Auch die oft geh\u00f6rte Formulierung, dass der Schweizer Franken eine „Fluchtw\u00e4hrung“ sei, ist sachlogischer Unsinn. Wenn der Wechselkurs des CHF z. B. in einer wie auch immer gearteten geopolitischen Krise pl\u00f6tzlich deutlich steigt (wie das historisch oft der Fall war), [1]<\/span><\/strong> dann bedeutet das nicht, dass der CHF nun mehr K\u00e4ufer oder Eigent\u00fcmer hat als die W\u00e4hrungen, deren Kurs gefallen ist. Das ist n\u00e4mlich unm\u00f6glich. Die CHF-Geldmenge und die der fallenden W\u00e4hrungen war unmittelbar vor und nach dem pl\u00f6tzlichen Anstieg die Gleiche. Auch hier existiert trotz Kursanstieg f\u00fcr jeden CHF-K\u00e4ufer ein CHF-Verk\u00e4ufer. Genauso verh\u00e4lt es sich mit dem angeblichen „Flucht-Asset Gold“. In der Krise nimmt die relative „Popularit\u00e4t“ von CHF oder Gold unter Anlegern zu. Mehr Anleger wollen diese Assets nun halten. Das geht aber nicht. Um Nachfrage und Angebot im Gleichgewicht zu halten, muss der Kurs (die Bewertung) von CHF bzw. Gold steigen.<\/p>\n Journalisten und Blogger verbreiten bei stark negativen Kursbewegungen das Bild eines brennenden Kinosaals: Jemand hat „Feuer“ gerufen und nun wollen alle in Panik raus. In Bezug auf Wertpapierm\u00e4rkte ist dieses Bild jedoch selbst bei starken Abw\u00e4rtsbewegungen schief und irref\u00fchrend. Irref\u00fchrend, weil genauso viele Marktteilnehmer in den brennenden Kinosaal hinein wie hinaus wollen.<\/p>\n Was den Einfluss von „Verkaufsdruck“, von „Ausverkauf“, Abverkauf oder, andersherum, von „\u00dcbernachfrage“ auf den Preis eines Wertpapiers oder einer Anlageklasse angeht: Kein individuelles Wertpapier und keine Anlageklasse erlebt einen „Kurs-Crash“ oder eine „Preisexplosion“ wegen zu viel Angebot oder zu viel Nachfrage \u2013 ganz einfach deshalb nicht, weil zu viel Angebot oder Nachfrage in einem freien Markt gar nicht existieren k\u00f6nnen. In einem solchen Markt sind Angebot und Nachfrage immer genau gleich hoch. Daf\u00fcr sorgt der Preismechanismus.<\/p>\n <\/p>\n Equilibrium Accounting als sachlogisches Konzept d\u00fcrfte in der Anlegerpraxis vor allem bei starken Kursr\u00fcckg\u00e4ngen hilfreich sein, es trifft jedoch gleicherma\u00dfen bei heftigen Kursanstiegen zu. Dann hei\u00dft es in den Medien beispielsweise „Ansturm auf Apple-Aktien“. Solche falschen Formulierungen l\u00f6sen bei manchem Privatanleger einen FOMO-Kauf aus (Fear of Missing Out), ein vorwiegend Gier-getriebenes Investment, das statistisch in \u00fcber 50% der F\u00e4lle schadet.<\/p>\n F\u00fcr Kurs\u00e4nderungen, auch gro\u00dfe Kurs\u00e4nderungen, bei einem einzelnen Wertpapier oder einer Anlageklasse braucht es \u00fcbrigens nur einen einzigen Kauf oder Verkauf und beides ist ohnehin dasselbe. Zwischen einer un\u00fcblich hohen Anzahl von K\u00e4ufen\/Verk\u00e4ufen und starken Preisbewegungen existiert kein zwingender Zusammenhang. Bei sehr illiquiden Wertpapieren stecken tats\u00e4chlich oft nur einzelne K\u00e4ufe\/Verk\u00e4ufe hinter einer starken Preisbewegung.<\/p>\n Die tats\u00e4chlich vorkommenden „Preisexplosionen“ oder Kurs-Crashes in einem Markt geschehen nicht, weil pl\u00f6tzlich alle kaufen oder alle verkaufen (das ist sachlogisch unm\u00f6glich), sondern ganz banal, weil der Markt, also die Aktienanleger als Kollektiv, seine Einsch\u00e4tzung der Zukunftsaussichten des Papiers oder einer Anlageklasse deutlich \u00e4ndert. Das w\u00e4re nat\u00fcrlich eine eher unspektakul\u00e4re Artikel\u00fcberschrift und deswegen werden wir sie nirgendwo lesen. So viel ehrlichen Realismus und so viel Faktentreue kann man von einem normalen Finanzmedium oder Finanz-Blog nicht erwarten.<\/p>\n Im Jahr 1985 hatte der Dax eine fantastische Jahresrendite von 84%. Geschah das, weil alle euphorisch kauften? Nonsens. Selbst in diesem „Jahr der Aktieneuphorie“ (Medienschlagzeile) gab es genauso viele Verk\u00e4ufer wie K\u00e4ufer, also Anleger, die sich „uneuphorisch“ verhielten und ver\u00e4u\u00dferten.\u00a0<\/span><\/p>\n Nun k\u00f6nnte jemand gegen die hier von uns getroffenen Aussagen einwenden, dass die Zahl der K\u00e4ufer und Verk\u00e4ufer nicht immer exakt identisch sein m\u00fcsse, sofern sich wenige „gro\u00dfe“ Verk\u00e4ufer und viele „kleine“ K\u00e4ufer gegen\u00fcberst\u00fcnden oder umgekehrt. Das mag stimmen, kommt aber an B\u00f6rsen \u2013 erstens \u2013 nicht dauerhaft vor und \u00e4ndert \u2013 zweitens \u2013 nichts an der grunds\u00e4tzlichen Richtigkeit der Aussage, um die es hier geht: Jedem K\u00e4ufer eines Wertpapiers muss immer ein Verk\u00e4ufer dieses Wertpapiers gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n <\/p>\n Auch die Existenz von Aktienemissionen und Aktienr\u00fcckk\u00e4ufen relativiert das im Equilibrium Accounting enthaltene Prinzip nicht. Zum einen sind diese Vorg\u00e4nge nur ein mikroskopischer Bruchteil der j\u00e4hrlichen Trading-Aktivit\u00e4t am globalen Aktienmarkt. Zum anderen handelt es sich bei Emissionen und R\u00fcckk\u00e4ufen letztlich ebenfalls um Kauf-Verkaufstransaktionen, also selbst bei Wertpapieremissionen und Aktienr\u00fcckk\u00e4ufen steht jedem K\u00e4ufer ein Verk\u00e4ufer gegen\u00fcber.<\/p>\n Es leuchtet unmittelbar ein, dass es f\u00fcr einen Privatanleger einen betr\u00e4chtlichen Unterschied macht, ob er irrt\u00fcmlich glaubt, eine drastische Kursbewegung nach unten sei prim\u00e4r dadurch verursacht, dass jetzt „alle“ oder jedenfalls „sehr viele“ das Wertpapier oder die Anlageklasse absto\u00dfen, oder ob er richtig glaubt, dass es nach wie vor genauso viele K\u00e4ufer gibt, die in das Wertpapier oder die Anlageklasse einsteigen und der Markt lediglich seine kollektive Einsch\u00e4tzung des Preises an neue Informationen anpasste.<\/p>\n Wenn Sie das n\u00e4chste Mal von „Panikverk\u00e4ufen an der Istanbuler B\u00f6rse“ h\u00f6ren, wissen Sie nun, dass im gleichen Moment die exakt gleiche Zahl von „Panikk\u00e4ufen“ stattfand. Aber weil die Kurse gefallen sind, nennen es Journalisten oder Blogger „Panikverkauf“ statt „Kaufeuphorie“.<\/p>\n \u00d6konomische Logik und Finanzjournalismus \u2013 h\u00e4ufig nicht die besten Freunde.<\/p>\n <\/p>\n Wer regelm\u00e4\u00dfig im sensationalistischen Dschungel der Finanzmedien und des Internets unterwegs ist, der wird unweigerlich mit hyperventilierenden Nachrichten und Aussagen \u00fcber starke Kursver\u00e4nderungen eines Assets oder eine Anlageklasse konfrontiert \u2013 sei das nun die SAP-Aktie, der chinesische Aktienmarkt, franz\u00f6sische Staatsanleihen, spanische Immobilien, der US-Dollar, Bitcoin oder schottischer Whisky. Denken Sie in einem solchen Moment an Equilibrium Accounting. Machen Sie sich klar, dass das betreffende Asset oder die Anlageklasse immer zugleich von jemandem gekauft und von jemandem verkauft werden muss, egal, ob der Preis soeben stark nach oben oder nach unten ging. Wenn Sie sich dieses unscheinbare, von Journalisten aus Unwissen oder Sensationsmache und von Vertretern der Finanzbranche aus Marketinggr\u00fcnden unterschlagene Faktum dann vergegenw\u00e4rtigen, werden Sie erkennen, wie viele \u00f6ffentliche Schlagzeilen unlogisch, \u00fcbertrieben oder falsch sind. Das wird Ihnen helfen, sch\u00e4dliche Kauf- oder Verkaufsentscheidung zu vermeiden. Zu mehr Gelassenheit und Seelenfrieden tr\u00e4gt das Wissen um Equilibrium Accounting sowieso bei.<\/p>\n <\/p>\n [1]<\/strong> Nach Ausklingen der Krise wird der CHF dann oft wieder fallen.<\/p>\n In diesem Beitrag befassen wir uns mit Equilibrium Accounting und zeigen, wie Privatanleger dieses St\u00fcck Investmentsachlogik f\u00fcr sich nutzen k\u00f6nnen. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":6643,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[87,27],"class_list":["post-6635","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-investmentfehler","tag-aktualisiert","tag-market-timing"],"yoast_head":"\nFalsche \u00dcberschriften in den Finanzmedien<\/strong><\/span><\/h2>\n
\n
Warum die „Flucht-aus-Investment-X“-Aussagen falsch sind<\/strong><\/span><\/h2>\n
Was ist Equilibrium-Accounting?<\/strong><\/span><\/h2>\n
\n(2) jedes Wertpapier, jedes Investment im Kapitalmarkt einschlie\u00dflich dem Immobilienmarkt muss zu jedem Zeitpunkt einen Besitzer (Eigent\u00fcmer) haben.<\/p>\nWas Equilibrium-Accounting n\u00fctzlich ist<\/strong><\/span><\/h2>\n
Wie passen Aktien-Neuemissionen und Aktienr\u00fcckk\u00e4ufe zu Equilibrium Accounting?<\/strong><\/span><\/h2>\n
Fazit<\/strong><\/span><\/h2>\n
Endnoten<\/strong><\/span><\/h2>\n