{"id":6075,"date":"2021-09-03T00:00:23","date_gmt":"2021-09-02T22:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerd-kommer-invest.de\/?p=6075"},"modified":"2025-09-05T14:25:18","modified_gmt":"2025-09-05T12:25:18","slug":"der-beste-fonds-aller-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/der-beste-fonds-aller-zeiten\/","title":{"rendered":"Medallion, „der beste Fonds aller Zeiten“ \u2013 oder auch nicht"},"content":{"rendered":"
Von Gerd Kommer<\/a>\u00a0und\u00a0Alexander Weis<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n Hinweis: Dieser Blogbeitrag wurde im Mai 2024 aktualisiert.<\/em><\/p>\n Wer das B\u00f6rsengeschehen auch nur oberfl\u00e4chlich verfolgt, kennt sie: Euphorische Medienartikel, YouTube-Videos und Blog-Posts \u00fcber die „sagenhaften“ Renditen von „Superstar-Investoren“.<\/p>\n Vor einiger Zeit warfen wir in unserem Blog einen Blick auf einen dieser bejubelten B\u00f6rsengurus, den Hedge-Fonds-Manager Ray Dalio<\/a>. Obwohl Dalios bekanntester und gr\u00f6\u00dfter Fonds eine einfache ETF-Benchmark auf Buy-and-Hold-Basis seit \u00fcber 15 Jahren unter-performt, hat Dalio es durch cleveres Marketing geschafft, von den Medien immer noch als Investment Celebrity angehimmelt zu werden und in guten Jahren mit den Verwaltungsgeb\u00fchren der Fonds seiner Hedge-Fonds-Firma Bridgewater Associates<\/i> an die zwei Milliarden US-Dollar f\u00fcr sich pers\u00f6nlich zu verdienen.<\/p>\n In diesem Blog-Beitrag befassen wir uns mit einem anderen, weniger bekannten Hedge-Fonds-Guru, der in der Finanzszene aber oft noch intensiver angebetet wird als Dalio: Der US-Amerikaner James (Jim) Simons und sein Hedge-Fonds Medallion<\/i>. Simons starb 86-j\u00e4hrig im Mai 2024. Er war von Haus aus Mathematiker. Die kulthafte Verehrung, die er in der Anleger-Community genie\u00dft, l\u00e4sst sich beispielhaft an folgenden Zitaten \u00fcber seinen Medallion-Fonds und ihn selbst ablesen.<\/p>\n Wer Simons Hedge-Fonds-Unternehmen Renaissance Technologies LLC<\/i>, den Medallion-Fonds und Simons selbst googelt, wird beinahe unbegrenzt weitere hymnisch bewundernde Aussagen wie die oben aufgef\u00fchrten finden. In einem Medienartikel hei\u00dft es beispielsweise, dass sich der antike K\u00f6nig Midas, der bekanntlich Dinge durch blo\u00dfe Ber\u00fchrung zu Gold machen konnte, „angesichts der Leistung von Simons sch\u00e4men“ m\u00fcsse.<\/p>\n Der amerikanische Journalist Gregory Zuckerman schrieb 2019 ein Bestseller-Buch \u00fcber Simons<\/a><\/u>, das in Bezug auf seine Investment-bezogenen Teile ebenso gut die Marketing-Abteilung von Renaissance<\/em> verfasst haben k\u00f6nnte (das Buch gibt es auch in einer deutschen \u00dcbersetzung).<\/p>\n In der nachfolgenden Tabelle sind die Rendite- und Risikobilanz des Medallion-Fonds in den 35 Jahren seit der Auflage des Fonds 1988 bis 2022 zusammengefasst.<\/p>\n Der beste Fonds von Gerd Kommer: Der L&G Gerd Kommer Multifactor Equity UCITS ETF.<\/em> Mehr erfahren ><\/a><\/p>\n Tabelle: Rendite und Risiko des Medallion-Hedge-Fonds im Vergleich zu drei Benchmarks von 1988 bis 2022 (35 Jahre) \u2013 nominal in USD<\/strong><\/span><\/p>\n \u25ba Die Medallion-Rendite f\u00fcr das Kalenderjahr 2023 ist derzeit noch nicht \u00f6ffentlich bekannt. \u25ba Daten f\u00fcr Medallion von 1988 bis 2018 aus Zuckerman 2019, danach aus verschiedenen Medienartikeln. \u25ba Kosten im Falle eines S&P-500-ETFs nicht abgezogen. \u25ba Steuern nirgendwo ber\u00fccksichtigt. \u25ba Maximaler Drawdown = maximaler kumulativer (Buch-) Verlust w\u00e4hrend der 35 Jahre. Da dieser Berechnung ganze Kalenderjahresrenditen zugrunde liegen, sind die Maximum-Drawdown-Zahlen \u00fcberall um gesch\u00e4tzt 10 Prozentpunkte zu niedrig. Beim Medallion-Fonds sind grunds\u00e4tzliche Fragezeichen in Bezug auf die Risikodaten angebracht \u2013 siehe weiter unten „Argument 5“ im laufenden Text. <\/span><\/p>\n Die Geb\u00fchren beim Medallion-Fonds sind auch f\u00fcr einen Hedge-Fonds au\u00dfergew\u00f6hnlich hoch. Zu einer fixen Fee (Geb\u00fchr) von 5% p.a. kommt noch eine gewinnabh\u00e4ngige Fee von zwischen 20% und 44% der j\u00e4hrlichen Rendite \u00fcber null hinzu (die gewinnabh\u00e4ngige Fee betrug in den ersten Jahren 20% und stieg dann zeitweilig auf 44%). Allerdings muss man dabei beachten, dass der Fonds sowieso keine externen Investoren hat, so dass diejenigen, die die Fees bezahlen jedenfalls zum Teil identisch sind mit denjenigen, die sie erhalten. Daher ist die Vor-Geb\u00fchrenrendite f\u00fcr unsere Analysezwecke die wichtigere Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n Auf den ersten Blick muss man die Renditen des Medallion-Fonds vor Kosten und auch noch nach Geb\u00fchren \u00fcber diesen langen Zeitraum von 35 Jahren als buchst\u00e4blich unglaublich einstufen, genauso, wie es in den oben erw\u00e4hnten Zitaten zum Ausdruck kommt. Auch bei der ausgewiesenen Risikokennzahl „maximaler Drawdown“ steht der Medallion-Fonds um ph\u00e4nomenale Gr\u00f6\u00dfenordnungen besser da als die drei Vergleichsinvestments.<\/p>\n Wir haben dennoch gro\u00dfe Zweifel, ob dieses Lob gerechtfertigt ist und versuchen, die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Zweifel nachfolgend anhand von sechs Argumenten zu belegen:<\/p>\n <\/p>\n Hedge-Fonds-H\u00e4user unterliegen keiner Publikations- und Transparenzpflicht wie normale Investmentfonds-Gesellschaften. Das gilt auch f\u00fcr Simons Unternehmen Renaissance Technologies. Daher k\u00f6nnen Au\u00dfenstehende nicht oder nur unzuverl\u00e4ssig wissen, wie viele lebende und „tote“ Fonds (in der Vergangenheit mangels ausreichend guter Rendite liquidierte Fonds) aktuell und historisch seit der Gr\u00fcndung des Unternehmens 1982, also vor 42 Jahren, gemanagt wurden bzw. heute noch werden. Dies vorausgeschickt l\u00e4sst sich aus Medienberichten \u2013 Stand Anfang 2024 \u2013 die Existenz von \u00fcber 15 Renaissance-Fonds ableiten (je nach Z\u00e4hlweise oder „Fondsdefinition“ sind es auch nur vier). Nur von einem einzigen, dem in der Tabelle aufgef\u00fchrten Medallion Fund, sind die Renditen \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg \u00f6ffentlich bekannt und dieser macht lediglich rund 20 Prozent der aktuell von Renaissance gemanagten Anlegergelder aus.<\/p>\n Indirekt kann man aus den Medien entnehmen, dass keiner der 15+ anderen Fonds besonders spektakul\u00e4re Renditen produziert hat. \u00dcber die toten (liquidierten) Renaissance-Fonds, die es auch geben d\u00fcrfte, wissen wir noch weniger. Um aber die Investmentleistung von Jim Simons bzw. Renaissance tats\u00e4chlich beurteilen zu k\u00f6nnen, m\u00fcsste man die Renditen aller<\/i> seiner lebenden und toten Fonds seit 1982 kennen. Die Rendite eines einzigen von 15+ lebenden Fonds und vermutlich noch einigen toten sagt \u00fcber die echte Leistung von Simons und Renaissance praktisch nichts aus, zumal der Medallion Fonds auch noch ein im Vergleich kleiner Fonds ist (zur wichtigen Problematik seiner geringen Gr\u00f6\u00dfe weiter unten mehr).<\/p>\n Zur Veranschaulichung: In Bezug auf die Gr\u00fcnder und Vorstandschefs von Microsoft und Berkshire Hathaway \u2013 Bill Gates und Warren Buffett \u2013 existiert nur ein<\/i> einzelnes Investment, n\u00e4mlich das in der Tabelle oben aufgef\u00fchrte. Daher kann man die Investmentleistung von Gates und Buffett verl\u00e4sslich und objektiv an der Rendite allein von Microsoft bzw. Berkshire ablesen. Bei Simons kann man aus der Rendite eines von \u00fcber 15 Fonds hingegen nichts objektiv Aussagekr\u00e4ftiges ableiten, au\u00dfer dass einer seiner 15+ Versuche sehr erfolgreich war.<\/p>\n <\/p>\n Der Medallion-Fonds wurde bereits 1993, also vor 31 Jahren, f\u00fcr au\u00dfenstehende Investoren geschlossen. [1]<\/span><\/strong> Seitdem sind nur noch Simons (bzw. nun seine Erben) selbst und einige seiner Mitarbeiter in dem Fonds investiert. Mit nur wenig \u00dcbertreibung kann man daher sagen, dass es sich bei Medallion nicht um einen „Fonds“ handelt, sondern um ein „Unternehmen“, das aus historischen und\/oder marketingm\u00e4\u00dfigen Gr\u00fcnden das Wort „Fonds“ im Unternehmensnamen tr\u00e4gt. Wenn die Begriffe „Fonds“ und „finanzielles Investieren“ in Abgrenzung zu „Unternehmen“ und „unternehmerischen Investitionen“ \u00fcberhaupt unterschiedliche Bedeutungen haben sollen, dann ist Medallion kein Fonds, sondern ein Unternehmen.<\/p>\n Nun zur Krux: Vergleicht man die Performance von Medallion mit der Eigenkapitalrendite sehr erfolgreicher kleiner bis mittelgro\u00dfer Unternehmen \u2013 nicht Fonds \u2013 dann erscheinen die Medallion-Renditezahlen selbst in Einzelfondsperspektive gar nicht mehr so „unglaublich“ oder „atemberaubend“, sondern einfach nur noch „sehr gut“. Wohl tausende kleinere und mittlere Unternehmen \u2013 b\u00f6rsennotierte und noch viel mehr nicht b\u00f6rsennotierte \u2013 lieferten weltweit \u00fcber die vergangenen 20, 30 oder 40 Jahre \u00e4hnlich hohe oder sogar h\u00f6here durchschnittliche Eigenkapitalrenditen.<\/p>\n <\/p>\n Der Medallion-Fonds wurde nicht nur schon vor 31 Jahren geschlossen, er ist dazu auch noch ziemlich klein, weil seine Gewinne mit Ausnahme der Anfangsjahre immer ausgesch\u00fcttet wurden. Presseangaben zufolge hat der Fonds noch nie ein Volumen von \u00fcber zehn Milliarden US-Dollar gehabt. [2]<\/span><\/strong> Relativ zu einem gro\u00dfen b\u00f6rsennotierten Unternehmen oder einem gro\u00dfen konventionellen Investmentfonds ist das Volumen des Medallion-Fonds somit „\u00fcberschaubar“. Der gr\u00f6\u00dfte Indexfonds der Welt ist zirka 47-mal so gro\u00df, das Unternehmen Microsoft, gemessen an seiner Marktkapitalisierung, 300-mal so gro\u00df (Stand 04\/2024). Warum ist das relevant? Ganz einfach deswegen, weil es unendlich viel einfacher ist, hohe Prozentrenditen auf ein kleines Investment zu erwirtschaften als auf ein gro\u00dfes. Nicht nur das. Eine niedrige Rendite auf ein ausreichend gro\u00dfes Investment ist attraktiver als eine hohe Rendite auf ein kleines Investment. Was w\u00e4re Ihnen lieber? 60% Rendite von 10 Milliarden Dollar (also 6 Mrd. Dollar) oder 15% Rendite von 1.000 Milliarden Dollar (150 Mrd. Dollar)?<\/p>\n Man kann in diesem Zusammenhang noch einen Schritt weitergehen und fragen, warum der Medallion-Fonds nie mehr als zehn Milliarden an Volumen aufwies. Antwort: Die Investmentstrategie l\u00e4sst sich nicht skalieren, also auf ein deutlich gr\u00f6\u00dferes Fondsvolumen anwenden, ohne ihre Wirksamkeit zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n Das trifft auf Investments in gro\u00dfe b\u00f6rsennotierte Unternehmen nicht zu. Solche Unternehmen generieren zwar weit niedrigere prozentuale Renditen als Medallion, schaffen aber dennoch viel mehr Shareholder Value in derjenigen Ma\u00dfeinheit, die wirklich z\u00e4hlt, n\u00e4mlich Geldeinheiten \u2013 nicht Prozentrenditen bezogen auf eine im Vergleich kleine Bemessungsgrundlage. Zur Illustration: Die durchschnittliche Jahresrendite von Medallion seit 1988 betr\u00e4gt \u00fcber 60%. [3]<\/span><\/strong> Bei einer Bezugsgr\u00f6\u00dfe von 10 Mrd. Dollar bedeutet das die Schaffung von sechs Mrd. Dollar pro Jahr neuem Shareholder Value (Mehrwert f\u00fcr die Aktion\u00e4re). Microsoft generierte in den letzten f\u00fcnf Jahren im Durchschnitt etwa 350 Mrd. Dollar Shareholder Value j\u00e4hrlich. Der gr\u00f6\u00dfte Indexfonds der Welt erzeugte 2023 einen Shareholder Value von \u00fcber 110 Milliarden Dollar.<\/p>\n <\/p>\n Weil beim Medallion-Fonds stets alle Gewinne ausgesch\u00fcttet wurden, sind die von seinen Bewunderern in der Branche vorgenommenen Endverm\u00f6genskalkulationen nach folgendem Muster ganz einfach falsch: Ein bescheidenes Einmalinvestment von 1.000 Dollar wurde im Jahr 1988 f\u00fcr 35 Jahre in den Medallion-Fonds investiert. Bei der oben genannten durchschnittlichen Rendite von 61% p.a. erg\u00e4be das heute die m\u00e4rchenhafte Endsumme von 17 Milliarden Dollar vor Geb\u00fchren oder auf Basis der Nachgeb\u00fchrenrendite von 36% p.a. 47 Millionen Dollar \u2013 jeweils vor Steuern. (Der gro\u00dfe Unterschied erkl\u00e4rt sich aus dem Zinseszinseffekt.)<\/p>\n Solche „lustigen“ Rechnungen, die in einem der unten aufgelisteten Artikel sogar ein Mathematiker vornahm (Edesses 2019), unterstellen jedoch, dass alle j\u00e4hrlichen Gewinne stets sofort und vollst\u00e4ndig im Fonds reinvestiert (thesauriert) wurden. Das war bei Medallion aber ja gerade nicht der Fall \u2013 wenn man einige wenige Jahre ganz am Anfang ausnimmt wurden gar keine Gewinne reinvestiert, weil das mit der Fondsstrategie nicht kompatibel war und ist.<\/p>\n Finanzmathematisch korrekt w\u00e4re es daher „normale“ Renditen f\u00fcr die ausgesch\u00fctteten Gewinne anzunehmen. Das w\u00fcrde jedoch die so korrigierte, tats\u00e4chliche Medallion-Investmentrendite dramatisch senken. (Notabene: Auf einen gew\u00f6hnlichen aussch\u00fcttenden Investmentfonds trifft dieser technische Sachverhalt zwar grunds\u00e4tzlich auch zu, aber man kann ihn bei einem konventionellen Fonds ignorieren, weil bei diesem \u2013 anders als bei Medallion \u2013 Re-Investments in den Fonds ja zul\u00e4ssig und problemlos m\u00f6glich sind.)<\/p>\n In j\u00fcngerer Zeit haben zwei Wissenschaftler einen Aufsatz publiziert (Guo\/Liu 2022), in dem auf der Basis einer anderen finanzmathematischen Argumentation generell in Zweifel gezogen wird, ob die „offizielle“ Durchschnittsrendite Rendite des Medallion-Fonds von \u00fcber 60% p.a. vor Geb\u00fchren \u00fcberhaupt korrekt ist. Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass die tats\u00e4chliche Vor-Geb\u00fchrenrendite vermutlich nur etwa halb so hoch sei. Die durchschnittliche Rendite nach Geb\u00fchren (die in dem Aufsatz nicht ermittelt wird) l\u00e4ge dann weit unter den „offiziellen“ 36% p.a.<\/p>\n <\/p>\n Es ist in der wissenschaftlichen Literatur zu Hedge-Fonds seit Jahrzehnten bekannt und unbestritten, dass die von Hedge-Fonds nach au\u00dfen kommunizierten Zahlen zu ihrem Risiko in Gestalt von Volatilit\u00e4t und Drawdown h\u00e4ufig gesch\u00f6nt, sprich gegl\u00e4ttet sind („Return Smoothing“). [4]<\/span><\/strong> Grund: Weil die meisten Hedge-Fonds mehr oder weniger umfangreich in nicht b\u00f6rsennotierte Assets investieren, m\u00fcssen bzw. d\u00fcrfen sie die Preisever\u00e4nderungen dieser Assets selbst sch\u00e4tzen und diese Eigensch\u00e4tzungen dann an die Anleger und Index-Anbieter kommunizieren. Wenn man nun ber\u00fccksichtigt, dass Hedge-Fonds letztlich keiner Aufsicht unterliegen, wird es nicht \u00fcberraschen, dass die Schwankungen dieser Sch\u00e4tzungen „etwas ged\u00e4mpft“ kalkuliert werden. Im Branchenjargon nennt man das „marketing-supportive accounting“. Die sch\u00f6ne Risikobilanz des Medallion-Fonds in der Tabelle m\u00fcssen wir deswegen mit einem dicken Fragezeichen versehen. Ferner sind f\u00fcr Medallion nur Kalenderjahresrenditen \u00f6ffentlich bekannt. \u00dcber die t\u00e4glichen oder monatlichen Schwankungen des Fonds wissen wir \u00fcberhaupt nichts.<\/p>\n <\/p>\n Die f\u00fcnfte von den eingangs wiedergegebenen Lobeshymnen zum Medallion Fund lautet „die Performance des Medallion-Fonds stellt das ultimative Gegenbeispiel zur Efficient-Market-Hypothese dar“ (Bradford 2020). Diese Aussage ist aus statistisch-wissenschaftlicher Sicht haneb\u00fcchen, auch wenn Sie in diesem Fall von einem promovierten Finanz\u00f6konomen stammt. Das Ergebnis eines einzigen Investments, auch eines \u00fcber 30 Jahre hinweg, kann die Efficient-Market-Hypothese („EMH“) nicht widerlegen. Die EMH l\u00e4sst das Vorkommen von Outperformance, auch von extremer Outperformance, selbstverst\u00e4ndlich zu.<\/p>\n Die EMH besagt lediglich, dass es mit \u00f6ffentlich verf\u00fcgbaren Informationen unwahrscheinlich ist, eine korrekt gew\u00e4hlte Benchmark nach Kosten, Steuern und Risiko \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum zu schlagen. Mehr sagt die EMH nicht, auch wenn ihr regelm\u00e4\u00dfig weitergehende Aussagen und Anspr\u00fcche angedichtet werden. Die Benchmark aus Zufall zu schlagen ist selbstverst\u00e4ndlich mit der EMH vereinbar und ist sogar wahrscheinlich, wenn man bedenkt, dass weltweit Hunderte Millionen aktiv gemanagter Fonds und Portfolios existieren. Diesen Zufall k\u00f6nnen wir f\u00fcr die Medallion-Performance klar nicht ausschlie\u00dfen, auch wenn der Medallion-Track-Record auf den ersten Blick nicht wie Zufall aussieht. Nur wenn der gewichtete Renditedurchschnitt aller<\/i> 15+ Renaissance-Fonds \u00fcber 20+ Jahre weit \u00fcberdurchschnittlich w\u00e4re, k\u00f6nnte oder m\u00fcsste man mit den \u00fcblichen statistischen Verfahren sicherlich schlussfolgern, dass die Outperformance von Medallion individuell und Renaissance Technologies insgesamt nicht auf Gl\u00fcck, sprich Zufall, beruht.<\/p>\n <\/p>\n Dieser Blog-Beitrag wollte den im Internet regelm\u00e4\u00dfig hymnisch bejubelten Investment-Track-Record des legend\u00e4ren Hedge-Fonds-Managers Jim Simons n\u00e4her beleuchten. Die verf\u00fcgbaren Daten und Informationen erscheinen uns ern\u00fcchternd \u2013 man muss sie nur kritisch auswerten.<\/p>\n Das Einzige, was wir in finanzieller Hinsicht \u00fcber Jim Simons mit Gewissheit sagen k\u00f6nnen, ist, dass es sich bei ihm um einen genialen Unternehmer handelte. Weil er das war, belief sich sein privates Nettoverm\u00f6gen Anfang 2024 auf \u00fcber 30 Milliarden US-Dollar. Simons Erfolg als Unternehmer sagt allerdings nichts \u00fcber seine Leistung als Finanzinvestor und Fondsmanager aus. Leider wird der pers\u00f6nliche Reichtum bei Hedge-Fonds-Managern von Journalisten und Privatanlegern immer wieder als Zeichen von Investmenterfolg f\u00fcr die Anleger fehlinterpretiert. Ein erstaunlich verbreiteter Fehler von Finanzjournalisten und Finfluencern.<\/p>\n Was Simons Gesamtleistung als Finanzinvestor und Fondsmanager anbelangt, wissen wir letztlich wenig Verl\u00e4ssliches. Das, was wir \u00fcber ein einzelnes, relativ kleines seiner Investments wissen \u2013 den Medallion Fund \u2013 rechtfertigt die vielen peinlich-devoten, oftmals regelrecht kriecherischen Lobeshymnen in den Medien und im Internet gewiss nicht.<\/p>\n Loben und danken muss man Jim Simons f\u00fcr sein gro\u00dfes philanthropisches Engagement. Er hat Medienangaben zufolge zu Lebzeiten sechs Milliarden Dollar f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Zwecke gespendet. Au\u00dferdem erbrachte er beeindruckende Forschungsleistungen in der Mathematik. Als Mensch, als Mathematiker und als Unternehmer stand Simons ganz weit oben und daf\u00fcr geb\u00fchrt ihm unsere Bewunderung. Wo er als Investor stand wissen wir letztlich nicht.<\/p>\n Alles in allem sind Simons, Medallion und Renaissance ein Lehrbuchbeispiel daf\u00fcr, wie umfassend die Medien an ihrer Verantwortung scheitern, Renditedaten aus der Finanzbranche f\u00fcr Privatanleger korrekt zu interpretieren.<\/p>\n <\/p>\n [1]<\/strong> Im Jahr 2003 wurden sogar einigen der existierenden Anleger, die keine Renaissance-Mitarbeiter waren, „gek\u00fcndigt“, ihr Kapital im Fonds also gegen ihren Wunsch ausgezahlt.<\/p>\n [2]<\/strong> Einzelnen Medienberichte zufolge wurde das Fondsvolumen in j\u00fcngster Zeit auf 15 Mrd. Dollar erh\u00f6ht. Andere Quellen geben weiterhin zehn Mrd. an.<\/p>\n [3]<\/strong> Auf die in j\u00fcngerer Zeit von Forschern formulierten Zweifel an der Korrektheit dieser Zahl, kommen wir im folgenden Argument.<\/p>\n [4]<\/strong> Der in der Hedgefonds-Szene bekannte Cliff Asness, Chef der Fondsgesellschaft AQR, hat f\u00fcr das Return Smoothing im Reporting von Hedge-Fonds und Private Equity-Fonds den anschaulichen Begriff Volatility Laundering<\/em> (von Money Laundering = Geldw\u00e4sche) gepr\u00e4gt.<\/p>\n <\/p>\n Celarier, Michelle (2020): „Renaissance\u2019s Medallion Fund Surged 76% in 2020. But Funds Open to Outsiders Tanked;“ Internet-Fundstelle: hier<\/a><\/p>\n Celarier, Michelle (2021): „Providence\u2019s Troubled Pension System Bet Big on Renaissance Technologies \u2014 And Lost“; Internet-Fundstelle: hier<\/a><\/p>\n Celarier, Michelle (2021): „The Medallion Fund Is Still Outperforming. Other Renaissance Funds Still Aren\u2019t“; Internet-Fundstelle: hier<\/a><\/p>\n Cornell, Bradford (2020): „Medallion Fund: The Ultimate Counterexample?“; In: Journal of Portfolio Management, Vol. 46, No. 4, 2020<\/p>\n Edesess, Michael (2019): „Was Renaissance\u2019s Success Luck or Skill \u2013 And Was It Behind Trump\u2019s Victory?“ Internet-Fundstelle: hier<\/a><\/p>\n Fox, Mathew (2022): „Secretive hedge fund Renaissance Technologies reportedly sees $15 billion in outflows“; Internet-Fundstelle: hier<\/a><\/p>\n Guo; Shuxin\/Liu, Quang (2022): „Is the annualized compounded return of Medallion over 35%?“; July 2022; SSRN\/Social Sciences Research Network hier<\/a><\/p>\n Gr\u00e4nitz, Marko (2020): „Der beste Fonds aller Zeiten“; Internet-Fundstelle: hier<\/a><\/p>\n Lipscomb, Sam (2021): „Renaissance Technologies Review“; Internet-Fundstelle: hier<\/a><\/p>\n Maggiulli, Nick (2019): „Why the Medallion Fund is the Greatest Money-Making Machine of All Time“; Internet Fundstelle: hier<\/a><\/p>\n Zuckerman, Gregory (2019): „The Man Who Solved the Market: How Jim Simons Launched the Quant Revolution“; Nov. 2019; Portfolio; 384 pages (das Buch ist auch in deutscher \u00dcbersetzung verf\u00fcgbar)<\/p>\n Wir befassen uns mit der Performance des ber\u00fchmten US-Hedge-Fonds Medallion, der von James Simons gemanagt wird.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":6342,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,1],"tags":[87,13],"class_list":["post-6075","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktives-investieren","category-nicht-kategorisiert","tag-aktualisiert","tag-hedge-fonds"],"yoast_head":"\n\n
<\/p>\nArgument 1: Mangelnde Publikations- und Transparenzpflicht von Hedge-Fonds<\/b><\/span><\/h2>\n
Argument 2: Medallion ist kein Fonds, sondern ein Unternehmen<\/b><\/span><\/h2>\n
Argument 3: Mangelnde Skalierbarkeit der Medallion-Strategie<\/b><\/span><\/h2>\n
Argument 4: Fragw\u00fcrdige Berechnung der Medallion-Rendite<\/b><\/span><\/h2>\n
Argument 5: Return Smoothing von Hedge-Fonds-Renditen<\/b><\/span><\/h2>\n
Argument 6:<\/b> Medallion-Renditen widersprechen nicht der Efficient-Market-Hypothese<\/b><\/span><\/h2>\n
Fazit<\/b><\/span><\/h2>\n
Endnoten<\/strong><\/span><\/h2>\n
Literatur<\/b><\/span><\/h2>\n