{"id":5235,"date":"2021-02-05T00:00:51","date_gmt":"2021-02-04T23:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerd-kommer-invest.de\/?p=5235"},"modified":"2025-09-09T10:59:06","modified_gmt":"2025-09-09T08:59:06","slug":"angst-vor-dem-allzeithoch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/angst-vor-dem-allzeithoch\/","title":{"rendered":"Die Angst vor dem Allzeithoch \u2013 ein sch\u00e4dlicher Irrtum"},"content":{"rendered":"

Von Daniel Ganowski<\/a>\u00a0und\u00a0Gerd Kommer<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n

Der Begriff des Allzeithochs<\/i> ist in den Finanzmedien und in der Blogosph\u00e4re allgegenw\u00e4rtig. Seine Pr\u00e4senz schwillt immer dann zus\u00e4tzlich an, nachdem der Aktienmarkt eine deutliche Aufw\u00e4rtsentwicklung von zwei, drei Jahren oder mehr genommen hat. In solchen Zeiten regnen dann b\u00f6rsent\u00e4glich Nachrichten und Schlagzeilen wie die folgenden auf die Privatanleger-Community herab:<\/p>\n

„DAX-Allzeithoch: Vorsicht, jetzt nicht mehr kaufen!“ \u2014 Heiko Thieme, „internationaler Finanz- und Anlageexperte“ [Eigenbezeichnung] in einem Internet-Artikel vom 07.05.2013.<\/span><\/p>\n

„Die US-B\u00f6rsen befinden sich nahe eines Allzeithochs. Je h\u00f6her die Kurse, desto h\u00f6her das Risiko eines R\u00fcckfalls.“ \u2014 Finanzjournalist Tim Sch\u00e4fer in seinem B\u00f6rsen-Blog am 02.01.2015.<\/span><\/p>\n

„The MSCI ACWI Index [ein globaler Aktienindex] has been hitting record highs since early November [2020].“ \u2014 Newsletter von Thornburg Investment Management (USA) vom 22.12.2020.<\/span><\/p>\n

„Es bleibt spannend. Was kommt nach dem Allzeithoch?“ \u2014 Robert Ertl, Vorstandmitglied der Bayerische B\u00f6rse AG in einem Marktkommentar vom 28.12.2020.<\/span><\/p>\n

Gibt man „stock market all time high“ in Google ein, liefert die Suchmaschine gut zwei Milliarden Treffer.<\/p>\n

In unserer Beratungspraxis vergeht seit unserem Unternehmensstart vor gut vier Jahren kaum eine Woche, in der uns nicht ein weiterer besorgter Mandant oder Neukunde nahelegt, dass „jetzt“ kein guter Zeitpunkt f\u00fcr den Einstieg in den Aktienmarkt sein k\u00f6nne, da dieser ja in der N\u00e4he seines Allzeithochs notiere, der Aktienmarkt mithin teuer und hoch bewertet sei.<\/p>\n

Wir wollen in diesem Blog-Beitrag zeigen, dass der Begriff des Allzeithochs (nachfolgend der K\u00fcrze halber „AZH“ genannt) in Bezug auf die Frage des Bewertungsniveaus des Aktienmarkts nicht nur konzeptionell fehlkonstruiert ist, sondern sich dar\u00fcber hinaus exzellent daf\u00fcr eignet, Anlagesch\u00e4den anzurichten, wenn man seine Investmententscheidungen darauf abstellt. Mit Anlagesch\u00e4den sind hier insbesondere entgangene Gewinne gemeint, im \u00d6konomenjargon Opportunit\u00e4tskosten.<\/p>\n

Warum ist der AZH-Begriff eine konzeptionelle Fehlkonstruktion? Die Bezeichnung Allzeithoch wird in der Privatanlegerpraxis \u2013 wie in den vier beispielhaften Zitaten weiter oben \u2013 nahezu unisono als Bewertungskennzahl <\/i>verstanden. Will hei\u00dfen, das AZH signalisiere in Bezug auf einen Aktienindex (oder den „Markt“), dass dieser teuer bzw. hoch bewertet sei.\u00a0<\/span><\/p>\n

In Wirklichkeit zeigt das AZH nichts dergleichen. Weder, dass Aktien teuer sind, noch eine hohe Bewertung. Ganz einfach deswegen nicht, weil das nur eine Bewertungskennzahl<\/i> zeigen kann und genau das ist das AZH nicht.\u00a0<\/span><\/p>\n

Bewertungskennzahlen f\u00fcr Aktien oder den Gesamtaktienmarkt, dr\u00fccken in den meisten F\u00e4llen das Verh\u00e4ltnis des Aktienkurses (Aktienpreises) zu einer bestimmten „fundamentalen“ (betriebswirtschaftlichen) Bezugsgr\u00f6\u00dfe aus. Diese Bezugsgr\u00f6\u00dfe kann beispielsweise sein: Gewinn pro Aktie, Cash-Flow pro Aktie oder Bucheigenkapital pro Aktie. Die dazu geh\u00f6rigen Bewertungskennzahlen hei\u00dfen Kurs-Gewinn-Verh\u00e4ltnis\/KGV, Kurs-Cash-Flow-Verh\u00e4ltnis\/KCFV und Kurs-Buchwert-Verh\u00e4ltnis\/KBV. (Bei einem Aktienindex, im Unterschied zu einer Einzelaktie, werden diese Gr\u00f6\u00dfen naturgem\u00e4\u00df f\u00fcr alle Aktien im Index aufsummiert, was aber nichts am Grundprinzip \u00e4ndert.)<\/p>\n

Mit anderen Worten, auch wenn es unserem Bauchgef\u00fchl widerspricht: Der absolute Indexstand alleine als eine Zahl ohne Bezugsgr\u00f6\u00dfe, sagt rein gar nichts dar\u00fcber aus, ob der Markt teuer oder billig, hoch bewertet, normal bewertet oder niedrig bewertet ist \u2013 gleichg\u00fcltig, ob der Indexstand in diesem Moment ein AZH markiert oder auf irgendeinem anderen niedrigeren Level steht. Wenn das AZH mithin nichts aussagt \u00fcber Bewertung, dann ist es nicht nur sinnlos, sondern sogar sch\u00e4dlich, bewertungsgetriebene Investmententscheidungen am AZH auszurichten. Also beispielsweise keine Neu- oder Nachinvestitionen in der N\u00e4he eines AZHs\u00a0 <\/span>vorzunehmen.<\/p>\n

Ein kleines Gedankenexperiment zur Illustration: Wir nehmen an, die Gewinne der DAX-Unternehmen wachsen j\u00e4hrlich und stetig um 1%. (Das w\u00e4re weit, weit weniger als das tats\u00e4chlich langfristig durchschnittliche Gewinnwachstum von 3% bis 4% p.a.) Zugleich steigen die Kurse (inkl. reinvestierter Dividenden) der DAX-Aktien langfristig stetig um 0,5% pro Jahr. (Auch das ist weit weniger als die tats\u00e4chliche Zahl: die nominale DAX-Rendite betrug von 1970 bis 2020 6,3% p.a.) In dieser gedanklichen Welt, w\u00fcrde der DAX jedes Jahr, streng genommen sogar jeden Monat, ein neues AZH erreichen. Seine am KGV gemessene Bewertung \u2013 und auf die Bewertung kommt es hier ja an \u2013 w\u00fcrde aber trotzdem immer weiter sinken. Anders ausgedr\u00fcckt, die DAX-Aktien in unserem Gedankenexperiment w\u00fcrden kontinuierlich jedes Jahr immer billiger und g\u00fcnstiger bewertet werden, w\u00e4hrend sie zugleich, fortw\u00e4hrend neue AZHs erklimmen.\u00a0<\/span><\/p>\n

Solche theoretischen \u00dcberlegungen sind wichtig, sollten aber stets mit empirischen Daten \u00fcberpr\u00fcft werden. Das wollen wir nachfolgend anhand des S&P 500-Aktienindex tun. Der S&P 500 ist der wohl bekannteste Aktienindex der Welt. Er bildet die 500 gr\u00f6\u00dften Firmen ab, die an den drei gro\u00dfen US-B\u00f6rsen gelistet sind und macht rund 60% des B\u00f6rsenwertes aller gelisteten US-Unternehmen aus.\u00a0<\/span><\/p>\n

Die folgende Tabelle illustriert, dass das AZH in Bezug auf den allgemeinen Aktienmarkt, hier in Gestalt des S&P 500, nicht nur konzeptioneller, sondern auch empirischer Unsinn ist, wenn man das Erreichen eines AZHs als „Achtung-Vorsicht,-jetzt-besser-nicht-investieren“-Signal interpretiert \u2013 und so vermarkten ja Finanzbranche und Finanzmedien diese Pseudokennzahl.<\/p>\n

Tabelle: Renditen des S&P 500-Index von 1926 bis 2020 (95 Jahre): Gesamtzeitraum und durchschnittliche Renditen, nachdem<\/i> ein Allzeithoch erreicht wurde<\/b><\/span><\/p>\n

\"Tabelle<\/p>\n

\u25ba Rohdaten: Dimensional Fund Advisors. \u25ba Alle Renditen in USD, nominal, vor Steuern und Kosten. \u25ba In diesen 95 Jahren\/1.140 Monaten traten 346 Monatsend-AZHs auf (30% aller Monate). \u25ba In allen vier „Folgerenditezeitr\u00e4umen“ basiert der angegebene Durchschnitt auf jeweils \u00fcber 300 Datenpunkten. Ein solcher Datenpunkt tritt immer dann auf, wenn ein gegebener Monat mit einem AZH endet. Das l\u00f6st in unserem kleinen Modell die Berechnung einer „AZH-Nachfolgerendite“ aus. Die vier rechten Spalten der obigen Tabelle zeigen den Durchschnitt der AZH-Nachfolgerenditen. \u25ba\u00a0Die AZHs gegen Ende des Gesamtzeitraums, f\u00fcr die bis zum 31.12.2020 kein kompletter Folgerenditezeitraum mehr bestand, wurden nicht gez\u00e4hlt.<\/span><\/p>\n

Was l\u00e4sst sich aus der Tabelle ablesen?<\/p>\n

Fast ein Drittel der 1.140 Monate (95 Jahre) endeten auf einem AZH f\u00fcr den S&P 500-Index. Was in 30% aller Monate vorkommt, ist nicht au\u00dfergew\u00f6hnlich, sondern eher die Regel und „normal“. Der banale Grund: Aktienm\u00e4rkte haben langfristige Durchschnittsrenditen gr\u00f6\u00dfer Null. Sprich, der Aktienmarkt tendiert dauerhaft nach oben \u2013 wie steil nach oben, spielt dabei keine Rolle. Weil Aktienrenditen (hier in Gestalt monatlicher Renditen) zugleich einigerma\u00dfen stark schwanken, f\u00fchrt im Ergebnis etwa jede dritte Monatsrendite zu einem neuen H\u00f6chststand.<\/p>\n

Legte man der Berechnung in der Tabelle den DAX, den MSCI World oder einen anderen breiten Aktienindex f\u00fcr einen hinreichend langen Zeitraum zugrunde, w\u00fcrden im Wesentlichen die gleichen Ergebnisse resultieren. Wir haben den S&P 500 gew\u00e4hlt, weil dessen Monatsrenditedaten weiter zur\u00fcckreichen als die des DAX oder des MSCI World und weil der S&P 500 mit seinen AZHs in den Finanzmedien besonders h\u00e4ufig aufgegriffen wird.\u00a0<\/span><\/p>\n

Auf den ersten Blick erscheint erstaunlich, dass die auf ein AZH folgenden kurz- und mittelfristigen Renditen in drei von vier F\u00e4llen sogar h\u00f6her<\/i> waren als die Durchschnittsrendite \u00fcber den Gesamtzeitraum von 95 Jahren. Wie erkl\u00e4rt sich das? Die Hauptursache daf\u00fcr d\u00fcrfte diejenige sein, die wir bereits weiter oben nannten. Das Allzeithoch ist nicht nur keine Bewertungskennzahl, sondern dar\u00fcber hinaus ein fast v\u00f6llig willk\u00fcrliches Signal. Weil das so ist, sind die Renditen direkt nach einem AZH eben nicht systematisch niedriger als alle \u00fcbrigen Renditen oder die Rendite \u00fcber den Gesamtzeitraum.<\/p>\n

Dass in unserer speziellen S&P 500-Auswertung die Post-AZH-Renditen sogar \u00fcberwiegend h\u00f6her waren als die Durchschnittsrendite, k\u00f6nnte Zufall sein. Es k\u00f6nnte aber auch mit dem wissenschaftlich vielfach nachgewiesenen Momentum-Effekt<\/i> bei Aktienrenditen zusammenh\u00e4ngen (zur Momentum-Faktorpr\u00e4mie siehe hier<\/a>). Darauf deutet auch die mit der L\u00e4nge des Folgezeitraums abnehmende Mehrrendite hin. Wir wollen uns bei dieser Spurensuche jedoch nicht festlegen. Es gen\u00fcgt festzuhalten, dass historisch die Renditen nach einem AZH nicht niedriger waren als sonst. Punkt.<\/p>\n

W\u00fcrde man der Berechnung in der Tabelle nicht Monatsrenditen, sondern Tagesrenditen zugrunde legen, entst\u00fcnde kein grunds\u00e4tzlich anderes Resultat.<\/p>\n

Alles in allem k\u00f6nnen wir nun schlussfolgern:<\/p>\n

Ein Allzeithoch bzw. das Erreichen eines AZHs \u2013 verstanden als „Investmentwarnung“ f\u00fcr einen bestimmten Aktienmarkt \u2013 ist, erstens, konzeptionell absurd und, zweitens, empirischer Nonsens.<\/p>\n

Bleibt noch die Frage, ob das AZH-Konzept, wenn schon nicht f\u00fcr Aktien im Sinne breiter Indizes bzw. der Asset-Klasse Aktien, dann wenigstens f\u00fcr Einzelwerte eine sinnvolle Rolle als wenigstens grobes Bewertungssignal einnehmen k\u00f6nnte.\u00a0<\/span><\/p>\n

Die oben genannten theoretischen Einw\u00e4nde gelten in Bezug auf Einzelwerte jedoch gleicherma\u00dfen: Jede Aktie mit einer im l\u00e4ngerfristigen Mittel positiven Rendite, selbst einer besonders niedrigen positiven Rendite, erzeugt mehr oder weniger st\u00e4ndig neue AZHs \u2013 je nach Aktie und untersuchtem Zeitfenster zwischen 10% und 30% der Zeit.\u00a0<\/span><\/p>\n

Will man die Renditen ermitteln, die auf solche AZHs bei einzelnen Aktien historisch kurz- und mittelfristig folgten, sollte man allerdings nur Datenreihen von mindestens 30 Jahren L\u00e4nge verwenden. Bei k\u00fcrzeren Zeitr\u00e4umen dominiert oder „\u00fcberschwemmt“, im Falle von Einzelwerten, der Zufall \u2013 im Statistikjargon „Noise“ \u2013 ein etwaig vorhandenes Datenmuster. Insgesamt d\u00fcrften AZHs auch bei Einzelwerten eher nutzlose Signale darstellen. Da wir aber nicht in einzelne Aktien investieren, hat diese nicht eingehend gepr\u00fcfte Hypothese f\u00fcr uns selbst keine praktische Bedeutung.\u00a0<\/span><\/p>\n

Summa summarum sind unsere Feststellungen in diesem Blog-Beitrag gewiss keine bahnbrechenden, neuen Erkenntnisse, die vorher v\u00f6llig unbekannt waren. Warum ist das nutzlose oder sch\u00e4dliche AZH-Konzept in der Kommunikation und im Denken von Privatanlegern dennoch so erstaunlich pr\u00e4sent und popul\u00e4r? Aus unserer Sicht hat das die folgenden vier Gr\u00fcnde:<\/p>\n

Zun\u00e4chst einmal, ist das AZH-Konzept sch\u00f6n einfach \u2013 viel einfacher als echte Bewertungskennzahlen, wie z. B. die oben erw\u00e4hnten. Derjenige, der die AZH-Daten produziert, hat damit nicht viel Arbeit. Derjenige, der sie konsumiert, muss nicht viel denken. Zum Zweiten, scheint das AZH, wenn man aus der Denkwelt von Konsumg\u00fctern kommt, als Indikator f\u00fcr „teuer“ Sinn zu machen. Leider ist das in diesem Fall die falsche Denkwelt. Zum Dritten, kann eine ruchlose Finanzbranche mit der immer neuen Verbreitung des AZH-Pseudokonzepts die eigenen hochpreisigen, aktiv gemanagten Finanzprodukte und Anlagestrategien besser absetzen. Zum Vierten: Aus der Sicht der Finanzmedien kann man mit AZHs, die ja die willkommene Eigenschaft besitzen sehr h\u00e4ufig aufzupoppen, irgendwie spannende, leicht verst\u00e4ndliche Finanzgeschichtchen erz\u00e4hlen und so Auflage und Klickraten steigern.<\/p>\n

Zum Schluss wollen wir noch zeigen, wie der in den Finanzmedien am meisten verbreitete Typus einer Kursgrafik auf perfide Weise die Pseudobewertungskennzahl AZH transportiert und zur Desinformation von Privatanlegern beitr\u00e4gt.\u00a0<\/span><\/p>\n

Die beiden folgenden Abbildungen 1 und 2 zeigen die Entwicklung des S&P 500-Index von Anfang 1950 bis Ende 2020. Beiden Abbildungen liegt exakt das gleiche Datenmaterial zugrunde. \u00dcber diese 71\u00a0Jahre hatte der Index in US-Dollar vor Kosten und Steuern eine nominale Rendite von 11,5% p.a. (real 7,8% p.a.). Abbildung\u00a01 vermittelt implizit den Eindruck, dass der US-Aktienmarkt erst im letzten Drittel dieser sieben Jahrzehnte dramatisch angestiegen sei und daher Ende 2020 ein spektakul\u00e4res, scheinbar „teures“ Allzeithoch erreicht habe.<\/p>\n

 <\/p>\n

Abbildung 1: Entwicklung des S&P 500-Aktienindex von 1950 bis 2020 (71 Jahre), in USD vor Kosten und Steuern \u2013 konventionelle arithmetische vertikale Achse, Startwert 1<\/b><\/span><\/p>\n

\"Grafik<\/p>\n

Abbildung 2 liegen \u2013 wie erw\u00e4hnt \u2013 die gleichen Daten wie Abbildung 1 zugrunde. Hier allerdings pr\u00e4sentiert mit einer logarithmischen, statt arithmetisch-linearen vertikalen Achse. So kommt korrekt zum Ausdruck, dass der prozentuale Anstieg des S&P 500-Index \u00fcber diese 71 Jahre hinweg von Anfang bis Ende recht gleichf\u00f6rmig verlief. Von einem besonders geringen Zuwachs in den ersten 35 Jahren und einem besonders starken Zuwachs ab 2009 \u2013 wie Abbildung 1 irref\u00fchrend suggeriert \u2013 kann keine Rede sein.[1]<\/span><\/strong><\/p>\n

 <\/p>\n

Abbildung 2: Entwicklung des S&P 500-Aktienindex von 1950 bis 2020 (71 Jahre), in USD vor Kosten und Steuern \u2013 logarithmische vertikale Achse, Startwert 1<\/strong><\/span><\/p>\n

\"Grafik<\/p>\n

Die in den Medien und im Marketing-Material der Finanzbranche dominierende Darstellungsform f\u00fcr Kursgrafiken, wie in Abbildung 1, erzeugt \u2013 sofern (a) eine trendm\u00e4\u00dfig positive Kursentwicklung und (b) ein Zeitraum von, sagen wir, mehr als f\u00fcnf Jahren vorliegen \u2013 in den meisten F\u00e4llen die optische Illusion. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Rendite bzw. Verm\u00f6gensbildung habe im letzten Drittel oder letzten Viertel des Gesamtzeitraums stattgefunden, auch, wenn das in Bezug auf die hier relevanten j\u00e4hrlichen Renditen in Wirklichkeit nicht der Fall war. Der Zinseszinseffekt bewirkt hier einen optischen Effekt, der bei den allermeisten Betrachtern, selbst vielen Profis, intuitiv zu einem falschen Verst\u00e4ndnis der realen Marktgeschehnisse f\u00fchrt.<\/p>\n

Bauchgef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig schlussfolgert der typische Betrachter aus diesem „aufw\u00e4rts verbogenen“ Kurvenverlauf, es sei erst in der j\u00fcngeren Vergangenheit zu einer hohen Bewertung und dadurch zu einem am Ende \u00fcberteuerten Markt (bzw. einem \u00fcberteuerten Einzelwert) gekommen. Diese Interpretation ist verst\u00e4ndlich und dennoch heillos verkehrt, wie Abbildung 2 veranschaulicht.\u00a0<\/span><\/p>\n

Die logarithmische Darstellungsweise l\u00e4sst die tats\u00e4chliche Sachlage viel besser und weniger missverst\u00e4ndlich erkennen. Sie stellt gleiche prozentuale Zuw\u00e4chse im Zeitablauf optisch auch immer gleich dar, unabh\u00e4ngig davon, ob diese am Anfang, in der Mitte oder am Ende der Gesamtperiode auftraten. So muss es sein. So ist es aber bei einer arithmetisch-linearen Grafik leider nicht, wo ein gegebener Prozentzuwachs auf der rechten, sp\u00e4ten Seite einen steileren, st\u00e4rkeren Anstieg der Linie bewirkt als auf der linken, fr\u00fchen.<\/p>\n

Eine Kursgrafik, anstelle einer Zahlentabelle oder einer Gleichung, wird als Darstellungsinstrument deswegen gew\u00e4hlt, weil sie ein visuelles Bild ist. Sie muss daher visuell so gestaltet sein, dass sie von einem normalen, typischen Betrachter allein auf der Basis der Optik zuverl\u00e4ssig richtig verstanden wird. Die arithmetische Darstellungsweise auf der vertikalen Achse verhindert das jedoch mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit und suggeriert falsch, dass der Aktienmarkt in der j\u00fcngeren Vergangenheit besonders stark gestiegen sei.<\/p>\n

 <\/p>\n

Fazit<\/b><\/span><\/h2>\n

Wenn es um die Frage geht, ob ein bestimmter Aktienmarkt teuer, also hoch bewertet ist oder nicht, dann ist das Konzept des Allzeithochs zur Beantwortung dieser Frage nutzlos und unter Umst\u00e4nden sogar schlimm irref\u00fchrend. Es geh\u00f6rt in den Ascheeimer der Finanzmarktgeschichte.<\/p>\n

Privatanleger sind gut beraten, jeden Zeitungsartikel und jede Internet-Publikation, die ein Allzeithoch im Aktienmarkt als irgendwie handlungsleitende Information verkaufen, zu ignorieren und dem Autor dieser Publikation per direkter E-Mail die Auszeichnung „Investment-Clown der Woche“ zu verleihen.<\/p>\n

Wer sich ernsthaft f\u00fcr das Bewertungsniveau des Aktienmarktes interessiert, muss echte<\/i> Bewertungskennzahlen betrachten, nicht billiges Blendwerk wie das Allzeithoch. Echte Bewertungskennzahlen haben allerdings den Nachteil, dass sie mehr Nachdenken erfordern als ein Allzeithoch.<\/p>\n

Per 31.12.2020 notiert der globale Aktienmarkt, gemessen am breitesten aller Aktienindizes, dem MSCI ACWI IMI Index, etwa ein F\u00fcnftel \u00fcber seinem historisch mittleren KGV und etwa ein Drittel \u00fcber seinem historisch mittleren KBV. [2]<\/span><\/strong> Das ist weit entfernt von einer Rekordbewertung, geschweige denn einer „Allzeithochbewertung“. Wer den Teilmarkt USA von ca. 60% Gewicht (gem\u00e4\u00df Marktkapitalisierung) auf z. B. 30% Gewicht reduziert (wie wir das tun), der hat auch diese moderate H\u00f6herbewertung eliminiert. Insbesondere, wenn ein Teil dieser 60% in Schwellenl\u00e4nderaktien reallokiert wird. Ebenso f\u00fchrt die Betonung von aktuell au\u00dfergew\u00f6hnlich preisg\u00fcnstigen „Value-Aktien“ zu einem deutlich bewertungssenkenden Effekt.\u00a0<\/span><\/p>\n

Wichtiger als die Bewertung relativ zum eigenen historischen Mittel der jeweiligen Asset-Klasse oder des Index, ist jedoch die Bewertung relativ zu den konkret infrage kommenden Investmentalternativen. Die zwei wesentlichen Anlagealternativen zu Aktien sind f\u00fcr die meisten Privatanleger im DACH-Raum (DE, AT, CH): (a) High Quality-Anleihen (Anleihen von Emittenten hoher Bonit\u00e4t) und (b) Wohnimmobilien in den DACH-L\u00e4ndern. Im Vergleich zu den Bewertungen dieser beiden Asset-Klassen ist das der Asset-Klasse Aktien-Global aktuell ungew\u00f6hnlich attraktiv.\u00a0<\/span><\/p>\n

High Quality-Anleihen sind sehr teuer. Teuer ist bei Anleihen eine andere Ausdrucksweise daf\u00fcr, dass ihre Realzinsen un\u00fcblich niedrig sind. Wohnimmobilien in den gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten im deutschsprachigen Raum sind derzeit gr\u00f6\u00dftenteils au\u00dferordentlich hoch bewertet. In Bezug auf diese St\u00e4dte von einer Wohnimmobilienblase zu sprechen, d\u00fcrfte nicht \u00fcbertrieben sein \u2013 so sehen es jedenfalls die Schweizer Gro\u00dfbank UBS und (etwas vorsichtiger) die Bundesbank. [3]<\/span><\/strong> \u00a0<\/span><\/p>\n

Bankguthaben, das unter Deutschen popul\u00e4rste Finanzprodukt, sind oberhalb der staatlichen Einlagensicherung von 100.000 Euro keine Alternative, da inakzeptabel risikoreich<\/a>. F\u00fcr das unter Privathaushalten zweitpopul\u00e4rste Finanzprodukt, kapitalbildende Lebensversicherungen<\/a>, gilt aufgrund des Ausfallsrisikos der Versicherungsgesellschaft das Gleiche. Dazu kommen bei KLVs \u2013 mit Ausnahme der vor 2005 abgeschlossenen Policen im klassischen Format \u2013 auch noch unattraktive Renditen.<\/p>\n

 <\/p>\n

Endnoten<\/b><\/span><\/h2>\n

[1]<\/b> Bei einer konventionellen linearen vertikalen Achse dr\u00fcckt diese den Anstieg gerechnet in absoluten Geldeinheiten aus (auch wenn es sich um einen Aktienindex, statt um ein Preischart f\u00fcr eine individuelle Aktien handelt). Bei einer logarithmischen vertikalen Skala hingegen dr\u00fcckt diese den prozentualen<\/em> (also relativen, statt absoluten) Anstieg aus. Im Grunde ist eine logarithmische Skala eigentlich immer vorzuziehen.<\/p>\n

[2]<\/b> Gem\u00e4\u00df Fact Sheet MSCI ACWI IMI Index, Forward P\/E (KGV) und P\/BV (KBV). Das dort ebenfalls ausgewiesene historische P\/E ist in diesem Fall aufgrund der Corona-bedingt vor\u00fcbergehend reduzierten j\u00fcngeren Buchgewinne vieler Unternehmen derzeit nicht aussagekr\u00e4ftig. Ein „Forward-KGV“ h\u00e4tte diese Schw\u00e4che nicht.<\/p>\n

[3]<\/b> UBS Global Real Estate Bubble Index 2020; September 2020; Internet-Fundstelle: UBS https:\/\/www.ubs.com\/global\/en\/wealth-management\/chief-investment-office\/life-goals\/real-estate\/2020\/global-real-estate-bubble-index.html<\/a> sowie Monatsbericht der Bundesbank vom Februar 2020 (S. 53 ff.).<\/p>\n

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Wir zeigen, dass die Kennzahl „Allzeithoch“ im Aktienmarkt als Indikator f\u00fcr „teuer“ und „hoch bewertet“ versagt.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":5238,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10,1],"tags":[55],"class_list":["post-5235","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-asset-klassen","category-nicht-kategorisiert","tag-allzeithoch"],"yoast_head":"\nDie Angst vor dem Allzeithoch \u2013 ein sch\u00e4dlicher Irrtum<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Wir zeigen, dass die Kennzahl "Allzeithoch" im Aktienmarkt als Indikator f\u00fcr "teuer" und "hoch bewertet" versagt.\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/angst-vor-dem-allzeithoch\/\" \/>\n<meta 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