{"id":4985,"date":"2020-09-04T00:00:25","date_gmt":"2020-09-03T22:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerd-kommer-invest.de\/?p=4985"},"modified":"2026-05-27T17:11:09","modified_gmt":"2026-05-27T15:11:09","slug":"grosse-anlegerfehler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/grosse-anlegerfehler\/","title":{"rendered":"Zehn gro\u00dfe Anlegerfehler"},"content":{"rendered":"
Von Daniel Kanzler<\/a>\u00a0und\u00a0Gerd Kommer<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n Investmentb\u00fccher, Print-Artikel, Blog-Beitr\u00e4ge, Podcasts und YouTube-Videos mit Titeln wie „Die zehn gr\u00f6\u00dften Anlegerfehler“ oder die „Die 20 schlimmsten Investmentirrt\u00fcmer“ gibt es im \u00dcberfluss. Vor der Abfassung dieses Blog-Beitrags fragten wir uns deshalb, ob wir zu diesem Publikationsberg tats\u00e4chlich noch eine weitere Ver\u00f6ffentlichung hinzuf\u00fcgen sollten.<\/p>\n Die Antwort: Ja, solche Anlegerfehler-Publikationen gibt es wie Sand am Meer aber das von ihnen aufgegriffene Problem ist nun einmal allgegenw\u00e4rtig und in der Tat f\u00fcr den Anlegererfolg oder -misserfolg von Privatanlegern sehr bedeutsam. Derjenige, der die gravierendsten Anlegerfehler nicht macht oder seltener macht, erh\u00f6ht die Chance, sein pers\u00f6nliches Zielverm\u00f6gen mit 30, 50 oder 70 Jahren zu erreichen oder zu \u00fcbertreffen. Umgekehrt erh\u00f6ht derjenige, der diese Fehler unn\u00f6tig h\u00e4ufig macht, die Wahrscheinlichkeit seines Scheiterns an diesen Zielen.<\/p>\n Bevor wir gleich die aus unserer Sicht zehn besonders schweren „Anlegers\u00fcnden“ pr\u00e4sentieren, sei noch angemerkt, dass diese Top Ten eine subjektive Auswahl darstellen. Genauso gut k\u00f6nnte man 50 oder 100 verbreitete Fehler auflisten und bliebe damit immer noch unvollst\u00e4ndig. Insbesondere verzichten wir in diesem Beitrag auf die Erl\u00e4uterung einiger ebenso wichtiger aber eben anderswo schon h\u00e4ufig thematisierten Fehler, wie z. B. das Tolerieren hoher Kosten oder den so genannten Home Bias<\/em>.<\/p>\n <\/p>\n Weder Aktien noch Immobilien noch Kryptow\u00e4hrungen, noch Gold ist die profitabelste aller Anlageklassen, sondern Humankapital. Humankapital ist der „Barwert“ (Wert in heutigem Geld) aller zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht vereinnahmten, zuk\u00fcnftigen Nettoeinkommen eines Haushaltes oder einer Person. Der Amerikaner Gary Becker erhielt f\u00fcr seine Forschungen zum Humankapitalkonzept 1992 den Wirtschaftsnobelpreis. Statistisch betrachtet, bewegt kein einzelner Einflussfaktor die Tachonadel beim Endverm\u00f6gen einer Person oder eines Haushaltes mit 50, 60 oder 70 Jahren st\u00e4rker als die H\u00f6he und Entwicklung des Humankapitals.<\/p>\n Das Humankapital eines 25-j\u00e4hrigen Hochschulabsolventen in Deutschland betr\u00e4gt rund zwei Millionen Euro in heutigem Geld, wenn er bis 65 arbeitet, ein durchschnittlich vermarktbares Studienfach gew\u00e4hlt und eine in dieser Kategorie ganz normale Erwerbsbiographie hat. Arbeitet er f\u00fcnf Jahre l\u00e4nger, steigt sein HK um in heutigem Geld ausgedr\u00fcckt um rund 350.000 Euro und sinkt um etwa diesen Betrag, wenn er f\u00fcnf Jahre fr\u00fcher in Rente geht. F\u00fcr jemand ohne Studium aber mit einer gesuchten Handwerksausbildung sehen die Zahlen nicht viel anders aus.<\/p>\n Wie kann man sein HK managen und erh\u00f6hen? Indem man sich ein im Markt wirtschaftlich attraktives „Skill Set“ (vulgo Ausbildung) aneignet, indem man dieses Skill Set w\u00e4hrend der Berufst\u00e4tigkeit kontinuierlich weiterentwickelt (sich lebenslang weiter- und fortbildet), indem nicht nur „theoretisch“, sondern auch tats\u00e4chlich versucht, beruflich erfolgreich zu sein, sprich „hart arbeitet“ und\/oder beruflich committet ist, indem man gesund lebt (Ern\u00e4hrung, Sport, wenig Alkohol, kein Rauchen, keine sonstigen Drogen) und nat\u00fcrlich, indem man den Anteil seines Daseins, den man als Couch Potato<\/em> im Internet oder bei Netflix verschwendet in Grenzen h\u00e4lt.<\/p>\n Aus statistischer Sicht bringt unternehmerische T\u00e4tigkeit klar das h\u00f6chste Steigerungspotenzial f\u00fcr das eigene Humankapital (siehe hier<\/u><\/a>), aber auch als Angestellter kann man sein Humankapital weit \u00fcber die eingangs genannten zwei Millionen Euro steigern.<\/p>\n <\/p>\n „Interessenkonflikte nicht abstellen“ klingt nicht gerade nach spektakul\u00e4rem Geldirrtum, durch dessen Korrektur man ab dem Folgemonat im gro\u00dfen Stil seine Rendite nach oben pushen oder sein Risiko deutlich senken wird. Dennoch sind wir davon \u00fcberzeugt, dass das Abstellen vorhandener oder das Vermeiden neuer Interessenkonflikte auf lange Sicht direkt und indirekt mehr Unterschied f\u00fcr den Erfolg bei Verm\u00f6gensaufbau und Risikominderung macht als jeder andere denkbare Anlegerfehler mit Ausnahme vielleicht des oben aufgezeigten Fehlers Nr. 1.<\/p>\n Interessenkonflikte sind in den deutschsprachigen L\u00e4ndern bei 99% aller Banken und bei 90% aller „bankunabh\u00e4ngigen“ Verm\u00f6gensberater und Verm\u00f6gensverwalter nahezu garantiert. Sie entstehen daraus, dass der Dienstleister hauseigene Produkte verkauft oder vermittelt, dass er Provisionen und Kommissionen von Fremdproduktanbietern vereinnahmt, dass er Performance-abh\u00e4ngige Geb\u00fchren nimmt (siehe dazu hier<\/u><\/a>) und dass insgesamt seine Verg\u00fctung nicht vollst\u00e4ndig unabh\u00e4ngig ist von der Art des Investierens seines Mandanten \u2013 also unabh\u00e4ngig davon, ob der Mandant konservativ oder „ambitioniert“, ob er mit viel Trading oder wenig, ob er mit Anlageklasse A oder B oder ob mit Finanzprodukt X oder Y investiert.<\/p>\n Man kann die Pest der Interessenkonflikte auf zwei Arten kurieren: Entweder indem man seine Verm\u00f6gensanlagen komplett selbst organisiert oder indem man einen Dienstleister engagiert, dessen Bezahlung zu 100% in Cash durch einen selbst erfolgt, so wie man einen Steuerberater, Rechtsanwalt oder Handwerker bezahlt. (Performance-Geb\u00fchren sind dabei, wie erw\u00e4hnt, tabu.)<\/p>\n <\/p>\n Investment- und Finanzpornographie ist ein sehr gro\u00dfer Teil, vielleicht sogar die Majorit\u00e4t dessen, was in den traditionellen Medien, von Finanzunternehmen und im Internet zum Thema Investieren, Verm\u00f6gensbildung und Altersvorsorge publiziert wird. Insbesondere z\u00e4hlen dazu Aussagen und implizite Versprechen mit wenig oder mit begrenztem Risiko „reich“ zu werden.<\/p>\n Eine milde Form von Investment-Pornographie ist beispielsweise ein Ratgeberbuchtitel wie „Reich werden an der B\u00f6rse“ (Thilo Hasler), eine mittlere Form von Investment-Porn ist das Cover einer Anlegerzeitschrift, auf dem in fetten, schreienden Buchstaben steht „Killer-Aktien!“ (Der Aktion\u00e4r 05\/2015), eine heftige Form von Investment-Porn ist ein Artikel in der Online-Ausgabe einer gro\u00dfen deutschen Tageszeitung mit der \u00dcberschrift „Mit diesen 10 Aktien k\u00f6nnen Sie nur gewinnen“ (Die Welt Online, 16.11.2019) oder das Ratgeberbuch „Reicher als die Geissens \u2013 Mit null Euro Startkapital in f\u00fcnf Jahren zum Immobilienmillion\u00e4r“ (Autor Alex Fischer).<\/p>\n Finanzpornographie appelliert an einige der schlechtesten Gef\u00fchle und Eigenschaften im Homo Sapiens: Gier, FOMO (Fear of Missing Out), Neid, Gutgl\u00e4ubigkeit, Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung, Faulheit oder Angst (in schlechten B\u00f6rsenphasen).<\/p>\n Die in Deutschland sehr verbreitete Spezies der „Untergangspropheten“, die f\u00fcr „die nahe Zukunft“ einen apokalyptischen Crash bei Banken, Aktien, Anleihen und Immobilien kommen sieht, geh\u00f6rt typischerweise in die Hard Core-Kategorie des P-Themas.<\/p>\n Wer als Privatanleger zu viel schl\u00fcpfrige Finanzpornographie konsumiert, sch\u00e4digt mit einiger Wahrscheinlichkeit seine langfristige Finanzgesundheit und sch\u00e4digt noch wahrscheinlicher seinen Peace of Mind, seinen Seelenfrieden. Ein solcher Anleger wird \u00f6fter als n\u00f6tig in falsche, d. h. zu teure oder zu risikoreiche Finanzprodukte investieren, er wird zu lange an der Seitenlinie des Investmentspielfeldes verbringen und er wird \u00f6fter als n\u00f6tig zu ung\u00fcnstigen Zeitpunkten kaufen oder verkaufen.<\/p>\n <\/p>\n Der Overconfidence Bias (salopp formuliert der Mangel an Demut) ist ein verbreiteter Anlegerfehler mit hohem Schadenspotenzial. Er ist das \u00fcbersteigerte Selbstvertrauen in die eigene Investmentkompetenz, das durch die tats\u00e4chlich auf lange Sicht erzielten Ergebnisse nicht gerechtfertigt ist. Es ist Fake-Selbstvertrauen ohne Demut mit zu wenig Rationalit\u00e4t und zu wenig ehrlichem Lernen aus den eigenen Fehlern. Der Overconfidence Bias \u00e4u\u00dfert sich beim Investieren leicht erkennbar im Irrglauben, man selbst k\u00f6nne zuk\u00fcnftige Renditen bestimmter b\u00f6rsennotierter Investments, von Immobilienanlagen, Kryptos oder von Sammlerobjekten (z. B. Luxusuhren, Vintage Cars, Kunst etc.) in der nahen Zukunft relativ verl\u00e4sslich prognostizieren. Statistisch leiden M\u00e4nner st\u00e4rker unter der kognitiven und moralischen Schw\u00e4che des Overconfidence Bias als Frauen. Tendenziell wird der Overconfidence Bias in Bezug auf Verm\u00f6gensanlagen durch ein Wirtschaftsstudium oder durch die berufliche T\u00e4tigkeit als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer eines Unternehmens noch weiter verst\u00e4rkt.<\/p>\n <\/p>\n Der ber\u00fchmte Fondsmanager und Finanzunternehmer John Templeton (1912 \u2013 2008) sagte einmal „The four most dangerous words in investing are ‚This time, it’s different'“. Es d\u00fcrfte wenige Zitate \u00fcber Verm\u00f6gensanlage geben, die wahrer und hilfreicher sind (wenn man es umsetzt) als dieses.<\/p>\n Market Timing \u2013 der Versucht durch „Rein\/Raus“ oder „Hin und Her“ \u2013 besonders gute und\/oder besonders schlechte Marktphasen f\u00fcr eine Anlageklasse im eigenen Portfolio auszunutzen, ist statistisch betrachtet eine Verliererstrategie. Sofort in einer alles investieren, was es an einem gegebenen Zeitpunkt zu investieren gibt, und dann diszipliniertes Buy-and-Hold betreiben bringt statistisch h\u00f6here Langfristrenditen. Daran lassen 60 Jahre empirische Finanzmarktforschung praktisch keine Zweifel mehr.<\/p>\n Das hindert Vertreter der Finanzbranche, Journalisten und Finfluencer aber nicht daran unsere sch\u00e4dlichen Instinkte auszubeuten, indem sie uns weismachen, ein kluger Investor m\u00fcsse den „richtigen“ Zeitpunkt oder einen „besseren“ Zeitpunkt zum „in den Markt gehen“ abwarten. Dieses Abwarten produziert Opportunit\u00e4tskosten (entgangene Gewinne) die den potenziellen Vorteil des Wartens in der Regel \u00fcberkompensieren. Das wusste der erw\u00e4hnte John Templeton als er auf die Frage einer Anlegerin, wann der beste Zeitpunkt sei, ihr soeben geerbtes Geld in Aktien zu investieren, simpel entgegnete „The best time to invest is when you have money.“ Und hierzu noch ein weiteres ber\u00fchmtes Zitat von einem ebenfalls legend\u00e4r erfolgreichen Fondsmager, Peter Lynch (geb. 1944): „More people lost money waiting for market corrections and anticipating corrections than in the actual corrections.“ [1]<\/span><\/strong><\/p>\n Wenn Sie das immer noch nicht \u00fcberzeugt: Wir haben auf der Basis langfristiger historischer Daten zweimal in unterschiedlicher Weise aufw\u00e4ndig nachgerechnet wie schlecht „Warten auf die Schn\u00e4ppchenzeit“ bzw. „Buy the Dip“ als Investmentansatz funktioniert, n\u00e4mlich hier<\/u><\/a> und hier<\/u><\/a>.<\/p>\n Und dass auch ein Allzeithoch bei Aktien ein unkluger Grund f\u00fcr „jetzt erstmal warten“ oder „jetzt verkaufen“ ist, haben wir hier<\/u><\/a> gezeigt.<\/p>\n <\/p>\n Man kann Finanzprodukte und Anlageklassen in „risikoehrliche“ und „risikounehrliche“ Produkte aufteilen. Risikoehrliche Investments zeigen ihr ganzes Risiko vollst\u00e4ndig offen erkennbar, kontinuierlich und ohne Zeitverz\u00f6gerung. Risikounehrliche Investments zeigen ihr Risiko entweder nicht offen oder nicht kontinuierlich oder nur mit Zeitverz\u00f6gerung.<\/p>\n B\u00f6rsennotierte Wertpapiere sind die risikoehrlichsten Investments.<\/p>\n Direktanlagen in Immobilien, offene Immobilienfonds und Private Equity-Anlagen kann man als „mittelm\u00e4\u00dfig risikounehrlich“ einsch\u00e4tzen. [2]<\/span><\/strong> Beispielsweise sind die betr\u00e4chtlichen Wertschwankungen von Immobilien nicht laufend beobachtbar und erscheinen den meisten Privathaushalten deswegen als moderat oder sogar nicht existent. Wie hoch diese Schwankungen vor allem auf den Eigenkapitalanteil in einem Immobilieninvestment in Wirklichkeit jedoch sind, illustriert ein Blick auf die B\u00f6rsenkurse von Immobilienunternehmen wie etwa der Vonovia SE.<\/p>\n Warum und in welcher Weise Private Equity und offene Immobilienfonds risikounehrlich sind haben wir hier<\/u><\/a> und hier<\/u><\/a> im Detail gezeigt.<\/p>\n Bankguthaben, kapitalbildende Lebensversicherungen, private Rentenversicherungen, P2P-Kredite, Zertifikate und geschlossene Fonds-Beteiligungen sind maximal risikounehrlich. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Ausfalls- und Schwankungsrisiken, die sie enthalten, ist f\u00fcr normale Privatanleger unsichtbar.<\/p>\n Beispiel Bankguthaben: Es hat Null-Volatilit\u00e4t (keine Wert- oder Renditeschwankung) und erscheint vielen dementsprechend als sehr sicher und genauso wird dieses Finanzprodukt auch von Banken vermarket. In Wirklichkeit ist ein Bankguthaben oberhalb der gesetzlichen Einlagensicherung von 100.000 Euro pro Bank-Kunde-Kombination ein betr\u00e4chtliches Ausfallsrisiko mit bis zu 100% Verlustpotential versteckt. \u00dcber dieses Ausfallrisiko hinaus sind verzinsliche Bankguthaben noch in einer anderen Hinsicht sehr risikoreich, wie wir hier<\/u><\/a> gezeigt haben.<\/p>\n Dass ein Risiko nicht offen und leicht sichtbar ist, hei\u00dft also nicht, dass es nicht existiert. Derjenige, der risikounehrliche Finanzprodukte oder Anlageklassen vermarktet, sollte darauf hinweisen.<\/p>\n <\/p>\n Zwei der aus unserer Sicht perfidesten Anlegerfehler, die von der wirtschaftswissenschaftlichen Behavioral Finance<\/em>-Forschung aufgedeckt wurden, sind der Recency Bias<\/em> und der Small Sample Bias<\/em>. Diese beiden verbreiteten Anlegerdenkfehler sind verwandt. Der Small Sample Bias ist eine verallgemeinerte Form des Recency Bias.<\/p>\n Recency Bias<\/em> steht f\u00fcr „Neigung, die j\u00fcngere Vergangenheit \u00fcberzubewerten“, Small Sample Bias<\/em> f\u00fcr „Neigung von kleinen oder unn\u00f6tig kleinen Stichproben auf die Gesamtheit zu schlie\u00dfen“. Das ist die allgemeine Definition, aber worum geht\u2019s im Speziellen?<\/p>\n Privatanleger orientieren sich bei ihren Anlageentscheidungen stark an Vergangenheitsrenditen. Das ist f\u00fcr sich genommen nicht irrational und auch nicht grunds\u00e4tzlich falsch. Falsch ist dabei aber fast immer k\u00fcrzlichere historische Renditen wichtiger zu nehmen als \u00e4ltere, weiter zur\u00fcckliegende Daten. Konkreter ausgedr\u00fcckt: Die Rendite eines MSCI World-ETF, von Gold, Bitcoin oder der Infineon-Aktie in den letzten zw\u00f6lf Monaten oder f\u00fcnf Jahren ist f\u00fcr die Zukunft \u2013 und um diese geht es ja bei Anlageentscheidungen \u2013 nicht grunds\u00e4tzlich wichtiger oder repr\u00e4sentativer als die zw\u00f6lf Monate des Jahres 2010 oder die f\u00fcnf Jahre von 2013 bis 2017. Trotzdem sind Privatanleger regelrecht besessen von kurz zur\u00fcckliegenden Renditen und f\u00e4llen ihre Anlageentscheidungen prim\u00e4r auf der Basis dieser aktuellen Kurzfristdaten.<\/p>\n Wie kann man diesen gef\u00e4hrlichen Fehler vermeiden? Ganz einfach: Indem man seine Investmententscheidungen nur auf der Grundlage langer Datenreihen trifft. Bei der Anlageklasse Aktien mindestens 25 Jahre und idealerweise die jeweils l\u00e4ngste verf\u00fcgbare Datenreihe. Bei einem aktiv gemanagten Aktienfonds die gesamte Zeit seit seiner Auflegung. Bei einer einzelnen Aktie kein Zeitraum unter f\u00fcnf Jahren.<\/p>\n Der Small Sample Bias ist eine verallgemeinerte Form des Recency Bias. Wenn mir 50 Jahre Daten zur Verf\u00fcgung stehen, warum schie\u00dfe ich mir dann ins eigene Bein, indem ich eine wichtige Geldentscheidung auf der Basis einer mickrigen Datenstichprobe von drei Jahren treffe?<\/p>\n <\/p>\n Seit den 1960er Jahren hat eine inzwischen gigantische Zahl wissenschaftlicher Untersuchungen gezeigt, dass in einem gegebenen Zeitfenster (z. B. zw\u00f6lf Monate oder 20 Jahre) nur eine Minderheit der aktiv investierenden Amateur- und Profi-Anleger den Markt oder eine angemessene passive ETF-Benchmark schl\u00e4gt.<\/p>\n F\u00fcr Zeitr\u00e4ume ab rund f\u00fcnf Jahre bel\u00e4uft sich der Anteil der „aktiven Loser-Anleger“ bei Aktien und Anleihen, je nach Studie, auf bis zu 90%. F\u00fcr Untersuchungszeitr\u00e4ume von 15 Jahren aufw\u00e4rts n\u00e4hert sich die Loser-Quote immer weiter dem Maximalwert 100%.<\/p>\n In Bezug auf die Minderheit der aktiven Gewinner in einem gegebenen Betrachtungszeitraum existiert keine „Performance-Konstanz“, keine „\u00dcberrenditekontinuit\u00e4t“. Die Zusammensetzung der kleinen Gruppe von aktiven Outperformern wechselt von Zeitfenster zu Zeitfenster. Daher werden diejenigen, die auf die Gewinner in der soeben abgelaufenen Vergangenheit setzen in der Zukunft mehrheitlich als Verlierer enden. Die historischen Gewinner sind sehr wahrscheinlich das Produkt von Zufall.<\/p>\n Ergo ist eine passive Strategie auf Buy-and-Hold-Basis diejenige Strategie mit der wahrscheinlichkeitsgewichteten h\u00f6chsten Rendite. Dabei ist der „eingebaute“ Steuervorteil von Buy-and-Hold noch nicht einmal ber\u00fccksichtigt (gemeint ist der steuerliche Barwertvorteil aus der langfristigen Verschiebung der Realisierung von Kursgewinnen in die Zukunft \u2013 siehe hier<\/u><\/a>).<\/p>\n <\/p>\n Volkswirtschaftliche Daten und Entwicklungen (z. B. \u00fcber Staatsverschuldung, Wirtschaftswachstum, Produktivit\u00e4t, Auftragslage oder Inflation eines Landes oder einer Region) haben kurz-, mittel- und langfristig keinerlei von einem Anleger hinreichend zuverl\u00e4ssig ausbeutbaren Zusammenhang mit den Renditen Aktien, Anleihen und Immobilien. Mit „langfristig“ meinen wir Zeitr\u00e4ume bis zehn oder 30 Jahre. An dieser Stelle aus Platzgr\u00fcnden nur ein einzelnes Beispiel (viele weitere Beispiele nennen wir in diesem Blog-Beitrag<\/u><\/a>):<\/p>\n Von Januar 1988 bis September 2023 (knapp 36 Jahre \u2013 l\u00e4ngste verf\u00fcgbare Datenreihe) outperformte der Aktienmarkt des (jedenfalls bis 2023) besonders chaotisch und schlecht regierten Landes Argentinien den Aktienmarkt der USA deutlich und noch deutlicher den von Deutschland (egal, ob in USD oder Euro gerechnet). Dies geschah, obwohl Argentinien in diesen dreieinhalb Jahrzehnten mehrere Staatskonkurse (Schuldenschnitte auf Staatsanleihen), lange Phasen von galoppierender oder sogar Hyperinflation und schier endloses politisches Missmanagement erlitt.<\/p>\n Das Gegenteil trifft auf China zu: Das Land hatte in den letzten 30 Jahren das h\u00f6chste absolute und Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum weltweit aber trotzdem einen f\u00fcr Anleger sehr schlechten Aktienmarkt.<\/p>\n Generell gilt: Wer Anlageentscheidungen auf volkswirtschaftliche Gr\u00f6\u00dfen wie Wirtschaftswachstum, Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit, Auftragsstatistiken, Inflation, Zinsen oder Prognosen dieser Gr\u00f6\u00dfen abstellt \u2013 wie das von der Mehrheit aller Wirtschaftsjournalisten, Finfluencer und Vertretern der Finanzbranche explizit oder implizit empfehlen \u2013 wird dadurch mit betr\u00e4chtlicher Wahrscheinlichkeit eine Unterrendite gegen\u00fcber einem agnostischen, breit diversifizierten Buy-and-Hold-Anleger produzieren.<\/p>\n <\/p>\n Die Finanzbranche, Journalisten und Finfluencer ver\u00f6ffentlichen regelm\u00e4\u00dfig manipulierte oder fast frei erfundene Renditeangaben. Das war vor 30 Jahren so und das ist heute so. Die Autoren dieser Manipulationen pr\u00e4sentieren diese „Fake-Renditen“ nahezu immer so, dass sie damit keine Gesetze oder aufsichtsrechtlichen Vorgaben verletzen, sich also nicht strafbar machen. In vielen F\u00e4llen sind die Angaben zudem gar nicht oder nicht mit vertretbarem Aufwand nachpr\u00fcfbar \u2013 schon gar nicht f\u00fcr Laien. So oder so handelt es sich um unlautere Manipulation.<\/p>\n Die am meisten verbreite Form der „ganz legalen“ Renditemanipulation ist das uralte „Rosinenpicken“\/“Cherry Picking“: Aus einer Vielzahl historischer Investments, die grunds\u00e4tzlich zur Auswahl stehen, wird r\u00fcckblickend<\/em> eines bzw. dasjenige ausgew\u00e4hlt, das f\u00fcr eine bestimmte in der Gegenwart endende Zeitspanne die h\u00f6chsten oder besonders hohe Renditen produziert hat. Dabei wird vom Manipulateur so getan, dass er selbst oder der Rezipient dieser Informationen vor Beginn der fraglichen Zeitspanne h\u00e4tte wissen k\u00f6nnen, dass es so kommen w\u00fcrde. In den allermeisten F\u00e4llen ist das eine dreiste Manipulation.<\/p>\n Eine konkrete Auspr\u00e4gung dieser Methode praktizieren Fondsgesellschaften, die \u2013 sagen wir \u2013 50 aktiv gemanagte Investmentfonds betreiben, aber in ihrem Marketing zu einem gegebenen Zeitpunkt nur die zwei, drei renditem\u00e4\u00dfig besten „ins Schaufenster“ stellen, sprich in ihrem Marketing erw\u00e4hnen. Das Publikum soll den Eindruck bekommen, dass diese zwei, drei besten repr\u00e4sentativ oder indikativ seien f\u00fcr das K\u00f6nnen der Fondsgesellschaft. W\u00fcrde man alle 50 lebenden Fonds zusammen und die vielen toten Fonds [3]<\/span><\/strong> der Fondsgesellschaft kollektiv auswerten, w\u00fcrde sich ein viel schlechteres Bild ergeben als f\u00fcr die ex post<\/em> ausgew\u00e4hlten drei Besten. Damit w\u00fcrde offensichtlich, dass diese Firma bei objektiver, wirklich relevanter Evaluierung keine Outperformance, sondern Underperformance produziert hat.<\/p>\n Die Grundregel lautet: Ein Fondsmanager, ein Banker, ein Verm\u00f6gensverwalter oder ein Finfluencer, der in der \u00d6ffentlichkeit oder seinem Marketing \u00fcber etwas anderes spricht als \u00fcber seine im R\u00fcckblick „besten Einzelwetten“ (einzelne Finanzprodukte, einzelne Strategien, einzelne Prognosen) muss erst noch geboren werden.<\/p>\n Die uralte Manipulationstechnik des Cherry Pickings haben wir in diesem Blog-Betrag<\/u><\/a> f\u00fcr den Fall des angeblich „erfolgreichsten Finanzinvestors aller Zeiten“ geschildert. Eine andere geniale Manipulationstechnik \u2013 pardon Marketing-Technik \u2013 des angeblich weltweit ber\u00fchmtesten Hedge-Fonds-Managers beschreiben wir hier<\/u><\/a>. Eine Renditemanipulationstechnik, die vor allem bei Private Equity verbreitet ist, zeigen wir hier<\/u><\/a>. Wie die Immobilienbranche den Kredithebeleffekt (Leverage-Effekt) als Instrument zur Manipulation der mit Immobilien erreichbaren Renditen einsetzt, analysieren wir hier<\/u><\/a>.<\/p>\n Die einfache Schlussfolgerung, aus der in der Finanzbranche und bei Finfluencern leider epidemisch verbreiteten (legalen) Renditemanipulation lautet: Immer, wenn diese Personen oder Institutionen von sehr hohen Renditen sprechen oder schreiben besteht die eine gro\u00dfe Wahrscheinlichkeit, dass die Zahlen nicht repr\u00e4sentativ, nicht relevant oder ganz falsch sind. Die h\u00e4ufigste Manipulationstechnik ist Cherry Picking.<\/p>\n <\/p>\n Erfolgreich investieren und nachhaltige Verm\u00f6gensbildung sind zuallererst eine Frage von Fehlervermeidung. Wer die hier geschilderten zehn Fehler vermeidet, hat einen gro\u00dfen Schritt in Richtung langfristigen Anlageerfolg getan.<\/p>\n Generell gilt dabei: Wer nicht selbstkritisch, dem\u00fctig und ehrlich bei seiner h\u00f6chsteigenen Fehlervermeidung anf\u00e4ngt, der hat von vornherein nur schlechte Chancen, sein Geld aus eigener Kraft dauerhaft deutlich zu vermehren.<\/p>\n „Jackpot-Investieren“ \u2013 die Suche nach den in einer bestimmten k\u00fcnftigen Zeitperiode allerbesten Investments, also das Ziel „zu jedem Zeitpunkt eine Kollektion von Spitzeninvestments im Portfolio zu haben“ \u2013 ist ein Verliererspiel. Langfristig erfolgreiche Anleger zeichnet eher aus, dass sie weniger schwerwiegende Fehler als die Masse machen, seltener Geld verlieren als der Durchschnitt der anderen. Ihr Erfolgsgeheimnis ist typischerweise nicht, mit einzelnen Investments „das gro\u00dfe Los“ zu ziehen, also Jackpot-Investieren.<\/p>\n Der Fehlervermeidungsfokus erfolgreicher Investoren schlie\u00dft auch ein, ihre vorhandenen Fehlinvestments z\u00fcgig zu beenden, einmal gemachte Fehler nicht mehr zu wiederholen und die eigene Fehlbarkeit dem\u00fctig und rational sich selbst und anderen offenzulegen. [4]<\/span><\/strong><\/p>\n Dieses „negative Erfolgsprinzip“ funktioniert auf dem Gebiet des Investierens und es wirkt auch im Leben schlechthin. Man k\u00f6nnte es das „Via-Negativa-Prinzip“ nennen („der negative Weg“). In diesem Blog-Betrag<\/u><\/a> haben wir es n\u00e4her untersucht und nennen darin auch die Denker, denen wir seine Formulierung verdanken.<\/p>\n Wir zeigen zehn besonders gravierende Anlegerfehler auf und konzentrieren uns dabei auf solche, die nicht „altbekannt“ sind.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4988,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[87,50,27,51],"class_list":["post-4985","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-investmentfehler","tag-aktualisiert","tag-anlegerfehler","tag-market-timing","tag-rendite"],"yoast_head":"\nAnlegerfehler 1: Die rentabelste aller Asset-Klassen nicht aktiv managen<\/b><\/span><\/h2>\n
Anlegerfehler 2: Interessenkonflikte nicht abstellen<\/b><\/span><\/h2>\n
Anlegerfehler 3: Zu viel „Investmentpornographie“ konsumieren<\/b><\/span><\/h2>\n
Anlegerfehler 4: Overconfidence Bias\/mangelnde Demut: Der Glaube, man selbst sei weitgehend immun gegen die Anlegerfehler der anderen<\/b><\/span><\/h2>\n
Anlegerfehler 5: Auf den Medien-Nonsens der „jetzt ist der falsche Zeitpunkt zum Einstieg“ oder „dieses Mal ist alles anders“ hereinfallen<\/b><\/span><\/h2>\n
Anlegerfehler 6: Risiko, das man nicht sieht oder nur schwer messen kann, mit niedrigem Risiko verwechseln<\/b><\/span><\/h2>\n
Anlegerfehler 7: Auf den Recency Bias und den Small Sample Bias hereinfallen<\/b><\/span><\/h2>\n
Anlegerfehler 8: Den Markt schlagen wollen oder glauben, die Experten k\u00f6nnten das<\/b><\/span><\/h2>\n
Anlegerfehler 9: Bei Anlageentscheidungen auf volkswirtschaftliche und wirtschaftspolitische Daten und Meinungen abstellen<\/b><\/span><\/h2>\n
Anlegerfehler 10: Renditeangaben in den traditionellen Medien und im Internet glauben, wenn diese Angaben besonders hoch\/attraktiv erscheinen<\/b><\/span><\/h2>\n
Fazit<\/b><\/span><\/h2>\n