{"id":22368,"date":"2026-03-17T17:37:32","date_gmt":"2026-03-17T16:37:32","guid":{"rendered":"https:\/\/gerd-kommer.de\/?p=22368"},"modified":"2026-05-27T14:04:12","modified_gmt":"2026-05-27T12:04:12","slug":"warum-reiche-wieder-arm-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/warum-reiche-wieder-arm-werden\/","title":{"rendered":"Von reich zu arm geschieht \u00f6fter, als man denkt"},"content":{"rendered":"

Von Gerd Kommer<\/a>\u00a0und\u00a0Felix Grossmann<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n

Das Buch The Missing Billionaires \u2013 A Guide to Better Financial Decisions<\/u><\/a> der beiden amerikanischen Verm\u00f6gensverwalter Victor Haghani und James White enth\u00e4lt eine faszinierende Kalkulation zum Thema „Reiche werden viel \u00f6fter wieder arm, als wir glauben“. Wir geben diese Berechnung nachfolgend in leicht modifizierter Form wieder.<\/p>\n

Im Jahr 1900 lebten in den USA rund 4.000 Personen mit einem Verm\u00f6gen von einer Million Dollar oder mehr. Mangels genauerer Daten nehmen Haghani\/White vereinfachend an, dass ein Viertel dieser 4.000, also etwa 1.000 Personen oder Haushalte ein Verm\u00f6gen von mindestens f\u00fcnf Millionen Dollar besa\u00dfen. Aufinflationiert mit der durchschnittlichen US-Inflationsrate w\u00e4hrend der 122 Jahre von 1900 bis 2022 entsprechen f\u00fcnf Millionen Dollar aus dem Jahr 1900 in Geld von 2022 (dem Endzeitpunkt der Berechnung im Haghani\/White-Buch) etwa 180 Mio. Dollar, aufinflationiert mit dem Wachstum der amerikanischen Volkswirtschaft (und damit in etwa dem Wachstum der US-Haushalteseinkommen) rund 6 Mrd. Dollar. Der korrekte aufinflationierte Wert dieser „Wahrheit“ liegt wohl irgendwo dazwischen (siehe nachfolgende Infobox „Aufinflationierung“).<\/p>\n

Infobox: Die korrekte Methode der Aufinflationierung historischer Geldbetr\u00e4ge<\/strong>
\nTypischerweise werden Preise, Einkommen oder Verm\u00f6genswerte aus der lange zur\u00fcckliegenden Vergangenheit mit der durchschnittlichen Konsumg\u00fcterinflationsrate in heutige Geldwerte transformiert („aufinflationiert“). Ob das so korrekt ist, darf bezweifelt werden. Es spricht vieles daf\u00fcr, hierzu stattdessen die im Allgemeinen h\u00f6here nominale Wachstumsrate der Haushaltseinkommen zu verwenden, bzw. als f\u00fcr jedermann leicht verf\u00fcgbaren Ersatz daf\u00fcr, die nominale Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes pro Kopf (Williamson u.a. 2026). Diese Methode f\u00fchrt zu h\u00f6heren Werten in heutigem Geld.<\/p>\n

Auf diese 1.000 Personen \u2013 etwas \u00fcber 0,001% der damaligen US-Bev\u00f6lkerung von 78 Millionen \u2013 konzentrieren wir uns. Wir nennen diese Reichtumselite unsere „MB-Gruppe“ f\u00fcr „Missing Billionaires“ in Anlehnung an das Haghani\/White-Buch. Warum wir von Missing Billionaires sprechen, wird sogleich klar werden.<\/p>\n

Treffen wir nun folgende einfachen, naheliegenden Annahmen: Die 1.000 Personen waren jeweils Teil eines Paares, also einer Familie. Mitgliederm\u00e4\u00dfig wuchsen diese Familien bis heute mit der gleichen Rate wie die gesamte US-Bev\u00f6lkerung. Im Jahr 1900 investierten alle Mitglieder der MB-Gruppe ihr jeweiliges Gesamtverm\u00f6gen in ein breit diversifiziertes Portfolio aus US-Aktien (eine repr\u00e4sentative Stichprobe aus z. B. 40 Aktien). Die Familien entnahmen j\u00e4hrlich real 2% ihres Verm\u00f6gens f\u00fcr Lebenshaltungszwecke. [1]<\/span><\/strong> Angesichts des hohen Verm\u00f6gens ist das eine gro\u00dfz\u00fcgige Annahme. Diese Entnahmerate h\u00e4tte einen Lebensstandard zugelassen, der um ein hohes Vielfaches anspruchsvoller gewesen w\u00e4re als der eines Durchschnittsamerikaners und das ohne weitere berufliche T\u00e4tigkeit der betreffenden Personen. <\/p>\n

„Reale Entnahme“ hei\u00dft, dass der korrespondierende absolute Entnahmebetrag aus dem Jahr 1 (also 1900) jedes Jahr mit der Inflationsrate erh\u00f6ht wurde, so dass die Konsumg\u00fcterkaufkraft der Entnahme unver\u00e4ndert blieb. Im Zeitablauf bezahlten die Familien Steuern auf Dividenden und ggf. realisierte Kursgewinne, wobei sie \u2013 unter Ber\u00fccksichtigung ihrer Entnahmen \u2013 einen Buy-and-Hold-Ansatz verfolgten, der half, die effektive<\/em> Belastung mit Steuern deutlich unter den statutarischen (gesetzlichen) Steuersatz zu senken. (Wie das \u2013 in praktisch jedem nationalen Steuersystem \u2013 funktioniert, erl\u00e4utern wir in einem gesonderten Blog-Beitrag<\/u><\/a>)<\/p>\n

Am Ende des Jahres 2022 w\u00e4ren so aus den urspr\u00fcnglichen 1.000 Familien rund 4.300 Familien geworden, jede mit einem durchschnittlichen Mindestverm\u00f6gen<\/em> von rund 2,3 Milliarden Dollar. Mindestverm\u00f6gen<\/em> deswegen, weil wir f\u00fcr alle Familien mit einem Verm\u00f6gensstartwert von f\u00fcnf Millionen gerechnet haben, w\u00e4hrend dieser Wert in Wirklichkeit nur die Untergrenze des Verm\u00f6gens der betreffenden 1.000 Familien gewesen sein d\u00fcrfte. <\/p>\n

Haghani\/White kommen in ihrem Buch sogar auf 16.000 Familien f\u00fcr das Jahr 2022 mit einem Mindestverm\u00f6gen von einer Milliarde Dollar pro Familie, da sie in ihrer Kalkulation bei den angenommenen Effekten von Kosten, Steuern und Entnahmen insgesamt weniger konservativ als wir vorgegangen sind.<\/p>\n

Tats\u00e4chlich existierten 2022 in den USA allerdings nur 730 Familien mit einem Verm\u00f6gen von einer Milliarde Dollar oder mehr. Haghani\/White schreiben, dass mutma\u00dflich keine einzige dieser Familien mit der urspr\u00fcnglichen MB-Gruppe n\u00e4her verwandt ist. Mit anderen Worten: Vermutlich keine der 1.000 superreichen Familien in unserer MB-Gruppe aus dem Jahr 1900 hat es geschafft, sich \u00fcber diese rund f\u00fcnf Generationen hinweg in der Topgruppe der Superreichen zu halten.<\/p>\n

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Verm\u00f6genszerfall bei Superreichen<\/strong><\/span><\/h2>\n

Der offenbar erstaunlich universelle und schnelle Verm\u00f6gensverfall der Superreichen l\u00e4sst sich auch mit anderen Zahlen illustrieren. Die erste Forbes-400-Liste der Superreichen in den USA wurde im Jahr 1982, vor \u00fcber 40 Jahren, publiziert. [2]<\/span><\/strong> Von den 400 Familien in der 2022er-Ausgabe der Zeitschrift Forbes waren gem\u00e4\u00df Haghani\/White weniger als 10% bereits in der ersten Liste von 1982 enthalten. <\/p>\n

Noch umfassender und eindeutiger analysiert wird die kurze „Halbwertszeit“ des Verm\u00f6gens von Superreichen in den USA in der wissenschaftlichen Untersuchung „The Rich get poorer \u2013 The Myth of Dynastic Wealth“ von Arnott\/Bernstein\/Wu 2015.<\/p>\n

\u00dcber das Ausma\u00df des Verm\u00f6genszerfalls von „Normalreichen“, Familien, mit einem Verm\u00f6gen von „nur“ einigen Millionen Euro existieren solche aufwendigen Untersuchungen unseres Wissens nicht, aber wir sehen keinen Grund, warum diese verm\u00f6genden, jedoch nicht superreichen Familien anderen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten unterliegen sollten.<\/p>\n

Warum liest man in den Medien und in den populistischen B\u00fcchern zur \u00f6konomischen Ungleichheit dennoch regelm\u00e4\u00dfig „die Reichen werden immer reicher“? Das hat zwei Hauptursachen. Die erste ist, dass bei den zugrundeliegenden Zeitfenstern und regionalen Einheiten (z. B. ein einzelnes Land versus die ganze Welt) sehr gerne Rosinenpicken betrieben wird, um zum sensationalistischen Wunschergebnis vieler Journalisten zu kommen: „Die \u00f6konomischen Ungleichheit nimmt zu und die Reichen werden immer reicher.“ <\/p>\n

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Die Forschung zur \u00f6konomischen Ungleichheit ist unvollst\u00e4ndig<\/strong><\/span><\/h2>\n

Die zweite Hauptursache: Praktisch die gesamte akademische Forschung zur Verteilung von Einkommen oder Verm\u00f6gen im Zeitablauf, also zu der im gesellschaftspolitischen Diskurs wichtigen Frage der \u00f6konomischen Ungleichheit, basiert methodisch darauf, „Reiche“ als abstraktes statistisches Aggregat<\/em> zu betrachten, als eine kleine prozentuale Gruppe am oberen Ende der Einkommens- oder Verm\u00f6gensverteilung z. B. 10%, 1% oder 0,1%. Diese Art auf das Bev\u00f6lkerungssegment Reiche zu blicken ist jedoch zu unterscheiden von dem v\u00f6llig anderen Analyseansatz „Reiche als eine nicht-abstrakte Gruppe spezifischer nat\u00fcrlicher Personen“ \u2013 ein Unterschied von kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzender Tragweite. <\/p>\n

W\u00fcrde man Ungleichheitsforschung zus\u00e4tzlich zur „konventionellen Methode“ (Reiche als abstrakte prozentuale Gruppe) systematisch auch auf letzterer methodischen Basis durchf\u00fchren (Reiche als spezifische nat\u00fcrliche Personen), lautete die resultierende Schlagzeile wohl beinahe ausnahmslos: „Die Reichen von vor 10 oder 20 oder 30 oder 50 Jahren sind relativ und oft genug sogar absolut \u00e4rmer geworden“ oder „die reichen Familien von heute sind kaum noch die reichen Familien von vor 20, 30 oder 50 Jahren“.<\/p>\n

Das ist deswegen der Fall, weil die Zusammensetzung<\/em> der Gruppe der Reichen im Zeitablauf nach allem was wir wissen, erstaunlich stark und schnell wechselt. Es findet eine st\u00e4ndige Migration in diese Gruppe hinein („von unten nach oben“) und aus dieser Gruppe heraus („von oben nach unten“) statt. Es ist eben gerade nicht ein „Closed Club von Reichen“ bzw. reichen Familien, die sozusagen f\u00fcr immer finanziell ganz oben stehen und alle anderen stehen f\u00fcr immer ganz unten.<\/p>\n

Zur\u00fcck zur traditionellen, konventionellen und unseres Erachtens unvollst\u00e4ndigen oder sogar missverst\u00e4ndlichen Messung von Ungleichheit (Reiche als statistisches Aggregat): Trotz des anderen Eindrucks, den uns die Medien hierzu seit Jahren vermitteln, ist sogar diese Form der \u00f6konomischen Ungleichheit in der Hinsicht, die am meisten z\u00e4hlt, n\u00e4mlich auf globaler Ebene<\/em>, in der relevanten Vergangenheit gesunken. Der so genannte GINI-Koeffizient der verf\u00fcgbaren Einkommen, ein mathematisches Ma\u00df f\u00fcr Einkommensungleichheit, zeigt auf globalem Level (also alle L\u00e4nder umfassend) heute mehr wirtschaftliche Gleichheit oder weniger Ungleichheit als noch 1960. Gegen\u00fcber 1990 ist die Ungleichheit besonders stark gefallen. Der Hauptgrund: Die Haushaltseinkommen in Entwicklungsl\u00e4ndern sind insgesamt schneller gewachsen als in den Industriel\u00e4ndern. Das geht vor allem auf marktwirtschaftliche Reformen in China, Indien und anderen gro\u00dfen und kleinen Schwellenl\u00e4ndern zur\u00fcck. <\/p>\n

Betrachtet man Nachsteuereinkommen und nicht \u2013 wie es latent irref\u00fchrend in den meisten solchen Ungleichheitsstatistiken \u00fcblich ist \u2013 Vorsteuereinkommen sowie Einkommen inklusive staatlicher Transferleistungen („Sozialhilfe“, Arbeitslosenunterst\u00fctzung etc.), dann hat die Einkommensungleichheit auch in den meisten westlichen L\u00e4ndern (also nicht nur auf globalem Niveau) seit 1990 abgenommen oder sich seitw\u00e4rts bewegt. <\/p>\n

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Fake News in den Medien zu „Die Reichen werden immer reicher“<\/strong><\/span><\/h2>\n

Ein betr\u00e4chtlicher Teil der Berichterstattung zur angeblichen Zunahme der \u00f6konomischen Ungleichheit (mit der Implikation „die Reichen werden immer reicher“) f\u00fchrt daf\u00fcr sogar Zahlen und Entwicklungen als „Beweise f\u00fcr steigende Ungleichheit“ an, die ganz offensichtlich gar nichts \u00fcber Ungleicheit aussagen oder aussagen k\u00f6nnen, z. B. den Anstieg der absoluten<\/em> Zahl der Milliard\u00e4re in einem einzelnen Land oder weltweit im Zeitablauf. Ein solcher Anstieg w\u00fcrde in einem gegebenen l\u00e4ngeren Zeitraum sogar dann stattfinden, wenn die Ungleichheit<\/em> unver\u00e4ndert bliebe oder s\u00e4nke, einfach deswegen, weil er die notwendige Folge der kombinierten Wirkung von Bev\u00f6lkerungswachstum, Wirtschaftswachstum und Inflation ist.<\/p>\n

Zwischenfazit: Dass die \u00f6konomische Ungleichheit zunimmt und per Implikation die Reichen immer reicher, die Armen finanziell stagnieren oder immer \u00e4rmer werden sind in dieser Pauschalit\u00e4t klar falsche Feststellungen. (a) Weltweit hat die \u00f6konomische Ungleichheit in den letzten 50+ Jahren relativ konsistent trendm\u00e4\u00dfig abgenommen, (b) auch in den reichen westlichen L\u00e4ndern ist sie seit einem Hochpunkt Anfang der 1990er Jahre gesunken, insbesondere, wenn man Nachsteuereinkommen und staatliche Transferleistungen ber\u00fccksichtigt. (c) Spezifische<\/em> reiche Familien werden nicht immer reicher, sondern als Gruppe langfristig sehr wahrscheinlich \u00e4rmer (relativ und\/oder absolut). Das deuten jedenfalls die wenigen verf\u00fcgbaren Daten und Untersuchungen an, die die Ungleichheitsforschung hierzu bisher geliefert hat.<\/p>\n

In dieses komplexe und ethisch-gesellschaftspolitisch geladene Thema spielt noch eine weitere kognitive T\u00e4uschung auf der Ebene des individuellen Betrachters mit hinein: Warum h\u00f6ren wir in den Medien und in unserem pers\u00f6nlichen sozialen Umfeld viel \u00f6fter von spezifischen Menschen, die reich werden als von Reichen, die verarmen? Weil Erstere stolz darauf sind, manche auch damit prahlen, w\u00e4hrend Letztere es beinahe ausnahmslos verschweigen, da sie ihren finanziellen Abstieg als Niederlage und\/oder Schande empfinden.<\/p>\n

Doch wie auch immer. Entscheidend ist hier, dass die Zusammensetzung der reichsten 10% oder 1% im Zeitablauf erstaunlich stark wechselt. Es sind eben nicht immer die gleichen Personen oder Familien, die heute in dieser Spitzengruppe liegen wie vor zehn Jahren, 25 Jahren oder 50 Jahren. Diesen sachlich und gesellschaftspolitisch wichtigen Sachverhalt nicht klar zu kommunizieren, ihn insgesamt kaum empirisch zu erforschen, ihn regelrecht totzuschweigen, darin kann man ein systematisches Versagen der soziologischen und \u00f6konomischen Ungleichheitsforschung sehen. [3]<\/span><\/strong> <\/p>\n

Die Gr\u00fcnde f\u00fcr dieses Versagen liegen auf der Hand. Mit der Bedienung des Narrativs „die Ungleichheit nimmt zu und die Reichen werden immer reicher“ wird man als Forscher in den Medien, in der \u00d6ffentlichkeit und in der Politik viel mehr Aufmerksamkeit erhalten, wird man eher eine Aufstockung des eigenen Forschungsetats erreichen und wird \u00fcberdies nirgendwo Widerspruch ernten. Analoges gilt f\u00fcr Journalisten, die mit der Clickbaiting-Schlagzeile „die Ungleichheit nimmt zu“ nat\u00fcrlich mehr Auflage und Klicks erzielen als mit der tats\u00e4chlich korrekten Schlagzeile „Nach den wichtigsten Kriterien nimmt die Ungleichheit ab und die meisten Reichen von vor 20+ Jahren sind heute \u00e4rmer“.<\/p>\n

Auf der Ebene des Einzelhaushaltes verst\u00e4rkt das falsche Narrativ den Irrglauben: „Einmal reich, immer reich“ und erschwert den grunds\u00e4tzlichen Mindshift, den ein reich gewordener Haushalt f\u00fcr den \u00dcbergang in ein wirklich funktionierendes Verm\u00f6gensschutz-Mindset braucht. <\/p>\n

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Was uns Romane \u00fcber Reichtumszerfall sagen<\/strong><\/span><\/h2>\n

Vielleicht sollten die Damen und Herren akademischen Reichtums- und Ungleichheitsforscher statt mit offensichtlich unvollst\u00e4ndigen oder aktivistischen statistischen Methoden und Daten zu rechnen, einmal die belletristische Literatur der letzten 200 Jahre auswerten. Darin werden vermutlich mehr „von reich-zu-arm“ als „von arm-zu-reich“-Schicksale erz\u00e4hlt \u2013 Schicksale spezifischer Menschen. Nat\u00fcrlich sind das zun\u00e4chst einmal fiktive Schicksale, aber wir k\u00f6nnen getrost davon ausgehen, dass diese auf der von den Autoren beobachteten und erfahrenen realen Lebenswirklichkeit in ihrer Gesellschaft basieren. Hier beispielhaft ein Beleg aus dem Roman Der gr\u00fcne Heinrich<\/em> von Gottfried Keller (1819-1890): [4]<\/span><\/strong> „Die Einteilung des Besitzes [in der Schweizer Kleinstadt, wo der Roman spielt] aber ver\u00e4ndert sich von Jahr zu Jahr ein wenig und mit jedem halben Jahrhundert fast bis zur Unkenntlichkeit. Die Kinder der gestrigen Bettler sind heute die Reichen im Dorfe, und die Nachkommen dieser treiben sich morgen m\u00fchsam in der Mittelklasse umher, um entweder ganz zu verarmen oder sich wieder aufzuschwingen.“ [5]<\/span><\/strong><\/p>\n

Thomas Manns (1875-1955) Buddenbrooks<\/em> (Publikation 1901), der wichtigste Gesellschaftsroman \u00fcberhaupt in deutscher Sprache, ist ein anderes Beispiel f\u00fcr eine spezifische superreiche Familie, die in zwei Generationen durch eine Kombination von materialisiertem Klumpenrisiko (zu wenig Diversifikation), Inkompetenz, Verschwendungssucht und Faulheit wieder arm wird. (Die Faulheit in der zweiten Generation der Familie wird vielf\u00e4ltig euphemistisch verkl\u00e4rt, z. B. als „Sensibilit\u00e4t“ oder „k\u00fcnstlerische Neigung“.) <\/p>\n

Otto von Bismarck (1815-1898) soll einmal \u2013 in aus heutiger Sicht politisch unkorrekter Terminologie \u2013 gesagt haben „die erste Generation schafft Verm\u00f6gen, die zweite verwaltet es, die dritte studiert Kunstgeschichte und die vierte verkommt.“ Im Volksmund existieren vielf\u00e4ltige Abwandlungen dieser Beobachtung. Das angels\u00e4chsische Sprichwort „from rags to riches and back again in three generations“ dr\u00fcckt den gleichen Sachverhalt aus. [6]<\/span><\/strong><\/p>\n

Es stellt sich nun die Frage, warum reiche Familien offenbar so schlecht in der Disziplin „langfristiger Verm\u00f6gensschutz“ sind. Wer sich mit dieser interessanten Fragestellung n\u00e4her besch\u00e4ftigt, d\u00fcrfte zu \u00e4hnlichen Schlussfolgerungen kommen wie wir. Sieben m\u00f6gliche individuelle Ursachen f\u00fcr Armwerden springen in Bezug auf Reiche in den westlichen L\u00e4ndern besonders ins Auge:<\/p>\n

Die Faktoren (b) und (d) bis (g) hat die betreffende Familie vollst\u00e4ndig in eigener Hand. Den Faktor (c) (hohe Steuern) kann sie zumindest bis zu einem gewissen Grad beeinflussen. Einzig Faktor (a) liegt de facto au\u00dferhalb der Kontrolle der Akteure, weil hier nicht-\u00f6konomische Ziele (sich viele Kinder w\u00fcnschen) oberhalb \u00f6konomischer Ziele stehen.<\/p>\n

In einem spezifischen von-Reich-zu-Arm-Einzelfall wird zumeist mehr als nur eine dieser sieben Ursachen gewirkt haben. Die bedeutendste einzelne Ursache hierbei ist jedoch \u2013 da besteht f\u00fcr uns wenig Zweifel \u2013 Ursache (f): Zu viele schlechte unternehmerische Investments. (Man beachte dabei, dass in unserer eingangs geschilderten Missing-Billionaires-Kalkulation die f\u00fcnf Ursachen [a] bis [e] bereits ganz oder teilweise ber\u00fccksichtigt sind.)<\/p>\n

Anders formuliert: Reiche werden reich, weil sie in der Verm\u00f6gensaufbauphase typischerweise \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg sehr rentable, konzentrierte Investments in Gestalt ihrer unternehmerischen Aktivit\u00e4t t\u00e4tigen. <\/p>\n

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Die Hauptursache f\u00fcr den Verm\u00f6gensverlust von Reichen<\/strong><\/span><\/h2>\n

Reiche Familien werden danach vor allem deswegen wieder arm, weil sie irgendwann als Reiche \u2013 wiederum in Gestalt unternehmerischer Aktivit\u00e4ten \u2013 schlechte Investments t\u00e4tigen, pr\u00e4ziser formuliert, im Verh\u00e4ltnis zum Gesamtverm\u00f6gen zu konzentrierte (zu umfangreiche) verlusttr\u00e4chtige unternehmerische Investments t\u00e4tigen und das immer wieder \u00fcber einen langen Zeitraum hinweg. Sehr oft sind es auf dem finanziellen Weg nach unten Investments in die gleichen Unternehmen oder Branchen wie zuvor auf dem Weg nach oben. Die theoretische Logik dieses Verm\u00f6gensverfallsprozesses legt Sosner 2022 dar (Literaturverzeichnis weiter unten). <\/p>\n

Auch die unter akademischen \u00d6konomen einiges Aufsehen erregenden Forschungen des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Bessembinder best\u00e4tigen diese Logik. Bessembinders empirische Analysen zeigen, dass die im Vergleich zu anderen Anlageklassen hohen langfristigen Durchschnittsrenditen des Aktienmarktes letztlich aus nur etwa 4% aller b\u00f6rsennotierten Firmen (Aktien) stammen. Die restlichen 96% aller gelisteten Unternehmen steuern nur marktunterdurchschnittliche Renditen bei und in zahlreichen F\u00e4llen sogar 100%-Verluste (Bessembinder 2018). Hauptursache im Statistikjargon: Aktienrenditen sind stark „rechtsschief“ verteilt. Diese Ergebnisse d\u00fcrften Eins zu Eins auf nicht b\u00f6rsennotierte Unternehmen \u00fcbertragbar sein. Bei Unternehmensneugr\u00fcndungen (Startups) scheitern ca. 50% in den ersten f\u00fcnf Jahren, wenn man „Scheitern“ als erzwungene oder freiwillige Liquidation definiert und \u00fcber 90%, wenn man Scheitern als „das Unternehmen erf\u00fcllte die urspr\u00fcnglichen finanziellen Ewartungen des Gr\u00fcnders nicht“ definiert (siehe dazu unser gesonderter Blog-Beitrag<\/u><\/a>). <\/p>\n

Die ber\u00fchmte amerikanische Familie Vanderbilt ist ein konkretes, in den USA gut bekanntes Beispiel f\u00fcr das von-Reich-zu-Arm-Ph\u00e4nomen. 1877 starb Cornelius Vanderbilt in New York im Alter von 80 Jahren. Er war bei seinem Tod der reichste Mensch der Welt. Er hatte dieses Verm\u00f6gen ohne den Startvorteil eines nennenswerten Erbes aus eigener Kraft alleine aufgebaut. 1973, knapp 100 Jahre nach dem Tod des Patriarchen, trafen sich die 120 direkten Nachfahren bei einer Family Reunion<\/em> in New York. Zu diesem Zeitpunkt befand sich unter den Nachfahren \u2013 in Geld von 1973 \u2013 kein einziger Million\u00e4r mehr. Die drei Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr diese beinahe unglaubliche Implosion des Familienwohlstands \u00fcber etwa vier Generationen hinweg: (1) Konzentriertes Investieren, das schiefging (materialisiertes Klumpenrisiko), (2) Aufsplittung des Verm\u00f6gens auf viele Nachkommen in Kombination mit einer \u00fcberdurchschnittlichen Geburtenrate in der Familie, (3) verschwenderischer Lebensstil bei zu vielen Familienmitgliedern. <\/p>\n

Zu Grund Nr. 1: Die Vanderbilts hatten den gr\u00f6\u00dften Teil des Familienverm\u00f6gens im US-Eisenbahnsektor belassen, in dem Cornelius durch Schlauheit und harte Arbeit bis zu seinem Tod m\u00e4rchenhaft reich geworden war. Kurze Zeit nach Cornelius‘ Tod ging es mit dem US-Eisenbahnsektor aufgrund von \u00dcberkapazit\u00e4ten und volkswirtschaftlichem Strukturwandel im Verein mit politischen Entscheidungen jedoch dauerhaft bergab (was in Echtzeit nat\u00fcrlich nicht so leicht erkennbar war). [8]<\/span><\/strong> Einen kleineren Teil des Familienverm\u00f6gens investierten die Vanderbilts mit insgesamt ebenso desastr\u00f6sen Resultaten in den Immobiliensektor der amerikanischen Ostk\u00fcste. <\/p>\n

H\u00e4tten die Vanderbilts 1878 ab dem ersten Erbgang angefangen, das vorhandene gigantische Familienkapital peu \u00e0 peu diversifiziert in US-Aktien und zu einem kleineren Teil in Staatsanleihen anzulegen, also systematisch das enorme, wie sich herausstellen sollte, fatale Klumpenrisiko im Familienverm\u00f6gen abzubauen und stattdessen breit \u00fcber Hunderte Unternehmen und alle Branchen hinweg zu diversifizieren, w\u00e4ren einige Vanderbilt-Nachkommen heute noch Milliard\u00e4re und die meisten Multimillion\u00e4re. <\/p>\n

Die Verhinderung der bei den Vanderbilts kaum glaublichen Verschwendungssucht bereits ab der ersten Generation nach Cornelius durch die Errichtung einer Familienstiftung (in den USA eines Family Trusts) h\u00e4tte ebenfalls geholfen.<\/p>\n

Nicht ganz so katastrophal, aber ebenfalls bemerkenswert negativ entwickelte sich das von John D. Rockefeller (1839-1937) begr\u00fcndete spektakul\u00e4re Familienverm\u00f6gen. Rockefeller war, wie Vanderbilt, bei seinem Tod der reichste Amerikaner und vermutlich der reichste Mensch der Welt. Relativ zum Wert seines Eigentums 1937 hat es die Rockefeller-Familie bis heute in etwa 90 Jahren geschafft 97% davon zu „beseitigen“ (gemessen am jeweiligen Anteil des US-Bruttoinlandsproduktes). <\/p>\n

Den in Bezug auf „Money-Mindset“ und Investmentechniken gro\u00dfen, aber von vielen (noch) Reichen dennoch nicht wirklich verstandenen fundamentalen Unterschied zwischen reich werden<\/em> (Verm\u00f6gensaufbau) und reich bleiben<\/em> (Verm\u00f6gensbewahrung und Verm\u00f6gensnutzung) haben wir hier<\/u><\/a> genauer beschrieben.<\/p>\n

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Fazit<\/strong><\/span><\/h2>\n

Unternehmerische Klumpen- oder Konzentrationsrisiken \u2013 oft in Verbindung mit dem Versuch Renditen durch die Nutzung des Kredithebeleffektes (durch schuldenfinanziertes Investieren) zu erh\u00f6hen \u2013 sind der oder einer der Hauptzerst\u00f6rer gro\u00dfer Familienverm\u00f6gen \u2013 entweder bereits w\u00e4hrend die Gr\u00fcndergeneration noch lebt [9]<\/span><\/strong> oder noch st\u00e4rker, nachdem die Gr\u00fcndergeneration ihren Besitz auf die erste Folgegeneration \u00fcbertragen hat. Weil das so ist, geh\u00f6rt die Reduktion dieser Klumpenrisiken nach Abschluss der Verm\u00f6gensaufbauphase zum „finanziellen Pflichtprogramm“ einer wohlhabenden Familie, sofern sie ihr erreichtes Verm\u00f6gen generationen\u00fcbergreifend erhalten will. Das geht am besten durch Investition eines prozentual steigenden Teils des Gesamtverm\u00f6gens in global diversifizierte Aktien- und Anleihenanlagen, eventuell erg\u00e4nzt mit einer optionalen moderaten Beimischung aus Gold- und Kryptoinvestments. <\/p>\n

Wer zus\u00e4tzlich Sorgen hat, dass die Nachkommen nicht verantwortungsvoll mit dem vorhandenen Familienverm\u00f6gen umgehen k\u00f6nnen oder wollen, der k\u00f6nnte dieses Risiko oder diese Sorge mit dem Vehikel einer Familienstiftung mindern oder sogar ganz beseitigen. <\/p>\n

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Endnoten<\/strong><\/span><\/h2>\n

[1]<\/strong> In f\u00fcr das Familienverm\u00f6gen schlechten Jahren wurde die Entnahme gesenkt (eine gew\u00f6hnliche „G\u00fcrtel-enger-schnallen-Policy“). Die dann nicht get\u00e4tigten Entnahmen wurden in den anschlie\u00dfenden guten Jahren nachgeholt.<\/p>\n

[2]<\/strong> Siehe Eintrag „Forbes 400“<\/u><\/a> in der englischsprachigen Wikipedia.<\/p>\n

[3]<\/strong> Auf dieses Versagen hat der heute 96-j\u00e4hrige amerikanische \u00d6konom Thomas Sowell schon vor Jahrzehnten in seinen Publikationen aufmerksam gemacht. Offensichtlich ohne Erfolg.<\/p>\n

[4]<\/strong> Der gr\u00fcne Heinrich ist einer der bedeutendsten Bildungs- und Entwicklungsromane der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts.<\/p>\n

[5]<\/strong> In seiner finalen Fassung erschien das Buch 1879.<\/p>\n

[6]<\/strong> „Vom Tellerw\u00e4scher [w\u00f6rtlich „von Kleiderlumpen“] zu Reicht\u00fcmern in drei Generationen und zur\u00fcck.“<\/p>\n

[7]<\/strong> Mit „liquiden Investments“ sind Verm\u00f6gensanlagen in Aktien, Anleihen, Edelmetalle, Rohstoffe, Krypto-W\u00e4hrungen, Bankguthaben und aus diesen abgeleiteten Finanzprodukte wie z. B. Investmentfonds, gemeint.<\/p>\n

[8]<\/strong> Darunter die politische Entscheidung, f\u00fcr die Nutzung des in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts stark ausgebauten Fernstra\u00dfensystems keine Mautgeb\u00fchren zu erheben.<\/p>\n

[9]<\/strong> Der fr\u00fchere \u00f6sterreichische Milliard\u00e4r Ren\u00e9 Benko ist ein Beispiel aus dem deutschen Sprachraum aus j\u00fcngster Zeit.<\/p>\n

 <\/p>\n

Literatur<\/strong><\/span><\/h2>\n

Arnott, Robert\/William Bernstein\/Lillian Wu (2015): „The Rich Get Poorer: The Myth of Dynastic Wealth“; Cato Institute; Internet-Fundstelle: www.cato.org<\/u><\/a><\/p>\n

Bessembinder, Hendrik (2018): „Do Stocks Outperform Treasury Bills?\u201d; in: Journal of Financial Economics 129 (3); S. 440\u2013457<\/p>\n

Haghani, Victor\/James White (2023): „The Missing Billionaires. A Guide to Better Financial Decisions“; Wiley Verlag (Buch)<\/p>\n

Sosner, Nathan (2022): „When Fortune Doesn’t Favor the Bold \u2013 Perils of Volatility for Wealth Growth and Preservation“; in: The Journal of Wealth Management; Winter 2022; Band 25; Nr. 3<\/p>\n

Williamson, Samuel H. u. a. (2026): „Defining Measures of Worth \u2013 Most are better than the CPI“; Internet-Fundstelle: https:\/\/www.measuringworth.com<\/u><\/a><\/p>\n

Dieser Blog-Beitrag ist eine geringf\u00fcgig ver\u00e4nderte Version eines Abschnittes aus unserem im Juni 2026 erscheinenden Buch „Intelligent Verm\u00f6gen sch\u00fctzen: Wirksame Strategien zur Risikosenkung \u2013 ein praktischer Asset-Protection-Ratgeber“.<\/u><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

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(a) Verteilung des Verm\u00f6gens auf eine „zu gro\u00dfe“ Zahl von Nachkommen,
\n(b) Verteilung und Reduktion des Verm\u00f6gens durch Ehescheidungen (zu den finanziellen Implikationen von Ehescheidungen und Trennungen, siehe unser gesonderter
Blog-Beitrag<\/u><\/a>),
\n(c) zu hohen Steuern,
\n(d) zu hoher, verschwenderischer Lebensstandard,
\n(e) zu hohe Nebenkosten von liquiden Investments, [7]<\/span><\/strong>
\n(f) zu viele schlechte unternehmerische Investments („die eigene Firma“),
\n(g) zu umfangreiche philanthropische Verm\u00f6genstransfers\/Spenden.<\/p>\n