{"id":10789,"date":"2024-04-03T18:31:32","date_gmt":"2024-04-03T16:31:32","guid":{"rendered":"https:\/\/gerd-kommer.de\/?p=10789"},"modified":"2026-05-12T17:40:49","modified_gmt":"2026-05-12T15:40:49","slug":"nasdaq-100","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/nasdaq-100\/","title":{"rendered":"Ist der Nasdaq-100-Aktienindex besser als der MSCI World?"},"content":{"rendered":"

Von Gerd Kommer<\/a>\u00a0und\u00a0Maximilian Bartosch<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n

Dieser Blog-Beitrag wird die im Titel gestellte Frage beantworten. Zugleich ist er eine Fallstudie dar\u00fcber, wie eine an sich seri\u00f6se Tageszeitung, die Welt<\/em>, „Investmentpornographie“ [1]<\/span><\/strong> verbreitet. Es geht dabei um diesen Artikel<\/u><\/a> in der Online-Ausgabe der Welt vom 07.03.2024. [2]<\/span><\/strong> Der Text tr\u00e4gt den gro\u00dfspurigen Clickbaiting-Titel „19 Jahre fr\u00fcher zur Million \u2013 dieser Sparplan schl\u00e4gt den Welt-Index deutlich“. [3]<\/span><\/strong> (Mit „dieser Sparplan“ ist ein ETF-Sparplan auf den amerikanischen Nasdaq-100-Aktienindex gemeint, mit „Welt-Index“ der MSCI World-Index.)<\/p>\n

Hier zun\u00e4chst die Hauptaussagen aus dem Welt-Artikel in Zitatform:<\/p>\n

„Wer seit Start des Nasdaq-100-Index im Jahr 1985 monatlich 100 Euro in einen Nasdaq-100-Sparplan gepackt ha\u0308tte, wa\u0308re bereits seit 2021 Milliona\u0308r und wu\u0308rde heute [im Februar 2024] u\u0308ber ein Vermo\u0308gen von 1,3 Millionen Euro verfu\u0308gen. Ein gleicher Sparplan in den Weltindex MSCI World liegt aktuell dagegen gerade erst bei 283.545 Euro.“<\/em><\/p>\n

„Die Welt stellt den Wunderindex vor. Mit ihm kann man den Turbo in der Verm\u00f6gensbildung z\u00fcnden.“<\/p>\n

„In einer Zeit, in der Technologie die Welt immer st\u00e4rker regiert, erscheint es sinnvoll, Geld in einen breiten Tech-Index anzusparen.“<\/p>\n

Wie das letzte der drei Zitate und andere Aussagen im Artikel zum Ausdruck bringen, suggeriert der Beitrag, dass Tech-Aktien strukturell h\u00f6here Renditen haben als der restliche Aktienmarkt. (Tech-Aktien machen etwa 60% im Nasdaq-100-Index aus.)<\/p>\n

Die drei zitierten Statements bilden den Kern des Welt-Artikels. Alle drei sind hochgradig fragw\u00fcrdig oder ganz falsch. Letztlich stellen sie Investmentpornographie<\/em> dar \u2013 um Aufmerksamkeit zu generieren unter vielfacher Ausserachtlassung der Fakten, wie sie ein interessenkonfliktfreier Experte oder Wissenschaftler einsch\u00e4tzen und darstellen w\u00fcrde.<\/p>\n

Wir analysieren das journalistische Debakel, indem wir die wesentlichen Behauptungen und Empfehlungen im Artikel kritisch \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n

Doch bevor wir das tun, wollen wir uns noch kurz die regelrecht skurrile Konstruktion des Nasdaq-100-Index ansehen. Bereits diese kleine Analyse\u00fcbung produziert gro\u00dfe Fragezeichen in Bezug auf die Sinnhaftigkeit eines betraglich nennenswerten passiven ETF-Investments in den Nasdaq-100.<\/p>\n

 <\/p>\n

Die bizarre Konstruktion des Nasdaq-100-Index<\/strong><\/span><\/h2>\n

Der Nasdaq-100 ist folgenderma\u00dfen aufgebaut:<\/p>\n

(a ) Zun\u00e4chst einmal muss ein Unternehmen an der amerikanischen Nasdaq-B\u00f6rse notiert sein (eine der drei US-Aktienb\u00f6rsen), um f\u00fcr die Aufnahme in den Index zul\u00e4ssig zu sein. Da praktisch kein US-Unternehmen existiert, das an mehr als einer US-B\u00f6rse ein Listing hat (obwohl Mehrfach-Listings im Prinzip m\u00f6glich sind), wird ein Unternehmen, das an der gr\u00f6\u00dften US-B\u00f6rse, der NYSE (New Yorker Stock Exchange) notiert ist, faktisch niemals Mitglied des Nasdaq-100-Index sein. Auch aktuell hat kein einziges Nasdaq-100-Mitglied ein Listing an der NYSE.<\/p>\n

(b) Das Unternehmen darf jeder Branche angeh\u00f6ren, ausgenommen dem Finanzsektor.<\/p>\n

(c) Unter den Unternehmen, die die Kriterien (a) und (b) erf\u00fcllen, muss das Unternehmen zu den nach Marktkapitalisierung gr\u00f6\u00dften 100 geh\u00f6ren.<\/p>\n

(d) Es bestehen Obergrenzen (Caps) f\u00fcr das Gewicht von Einzelwerten und Sektoren (Branchen). Diese Caps werden nicht regelgebunden und in willk\u00fcrlichen Abst\u00e4nden vom Nasdaq-Indexkomitee immer wieder ge\u00e4ndert.<\/p>\n

Der Welt<\/em>-Artikel erw\u00e4hnt keine dieser schr\u00e4gen Fakten zum Nasdaq-Index.<\/p>\n

Tech-Firmen einschlie\u00dflich Telekommunikation haben aktuell ein Gewicht von 62% im Nasdaq-100, weswegen der Index als „technologielastig“ bezeichnet wird.<\/p>\n

Aus dieser im Vergleich zu eigentlich allen anderen bekannten Aktienindizes seltsamen Indexkonstruktion kann man ableiten, was der Nasdaq-100 nicht ist: (a) Er ist kein L\u00e4nderindex oder nationaler Index, weil er nicht, wie ein echter L\u00e4nderindex \u00e0 la DAX oder MSCI Australia, neutral alle b\u00f6rsennotierten Unternehmen in einem Land abbildet, sofern sie bestimmte \u00f6konomische Kriterien erf\u00fcllen. (b) Er ist kein Branchen-Index. Der Nasdaq-100 repr\u00e4sentiert alle Branchen mit Ausnahme des Finanzsektors. (c) Er ist kein Themen-Index, wie z. B. ein Index der das Gebiet KI oder Wasserstoff abbildet und (d) er ist kein „Factor-Index“ (Smart Beta-Index) wie z. B. ein Small-Cap-Aktienindex oder ein Momentum-Index.<\/p>\n

Ein \u00e4hnlich „stammtischm\u00e4\u00dfiger“ Konstruktionsplan wie der des Nasdaq-100 liegt wohl keinem anderen international bekannten Aktienindex zugrunde. Und weil der Nasdaq-100-Aufbau nur sehr begrenzt \u00f6konomischer Sachlogik folgt, sondern prim\u00e4r den sich im Zeitablauf \u00e4ndernden Marketing-Zielen der Firma Nasdaq, Inc.<\/em>, d\u00fcrfte die relativ gute absolute Rendite des Index von 1985 (dem Startdatum des Index) bis heute auf Zufall beruhen \u2013 so wie jedes willk\u00fcrlich ex ante festgelegte Subsegment des Gesamtmarktes in einem historischen Zeitfenster, egal wie lang es ist, eine h\u00f6here oder tiefere Rendite als der Gesamtmarkt haben wird. Angesichts dessen erscheint das devote und hymnische Bejubeln der Nasdaq-100-Rendite („Wunderindex“) durch die Welt<\/em> etwas peinlich.<\/p>\n

Nicht nur in Bezug auf die Branchenabbildung kann man in dem Index gro\u00dfe Klumpen und Konzentrationen erkennen. Die zehn gr\u00f6\u00dften einzelnen Mitglieder machen aktuell 47% des Index aus, die 20 gr\u00f6\u00dften 63%. Das ist das Gegenteil von Diversifikation und von passiv Investieren.<\/p>\n

Nachdem wir jetzt die wichtigsten Strukturmerkmale des Nasdaq-100 kennen, nun zu unserem eigentlichen Anliegen, die Aussagen im Welt<\/em>-Artikel einer n\u00fcchternen Pr\u00fcfung zu unterziehen.<\/p>\n

 <\/p>\n

WELT-Behauptung 1: Ein Sparplan von 100 Euro im Monat auf einen Nasdaq-100-ETF von 1985 bis 2021 h\u00e4tte zu einem Depotwert von einer Million Euro gef\u00fchrt.<\/strong><\/span><\/h2>\n

Stimmt nicht. Die Million w\u00e4re nicht ann\u00e4herend zustandegekommen, denn die Kalkulation der Welt<\/em> l\u00e4sst mehrere renditemindernde Faktoren unter den Tisch fallen. Um unseren Blog-Beitrag einigerma\u00dfen kurz zu halten, nennen wir nur den am st\u00e4rksten ins Gewicht fallenden Faktor.<\/p>\n

Der Journalist ignoriert in seiner Berechnung ETF-Kosten und Steuern, obwohl in der Realit\u00e4t beides anf\u00e4llt. W\u00fcrde man Kosten und Steuern einkalkulieren, h\u00e4tte unser fiktiver ETF-Sparer im M\u00e4rz 2021 nach 35,5 Jahren mit seinem Depot nicht eine Summe von 1,0 Millionen Euro erreicht, sondern weit weniger – nach unserer Rechnung lediglich rund 550.000 Euro. [4]<\/span><\/strong> Die gro\u00dfe Diskrepanz zwischen dem von der Welt<\/em> errechneten Verm\u00f6gensendwert (vor Kosten und Steuern) und unserem Verm\u00f6gensendwert (nach Kosten und Steuern) hat mit dem in diesem Fall „negativen Zinseszinseffekt“ zu tun: Wir alle wissen, dass aufgrund des Zinseszinseffektes bereits relativ kleine prozentuale per-annum-Renditeunterschiede bei langen Anlageperioden (hier 35,5 Jahre) einen enormen Unterschied beim Verm\u00f6gensendwert bewirken. Steuern und Kosten senken die Rendite des Sparplans zwischen 1985 bis 2021 von 14,4% p.a. „brutto“ auf 11,7% p.a. „netto“ und das f\u00fchrt wiederum zu dem drastisch geringeren Verm\u00f6gensendwert in 2021. [5]<\/span><\/strong><\/p>\n

Dass der fiktive Nasdaq-100-Sparer der Welt<\/em> in diesen 35,5 Jahren im Vergleich mit besser diversifizierten Aktienindexanlagen geradezu martialisch heftige und fast hoffnungslos lange andauernde Einbr\u00fcche in seinem Depot h\u00e4tte aushalten m\u00fcssen, ohne aus Stress und Verzweiflung das Handtuch zu werfen (vorzeitig zu verkaufen), werden wir weiter unten zeigen.<\/p>\n

Erw\u00e4hnt werden sollte au\u00dferdem noch das „kleine Detail“, dass der fr\u00fcheste in Deutschland verf\u00fcgbare ETF auf den Nasdaq-100-Index \u00fcberhaupt erst im September 2001 aufgelegt wurde: 16 Jahre nach dem Start der Simulationsrechnung unseres Welt<\/em>-Experten. Dieses „Detail“ bleibt im Welt<\/em>-Artikel ebenfalls unerw\u00e4hnt.<\/p>\n

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WELT-Behauptung 2: Der Nasdaq-100 ist ein „Wunderindex“.<\/strong><\/span><\/h2>\n

Wie unser Index-Exkurs eingangs zeigt, trifft wohl eher das Gegenteil zu. Der Nasdaq-100 ist ein fachlich kurioser „One-Stock-Exchange-Index“ mit im Vergleich zu den naheliegenden Alternativen schlechteren Renditen.<\/p>\n

Tabelle 1: Vergleich der historischen Rendite von drei Tech-ETFs (in Euro, nominal)<\/strong><\/span><\/p>\n

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\u25ba Alle Renditen in diesem Blog-Beitrag sind Total Returns (inkl. Dividenden). \u25ba Datenquellen: Fondsprofessionell.de.<\/span><\/p>\n

Die Daten in Tabelle 1 lassen erkennen, dass ein echter<\/em> US-Technology Index ETF ebenso wie der MSCI World Information Technology Index den „Wunderindex“ der Welt<\/em> in den letzten zehn Jahren geschlagen hat. Auch beim Risiko in Gestalt des maximalen Drawdowns performte der Nasdaq-100-ETF schlechter als die beiden Alternativen.<\/p>\n

In ihrem Artikel vergleicht die Welt<\/em> den Nasdaq-100 nur mit dem Nicht-Tech-Index MSCI World. Seit dem Start der Datenhistorie des Nasdaq-100 im Jahr 1985 hat dieser in der Tat den MSCI World und sogar den S&P 500 Index outperformt. Das allerdings nur, wenn man das dabei eingegangene Risiko ignoriert. Man muss kein Anleger-Genie sein, um zu erkennen, dass Rendite nur die eine Seite der Anlagemedallie ist. Bei ihrer anderen Seite, dem Risiko, stellt sich der Nasdaq-100-Index als klarer Verlierer gegen eine Reihe denkbarer Investmentalternativen heraus. Das illustriert Tabelle 2.<\/p>\n

Tabelle 2: Rendite und Risiko des Nasdaq-100-Index und dreier ausgew\u00e4hlten Alternativen von Okt. 1985 bis Feb. 2024 (38,4 Jahre) \u2013 in USD, nominal<\/strong><\/span><\/p>\n

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\u25ba Vor Kosten und Steuern. \u25ba Maximaler verf\u00fcgbarer Zeitraum. \u25ba Volatilit\u00e4t = annualisierte Standardabweichng der Monatsrenditen. \u25ba Risikogewichtete Rendite = Vereinfachte Sharpe Ratio (\u00d8 arithmetische Monatsrendite \u00f7 Standardabweichung der Monatsrenditen). \u25ba Max. Nullrenditeperiode = das im Betrachtungszeitraum l\u00e4ngste Zeitfenster, in dem der Index eine nominale Nullrendite produzierte. \u25ba DFA US Small Cap Value Index = Dimensional Fund Advisors USA Small Cap Value Index (ein Index, der g\u00fcnstig bewertete Small Cap-Aktien abbildet). \u25ba Datenquellen: Yahoo.com, Dimensional Fund Advisors, Ken French Data Library<\/span><\/p>\n

Bei allen in Tabelle 2 gezeigten Risikokennzahlen liegt der Nasdaq-100-Index drastisch schlechter als die Investmentalternativen. Man vergegenw\u00e4rtige sich f\u00fcr einen Moment den brachialen maximalen Drawdown von 81% des Nasdaq-100 kombiniert mit einer f\u00fcr normale Anleger wohl unertr\u00e4glichen Dauer von ann\u00e4hernd 15 Jahren bis der Index nach dem Start seines Einbruches wieder zur\u00fcck im „gr\u00fcnen Bereich“ ist: 15 Jahre rote Zahlen im Depot.<\/p>\n

Die risikogewichtete Rendite in der untersten Zeile von Tabelle 2 dr\u00fcckt aus, dass der Renditevorsprung des Nasdaq-100 vor den drei Alternativen zu gering war, um sein deutlich h\u00f6heres Risiko zu kompensieren.<\/p>\n

Der Welt-Journalist weist auf das besonders hohe historische Risiko des Nasdaq-100 zwar hin, scheint es aber f\u00fcr sekund\u00e4r zu halten.<\/p>\n

Stichwort Alternativen: Jemand k\u00f6nnte in Bezug auf Tabelle 2 den Vorwurf erheben, dass wir einige der Vergleichsalternativen (alle sind \u00fcber konventionelle Indexfonds oder ETFs investierbar) in Tabelle 2 zielgerichtet ausgew\u00e4hlt haben. Ja, das haben wir, aber genau das hat der Welt<\/em>-Journalist ja auch getan. Er hat willk\u00fcrlich einen spezifischen, engen, schlecht diversifizierten Aktienindex ex post<\/em> aus einer Vielzahl von nationalen oder sektoralen Aktienindizes herausgepickt, allein deswegen, weil er unter den bekannten Aktienindizes (oder ETFs) in diesem speziellen Zeitraum bis heute eine h\u00f6here absolute Rendite lieferte als der MSCI World Index. Mehr „Data Mining“ und „Look-Back-Bias“ gehen kaum noch. [6]<\/span><\/strong><\/p>\n

Und wie bereits angedeutet: Ein deutscher Privatanlegerhaushalt h\u00e4tte 1985 realistischerweise gar nicht beginnen k\u00f6nnen, in den Nasdaq-100-Index zu investieren, sondern erst 16 Jahre sp\u00e4ter im Jahr 2001. Doch selbst wenn ein Investment ab 1985 m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte ein normaler Privatanleger \u2013 ob in Deutschland oder den USA \u2013 mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit nicht den damals ganz neuen Nasdaq-100 f\u00fcr einen Aktiensparplan gew\u00e4hlt. Sein „gro\u00dfer Bruder“, der Nasdaq Composite Index<\/em>, der bereits seit Gr\u00fcndung der Nasdaq-B\u00f6rse im M\u00e4rz 1971 existierte, hatte den damals schon seit 30 Jahren etablierten S&P 500 Index von 1971 bis Sept. 1985 um satte zwei Prozentpunkte per annum unter-performt. Welchen rationalen Grund gab es zum Start des Nasdaq-100 angesichts dessen, in einen so abenteuerlich strukturierten, neuen, ungetesteten Index zu investieren?<\/p>\n

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WELT-Behauptung 3: Tech-Aktien haben langfristig h\u00f6here Renditen als der Gesamtmarkt.<\/strong><\/span><\/h2>\n

Das impliziert der Welt<\/em>-Artikel und das halten in der Tat viele Anleger f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich. Mit historischen Langfristdaten l\u00e4sst sich diese Vorstellung allerdings nicht belegen. Ebenso wenig mit den Erkenntnissen der Wissenschaft oder \u00f6konomischer Sachlogik.<\/p>\n

Zun\u00e4chst zu den historischen Daten. Wir betrachten den US-Aktienmarkt, f\u00fcr den weit in die Vergangenheit zur\u00fcckreichende Sektor-Renditedaten hoher Qualit\u00e4t und Granularit\u00e4t verf\u00fcgbar sind.<\/p>\n

Tabelle 3: Rendite und Risiko von zwei Hauptbranchen und dem gesamten US-Aktienmarkt \u2013 in USD, nominal von 1984 bis heute<\/strong><\/span><\/p>\n

\"\"<\/p>\n

\u25ba Vor Kosten und Steuern. \u25ba Volatilit\u00e4t: Siehe Fu\u00dfnoten zu Tabelle 2. \u25ba Risikogewichtete Rendite: Siehe Fu\u00dfnoten zu Tabelle 2. \u25ba Datenquellen: Ken French Data Library<\/span><\/p>\n

Die Zahlen in Tabelle 3 d\u00fcrften wenig Zweifel daran lassen: Der Tech-Sektor hat in der langfristigen Vergangenheit keine nennenswert h\u00f6heren Renditen produziert als der Gesamtmarkt und schlechtere Renditen als die tats\u00e4chlich rentabelste Makrobranche Health\/Gesundheit. Gemessen an der risikogewichteten Rendite (die Vereinfachte Sharpe Ratio<\/em>) war der Nasdaq-100 weit schlechter als der Gesamtmarkt und als die Mehrzahl aller \u00fcbrigen einzelnen Sektoren\/Branchen.<\/p>\n

Wer sich einen schnellen \u00dcberblick dar\u00fcber verschaffen m\u00f6chte, was die Wissenschaft zu den angeblich strukturell h\u00f6heren Langfristrenditen von Tech-Aktien sagt, dem empfehlen wir den Aufsatz von Bessembinder (2020). Die Quintessenz aus dieser empirischen Studie ist die gleiche wie sie auch in Tabelle 3 zum Ausdruck kommt: Tech-Aktien hatten in den letzten 70 Jahren niedrigere Renditen als viele andere Branchen und ein besonders hohes Risiko, das unter anderem in der besonders hohen Pleitewahrscheinlichkeit einer durchschnittlichen Tech-Firma zum Ausdruck kommt. Aktuell k\u00f6nnen wir das weltweit bei den Herstellern von E-Autos beobachten.<\/p>\n

Ber\u00fccksichtigt man Rendite und<\/em> Risiko, dann f\u00e4llt der Tech-Sektor langfristig eher in die Gruppe der unterdurchschnittlichen Branchen.<\/p>\n

Auch simple \u00f6konomische Sachlogik spricht gegen eine strukturell h\u00f6here Attraktivit\u00e4t des Tech-Sektors aus Anlegersicht. Ja, nat\u00fcrlich ist dieser Sektor (so wie er f\u00fcr Aktienmarktzwecke definiert ist) innerhalb der Volkswirtschaft ein wesentlicher Motor des technischen Fortschritts und damit des Wirtschaftswachstums, doch die Fr\u00fcchte dieses technischen Fortschritts kommen eben nicht nur und auch nicht einmal vorwiegend dem Tech-Sektor zugute, sondern allen Sektoren. Daf\u00fcr sorgt der marktwirtschaftliche Wettbewerb und daf\u00fcr sorgt zum Teil auch der Staat, mit seiner Antimonopol-Politik.<\/p>\n

Ferner: Soweit der Tech-Sektor h\u00f6here betriebswirtschaftliche Gewinnwachstumsraten oder buchm\u00e4\u00dfige Eigenkapitalrenditen als andere Sektoren erzeugt, werden diese im Aktienmarkt sehr schnell eingepreist. Fast immer zu schnell, um rechtzeitig vorher investiert zu haben. Daf\u00fcr sorgt die hohe Informationseffizienz des Marktes.<\/p>\n

Dass trotzdem viele Journalisten, Finfluencer und Privatanleger an die Legende von den dauerhaft hohen Tech-Renditen glauben, d\u00fcrfte vor allem derzeit mit dem Denkfehler des Recency Bias<\/em> [7]<\/span><\/strong> zusammenh\u00e4ngen. Der inzwischen tausendfach von der Wissenschaft belegte Denkfehler von Menschen, Daten aus der j\u00fcngeren und j\u00fcngsten Vergangenheit irrt\u00fcmlich als besonders repr\u00e4sentativ f\u00fcr die Zukunft zu betrachten und diese „Ministichproben“ mehr oder weniger linear in die Zukunft zu extrapolieren.<\/p>\n

 <\/p>\n

Ist der US-Aktienmarkt der strukturell rentabelste nationale Aktienmarkt?<\/strong><\/span><\/h2>\n

Der Welt-Artikel sagt es zwar nicht explizit, l\u00e4sst aber insgesamt den Eindruck entstehen, dass der US-Aktienmarkt langfristig oder strukturell h\u00f6here Renditen als die anderen nationalen Aktienm\u00e4rkte produziere. Stimmt das wirklich?<\/p>\n

Diese These ist in den Finanzmedien und im Internet weit verbreitet und wird h\u00e4ufig mit selektiv ausgew\u00e4hlten Daten „belegt“. Wie die Zahlen in Tabelle 4 jedoch erkennen lassen, trifft sie nicht zu. Das einzige was tats\u00e4chlich an der „Exceptionalism“-These f\u00fcr den US-Aktienmarkt stimmt, ist, dass die USA unter dem halben Dutzend der historisch rentablesten nationalen Aktienm\u00e4rkte, der gr\u00f6\u00dfte ist.<\/p>\n

Tabelle 4: Inflationsbereinigte (reale) historische Rendite in USD von f\u00fcnf besonders rentablen nationalen Aktienm\u00e4rkten<\/strong><\/span><\/p>\n

\"\"<\/p>\n

\u25ba Vor Kosten und Steuern. \u25ba Datenquellen: Dimson, Marsh, Staunton<\/span><\/p>\n

Im \u00dcbrigen besteht in der wissenschaftlichen Finanz\u00f6konomie ein klarer Konsens, dass sich aus den im internationalen Vergleich relativ hohen historischen US-Aktienmarktrenditen f\u00fcr die Zukunft nicht ableiten l\u00e4sst, dass das so bleiben wird (siehe z. B. van Binsbergen u.a. 2022). Wenn manche Journalisten, Finfluencer und Privatanleger den US-Markt als strukturell rentabler als die Summe der M\u00e4rkte ohne die USA sehen oder darstellen, zeigt das unseres Erachtens nur, wie wenig diese Personen mit der wissenschaftlichen Literatur und den historischen Daten zu diesem Sachverhalt vertraut sind.<\/p>\n

Es stellt sich die Frage, warum so viele Privatanleger annehmen, dass US-Aktienmarktrenditen sozusagen einzigartig hoch seien. Daf\u00fcr d\u00fcrften die folgenden drei Hauptgr\u00fcnde verantwortlich sein: (a) Der oben bereits erw\u00e4hnte Recency Bias<\/em>. Weil US-Aktienrenditen in den letzten rund zehn Jahren sehr hoch waren, nehmen viele naiv an, dies sei „normal“ oder „immer“ so. (b) Tech-Aktien haben ein \u00fcberproportionales Gewicht im US-Aktienmarkt. Viele Journalisten, Finfluencer und Privatanleger unterliegen dem Irrglauben, Tech-Aktien h\u00e4tten strukturell h\u00f6here Renditen als der restliche Aktienmarkt, wiederum weil das in den letzten 10+ Jahren so war. (c) Die deutschen Medien sind \u00fcber alle Sachgebiete hinweg \u2013 Politik, Kultur, Sport, Musik, Kunst, Wirtschaft, Gesellschaft \u2013 in merkw\u00fcrdiger Weise auf die USA fixiert, man k\u00f6nnte beinahe sagen von den USA besessen, obwohl noch rund 195 andere Staaten neben den USA und Deutschland existieren und obwohl viele darunter in bestimmten wirtschaftlichen Bereichen in den letzten 50 Jahren oder 25 Jahren genauso erfolgreich oder sogar erfolgreicher“ waren als die USA \u2013 so wie die in Tabelle 3 genannten Aktienm\u00e4rkte Niederlande, D\u00e4nemark und Schweden. Aber diese erfolgreicheren M\u00e4rkte werden nicht wahrgenommen, weil man nur auf die USA starrt.<\/p>\n

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Taugt ein Nasdaq-100-ETF als Depot-Beimischung?<\/strong><\/span><\/h2>\n

Wir haben nun gesehen, dass der Nasdaq-100 jedenfalls als Standalone-Investment im hohen Ma\u00dfe fragw\u00fcrdig ist.<\/p>\n

Wie sieht es aus, wenn man den Nasdaq lediglich unter dem Blickwinkel einer, sagen wir, Zehn-Prozent-Beimischung zu einem breit diversifizierten „Welt-AG“-Aktieninvestment in Erw\u00e4gung zieht? [8]<\/span><\/strong><\/p>\n

Auch daf\u00fcr ist der Nasdaq-100 unseres Erachtens eine schlechte Wahl. Mit einer solchen Beimischung w\u00fcrden die dreifachen Klumpenrisiken „USA“, „Tech-Sektor“ und „Gewicht der gr\u00f6\u00dften 10 oder 20 Einzelwerte“, die es in einem typischen Welt-AG-Investment \u00e0 la MSCI World-ETF normalerweise bereits gibt, noch weiter in die H\u00f6he getrieben werden.<\/p>\n

Dar\u00fcber hinaus repr\u00e4sentiert der Nasdaq-100 aktuell au\u00dferordentlich hoch bewertete, teure Aktien. Der Index hatte Ende Februar 2024 ein KGV von knapp 38, gegen\u00fcber 24,5 f\u00fcr den S&P 500 und 21,7 f\u00fcr den MSCI World. Der historische KGV-Mittelwert, der eine normale („faire“) Bewertung anzeigt, betr\u00e4gt 17 bis 18. [9]<\/span><\/strong> Auf Asset-Klassen-Ebene bedeuten hohe Bewertung niedrige erwartete Renditen (Expected Returns) in der Zukunft. Es sind die hohen Renditen von Tech-Aktien in den letzten 10 bis 15 Jahren, die zu den aktuell sehr hohen Bewertungen gef\u00fchrt haben und diese hohen Bewertungen werden vorw\u00e4rtsgerichtet vermutlich unterdurchschnittliche Renditen verursachen. [10]<\/span><\/strong><\/p>\n

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Fazit<\/strong><\/span><\/h2>\n

Der Nasdaq-100 ist ganz gewiss kein „Wunderindex“, der ETF-Sparer au\u00dferhalb von schr\u00e4gen Data-Mining-Kalkulationen schneller zum Million\u00e4r macht als ein sachlogisch besser konstruierter, breiter diversifizierter und heute konservativer bewerteter Aktienindex.<\/p>\n

Selbst f\u00fcr diejenigen Anleger, die bewusst ein konzentriertes ETF-Tech-Investment suchen, existieren \u00fcberlegene Alternativen zu Nasdaq-100, aber immerhin wird ein Nasdaq-100-ETF sehr wahrscheinlich langfristig besser rentieren als die allermeisten aktiv gemanagten Tech-Aktienfonds und Do-it-Yourself-Stock-Picker-Portfolios.<\/p>\n

Investmentpornographie wie sie die Welt<\/em> in ihrem Artikel „19 Jahre fr\u00fcher zur Million mit dem Wunderindex“ verbreitet hat, kommt leider immer h\u00e4ufiger auch in den sogenannten seri\u00f6sen Medien vor, einschlie\u00dflich dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk. Im Internet ist Finanzpornographie schon lange nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel.<\/p>\n

Wer ein erfolgreicher Anleger werden will, muss ein sensibles mentales Radar f\u00fcr „Financial Porn“ entwickeln, um von ihr nicht irgendwann bei einer wichtigen Anlageentscheidung aufs Glatteis gef\u00fchrt zu werden.<\/p>\n

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Endnoten<\/strong><\/span><\/h2>\n

[1]<\/strong> Investmentpornographie sind sensationsheischende Aussagen der Finanzmedien und der Finanzbranche, die suggerieren: Jeder kann schnell mit geringem Risiko und wenig Arbeit reich werden. Finanzpornografie beutet Unwissen auf der Anlegerseite aus und appelliert an Gier, FOMO, Neid, Faulheit (ohne Arbeit und M\u00fche reich werden), Ungeduld, Naivit\u00e4t, Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung und Unwissen.<\/p>\n

[2]<\/strong> Der Text befindet sich hinter der Bezahlschranke, aber f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis unseres Blog-Beitrags muss man ihn nicht gelesen haben. Seine in dieser Hinsicht wesentlichen Aussagen wiederholen wir explizit in unserem Blog-Post.<\/p>\n

[3]<\/strong> „Klickk\u00f6dern“ mit \u00fcbertriebenen oder gelogenen \u00dcberschriften.<\/p>\n

[4]<\/strong> Die Welt<\/em> weist „im Kleingedruckten“ des Artikels auf die Weglassung von Kosten und Steuern hin, nennt dazu aber keinerlei Zahlen.<\/p>\n

[5]<\/strong> Diese Rendite wird mit der Methode des Internen Zinsfu\u00dfes<\/em> errechnet.<\/p>\n

[6]<\/strong> Data Mining<\/em>, auch Data Snooping<\/em> („to snoop“ = schn\u00fcffeln) oder Data Dredging<\/em> genannt, („to dredge“ = ausbaggern) ist das gezielte Ausw\u00e4hlen von Daten oder das gezielte Ignorieren „nicht passender Daten“, um ein bestimmtes Ergebnis zeigen zu k\u00f6nnen. Data Mining kann unbewusst (unschuldig) oder bewusst (vors\u00e4tzlich) geschehen.<\/p>\n

[7]<\/strong> „Recent“ = k\u00fcrzlich, j\u00fcngst; „Bias“ = Neigung, Tendenz, Ungleichgewicht.<\/p>\n

[8]<\/strong> Mit „Welt-AG-Aktieninvestment“ meinen wir eine passive Buy-and-Hold-Anlage in einen oder mehrere Aktien-ETFs, die zusammen m\u00f6glichst alle L\u00e4nder und alle Branchen abbilden.<\/p>\n

[9]<\/strong> Legt man der Berechnung Daten zugrunde, die weiter als ungef\u00e4hr 30 Jahre zur\u00fcckreichen, sinkt der historische KGV-Mittelwert immer weiter bis auf etwa 15.<\/p>\n

[10]<\/strong> Wir wissen lediglich nicht, wann genau die niedrigen Renditen einsetzen werden.<\/p>\n

 <\/p>\n

Literatur<\/strong><\/span><\/h2>\n

Bessembinder, Hendrik (2020): „Extreme Stock Market Performers, Part II: Do Technology Stocks Dominate?“ July 2020; Internet-Fundstelle: SSRN<\/a><\/u><\/p>\n

van Binsbergen, Jules u. a. (2023): „Is The United States A Lucky Survivor: A Hierarchical Bayesian Approach“; 09.10.2023; Internet-Fundstelle: SSRN<\/a><\/u><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

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