{"id":10238,"date":"2024-01-26T14:11:54","date_gmt":"2024-01-26T13:11:54","guid":{"rendered":"https:\/\/gerd-kommer.de\/?p=10238"},"modified":"2026-05-27T14:32:13","modified_gmt":"2026-05-27T12:32:13","slug":"via-negativa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/via-negativa\/","title":{"rendered":"Via Negativa \u2013 ein unbekanntes Konzept f\u00fcr mehr Erfolg beim Investieren"},"content":{"rendered":"
Von Gerd Kommer<\/a>\u00a0und\u00a0Felix Gro\u00dfmann<\/a>\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n Erfolgreich Verm\u00f6gen bilden oder vor\u00adhandenes Verm\u00f6gen bewahren ist nicht nur eine Frage des „Was tun?“, sondern auch eine Frage von „Was nicht tun?“, „Was unter\u00adlassen?“, „Was beenden?“ \u2013 also von Fehler\u00advermeidung und Fehlerbe\u00adendigung.<\/p>\n „Vermeide Fehler!“ \u2013 das klingt als Rat\u00adschlag in Geld\u00addingen und auch im Leben allgemein langweilig und altbacken. Man kann dieses handlungs\u00adleitende Konzept aller\u00addings auch sexier benennen, beispiels\u00adweise als „Via-Negativa-Prinzip“, von Via Negativa<\/i>, „der negative Weg“ oder „der Weg des Vermeidens“. Via Negativa in diesem Sinne steht f\u00fcr die Methode, gute Ergebnisse zu erzielen, indem man sch\u00e4d\u00adliche Entscheidungen vermeidet und negative Zust\u00e4nde beendet. Im Vorder\u00adgrund steht hier also nicht das positive Tun, sondern das negative Vermeiden und Beenden.<\/p>\n Der Via-Negativa-Terminus kommt urspr\u00fcnglich aus der Philo\u00adsophie Platons (428 v. Chr. \u2013 347 v. Chr.) und wurde auch in der fr\u00fch\u00adzeitlichen christ\u00adlichen Theo\u00adlogie verwendet. Der Denker Nassim Taleb hat den Begriff in seinem Buch Antifragile<\/a><\/u> (2012) in j\u00fcngerer Zeit neu popularisiert. Eine gelungene kurze Zusammen\u00adfassung findet sich bei Chakraborty 2020<\/a><\/u>.<\/p>\n Derjenige allerdings, der das Konzept vor fast 50 Jahren zum ersten Mal im Kontext von Privat\u00adanleger\u00adinvestieren formulierte, war der Amerikaner Charles Ellis in seinem Aufsatz „The Loser’s Game“ (Ellis 1975) \u2013 ohne jedoch die Bezeich\u00adnung Via Negativa<\/i> zu benutzen. Dieser Aufsatz war es auch, der John Bogle, den legend\u00e4ren Gr\u00fcnder von Vanguard, der heute zweit\u00adgr\u00f6\u00dften Fonds\u00adgesellschaft der Welt, 1976 inspirierte, den weltweit ersten Index\u00adfonds f\u00fcr Privat\u00adanleger aufzulegen.<\/p>\n <\/p>\n Das Via-Negativa-Prinzip besagt im Wesent\u00adlichen, dass der kumulative finanzielle und auch sonstige Erfolg in unserem Leben \u2013 so wie er sich zu einem bestimmten Lebens\u00adalter darstellt \u2013 eben nicht nur davon bestimmt wird, was wir bis zu diesem Zeitpunkt Schlaues, Richtiges und Gutes getan haben (die „positiven“ Ent\u00adscheidungen), sondern genauso oder vielleicht sogar mehr davon, was wir Dummes, Falsches und Schlechtes unter\u00adlassen oder beendet haben (die „negativen“ Ent\u00adscheidungen).<\/p>\n Das l\u00e4sst sich illustrieren, indem wir die Sportart Tennis betrachten. Hier kann man ein Match gewinnen, indem man den Fokus darauf legt, weniger Fehler als der Gegner zu machen. In der Tat argumentiert Ellis in seinem oben erw\u00e4hnten Aufsatz, dass im Amateur\u00adtennis (in Abgrenzung zum Profitennis) typischer\u00adweise derjenige Spieler mit der geringeren Zahl uner\u00adzwungener Fehler (Unforced Errors) gewinnt. Das sind die eigenen Fehler, f\u00fcr die man selbst die Haupt\u00adverantwortung tr\u00e4gt, nicht Fehler, die aus dem \u00fcber\u00adlegenen Spiel des Gegners resultieren.<\/p>\n <\/p>\n Zur Veranschaulichung: Ein Privat\u00adanleger setzt \u00ad\u2013 z. B. weil er eines unserer B\u00fccher gelesen hat \u2013 ein Welt\u00adportfolio aus preis\u00adg\u00fcnstigen Index\u00adfonds (ETFs) auf und praktiziert au\u00dferdem Buy-and-Hold sowie regel\u00adbasiertes Rebalancing. Zugleich hat dieser Privatanleger aber noch nennens\u00adwerte Investments in teuren, rendite\u00adarmen kapital\u00adbildenden Lebens\u00adversicherungen, Cash auf einem Bankkonto oberhalb der gesetz\u00adlichen Einlagen\u00adsicherung [1]<\/span><\/strong> und Anteile an einem geschlossenen Fonds, der in Container\u00adschiffe investiert. Dieser Privat\u00adanleger hat auf der Seite des positiven Tuns das Kluge und Richtige getan. Auf der Seite des negativen Tuns, der Via Negativa, hat er aber vers\u00e4umt, gleicher\u00adma\u00dfen konsequent zu handeln. Dazu m\u00fcsste er Schritte unternehmen, die drei genannten Investment-Fehler zu beenden.<\/p>\n Wie eingangs anhand von Charles Ellis‘ ber\u00fchmten Aufsatz „Winning the Loser’s Game“ illustriert, kann man sogar argumentieren, dass passives Investieren mit Indexfonds auf Buy-and-Hold-Basis \u00fcberhaupt erst aus Via-Negativa-Gedankengut heraus ent\u00adstanden ist. In den 1950er und 1960er Jahren hatte die empirische Finanz\u00admarkt\u00adforschung in den USA immer wieder gezeigt, wie schlecht aktives Anlegen im Aktien\u00admarkt funktionierte, sprich dass es Renditen erzeugte, die zumeist unter der entsprechenden Markt\u00adrendite lagen. Daraus erwuchs unter einer Handvoll Absolventen der Universit\u00e4t Chicago die Idee, einen Fonds aufzusetzen, der all das einfach weglie\u00df, was in aktiv gemanagten Fonds offen\u00adsichtlich nicht funktionierte: Stock Picking und Market Timing. Damit war der erste Indexfonds im Jahr 1971 aus der Philosophie des Vermeidens und Weglassens geboren.<\/p>\n Ein struktureller Grund daf\u00fcr, dass der Fokus auf die negative Seite, auf die Vermeidung des Schlechten und Falschen so m\u00e4chtig ist, liegt in dem merkw\u00fcrdig oft \u00fcbersehenen Faktum, dass unser Wissen und unser Verstehen \u00fcber Downsides (nachteilige Effekte) und dar\u00fcber was nicht<\/i> funktioniert, umfassender, pr\u00e4ziser und verl\u00e4sslicher ist, als unser Wissen und Verstehen dar\u00fcber, was funktioniert.<\/p>\n Das l\u00e4sst sich auch an der Jahr\u00adtausende alten Frage zeigen, was den Menschen zufrieden oder gl\u00fccklich macht. Wir k\u00f6nnen ziemlich gut beurteilen, was Zufrieden\u00adheit und Gl\u00fcck von Menschen reduziert, aber wir k\u00f6nnen viel weniger gut beurteilen, was Zufriedenheit und Gl\u00fcck bewahrt oder erh\u00f6ht. Vermutlich k\u00f6nnen Zufrieden\u00adheit und Gl\u00fcck besser gesteigert werden, indem man Handlungen und Zust\u00e4nde unterl\u00e4sst bzw. beendet, die ungl\u00fcck\u00adlich machen, anstatt danach zu suchen, was einen gl\u00fcck\u00adlich macht.<\/p>\n W\u00fcrde man einen finanziell sehr erfolgreichen Menschen befragen, welche praktischen und messbaren „Top-10-Financial-Success-Ratschl\u00e4ge“ er einem jungen Menschen geben w\u00fcrde, der ebenfalls finanziellen Erfolg im Leben anstrebt, dann enthielte diese 10er-Liste vermutlich mehr Hinweise \u00e0 la „Vermeide die Verhaltensweise X“ als „Tue Y“.<\/p>\n <\/p>\n Verm\u00f6gende Menschen, die aus eigener Kraft reich geworden sind, wurden das auch deswegen, weil sie das Via-Negativa-Prinzip bewusst oder unter\u00adbewusst begriffen haben und konsistenter anwenden als weniger verm\u00f6gende Menschen. Verm\u00f6gende machen tenden\u00adziell weniger wirtschaft\u00adliche Fehler und beenden gemachte Fehler schneller als \u00e4rmere Menschen. Es sind also nicht nur ihre besonders klugen positiven Ent\u00adscheidungen, also dieses oder jenes Investment zu t\u00e4tigen, die den Reichtum bewirken, sondern ebenso ihre F\u00e4higkeit, weniger schlechte, negative Finanz\u00adentscheidungen zu treffen als andere, also dieses oder jenes Investment zu vermeiden oder abzusto\u00dfen.<\/p>\n Die gro\u00dfe finanzielle und nicht-finanzielle Bedeutung des Via-Negativa-Prinzips f\u00fcr den Erfolg in unserem Leben \u2013 fast egal wie man Erfolg definiert \u2013 kommt plastisch in den folgenden drei Zitaten zum Ausdruck:<\/p>\n Erfolgreich investieren ist selten ein einmaliges Ereignis oder das Ergebnis weniger einzelner Ereignisse, sondern ein fort\u00adlaufender Prozess, der dann zum Erfolg f\u00fchrt, wenn darin \u00fcber einen langen Zeit\u00adraum (a) m\u00f6glichst viele kluge Ent\u00adscheidungen, die zu einer Upside (einem vorteil\u00adhaften Effekt) f\u00fchren, und<\/i> zugleich (b) m\u00f6glichst wenig unkluge Entscheidungen getroffen werden, die Verluste oder Opportunit\u00e4tskosten (entgangene Gewinne) bewirken \u2013 das Via Negativa-Prinzip. Durch diese Kombination kann der Zinses\u00adzins\u00adeffekt sein gutes exponen\u00adtielles Werk am besten tun.<\/p>\n Wir glauben, dass viele Privat\u00adanleger ihr Nach\u00addenken und ihre notwendig begrenzte Aufmerk\u00adsamkeit f\u00fcr das Thema Ver\u00adm\u00f6gens\u00adbildung zu sehr auf (a) und zu wenig auf (b) lenken. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese falsche Balance k\u00f6nnten darin liegen, dass, erstens, der Via-Negativa-Teil bei der Verm\u00f6gens\u00adbildung weniger spektakul\u00e4r ist als die positive Suche nach dem sprich\u00adw\u00f6rtlichen Jackpot-Investment, zweitens, der Erfolgs\u00adbeitrag negativer Ent\u00adscheidungen (Vermeidung, Unter\u00adlassen, Beendigung) sich weniger leicht messen l\u00e4sst als der Beitrag positiver Ent\u00adscheidungen und drittens, die traditionellen Medien, das Internet und die Werbung im Finanz\u00adsektor sich viel st\u00e4rker auf Bericht\u00aderstattung rund um „Gewinne machen“ und „reich werden“ konzentrieren als auf Bericht\u00aderstattung rund um „wie verhindere ich, dass ich Geld verliere oder \u00e4rmer werde?“.<\/p>\n Bis hier\u00adher haben wir nur von Theorie gesprochen. Wie \u00e4u\u00dfert sich die Via Negativa in der Praxis des Investierens f\u00fcr Privat\u00adhaushalte?<\/p>\n Sie \u00e4u\u00dfert sich praktisch prim\u00e4r darin (a) die klassischen verhaltens\u00adm\u00e4\u00dfigen Anleger\u00adfehler m\u00f6glichst selten zu machen und (b) m\u00f6glichst selten oder in geringem Umfang in schlechte Finanz\u00adprodukte zu investieren. Zun\u00e4chst zu (a).<\/p>\n <\/p>\n Beispiele f\u00fcr gravierende Invest\u00adment\u00adfehler:<\/p>\n Eine tiefergehende Analyse von zehn verbreiteten Anlegerfehlern haben wir vor einiger Zeit in einem Blog-Beitrag vorgenommen (Link hier<\/a><\/u>).<\/p>\n <\/p>\n Zu den schlechten Finanz\u00adprodukten, die man m\u00f6glichst selten oder in m\u00f6glichst geringem Umfang im eigenen Port\u00adfolio haben sollte, geh\u00f6ren:<\/p>\n Warum und in welcher Hinsicht diese Finanz\u00adprodukte schlecht und ablehnens\u00adwert sind, wird in den oben verlinkten Blog-Beitr\u00e4gen und in den B\u00fcchern von Dr. Gerd Kommer umfassend dargelegt.<\/p>\n <\/p>\n Die Summe der Entscheidungen und Hand\u00adlungen, die einen auf lange Sicht erfolg\u00adreichen Verm\u00f6gens\u00adaufbau oder eine lang\u00adfristig erfolg\u00adreiche Verm\u00f6gens\u00adbewahrung bef\u00f6rdern, l\u00e4sst sich konzeptionell in eine positive und eine negative Sph\u00e4re auf\u00adteilen. Beide Sph\u00e4ren sind f\u00fcr den Lang\u00adfrist\u00aderfolg gleicher\u00adma\u00dfen wichtig, aber wir widmen der positiven Sph\u00e4re, dem „Was jetzt tun?“ viel mehr Aufmerk\u00adsamkeit als der negativen Sph\u00e4re, dem „Was jetzt nicht tun?“ oder „Was jetzt abstellen?“. Die Finanz\u00admedien verst\u00e4rken dieses sch\u00e4d\u00adliche Ungleich\u00adgewicht. Wer das Via-Negativa-Prinzip ernst nimmt und in seinen monet\u00e4ren Entscheidungen umsetzt, wird damit seinen finanziellen Erfolg erh\u00f6hen.<\/p>\n <\/p>\n [1]<\/strong> Die gesetzliche Einlagen\u00adsicherung ist in der EU auf 100.000 Euro pro Bank-Kunde-Kombination begrenzt. F\u00fcr Konto\u00adguthaben ober\u00adhalb dieses Betrages besteht im Falle einer systemischen Banken\u00adkrise wie der\u00adjenigen von 2008 bis 2011 ein betr\u00e4cht\u00adliches Ausfall\u00adrisiko. In der Schweiz existiert kein vergleich\u00adbares Einlagen\u00adsicherungs\u00adsystem mit staat\u00adlichem Backing (siehe unser Blog-Beitrag zu Bank\u00adguthaben hier<\/a><\/u>).<\/p>\n [2]<\/strong> „Die 20 Prozent wirklich dummen Entscheidungen im Leben schaden uns mehr als die 20 Prozent wirklich smarten Entscheidungen uns helfen.“<\/p>\n [3]<\/strong> „Es ist bemerkens\u00adwert, wie gro\u00df der Lang\u00adfrist\u00advorteil ist, den wir erzielen, indem wir versuchen, konsistent nicht dumm, statt sehr schlau zu sein.“<\/p>\n <\/p>\n Chakraborty, Abhishek (2020): „Via Negativa: The Process of Making Good Decisions by Eliminating Bad Ones“; Jan. 2020; Internet-Fundstelle hier<\/a><\/u><\/p>\n Dobelli, Rolf (2024): „Die Not-To-Do-Liste: 52 Wege, die gr\u00f6\u00dften Lebensfehler zu vermeiden“; Piper Verlag; Okt. 2024; 352 Seiten, siehe hier<\/a><\/u><\/p>\n Ellis, Charles (1975): „The Loser’s Game“; in: “ The Financial Analysts Journal; Vol. 31; No. 4; July\/August 1975; pp. 19-26<\/p>\n Von Hohnhorst, Lukas (2019): „Die Kunst des Weglassens: Warum \u00bbvia negativa\u00ab ein untersch\u00e4tztes Konzept ist“; Blog-Post; Nov. 2019; Internet-Fundstelle hier<\/a><\/u><\/p>\n May, Patrick (ohne Datum): „Via Negativa \u2013 weniger ist besser. Vom Vereinfachen und Loslassen“; Blog-Post; Internet-Fundstelle hier<\/a><\/u><\/p>\nDas Via-Negativa-Prinzip<\/strong><\/span><\/h2>\n
Wie uns die Strategie des Vermeidens und Beendens beim Investieren hilft<\/strong><\/span><\/h2>\n
Was verm\u00f6gende Menschen kennzeichnet<\/strong><\/span><\/h2>\n
\n
Investmentfehler, die wir nicht machen oder beenden sollten<\/strong><\/span><\/h2>\n
\n
Finanzprodukte, die wir nicht im Portfolio haben sollten<\/strong><\/span><\/h2>\n
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Fazit<\/strong><\/span><\/h2>\n
Endnoten<\/strong><\/span><\/h2>\n
Literatur<\/strong><\/span><\/h2>\n