{"id":10075,"date":"2023-12-08T00:00:53","date_gmt":"2023-12-07T23:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/gerd-kommer.de\/?p=10075"},"modified":"2025-09-05T14:35:04","modified_gmt":"2025-09-05T12:35:04","slug":"gamestop-effekt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerd-kommer.de\/blog\/gamestop-effekt\/","title":{"rendered":"GameStop-Effekt: Ist es klug, gegen Leerverk\u00e4ufer zu wetten?"},"content":{"rendered":"
Von \u00a0Gerd Kommer<\/a>\u00a0und Praval Kapoor<\/a>\u00a0<\/em><\/p>\n Manche Leser dieses Blogs werden sich noch an ein kurioses B\u00f6rsenereignis im Januar 2021 erinnern: Der unglaubliche Kursanstieg und der anschlie\u00dfende Einbruch der amerikanischen GameStop-Aktie (WKN: A0HGDX). Zu Beginn der GameStop-Kursexplosion am 4. Januar 2021 betrug der Aktienkurs dieses bis dahin unauff\u00e4lligen, eher verstaubten Nebenwertes mit einem veralteten Gesch\u00e4ftsmodell etwa 4,50 Dollar. In den 13 Jahren von Anfang 2008 bis Ende 2020 war der Kurs der GameStop-Aktie um kumulativ 70% gefallen. Anfang 2021 erschien GameStop auch deswegen als offensichtliche Loser-Aktie.<\/p>\n <\/p>\n GameStop verkaufte Computerspiele und andere „Consumer-Software“ an Privatkunden. Das klingt zun\u00e4chst einmal modern, bis man realisiert, dass GameStop ein station\u00e4rer Einzelh\u00e4ndler war, sein Retail-Business ganz altmodisch aus rund 5.000 Ladengesch\u00e4ften, vorwiegend in den USA, Kanada und Australien, abwickelte und als Zwerg mit den rein internet-basierten App-Store-Giganten von Apple, Google und anderen konkurrierte. Die Mehrheit der GameStop-L\u00e4den war defizit\u00e4r und oft in langj\u00e4hrigen Mietvertr\u00e4gen gefangen.<\/p>\n Im Januar 2021 schien sich das alles zu \u00e4ndern. \u00dcber die drei Wochen ab dem 4. Januar stieg der GameStop-Kurs von 4,50 Dollar auf in der Spitze 81 Dollar, also um aberwitzige 1.700 Prozent. Bis Juni 2021 gab es dann eine Seitw\u00e4rtsbewegung mit starken Ausschl\u00e4gen nach oben und unten. Danach fiel die Aktie \u00fcber zweieinhalb Jahre hinweg allm\u00e4hlich auf heute etwa 15 Dollar (Anfang Dez. 2023).<\/p>\n Was war geschehen? Ein betr\u00e4chtlicher Teil der GameStop-Aktien war aufgrund der chronischen betrieblichen Verluste des Unternehmens, seines unattraktiven Gesch\u00e4ftsmodells, merkw\u00fcrdigen \u00c4u\u00dferungen des CEOs und einer offenbar fehlenden Zukunftsstrategie Anfang 2021 von einigen Hedge-Fonds leerverkauft (geshortet) worden. Die Hedge-Fonds spekulierten durch ihr Shorting auf einen weiter fallenden Aktienkurs.<\/p>\n <\/p>\n Aber aus bis heute wenig klaren Gr\u00fcnden wurde das h\u00e4ssliche Entlein GameStop pl\u00f6tzlich zu einem Meme Stock<\/i>, einer Aktie, deren Kurs von jungen, \u00fcberwiegend unerfahrenen Kleinanlegern in den sozialen Medien zum Gegenstand kollektiver Anti-Establishment-Kaufspekulation gemacht wurde \u2013 aus der Perspektive dieser Kleinanleger zu einem epischen David-gegen-Goliath-Kampf. Dabei war David ein Schwarm von Kleinanlegern, Goliath das Wallstreet-Establishment in Gestalt mehrerer Hedge-Fonds. Wie wir alle wissen, haftet Hedge-Fonds in der allgemeinen \u00d6ffentlichkeit ein unsympathisches Image von Gier, Gigantomanie und Reichtum an, obwohl zumindest Gr\u00f6\u00dfe und Reichtum f\u00fcr die allermeisten der rund 15.000 Hedgefonds weltweit gar nicht zutrifft. \u00dcber 90% von ihnen d\u00fcrften sehr klein und f\u00fcr ihre Betreiber wie auch die Anleger in den Fonds nur wenig rentabel sein. [1]<\/span><\/strong><\/p>\n W\u00e4hrend dieses „Short Squeeze“ (w\u00f6rtlich „auspressen von Leerverk\u00e4ufern“) koordinierten sich die vielen Tausend Kleinanleger u. a. \u00fcber Twitter und TikTok. Es gelang ihnen im Januar und Februar 2021 den Kurs von GameStop in schwindelerregendere H\u00f6hen zu pushen. Der extreme Kursanstieg verursachte bei den betreffenden Hedge-Fonds, die ja auf einen fallenden GameStop-Kurs spekuliert hatten, Verluste im Milliardenbereich.<\/p>\n Diese seltsame Kapitalmarktepisode wurde inzwischen sogar von Hollywood verarbeitet. Kann man aus dem GameStop-Event schlie\u00dfen, dass Leerverk\u00e4ufer (Short Sellers) \u2013 der gr\u00f6\u00dfte Teil von ihnen sind Hedge-Fonds, wie bei GameStop, zumeist Geld verlieren? Nein, kann man nicht.<\/p>\n <\/p>\n Das Gegenteil trifft zu. Institutionelle Leerverk\u00e4ufer liegen mit ihren Wetten auf sinkende Kurse statistisch in mehr als der H\u00e4lfte aller F\u00e4lle richtig. [2]<\/span><\/strong> GameStop war eine Ausnahme von der Regel (Chen\/Liang\/Sun 2023, Aharon u. a. 2023).<\/p>\n Tats\u00e4chlich ist es so, dass Aktien, die in einem bestimmten Zeitraum im Vergleich zu anderen Aktien sehr intensiv leerverkauft werden, w\u00e4hrend dieser Phase als Gruppe marktunterdurchschnittliche Renditen aufweisen. Grund: Die Leerverk\u00e4ufer sind tendenziell sehr gut informierte H\u00e4ndler, im wissenschaftlichen Jargon „short sellers are informed traders.“ Diese sind abzugrenzen von der Mehrheit der Noise Trader<\/i>, spekulativ orientierten Privatanlegern, die auf ein Sammelsurium von Signalen, also nutzloses „Noise“ (Datenl\u00e4rm) hin kaufen und verkaufen. Auf lange Sicht liegen diese Noise Trader nach Kosten und Risiko schlechter als eine einfache breit diversifizierte Buy-and-Hold-Strategie (Chague 2023). Die empirische Evidenz daf\u00fcr ist \u00fcberw\u00e4ltigend. Am Ende dieses Blog-Beitrags nennen wir eine Auswahl wissenschaftlicher Aufs\u00e4tze, die das belegen.<\/p>\n Aktien, bei denen zu einem gegebenen Zeitpunkt ein besonders hoher Anteil des Gesamtbestandes Gegenstand von Leerverk\u00e4ufen ist, sind Aktien mit hohem „Short Interest“ oder hohem „Short Ratio“. [3]<\/span><\/strong> „High Short Interest“ bei einer Aktie ist ein relativ verl\u00e4ssliches statistisches Signal daf\u00fcr, diese Aktien, solange das High Short Interest besteht, besser nicht zu kaufen oder \u2013 wenn man sie bereits besitzt \u2013 eventuell zu verkaufen. In einem wissenschaftlichen Aufsatz hei\u00dft es „short interest is a strong bearish indicator“ (Gorbenko 2023).<\/p>\n Die wissenschaftliche Evidenz f\u00fcr High Short Interest als Verkaufssignal erscheint klar und eindeutig \u2013 eindeutiger als f\u00fcr viele andere wissenschaftliche Findings, auf deren Basis professionelle Anleger oder versierte Privatanleger Investmententscheidungen treffen.<\/p>\n F\u00fcr US-Aktien wurde z. B. f\u00fcr den F\u00fcnfjahreszeitraum von 2015 bis 2019 gezeigt, dass die (sehr kleine) Gruppe Aktien mit dem h\u00f6chsten Short Interest (also die am intensivsten leerverkauften Aktien) den allgemeinen Markt um mehr als sechs Prozentpunkte p.a. unterperformen (Gargano 2021). F\u00fcr die acht Jahre von 2011 bis 2018 hatten Aktien in den USA, die Gegenstand einer Wertpapierleihe waren (und daher mit hoher Wahrscheinlichkeit leerverkaufte Aktien waren) um mehr als vier Prozentpunkte p.a. schlechtere Renditen als Aktien, f\u00fcr die das nicht galt (Crabb\/Hendrix 2020).<\/p>\n Generell zeigt die Forschung unmissverst\u00e4ndlich, dass Short Sellers trotz ihres schlechten Rufs in der \u00d6ffentlichkeit, bei CEOs von betroffenen Unternehmen und in der Politik eine positive Rolle f\u00fcr das Funktionieren der B\u00f6rse spielen. Sie tragen dazu bei, dass Aktienkurse zu jedem Zeitpunkt m\u00f6glichst nahe an ihrem intrinsischen, also ihrem technisch fairen Aktienwert liegen und damit insbesondere Privatanleger davor sch\u00fctzen, von institutionellen Anlegern zu h\u00e4ufig \u00fcber den Tisch gezogen zu werden (Swedroe 2023). Auch f\u00fcr \u00f6kologisch-orientiertes Investieren gilt, dass Short Selling den Nachhaltigkeitsgedanken bef\u00f6rdert (Managed Funds Association 2022).<\/p>\n <\/p>\n Wie kann man sich diese Erkenntnis \u2013 „Lass die Finger von Aktien, die aktuell besonders h\u00e4ufig geshortet werden“ \u2013 als Privatanleger zunutze machen?<\/p>\n F\u00fcr Do-it-Yourself-Anleger d\u00fcrfte das schwer sein. Zwar existieren kostenlose US-Finanzportale (z. B. Yahoo Finance), die das Short Interest f\u00fcr die meisten US-Aktien angeben, aber diese kostenlosen Daten sind typischerweise nicht tagesaktuell und daher f\u00fcr aktive Trading-Zwecke nutzlos. In Bezug auf Nicht-US-Aktien ist das Problem eher noch gr\u00f6\u00dfer, weil hinreichend aktuelle Short-Interest-Informationen f\u00fcr Privatanleger noch schwieriger zu finden sind.<\/p>\n Wie sieht es aus mit Finanzprodukten, die die Ausnutzung dieses robusten statistischen Musters in ihre Anlagestrategie eingebaut haben? Beispielsweise aktive Investmentfonds, passive ETFs, Zertifikate oder andere f\u00fcr Privatanleger im deutschsprachigen Raum zug\u00e4ngliche Finanzprodukte. Mit einer Ausnahme sind uns keine solchen Produkte bekannt.<\/p>\n Diese eine Ausnahme \u2013 Achtung Werbeeinblendung \u2013 ist der L&G Gerd Kommer Multifactor UCITS ETF<\/i> \u2013 WKN: WELT0A (thesaurierend) oder WKN: WELT0B (aussch\u00fcttend). Zwar ist die High-Short-Interest-Stocks-Exclusion nicht das wichtigste Einzelmerkmal unseres „Welt-AG-ETFs“, aber es ist eins, das zu einer langfristig attraktiveren Rendite-Risikokombination beitragen kann.<\/p>\n N\u00e4here Informationen zum GK-ETF gibt es hier<\/a>.<\/p>\n <\/p>\n [1]<\/b> In fr\u00fcheren Blog-Posts haben wir die wenig beeindruckende Performance der gr\u00f6\u00dften Hedge Fonds der Welt und die katastrophale Performance des globalen Hedge-Fonds-Sektors w\u00e4hrend der letzten 15 bis 20 Jahren genauer beleuchtet, z. B. hier<\/a> und hier<\/a>.<\/p>\n [2]<\/b> Mit der negativen Kursmeinung richtig zu liegen, bedeutet nicht zwangsl\u00e4ufig, dass der betreffende Hedge-Fonds Geld verdient. Wenn der Fonds zu viel Fremdkapital einsetzt und das Timing seiner Short-Wette zu unpr\u00e4zise ist, kann er dennoch Geld verlieren.<\/p>\n [3]<\/b> Die Definition der Nasdaq-B\u00f6rse f\u00fcr Short Interest: „Short interest represents the total number of a company’s shares sold short that have not yet been covered and is commonly expressed as a percentage of shares outstanding.“ Eine Short Interest-Quote von 1% gilt als normal (also niedrig), eine Quote ab ca. 10% gilt als hoch.<\/p>\n <\/p>\n Aharon, David u.a. (2023): „Did David win a battle or the war against Goliath? Dynamic return and volatility connectedness between the GameStop stock and the high short interest indices“; In: Research in International Business and Finance; Vol. 64, Jan. 2023<\/p>\n Boehmer, Ekkehart\/Charles Jones\/Xiaoyan Zhang (2008): „Which shorts are informed?“ In: Journal of Finance; Vol. 63; Issue 2; April 2008<\/p>\n Boehmer, Ekkehart\/Charles Jones\/Juan Wu\/Xiaoyan Zhang (2020): „What do short sellers know?“ In: Review of Finance; Vol. 24; Issue 6; Nov. 2020<\/p>\n Boehmer, Ekkehart\/Zsuzsa Husz\u00e1r\/Yanchu Wang\/Xiaoyan Zhang\/Xinran Zhang: (2020): „Can shorts predict returns? A global perspective“; In: The Review of Financial Studies; Vol. 35; Issue 5; May 2022<\/p>\n Boehmer, Ekkehart\/Zsuzsa Huszar\/Bradford Jordan (2010): „The good news in short interest“; In: Journal of Financial Economics; Vol. 96; Issue 1; April 2010<\/p>\n Chague, Fernando u.a. (2023): „Why do individuals keep trading and losing?“ 07.11.2023; Internet-Fundstelle: SSRN \u2013 Social Sciences Research Network<\/p>\n Chen, Chen\/Qiqi Liang\/Licheng Sun (2023): „Swim with Sharks: Are short sellers more informed than their competitors?“; 25.10.2023; Internet-Fundstelle: SSRN \u2013 Social Sciences Research Network<\/p>\n Chen, Yong\/Zhi Da\/Dayong Huang (2022): „Short selling efficiency“; In: Journal of Financial Economics; Vol.145; Issue 2; Part B; Aug. 2022<\/p>\n Crabb, Gavin\/Kaitlin Hendrix (2020): „Borrowing Fees and Expected Stock Returns“; Dimensional Fund Advisors; 06.11.2020; Internet-Fundstelle: SSRN \u2013 Social Sciences Research Network<\/p>\n Diether, Karl\/Kuan-Hui Lee\/Ingrid Werner (2008): „Short-sale strategies and return predictability?“ In: Review of Financial Studies; Vol. 22; No. 2; Feb. 2009<\/p>\n Drechsler, Itamar\/Qingyi Song Drechsler (2021): „The Shorting Premium and Asset Pricing Anomalies“; 15.07.2021; Internet-Fundstelle: SSRN \u2013 Social Sciences Research Network<\/p>\n Gargano, Antonio (2021): „Short Selling Activity and Future Returns: Evidence from FinTech Data“; 16 Mar 2021; Internet-Fundstelle: SSRN \u2013 Social Sciences Research Network<\/p>\n Gorbenko, Arseny (2023): „Short Interest and Aggregate Stock Returns: International Evidence“; In: The Review of Asset Pricing Studies; Vol. 13; Issue 4; Dec. 2023<\/p>\n Managed Funds Association (ohne Autor) (2022): „The Use of Short Selling to Achieve ESG Goals“; June 2022; Internet-Fundstelle hier<\/a><\/p>\n Nasdaq (ohne Autor) (2021): „The Predictiveness of Short Interest“; 21.06.2021; Internet-Fundstelle hier<\/a><\/p>\n Rapach, David\/Matthew Ringgenberg\/Guofu Zhou (2016): „Short interest and aggregate stock returns“; In: Journal of Financial Economics; Vol. 121; Issue 1; July 2016<\/p>\n Swedroe, Larry (2023): „New Evidence that Short Sellers Correct Overpriced Stocks“; In: Advisor Perspectives; 20.03.2023; Internet-Fundstelle hier<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":" In diesem Beitrag zeigen wir, warum es unklug ist, Aktien zu kaufen oder zu halten, die von Hedge-Fonds besonders stark leerverkauft (geshortet) werden.<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":10088,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,1],"tags":[19,24],"class_list":["post-10075","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-investmentfehler","category-nicht-kategorisiert","tag-aktienmarkt","tag-risiko"],"yoast_head":"\nDie GameStop-Story<\/strong><\/span><\/h2>\n
GameStop wird zum Meme Stock<\/strong><\/span><\/h2>\n
\nDer Film mit dem Titel Dumb Money<\/a> kam vor wenigen Wochen in die deutschen Kinos und erz\u00e4hlt die Geschichte dieses David-gegen-Goliath-Kampfs aus der Sicht einiger Kleinanleger.<\/p>\nDie Fakten zum Erfolg von Leerverk\u00e4ufern<\/strong><\/span><\/h2>\n
Umsetzung in die Praxis<\/strong><\/span><\/h2>\n
Endnoten<\/strong><\/span><\/h2>\n
Literatur<\/strong><\/span><\/h2>\n